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medio-Sommerinterview mit Bischof Martin Hein

Das Interview führte medio!-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer am 20. Juni 2012 in Kassel.

Fischer: Herr Bischof, Deutschland ist in diesen Tagen im Europameisterschaftsfieber. Sie selbst sind ein begeisterter Fußballfan. Was fasziniert die Menschen eigentlich so an diesem Spiel?

Bischof Hein: Wenn man nicht selbst Fußball spielt, sondern sich Fußball anschaut, dann ist es besonders das Erlebnis von Gemeinschaft. Das sehen wir zurzeit auf den Fanmeilen, aber auch beim «Public Viewing» in den Kirchengemeinden.

Beim Fußball als solchem fasziniert, dass man nie weiß, wie ein Spiel ausgeht, und dass man trotz aller Strategie und Taktik erfährt, wie stark im Spiel der Zufall regiert. Denn nicht jeder Pass kommt so an, wie sich ein Spieler das wünscht: Der Gegner fängt den Ball ab – oder der Ball geht ins Aus. Diese Unwägbarkeiten, die stärker sind als jede Taktik, machen den Fußball so spannend. Wenn das alles nur strategisch ablaufen würde, wäre das todlangweilig. Der Fußball lebt im Grunde von den Erfolglosigkeiten, die innerhalb eines Spieles stattfinden, und von den rasanten und gekonnten Spielzügen, die einstudiert sind.

Fischer: Der Fußball begeistert zurzeit die Menschen und lenkt so auch ab von manchem Krisenszenario. Beispiel: Finanzkrise in Europa. Viele Menschen haben Angst vor den Auswirkungen. Sie auch?

Bischof Hein: Ich habe keine unmittelbare Angst, weil ich glaube, dass sich auch das Desaster, das sich möglicherweise abzeichnet, beherrschen lässt. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber in politischen Zusammenhängen.

Fischer: Sie sagen Desaster, was meinen Sie damit?

Bischof Hein: Ich sehe am Horizont, dass über Griechenland hinaus auch andere Länder ins Strudeln geraten und es darauf ankommt, rechtzeitig den Schutzschirm aufzuspannen. Eine nationalistische Tendenz, die sagt: «Nun lass die doch einfach alleine weiter machen», ist in einem vereinten Europa und angesichts der Exportwirtschaft Deutschlands nicht sinnvoll.

Fischer: Gibt es denn auch einen Hoffnungsstreifen am Horizont?

Bischof Hein: Schwer zu sagen. Ausschließlich die bisherigen Ausgaben einzuschränken, wird in den betroffenen Ländern kaum möglich sein. Man kann sich zu Tode sparen und am Schluss hat man nichts erreicht. Ich glaube schon, dass ein abgestimmtes europäisches Handeln dazu führen kann, die Krise zu «strecken» und dass es gelingt, Zeit zu gewinnen – und damit auch Vertrauen in den Euro. Darum geht es in erster Linie.

Fischer: Welche Aufgabe hat die evangelische Kirche in einer solchen Situation?

Bischof Hein: Die evangelische Kirche hat die Aufgabe, in unserer Gesellschaft vor den einfachen Antworten zu warnen. Das hat mit dem aufklärerischen Anliegen zu tun, das die evangelische Kirche stets bestimmt hat. Es gibt in der gegenwärtigen Krise keine einfachen Antworten. Die evangelische Kirche steht dafür ein, dass unser Wohl und Wehe nicht von äußeren Bedingungen abhängt. Unter Umständen mag es auch notwendig sein, Einschränkungen hinzunehmen. Dann haben wir aber darauf hinzuweisen, dass die Einschränkungen, die erfolgen, sozial ausgewogen sein müssen. Ich denke, es ist legitim danach zu fragen, welchen Beitrag alle diejenigen Menschen, denen es sehr gut geht, für unser Gemeinwohl insgesamt leisten können. Ich halte eine Erhöhung der Besteuerung hoher Einkommen für sinnvoll.

Fischer: Sie sagen, es gilt Zeit zu gewinnen. Gerade dieses Aushalten fällt aber vielen Menschen schwer, also eine schwierige Situation immer länger vor Augen zu haben und keine konkreten Lösungsideen zu sehen. Welchen Impuls kann die Kirche, welchen Impuls können Sie geben, um dieses Aushalten besser zu ertragen?

Bischof Hein: In unserem digitalen Zeitalter wächst die Ungeduld ungemein. Wir haben Fragen – und wir wollen sofort die Antwort. Das gelingt hier nicht. Wir brauchen einen langen Atem. Den können wir im Vertrauen auf Gott gewinnen, ohne deswegen den Kopf in den Sand zu stecken und untätig zu sein. Das Evangelium ermutigt uns dazu, das zu tun, was jetzt unsere Aufgabe ist. Und die heißt konkret: Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, dass es weiterhin in Europa eine gemeinsame Idee für diesen Kontinent gibt. Da haben wir als Kirche eine Menge beizutragen. Das Christentum ist in Europa tief verwurzelt, hier hat es sich entfaltet, und der Kontinent ist ganz wesentlich vom Christentum bestimmt. Und: Wir sollten allen nationalistischen Tendenzen von vorneherein wehren. Europa hat lange genug unter diesem Nationalismus leiden müssen.

2012-06-27

Fischer: Nun galten in früheren Zeiten die Kirchen selbstverständlich als ein Ort der Einkehr und der Vergewisserung, gerade in schwierigen Zeiten. Wie ist das heute?

