a11871

Damit die Zukunft nicht abhanden kommt:
«Wer will ich eigentlich gewesen sein?»

Foto: Prof. Dr. Harald Welzer (Foto: Langreder/S.-Fischer-Verlag) Prof. Dr. Harald Welzer (Foto: Langreder/S.-Fischer-Verlag)
Prof. Dr. Harald Welzer, Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung «Futurzwei», stellte sich den Fragen von blick-Redakteurin Cornelia Barth.

blick in die kirche: Wie wird man eigentlich Zukunftsforscher?

Welzer: Man wird das gar nicht! Ich finde diese Bezeichnung auch nicht gut, weil es bei der Zukunftsforschung um die Identifizierung von Trends geht. Meine Mitarbeiter und ich kümmern uns aber nicht um Prognosen, sondern wir erzählen Geschichten über gelingende Projekte von heute, über Praktiken gegen das Bestehende. Wir kritisieren, dass die Politik nur um die Gegenwart kreist und ihr die Zukunft völlig abhanden gekommen scheint. Wie die Medien daraus «Zukunftsforschung» machen, ist mir rätselhaft.

blick in die kirche: Sie haben eine Stiftung mit dem Namen Futurzwei gegründet. Warum? Und was bedeutet die Zwei?

Welzer: Das ist einfach: Futurzwei ist die grammatische Form der vollendeten Zukunft: «Ich werde gewesen sein, ich werde gemacht haben.» Und damit zu spielen ist natürlich wunderbar, weil wir Menschen in der Lage sind, uns auf einen imaginären Zukunftspunkt hin zu entwerfen, uns fragen können: «Wer will ich eigentlich gewesen sein?» Und wenn man daraus dann Handlungsmotive ableitet, sind die in aller Regel positiver Art. In der einfachen Zukunft denken Sie: «So, ich werde jetzt auf irgendetwas verzichten, ich muss mein Leben ändern», ohne dass dies einen positiven Aspekt hat. Vollendete Zukunft, im Englischen Future Perfect, bedeutet, einen Bezugspunkt für sich selbst zu finden, das ist produktiv.

blick in die kirche: Wir sehen unsere Welt unter vielen Aspekten bedroht – vor allem bedrängen uns die ökologischen Probleme, denn die Geschwindigkeit der Zerstörung unseres Planeten wächst von Jahr zu Jahr – aber wir haben auch ein geschärftes Bewusstsein dafür entwickelt! Warum fällt es uns trotz aller Erkenntnis so schwer, unseren Lebensstil zu ändern?

Welzer: In den letzten 40 Jahren – seit wir uns um unseren Planeten so sehr sorgen – hat sich auch eine «Besorgnisindustrie» entwickelt, mit einem eigenen Betriebssystem: mit einer Fülle von NGOs, mit Konferenzen, mit regierungsamtlichem Handeln, Enquete-Kommissionen, internationalen Klimakonferenzen... Doch diese «Besorgnisindustrie» teilt lediglich mit, dass vieles schrecklich ist, während der Betrieb so weiter funktioniert wie bisher. Wenn wir nur das Bewusstsein verändern, bringt das gar nichts, denn dem Klima ist es egal, ob sich Bewusstsein verändert hat oder nicht.

blick in die kirche: Also müsste man auf einer anderen Ebene ansetzen.

Welzer: Auch da ist es fatal. Viele Menschen aus der Wirtschaft, mit denen ich diskutiere, haben überhaupt kein Problem zu sagen: «Herr Welzer, Sie haben mit Ihren Analysen ja Recht, wir wissen auch, dass wir in 30 Jahren unser Geschäftsmodell nicht mehr halten können, aber kurzfristig sind wir unter Zwang, und müssen praktisch wider besseres Wissen agieren.» Wer öffnet den Korridor zwischen heute und der Zukunft, und zwar praktisch? Wir sollten uns viel eher darum kümmern, konkrete Perspektiven zu entwickeln, zum Beispiel wie man Unternehmen, wie man Infrastrukturen umbauen kann. Und das ist mit dem ewigen Besorgt sein überhaupt nicht erledigt. Es reicht ja übrigens noch nicht mal auf der individuellen Ebene dazu hin, Verhaltensweisen tatsächlich zu verändern.

blick in die kirche: Warum tun wir persönlich nichts?

Welzer: Dafür gibt es viele Gründe. Jede Form von Veränderung des eigenen Lebens ist mit Aufwand verbunden: sich neu orientieren, viel erklären, sich umstellen und so weiter. Dazu neigt man nicht, sondern man möchte den Aufwand so gering wie möglich halten. Und so tut man erstens genau das, was man immer getan hat, und zweitens, was alle anderen auch machen.

blick in die kirche: Trotz der Ängste, die man hat?

