Prälatin Roswitha Alterhoff (Foto: medio.tv/Küster)
Prälatin Roswitha Alterhoff (Foto: medio.tv/Küster)
a7020

Interview
«Die Bibel mit anderen gemeinsam lesen»

Pfarrer Christian Fischer befragte Prälatin Roswitha Alterhoff zur Aktion
 «2010 - Die Bibel verstehen».

Pfarrer Fischer: Frau Prälatin Alterhoff, Sie sind Schirmherrin der Aktion
«2010 – Die Bibel verstehen». Welche Idee steckt hinter dieser Aktion?

Prälatin Alterhoff: Die Bibelgesellschaft unserer Landeskirche arbeitet sehr viel in den Gemeinden, zum Beispiel mit  Bibelwochen, sie berät und unterstützt und stellt fest, dass viele Menschen Fragen zur Bibel haben. Die jetzige Aktion geht quer durch die biblischen Bücher und rückt jeden Monat ein anderes biblisches Buch in den Mittelpunkt. Dazu bietet die Gesellschaft Materialien für die Gemeinden, für den Konfirmandenunterricht oder für Bibelabende an. Die Fragen, die im Zusammenhang mit der Bibellektüre auftauchen, werden dort zum Thema gemacht.

Pfarrer Fischer: Ich möchte Ihnen heute gerne einige persönliche Fragen zur Bibel stellen... - Wann ist Ihnen die Bibel in Ihrem Leben zum ersten Mal begegnet, Frau Alterhoff?

Prälatin Alterhoff: Ja, begegnet ist sie mir zum ersten Mal in der Schule im Religionsunterricht und im Kindergottesdienst. Wir bekamen ein Heftchen «Bilder aus der Bibel». Die Bilder waren aus dieser großen, alten Bilderbibel «Schnorr von Carolsfeld», und ich habe diese Bilder mit Inbrunst ausgemalt. Und dadurch kommt man ja den Geschichten nahe.

Pfarrer Fischer: Konnten Sie denn diese Geschichten, wenn sie erzählt wurden, gleich verstehen oder war auch manches unverständlich?

Prälatin Alterhoff: Sicher konnte ich nicht alles verstehen, aber Kinder suchen sich ja ihren eigenen Zugang. Zum Beispiel über das Malen oder in dem sie sich identifizieren mit einzelnen Gestalten. Ich hatte einen sehr guten Religionsunterricht in der Grundschule. Unsere Klassenlehrerin erzählte oft - heute ist das modern - aus der Perspektive einer Person. Bei der Geschichte «Speisung der 5000» erzählte sie zum Beispiel die Handlung aus der Perspektive des Jungen, der die fünf Brote und die Fische hatte. Das war spannend und ich verstand: Der Junge hatte einen großen Beitrag geleistet und das Wunder wurde deutlich.

Pfarrer Fischer: Die Bibel wird ja immer vermittelt durch Menschen. Können Sie sich an Menschen erinnern, die Ihnen die Bibel besonders nahe gebracht und das Verstehen der Bibel erleichtert haben?

Prälatin Alterhoff: Ja, das war zum Beispiel diese Religionslehrerin, die so gut erzählen konnte. Das war aber auch später im Gymnasium ein sehr guter Religionsunterricht durch einen Pfarrer aus der Nähe. Und ich erinnere mich gut an eine Diakonisse: Schwester Elise konnte wunderbar Geschichten erzählen und uns auch später als Kindergottesdiensthelferinnen zeigen, wie wir den Kindern unsererseits die Geschichten nahe bringen. Das waren schon prägende Persönlichkeiten.

Pfarrer Fischer: Gab es denn auch Geschichten, die Ihnen schon früh sehr merkwürdig vorkamen, bei denen Sie dachten: warum steht denn das in der Bibel?

Prälatin Alterhoff: Natürlich gibt es solche Geschichten. Zum Beispiel die versuchte Opferung von Isaak durch Abraham. Das macht ja Kindern und jungen Menschen sehr zu schaffen. Warum soll Abraham das tun? Da bleiben auch immer Fragen.

Pfarrer Fischer: Und heute? Wann lesen Sie denn heute in der Bibel?

