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idea-Interview
Bischof Hein: Veränderung der Welt fängt bei und in uns selber an

Kassel (medio). Kurz vor Beginn der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Porto Alegre gab Bischof Martin Hein der Agentur idea ein Interview, das wir im Wortlaut dokumentieren.

Frage: Herr Bischof, Sie nehmen vom 14. bis 23. Februar 2006 an der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) im brasilianischen Porto Alegre teil. Welche Bedeutung hat das Stammland der Reformation für die weltweite nicht römisch-katholische Kirchengemeinschaft?

Bischof Hein: Das Engagement der deutschen evangelischen Kirchen für die ökumenische Bewegung ist weiterhin unverändert groß. Sie nehmen im Ökumenischen Rat der Kirchen in vielfältiger Weise intensiv Verantwortung wahr – nicht nur finanziell. Auch die Dignität der Theologie als Wissenschaft wird von den evangelischen Kirchen in Deutschland hoch gehalten. Dies kommt der ökumenischen Bewegung umfassend zu gute und wird dort gewürdigt.

Frage: Welche Bedeutung hat umgekehrt der ÖRK für die evangelischen Kirchen in Deutschland?

Bischof Hein: Als evangelische Kirchen in Deutschland leben wir ja nicht in einer «splendid isolation». Wir sind auf den Austausch mit anderen Kirchen und deren Erfahrungen im Blick auf die sichtbare Gestaltung des Glaubens angewiesen. Das gilt für die Begegnung mit den Kirchen der Reformation ebenso wie mit den orthodoxen Kirchen. Nur so eröffnet sich für uns hierzulande ein Horizont, der wirklich die weltweite Christenheit als Ausdruck des einen Leibes Christi (in der Vielfalt seiner Glieder) wahrnimmt.

Frage: Die Losung für diese alle sieben bis acht Jahre stattfindende Vollversammlung der 347 Kirchen aus über 120 Ländern lautet: «In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt». Wie soll die von Gott verwandelte Welt aussehen?

Bischof Hein: Zunächst gilt es zu bedenken: Diese Losung ist ein Gebet, keine Selbstverpflichtung zu einem gut gemeinten Aktivismus. Eine Veränderung der Welt fängt bei und in uns selber an. Bevor wir beginnen, die Welt zu verändern, muss sich unser Herz verändern. Gott ist es, der das tut. Daraus erwächst als Konsequenz die große Aufgabe, die Welt nach Gottes Willen und mit Gottes Hilfe zu verwandeln. Die «verwandelte» Welt ist nicht schon das Reich Gottes (diese Differenz bleibt bestehen!), aber sie ist eine Welt, in der Menschen solidarisch und rücksichtsvoll miteinander umgehen – ebenso wie mit Gottes Schöpfung. Gerade die Globalisierung all unserer Lebenszusammenhänge lehrt, ja nötigt uns, in dieser einen Welt verstärkt Verantwortung für andere zu übernehmen. Der Glaube an den dreieinigen Gott hat also elementar mit Weltverantwortung zu tun.

Frage: Insgesamt werden rund 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet. Wird es in erster Linie eine geistliche oder eine politische Versammlung werden?

Bischof Hein: Spiritualität und politisches Engagement lassen sich für mich nicht gegeneinander ausspielen. Politisches Engagement in der Kirche ist nur dann nachhaltig, wenn das geistliche Fundament zur Sprache kommt. Nur wofür wir ernsthaft gewillt sind zu beten, dafür können wir uns auch politisch einsetzen. Das ist bei der Vollversammlung des ÖRK nicht anders.

Frage: Erstmals findet eine Vollversammlung des ÖRK in Südamerika statt, das als katholischer Erdteil gilt. Ist Porto Alegre als Versammlungsort unter kirchenpolitischen Gründen ausgewählt worden?

Bischof Hein: Es gab ausgesprochen gute Gründe, Porto Alegre als Ort der 9. Vollversammlung des ÖRK zu wählen. Sie erwähnten es: Es ist das erste Mal, dass eine Vollversammlung des ÖRK in Südamerika zusammenkommt. Südamerika war, wenn Sie so wollen, «dran» und wird, da bin ich mir sicher, mit Brasilien ein anregender Gastgeber sein. Über kirchenpolitische Gründe zu spekulieren, halte ich nicht für sinnvoll – etwa in dem Sinn, es wäre durch die Wahl des Tagungsortes in Südamerika ein Akzent gegen die römisch-katholische Kirche gesetzt worden. Die Vollversammlung findet auf dem Terrain einer römisch-katholischen, sogar «päpstlichen» Universität statt. Dafür sind wir ausgesprochen dankbar. Wir legen Zeugnis ab für die verwandelnde Kraft des Glaubens an den dreieinigen Gott – und richten uns nicht gegen jemanden, schon gar nicht gegen unsere römisch-katholischen Geschwister.