Welzer: Ach, die Ängste sind ja abstrakt. Das Problem besteht darin, dass man total besorgt ist, wenn man gerade einen Dokumentarfilm über die Arktis oder über den Plastikmüll in den Weltmeeren gesehen hat, aber das nicht mit dem eigenen Lebensstil verbindet, also die Kinder mit dem Auto überallhin zu fahren oder Plastiktüten zu verwenden. Es gibt generell kaum Transfer zu den Lebensverhältnissen, die genau die Probleme verursachen. Man kommt nicht auf die Idee, dass man selbst für das Plastik im Meer verantwortlich ist.
Auch die Frage: Warum verändern wir uns nicht? ist ja abstrakt. Sie schützt davor sich zu fragen: Warum verändere ich mich eigentlich nicht. «Wir» sind immer die anderen. Und dann nimmt man die Figur oder die Position des Besorgten ein, der jetzt nur noch ein Problem hat, nämlich sich die Frage zu stellen, warum die anderen sich nicht verändern. Dabei ist er selber natürlich das Problem.

blick in die kirche: Sie wollen mit Futurzwei Menschen, die mit anderen Formen des Lebens und des Wirtschaftens schon mal anfangen, sichtbar und politisch wirksam machen. Ist es in den Zeiten der Globalisierung nicht eher nötig, dass sich die Staaten zusammenraufen?

Welzer: Die Staaten und die Klimakonferenzen stehen vor dem Problem, eine formale Lösung zu finden, mit der sie nichts verändern müssen. Das ist nämlich deren zentrale Aufgabe in einer Welt, die Globalisierung vor allem dadurch vorangetrieben hat, dass sie ein bestimmtes Wirtschaftssystem globalisiert hat, nämlich das kapitalistische. Da möchte sich keiner dieser Staaten dieses schöne Geschäftsmodell in Frage stellen lassen. 
Nehmen Sie das Stichwort «Gefährlicher Klimawandel». Welche Lösung findet man dafür? Man veranstaltet große internationale Konferenzen, teilt mit, dass man um jeden Preis die Welt retten möchte. Muss dann aber leider feststellen, dass 192 Länder der Welt sich nicht wirklich einigen können. Ergebnis: Man hat sich ganz doll bemüht und den besten Willen gehabt, aber es geht leider nicht. Und damit ist genau der Zweck erfüllt, dass man nichts verändern muss, aber trotzdem noch irgendwie gutwillig dasteht.
Ich glaube weder an die Weltgemeinschaft von der Interessenlage her, noch glaube ich an eine Vereinheitlichung von kulturellen, historischen, gesellschaftlichen Normen und Praktiken, noch denke ich, dass schon allein aufgrund der Tatsache, dass man ein globales Problem hat, globale Lösungen möglich sind. Lösungen sind in unseren Gesellschaften immer lokal, regional oder nationalstaatlich. Oder wenn es ganz hochkommt, auf einer Aggregatsebene wie der EU, aber noch lange nicht auf einer weltgesellschaftlichen Ebene. Insofern finde ich es sehr naheliegend, dass man dort anfängt, wo man tatsächlich Einfluss hat.

blick in die kirche: Sie sagen, jeder Einzelne könne mit Spaß beginnen, die Welt zu verändern. Ihre erschlagenden Beispiele vom Konsum- und Verschwendungs-Wahnsinn, der uns umgibt, lassen mich aber auch verzagen: hier ich mit meinem Jobticket im Regionalverkehr, dort die Autoindustrie unter ständigem Wachstumszwang mit mächtiger Lobby...

Welzer: Ja, aber das ist eine völlig falsche Perspektive. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil man sich diese Frage in Bezug auf andere Dinge ja auch nie stellt. Wenn Sie Ihre Urlaubsreise buchen, wenn Sie nach einer geeigneten Schule für Ihr Kind suchen, wenn Sie sich Möbel kaufen, wenn Sie sich ein Auto bestellen, wenn Sie eine Versicherung abschließen, denken Sie dann darüber nach, ob das die Welt verändert? Nein! Diese Feststellung kommt komischerweise immer dann, wenn es darum geht, Dinge anders zu machen: Damit änderst du die Welt nicht. Als wäre es eine Forderung an sich selbst, dass die Entscheidung, die man trifft, und die Handlung, die man vollzieht, immer gleich die ganze Welt verändern müssen. Außerdem ist es ja kein Argument gegen das Anfangen, dass ein Vorhaben auch scheitern kann.

blick in die kirche: Mit dem Sammeln «guter Geschichten» zeigen Sie, dass doch viel in Bewegung ist.