Prälatin Alterhoff: Also natürlich lese ich die Bibel im Zusammenhang mit dem, was ich zu tun habe. Das ist ja in erster Linie die Vorbereitung von Gottesdiensten und Predigten. Morgen Abend zum Beispiel, bin ich eingeladen zu einer Bibelwoche und soll etwas sagen zu Paulus und den Frauen. Dann befasst man sich natürlich wieder sehr viel intensiver mit den biblischen Texten. Oder: am vergangenen Sonntag wurde in meiner Gemeinde eine ökumenische Bibelwoche zu den Jakob- und Esaugeschichten eröffnet. Da kamen viele Menschen, es gab hinterher Linsensuppe. Mittelpunkt war ja die Geschichte von dem Verkauf des Erstgeburtsrechts für eine Linsensuppe. Und in diesem Zusammenhang habe ich mich natürlich auch wieder intensiver mit diesen Geschichten befasst.
Ich lese jeden Tag Losung und Lehrtext, das sind ja die biblischen Texte, und manchmal schlage ich dann auch dazu die Bibel auf, um mir die Texte in entsprechender Umgebung wieder zu vergegenwärtigen. Diese täglichen Lesungen sind mir sehr wichtig.

Pfarrer Fischer: Wenn Sie Ihr Leben anschauen. Was bedeutet die Bibel, dieses Buch, für Sie persönlich?

Prälatin Alterhoff: Die Bibel ist für mich das Fundament, auf dem ich stehe. Oder ich könnte noch ein anderes Bild gebrauchen: eine Quelle, aus der ich schöpfe. Es gibt m. E. keine Literatur in der Weltgeschichte, die so tiefgründig ist und so viele Schichten hat, und die so viele Sinne anspricht wie die Heilige Schrift. Sie ist für mich die Bibel, die Heilige Schrift. Ich finde es spannend, zu entdecken, dass zum Beispiel Geschichten aus der Bibel, die ich meine sehr gut zu kennen, mir immer wieder etwas Neues sagen. Die Bibel ist unerschöpflich.

Pfarrer Fischer: Nun gibt es auch viele Menschen, die zur Bibel keinen intensiven Bezug haben, manchen fehlt er ganz. Was raten Sie den Menschen, die Lust verspüren, in der Bibel zu lesen, aber sich nicht so richtig herantrauen?

Prälatin Alterhoff: Wer die Bibel alleine lesen will, dem würde ich zunächst nicht empfehlen, sie von vorne bis hinten zu lesen. Das ist zu schwierig. Die Bibel selber ist ja eine große Bibliothek von verschiedenen Büchern. Da würde ich eher die Bergpredigt, Matth. 5–7, als Lektüre empfehlen. Das ist für mich ein ganz wichtiger, zentraler Text. Und dann natürlich: die Evangelien. Und ich würde vor allen Dingen empfehlen, das mit anderen zu tun. Die Kirchengemeinden bieten ja oft Bibelabende oder Bibelgespräche an. Es ist gut, die Bibel mit anderen gemeinsam zu lesen. Das muss keine große Gruppe sein, manchmal reichen auch zwei oder drei. Der Austausch erleichtert dann auch das Verstehen.

Pfarrer Fischer: Und wo kann man Hilfe bekommen, wenn man mit der Bibel nicht mehr weiter weiß?

Prälatin Alterhoff: Die Bibelgesellschaft unserer Landeskirche bietet sehr gutes Material an, auch für das Eigenstudium. Und es gibt natürlich diejenigen, die die Bibel studiert haben, das sind die Pfarrerinnen und Pfarrer. Martin Luther, der ja die Heilige Schrift ins Deutsche übersetzt hat, war übrigens nicht der Meinung, dass jeder für sich alleine darin lesen sollte und alles verstehen würde. Er war der Meinung, es sollte jeder einen direkten Zugang zur Heiligen Schrift haben. Dann sollte man sich aber zusammentun mit anderen, um weiter zu kommen in dem Verstehen.

Pfarrer Fischer: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Prälatin Alterhoff.

2010-02-10

Übersicht

Hier gelangen Sie wieder zurück zur vorherigen Übersicht:

zurück