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Interview mit Bischof Hein zur ÖRK-Vollversammlung
«Ökumenische Bewegung muss wieder Fahrt bekommen»

Kassel (medio). In einem ausführlichen Interview mit der landeskirchlichen Medienagentur «medio!» hat der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr. Martin Hein, kurz nach seiner Rückkehr von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Porto Alegre eine Bilanz der Vollversammlung gezogen und Perspektiven der zukünftigen Zusammenarbeit aufgezeigt.
(03.03.2006)

 

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Fischer: Herr Bischof Hein, Sie kommen von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Porto Alegre. Welche Eindrücke waren für Sie bei dieser Vollversammlung prägend?

Bischof Hein: Besonders beeindruckend war die große Fülle von Delegierten aus allen Ländern: von Ozeanien bis Nordamerika, von Südamerika bis Nordeuropa, aus Asien und Afrika - eine bunte Vielfalt unterschiedlicher Kirchen, die vereint sind im Ökumenischen Rat und damit auch im gemeinsamen Glauben. Das fand ich ausgesprochen spannend. Hinzu kommen die unterschiedlichen Konfessionsfamilien: auf der einen Seite die Kirchen der Reformation, auf der anderen Seite die orthodoxen Kirchen. In Porto Alegre gab es die Möglichkeit, sich näher zu kommen und sich auszutauschen. Ökumene passiert eben nicht nur in Papieren, sondern in der Begegnung von Menschen.

Fischer: Neben der Begegnung ging es auch darum, Entscheidungen zu treffen und kontroverse Themen zu diskutieren. Welche wichtigen Entscheidungen für die Zukunft hat denn die Vollversammlung getroffen?

Bischof Hein: Die ökumenische Bewegung muss wieder Fahrt bekommen. Es ist ganz wichtig, dass dabei der Ökumenische Rat eine führende Rolle gewinnt. Er kann sich nicht nur mit Strukturfragen beschäftigen, sondern muss Impulse geben, dass Kirchen aufeinander zugehen und wir deutlicher als bisher als Christen in dieser Welt erkennbar sind. Das halte ich für die wesentliche Grundentscheidung in den nächsten Jahren. Es reicht nicht aus, bei großen Erklärungen stehen zu bleiben.

Fischer: Können Sie das konkretisieren: Was bedeuten diese konkreten Schritte für einen Christen in Hessen?
 
Bischof Hein: Wir haben in mancher Hinsicht den Eindruck, die Ökumene sei zum Stillstand gekommen, gerade was das Miteinander mit der römisch-katholischen Kirche angeht. Hier ist es wichtig, sich zu vergewissern, dass es in der Welt auch noch andere Kirchen gibt, die zu uns in Beziehung stehen und mit denen sich auszutauschen lohnt. Wenn ich sage, die Ökumene braucht Bewegung, dann braucht sie auch Begegnung. Für die Gemeinden in Kurhessen-Waldeck kann das so aussehen, dass wir die Partnerschaften verstärken, die wir in verschiedenen Teilen dieser Welt haben, und dass dazu das Besuchsprogramm, das der Ökumenische Rat seinerseits auflegen will, von uns übernommen wird. Wir sollten mehr Delegationen aus Gemeinden in Kurhessen-Waldeck in unsere Partnerkirchen im Süden der Hemisphäre senden und andererseits auch Gruppierungen von dort zu uns einladen, damit sich Menschen begegnen und lernen, wie unterschiedlich, aber zum Teil auch gemeinsam die Situation der Kirchen ist.

Fischer: Das Motto der Vollversammlung hieß «In deiner Gnade Gott, verwandle die Welt». Herr Bischof Hein, wie soll sich die Welt Ihrer Meinung nach verwandeln?

Bischof Hein: Das Motto besaß eine große Offenheit. Für mich war wichtig, deutlich zu machen, dass die Verwandlung der Welt in den Herzen beginnt. Das heißt, Gottes Gnade fängt bei den Einzelnen an. Wenn ich mich verändere, dann verändert sich nicht nur meine Sicht auf diese Welt, sondern dann verändert sich die Welt um mich her. Das Ziel ist eine Welt in Gerechtigkeit und Frieden.