Frage: Seit längerem klagt die katholische Kirche über eine starke Missionstätigkeit evangelikaler Gruppen, die vor allem in den USA beheimatet sind, in Lateinamerika . Belastet diese Tätigkeit das Verhältnis des ÖRK zur römisch-katholischen Kirche?

Bischof Hein: Nein. Viele dieser Gruppen gehören ohnehin nicht dem ÖRK an. Viel größer ist die Bedeutung der charismatischen Bewegung, die eine Herausforderung für alle «traditionellen» Kirchen darstellt. Generalsekretär Kobia tritt deutlich für den Dialog mit charismatischen und evangelikalen Gruppierungen ein. Wir müssen abwarten, welchen Erfolg diese Bemühungen bringen. Es ist allerdings möglich,  dass die römisch-katholische Kirche aufgrund ihres exklusiven Anspruchs, Kirche zu sein, die Konkurrenzsituation mit derartigen Gruppierungen als besonders irritierend und schmerzhaft empfindet. Aber das ist eben so.

Frage: Aus den Reihen der katholischen Kirche in Lateinamerika ist die «Theologie der Befreiung» entstanden. Spielt diese, die ja vom Vatikan sehr kritisch verfolgt wird, im ÖRK eine Rolle?

Bischof Hein: Impulse der «Theologie der Befreiung» gibt es gewiss im Ökumenischen Rat der Kirche, wenngleich die Instrumentarien ihrer Gesellschaftsanalyse heute differenzierter anzuwenden sind. Welche Rolle der «Theologie der Befreiung» aktuell in Lateinamerika zukommt, ist für mich – von Europa aus gesehen – nur schwer einzuschätzen. Ich denke, dass die Begegnungen in Porto Alegre mehr Klarheit schaffen kann.

Frage: Welche konkreten Impulse erwarten Sie von dieser Vollversammlung für die Arbeit der evangelischen Kirchen in Deutschland?

Bischof Hein: Ich erwarte, dass die Kirchen in Deutschland sensibler werden für die wirtschaftlichen, soziologischen und ethischen Herausforderungen, die mit der Globalisierung verbunden sind. Dies gilt nicht nur für die klassischen «Nord-Süd-Fragen» wie die des ungleich verteilten Wohlstands in der Welt oder der Migration, sondern auch etwa für das Thema «Bioethik» und «Krankheit» in allen dazugehörigen Facetten. Auch mit dem Menschenbild und der Menschenwürde im Zeitalter der Globalisierung wird sich die Vollversammlung befassen. Davon können wir in Deutschland nur profitieren.

Frage: Auch innerhalb des ÖRK gibt es erhebliche Probleme und längst nicht zwischen allen Mitgliedskirchen die Interkommunion. Driftet der ÖRK immer weiter auseinander?

Bischof Hein: Das glaube ich nicht. Gewiss ist der ÖRK – seit jeher – ein ausgesprochen vielgestaltiges Gebilde, in dem es auch zentrifugale Kräfte gibt. Aber Ich rechne nicht damit, dass sie in Porto Alegre bestimmend sein werden. In diesem Zusammenhang verweise ich auf das ökumenische Grundprinzip der «versöhnten Verschiedenheit». Der künftige Weg des ÖRK wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die Versöhnung oder aber die Verschiedenheit, verstanden als Abgrenzung voneinander, im Vordergrund steht.

Frage: Den orthodoxen Kirchen ist man weit entgegengekommen, indem man auf das Mehrheits- zugunsten des Konsensprinzips verzichtet hat. Dieses Prinzip wird nun erstmals auf einer Vollversammlung angewandt. Was erhoffen Sie sich davon?

Bischof Hein: Das Wort «Konsens» hat nicht zuletzt in der Landeskirche, aus der ich komme, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, einen ausgesprochen guten Klang. Es ist gut, wenn ein Beschluss von möglicht vielen getragen wird. Problematisch wäre es allerdings – was einige (auch ich) befürchten –, wenn sich durch das Konsensprinzip die Beratungen ermüdend lange hinziehen und profilierte Positionen bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen würden. Das Erfordernis des Konsenses darf nicht strategisch-kirchenpolitisch missbraucht werden. Dies führt zur Lähmung der ökumenischen Bewegung. Ich hoffe, dass sich das Motto der Vollversammlung «In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt» auch bei ihrem Procedere und im Umgang der Delegierten miteinander positiv niederschlägt.