Welzer: Klar. Bei denjenigen, die beginnen, aktiv zu werden, erweitert sich ja ständig der Handlungsspielraum. Immer wenn man seinen Kreis verlässt, dann ergibt sich die nächste Öffnung fast von selbst. Deshalb gehen Leute, die mal angefangen haben, etwas anderes zu machen, in der Regel immer weiter in diese Richtung. Man wechselt aus einem geschlossenen System in ein offenes. Das macht Spaß, und deshalb möchte man das weitermachen. Übrigens: Eine so hohe Skepsis und damit aber auch Veränderungsbereitschaft in der Bevölkerung wie jetzt ist schon lange nicht mehr vorhanden gewesen. ist Es verdeutlicht, dass Politik und Wissenschaft überhaupt keine Antworten haben auf die Fragen, die jetzt anstehen.

blick in die kirche: Was entsteht aus den vielen Geschichten Ihrer «Akteure der Zukunftsfähigkeit»?

Welzer: Wir bei Futurzwei sehen unsere Aufgabe darin, einerseits diese Geschichten überhaupt zu erzählen, aber andererseits sie auch auszuwerten und zu herauszufinden, warum sie Erfolg haben oder warum sie scheitern. Oder festzustellen, welche Praktiken sich am schnellsten ausbreiten. Ein Beispiel dafür ist die Erfindung der Gemeinschaftsgärten in Städten. Was für eine weltweite Ausbreitung das gefunden hat, obwohl das einfach nur eine spinnerte Idee von zwei Berliner Künstlern war! Hier wurde ein Nachhaltigkeitsaspekt mit einem sozialen und interkulturellen Aspekt verbunden, und die Idee breitete sich innerhalb von wenigen Jahren über den ganzen Globus aus.

blick in die kirche: Welche Rolle spielen Werte wie Solidarität, Miteinander, Nächstenliebe in Ihren Geschichten und in Ihren Vorstellungen für die Zukunft?

Welzer: Die spielen natürlich eine große Rolle. Die Leute haben ein Motiv, etwas anders zu machen. Würde man das Motiv weiterverfolgen, käme man zu den Werten. Es kann auch sein, dass schiere Neugier eine Rolle spielt oder ein starkes Ego. Der Futurzwei-Ansatz und auch mein Ansatz als Sozialpsychologe sagt: Werte sind ja immer das, was einer Praxis folgt, umgekehrt geht es nicht. Zum Beispiel: Eine Institution – Kindergarten, Schule, Seniorenheim – geht alternative Wege. Die Menschen, die dort aufwachsen, lernen, leben, werden auf besondere Weise beteiligt und mit einbezogen. Der Wert Solidarität ist also ein Teil der gemeinsamen Praxis, über den man keine Rechenschaft mehr ablegen muss.
Der umgekehrte Fall: Eine Stiftung führt «Wertediskussionen», obwohl sie Strategien favorisiert,  die man als neoliberal etikettieren könnte. Man zerstört in der Praxis das, was erst Gemeinschaft erzeugen könnte, und erwartet dann, dass es durch eine Wertediskussion wiederhergestellt wird. Aber Debatten führen nie zu irgendetwas, während das konkrete Tun tatsächlich zu anderen Werten führt. Übrigens: Dass eine Art von radikaler Ökonomisierung auch zu den entsprechenden Werthaltungen führt, zeigt der Slogan einer Bank, die propagiert: «Unterm Strich zähl ich.» Das ist eine Formulierung, die eins zu eins zu dem Gesellschaftsmodell passt, das wir offensichtlich gerade favorisieren.

blick in die kirche: Wie ist Ihr persönlicher Blick in die Zukunft? Optimistisch oder ängstlich?  Zuversichtlich oder pessimistisch?

Welzer: Ich habe zwei Perspektiven. In einer wissenschaftlich-analytischen Perspektive sehe ich die Zukunft relativ düster. Für mich persönlich, da ich eben sehr gute Möglichkeiten der Gestaltung meines Lebens und der Ausgestaltung meines Handlungsspielraums habe, finde ich Zukunft großartig. Und daher kommt ja auch die Überlegung: Warum soll ich denn dann die Chancen nicht nutzen, die ich habe?

blick in die kirche: Wenn ich nach diesem Interview inspiriert nach Hause gehe und mir vornehme, etwas an meinem Lebensstil zu ändern: Womit sollte ich anfangen?

Welzer: Beginnen Sie nicht beim Schwierigsten, sondern dort, wo es Ihnen am einfachsten erscheint.

blick in die kirche: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Welzer.

(18.4.2013)

2013-05-17

Übersicht

Hier gelangen Sie wieder zurück zur vorherigen Übersicht:

zurück