Fischer: ... und wie kann diese Verwandlung geschehen?

Bischof Hein: Ich glaube, sie vollzieht sich in kleinen Schritten und fängt da an, wo es am aller schwersten ist, nämlich bei einem selbst - angestoßen durch Gottes Geist.

Fischer: Gab es andere Positionen in Porto Alegre? Und wenn ja, welche?

Bischof Hein: Es gab natürlich auch den großen politischen Anspruch. Das Eintreten etwa für eine verantwortliche Weltwirtschaft halte ich für sinnvoll. Wir erfahren gegenwärtig in der Welt, dass durch den freien Verkehr von Waren und Arbeitsplätzen manche Regionen sehr stark ins Hintertreffen geraten. Und dass hier die Kirchen für die Benachteiligten eintreten, ist verständlich, aber es genügt eben nicht, Klassenkampfparolen wieder zu beleben.

Fischer: In Deutschland merken viele Menschen, dass durch die Globalisierung tausende Arbeitsplätze in Billiglohnländer abwandern. Treten die Kirchen in ihren jeweiligen Ländern nur für ihre eigenen Interessen ein nach dem Motto: Jeder kümmert sich um seine eigenen Schäfchen? Oder gibt es auch Gemeinsames?

Bischof Hein: Die Kirchen werden auf die Herausforderungen, die sich im jeweiligen ökonomischen Kontext stellen, unterschiedlich reagieren müssen. Es braucht aber den Austausch zwischen den einzelnen Regionen dieser Welt! Es braucht den Austausch von Erfahrungen, wie sich die Globalisierung in unterschiedlichen Ländern auswirkt. Wir als Deutsche sind mitnichten nur Globalisierungsgewinner (was uns oft von Vertretern der südlichen Erdkugel unterstellt oder vorgeworfen wird), sondern wir sind inzwischen auch Verlierer dieser globalen Situation. Das lässt sich deutlich durch die Verlagerung von Arbeitsplätzen zeigen. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir global denken, aber den Bedingungen vor Ort entsprechend handeln: «think global - act local».

2006-03-06
Fischer: Es gab also dieses länder- und kirchenübergreifende Verständnis?
 
Bischof Hein: Eigentlich ist der Ökumenische Rat der Kirchen eine Veranstaltung gegenseitiger Solidarität! Manchmal habe ich aber den Eindruck gehabt, dass der differenzierte Sachverstand, der notwendig ist, um bestimmte Gegebenheiten analysieren zu können, zugunsten einer kämpferischen Rhetorik verloren gegangen war.

Fischer: Kämpferische Rhetorik gibt es zurzeit auch im Verhältnis zwischen Christen und Muslimen. Gab es in diesem Dialog neue Ansätze?

Bischof Hein: Die Vollversammlung hat entschieden, dem interreligiösen Dialog (oder wie ich lieber sagen würde: den interreligiösen Begegnungen) eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Der Ökumenische Rat kann eine Plattform darstellen, auf der sich Vertreter und Vertreterinnen des Christentums und des Islam begegnen können. Es ist kritisiert worden, die Vollversammlung habe zu wenig zur Unterdrückung von Christen in muslimischen Ländern gesagt. Aus deutscher Perspektive könnte ich diesen Eindruck zu teilen.
Wichtig war für mich allerdings die Erfahrung, dass in Porto Alegre viele Abgesandte aus Kirchen zugegen waren, die in muslimisch geprägten Ländern leben, etwa Indonesien, Teile Afrikas oder der gesamte Vordere Orient, wo die alten orthodoxen Kirchen ihr Zuhause haben. Es war auffällig, dass gerade diese Kirchen, die unter einer Mehrheit von Muslimen zu leben haben, das Thema der Auseinandersetzung mit dem Islam nicht in den Vordergrund rücken. Über die Gründe mag man spekulieren. Ich habe es da nicht als unsere Aufgabe angesehen, denen, die erheblich mehr Erfahrungen in der unmittelbaren Begegnung mit dem Islam haben und unter unmittelbaren Einschränkungen durch den Islam zu leiden haben, zu sagen, wie sie in der Vollversammlung agieren sollten.