Frage: Ungeklärt ist auch das Verhältnis des ÖRK zu zahlreichen Pfingstkirchen. Erwarten Sie von der Vollversammlung 2006 neue Impulse für eine Zusammenarbeit?

Bischof Hein: Derartige Impulse erwarte ich. Zugleich weise ich noch einmal auf das große Engagement des ÖRK-Generalsekretärs in der Sache hin. Wir können voneinander lernen, aber dieser Lernprozess ist nicht einseitig. Kritische Fragen gibt es auf beiden Seiten, und Erfahrungen der Lebendigkeit des Glaubens auch!

Frage: Hierzulande stehen die Evangelikalen der Arbeit des ÖRK weithin skeptisch gegenüber, nicht zuletzt deshalb, weil sie fürchten, dass der ÖRK den Traum einer Weltkirche verfolge und sich zu viel um Politik und zu wenig um Mission kümmere. Teilen Sie diese Bedenken?

Bischof Hein: Diese Einschätzung teile ich nicht. Das Programm des ÖRK ist ausgesprochen vielfältig. Es enthält politische wie spirituelle, diakonische wie missionarische Aspekte. Der ÖRK kann und will keine uniforme Weltkirche sein.

Frage: Welche Bedeutung hat die Mission für den ÖRK?

Bischof Hein: Die Konferenz für Weltmission und Evangelisation 2005 in Athen, an der auch Vertreter evangelikaler Gruppen und der Pfingstkirchen teilnahmen, hat hierzu Wegweisendes gesagt. Als Kirchen sind wir in Christus berufen, versöhnende und heilende Gemeinschaften zu sein. Nach Gottes Willen soll die Kirche eine Gemeinschaft sein, «die in Wort und Tat Zeugnis vom Evangelium ablegt; eine Gemeinschaft des lebendigen Gottesdienstes und Lernens, die allen Menschen das Evangelium Jesu Christi verkündet.» Diese missionarische Grundaussage hat Folgen. Die Weltmissionskonferenz hat deshalb die Kirche als eine Gemeinschaft bezeichnet, «die jungen Menschen Leitungsaufgaben anbietet; die ihre Türen für Fremde öffnet und Ausgegrenzte in ihrer Mitte willkommen heißt; die sich den Leidenden und denen, die sich für Gerechtigkeit und Frieden engagieren, zuwendet; die Dienerin aller Notleidenden ist; die ihre eigene Verwundbarkeit und ihr Heilungsbedürfnis anerkennt und treu zu ihrer Verpflichtung für die ganze Schöpfung steht.» Das ist aus meiner Sicht ein klarer Beleg dafür, wie Mission und Handeln in der Welt für die Kirche Jesu Christi zusammengehören.

Frage: Die römisch-katholische Kirche ist nicht Mitglied im ÖRK. Sie entsendet aber Beobachter. Sind Sie für eine Intensivierung der Zusammenarbeit?

Bischof Hein: Dem Ökumenischen Rat der Kirchen kann nur daran gelegen sein, die Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche zu intensivieren. Diese Ökumene wird sich freilich in erster Linie auf der pragmatischen Ebene erweisen. Denn die ökumenische Bewegung leidet ernstlich unter der theologischen und ekklesiologischen Selbstabkapselung der römisch-katholischen Kirche. Das fundamentale Problem besteht – kurz gesagt – darin, dass die römisch-katholische Kirche von ihrem Anspruch her das Kirchesein anderer Kirchen in einem umfassenden Sinn nicht anerkennen kann.
Sie ist da die Gefangene ihrer eigenen Doktrin. Deshalb halte ich einen Sinneswandel der römisch-katholischen Kirche, was ihre Mitgliedschaft im ÖRK anbelangt, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt für unwahrscheinlich. Diesseits und jenseits dieser Frage ist gleichwohl eine Zusammenarbeit zwischen ÖRK und römisch-katholischer Kirche auf vielen Gebieten möglich und nötig. Die Welt, in die uns Christus sendet, wartet auf ein glaubwürdiges Zeugnis aller Christen.

Veröffentlichung auf ekkw.de mit freundlicher Genehmigung von idea e.V., Wetzlar (08.02.2006)

2006-02-08

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