Fischer: Werfen wir einen Blick auf ein anderes Konfliktszenario, nämlich das Verhältnis zu den orthodoxen Christen. Hier gab es ja in den vergangenen Jahren viele Auseinandersetzungen, zum Beispiel um die Frauenordination oder den Gottesdienst. Wie können diese Unterschiede überwunden werden und wie kommt man zu mehr Gemeinsamkeit?

Bischof Hein: In Porto Alegre sind viele Gottesdienste gefeiert worden, morgens wie abends. Morgens jeweils zusammengesetzt aus unterschiedlichen Traditionen, abends in der Liturgie einer bestimmten Konfessionsfamilie. Ich habe den Eindruck, dass die Frage der Gottesdienste die Vollversammlung nicht mehr bestimmt hat. Hier ist man nach den Aufregungen der vergangenen Jahre eher wieder zur Tagesordnung übergegangen. Dass im Hintergrund immer noch vieles ungeklärt ist, war gleichwohl während der Vollversammlung des Ökumenischen Rates spürbar.
Deswegen hat sie entschieden, im Blick auf das Verständnis der Einheit und der Mission der Kirche erneut klären zu wollen: Was bedeutet es, die Taufe zu feiern? Was bedeutet das Abendmahl? Was bedeutet gemeinsamer Gottesdienst? Diese Fragen sind überhaupt nicht erledigt, haben aber in Porto Alegre nicht die Bedeutung gehabt, die sie noch vor drei Jahren besaßen. Dazu hat sicher die Sonderkommission des Ökumenischen Rates beigetragen, die ein gemeinsam verabschiedetes Papier erarbeitet hatte.

Fischer: Für Diskussionen sorgte das Verfahren, mit dem in Porte Alegre Beschlüsse gefasst wurden. Früher wurde auf Vollversammlungen mit Mehrheiten entschieden, jetzt im sog. «Konsensverfahren». Können Sie zunächst erklären: Wie funktioniert dieses Verfahren und wie haben Sie es erlebt?

Bischof Hein: Das Konsensverfahren besagt, dass im Laufe einer Diskussion durch den Moderator gefragt wird, ob man einer sich allmählich entwickelnden Position zustimmt. Das wird durch farblich gestaltete Karten angezeigt. Diejenigen, die dem entstehenden Konsens nicht zustimmen können, können dies durch eine anders farbige Karte kennzeichnen und haben die Möglichkeit, das offen zu bekunden, so dass sich daraus ein weiterer inhaltlicher Fortschritt entwickelt.
Rückblickend ist festzuhalten, dass fast alle Verlautbarungen im Konsens verabschiedet wurden. Ich glaube nicht, dass dieses zunächst etwas umständlich erscheinende Verfahren wirklich mehr Zeit braucht, als es bloße Abstimmungen gebraucht hätten. Der Vorteil des Konsensverfahrens liegt darin, dass am Schluss alle eine bestimmte Entscheidung mittragen können. Das Konsensverfahren ist ein deutlicher Minderheitenschutz! Wer überhaupt nicht zustimmen kann, kann dem Protokoll eine entsprechende Erklärung beifügen.
Dieser Minderheitenschutz ist etwas, das uns als Kirchen von anderen demokratisch zusammengesetzten Organisationen unterscheidet. Also: Insgesamt ist es ein durchaus sinnvolles Verfahren, das allerdings in den nächsten Jahren noch eingeübt werden muss. Die Vollversammlung trifft sich ja nur alle sieben Jahre. Aber der Zentralausschuss tagt öfters, und da wird weiterhin mit diesem Konsensverfahren gearbeitet.

Fischer: Das klingt sehr positiv. Andere Teilnehmer aus der deutschen Delegation äußerten sich deutlich kritischer. Wie war die Stimmung in der Delegation?

Bischof Hein: Die Stimmung in der Delegation war so, wie die Delegation eben zusammengesetzt war. Manche sind mit sehr hohen Erwartungen angereist und mögen diese Erwartungen insgesamt nicht erfüllt sehen. Andere hatten eine eher realistische Einschätzung - zu denen gehörte ich, zumal ich auch im Vorbereitungskomitee für diese Vollversammlung mitgearbeitet hatte.
Ich möchte allerdings der Einschätzung, es habe sich weitgehend um eine belanglose Veranstaltung gehandelt, widersprechen. Wir brauchen den Ökumenischen Rat der Kirchen als ein Forum, um in dieser Welt gegenüber anderen großen Organisationen deutlich unsere Stimme als Christen erheben zu können. Die römisch-katholische Kirche gehört nicht zum Weltkirchenrat, das ist eine eigene Frage. Aber die anderen Kirchen brauchen ihn. Die nächste Zeit wird zeigen, dass eine Konzentration der Aufgaben am Sitz des Ökumenischen Rates in Genf notwendig ist. Hier hat das «Programmrichtlinien-Komitee», in dem ich während der Vollversammlung mitwirkte, eine klare Leitlinie vorgegeben. Wir müssen weniger tun und die Aufgaben begrenzen, aber wir müssen das, was wir tun, gut machen! Das bedeutet, alle Programme, die der Ökumenische Rat anstoßen wird, werden zeitlich terminiert. Und sie werden hinterher auch gründlich ausgewertet. Nur so kann man verantwortlich mit den Finanzen umgehen, die dem Ökumenischen Rat der Kirchen zur Verfügung stehen.

Fischer: Damit sprechen Sie die Zukunft des Ökumenischen Rates an. Sie sind wieder in den Zentralausschuss gewählt worden. Was sind Ihre ganz persönlichen Erwartungen?

Bischof Hein: Der Zentralausschuss besteht aus 150 Mitgliedern. Das ist ein kleines «Parlament». Insofern ist die einzelne Stimme dort nur begrenzt wirksam. Was aber überzeugt, sind gute Argumente! Ich kann bestimmte Dinge aus unserer eigenen evangelischen Tradition einbringen: Das ist erstens solide Theologie, die differenziertes Denken anregt. Angesichts mancher plakativer Äußerungen ist das ganz wichtig. Das ist zweitens die Erfahrung aus einem wirtschaftlich und wissenschaftlich sehr entwickelten Kontext. Hier ist es mein Anliegen, die Frage nach den Lebenswissenschaften, also der Bio- und Gen-Technologie, weiter nach vorne zu bringen.
Denn ich glaube, dass die neuen Technologien das Menschenbild im 21. Jahrhundert entscheidend bestimmen werden. Und in der Frage, wie wir den Menschen bestimmen, ist immer auch die Frage nach Gott eingeschlossen. Wir können eben Gott nicht denken, ohne seine Zuwendung zum Menschen in Christus wahrzunehmen. Insofern ist die Auseinandersetzung mit den neuen Lebenswissenschaften für mich eine eminent theologische Herausforderung.

Fischer: Und welche Prognose wagen Sie für die Zukunft der Vollversammlung des Ökumenischen Rates?

Bischof Hein: Eine große deutsche Zeitung titelte in ihrem Kommentar «Therapie oder Scheidung». Ich meine, wir sollten uns nicht von der Bewegung des Ökumenischen Rates trennen. Wenn es aber um eine Therapie geht, ist die Frage: In welche Richtung soll sie verlaufen? Die einen bevorzugen eine Entwicklung hin zu einer Art «Weltkirchentag» - gewissermaßen das deutsche Modell des Evangelischen Kirchentages auf Weltebene, wo unterschiedlichste Initiativen und Aktionen sich präsentieren, um ins Gespräch zu kommen. Andere, zu denen ich selbst gehöre, befürworten eher die Konzentration der Arbeit in der Vollversammlung als dem maßgeblichen Entscheidungsgremium, das die Leitlinien für die jeweilige siebenjährige Arbeit in Genf festlegt. Ein Weltkirchentag als solcher hätte eine erheblich geringere Verbindlichkeit. Mir geht es eher um das verbindliche und verbindende Handeln der Kirchen und um beharrliche Schritte aufeinander zu - und miteinander.

Fischer: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bischof Hein.

Das Interview führte Pfarrer Christian Fischer, Redaktionsleiter der landeskirchlichen Medienagentur «medio!» in Kassel am 1. März 2006.

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