Bischof Hein: Das Bedürfnis nach Einkehr und nach Orientierung ist weiterhin vorhanden. Das spüren wir in den Gottesdiensten und noch viel mehr in persönlichen Gesprächen, die ich mit Politikerinnen und Politikern führe. Da ist eine große Offenheit vorhanden, auch einmal die eigene Hilflosigkeit angesichts der Komplexität der Dinge anzusprechen. Das tragen wir aber nicht zu Markte, sondern dafür sind wir ganz aufmerksame und diskrete Zuhörer.

Fischer: Und was raten Sie Politikern in dieser Situation?

Bischof Hein: Auf größtmögliche Konsense zu achten! Es nützt nichts, wenn wir Europa mit Kampfabstimmungen retten wollen. Und ich glaube, dass gerade in der deutschen Politik die Suche nach dem Konsens ausgeprägt ist. Das finde ich gut.

Fischer: Herr Bischof, zu einem ganz anderen Thema, nämlich der Geschichte unserer Kirche. Die evangelische Kirche feiert in diesen Tagen ein wichtiges Datum der Reformation: 475 Jahre Schmalkaldische Artikel. Diese Artikel gehören zu den zentralen lutherischen Bekenntnistexten. Was fasziniert Sie noch heute an diesen Texten?

Bischof Hein: Diese Texte, die im Konkordienbuch der Lutherischen Kirche zusammengefasst sind, faszinieren mich im Blick auf ihre Klarheit und Eindeutigkeit. Da wird nicht um den heißen Brei herum geredet, sondern da werden die Punkte, die damals strittig waren, klar benannt. Das ist ihre große Chance, das ist ihr großer Vorzug. Gleichzeitig ist das allerdings auch ihre Grenze, weil man sich natürlich heute fragen muss: Hat man damals das Gegenüber in angemessener Weise erfasst? Gab es Missverständnisse, auf denen man beharrt hat, ohne sie auszuräumen, und lässt sich das, was damals wichtig war, heute in gleicher Weise, aber mit anderen Worten sagen?
Gerade die Schmalkaldischen Artikel, die ja aus Luthers Feder stammen, sind ein Beispiel dafür, wie auf der einen Seite Klarheit erreicht werden kann, aber wie diese Klarheit auch die Gespräche zwischen den Parteien begrenzt und eingeengt haben.

Fischer: Können Sie ein Beispiel nennen, wo das besonders auffällt?

Bischof Hein: Besonders auffallend ist das bei der Haltung gegenüber dem Papsttum. Da muss man heute fragen, was es bedeutet, dass eine der Konfessionskirchen in der Welt sich fundamental auf das Papsttum bezieht. Das trennt uns als evangelische Christen ganz deutlich, das hat auch der Besuch des Papstes im vergangenen Jahr in Deutschland noch einmal unterstrichen. Und trotzdem muss man fragen: Wo liegen jenseits dieses fundamentalen Unterschiedes die Gemeinsamkeiten?

Fischer: Welche konkreten ökumenischen Perspektiven sehen Sie denn?

Bischof Hein: Ich war vor wenigen Wochen auf dem Katholikentag in Mannheim. Dort ging es auf dem Podium um die Frage, wie es um die Zulassung von konfessions-verschiedenen Ehepaaren bei der römisch-katholischen Eucharistiefeier steht. Was ich dort gesagt habe, ist nicht besonders originell, aber ich finde es trotzdem zukunftsweisend: Wir sollten nicht von der Frage des Amtes ausgehen, sondern fragen, wer uns eigentlich zum Abendmahl einlädt? Feiern wird dort das Geheimnis der Kirche oder lädt uns Christus ein, sein Geheimnis zu feiern? Dieser Blickwechsel kann dazu führen, gemeinsam ein Abendmahlsverständnis zu formulieren, das es ermöglicht, zumindest konfessionsverschiedene Ehepaare nicht nur zum evangelischen Abendmahl, sondern auch bereitwillig zum katholischen Abendmahl einzuladen. Ob das dann zu einer Abendmahlsgemeinschaft führt, das sei dahingestellt. Ökumene lebt von vielen kleinen Schritten.

Fischer: Welchen zeitlichen Horizont erhoffen Sie sich persönlich für diesen Schritt?

Bischof Hein: Da bin ich nüchterner geworden. Als ich vor zwölf Jahren Bischof wurde, hatte ich noch kürzere Zeitabstände im Blick. Wenn ich zurückschaue: Seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Deutschland und der Begegnung mit der Delegation des Rates der EKD 1980 in Mainz sind über dreißig Jahre vergangen und da hat sich insgesamt wenig getan. Insofern muss man mit sehr, sehr großen Dimensionen rechnen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Unruhe, die sich in der römisch-katholischen Kirche gegenwärtig breit macht, dazu führt, dass Reformen schneller kommen könnten, als man vielleicht gegenwärtig einschätzt.

Fischer: Die Zusammenarbeit von evangelischer und katholischer Kirche ist ja oft auch in politischen Feldern gefragt. Welche Probleme müssten Ihrer Meinung nach zurzeit in Deutschland dringend angegangen und gelöst werden?

Bischof Hein: Die wirtschaftliche Situation in Deutschland ist angesichts der Krise in Europa ausgesprochen gut. Was wir angehen müssen, ist die Frage der sozialen Ausgewogenheit bei den anstehenden Reformen. Angesichts der Schuldenbremse und der damit verbundenen Notwendigkeit, nachhaltig zu wirtschaften, müssen wir ein besonderes Augenmerk darauf richten, nicht alles den Generationen nach uns aufzulasten.
Ein weiteres Problem: Wir haben es mit dem Klimawandel zu tun. Es müssen noch mehr Anstrengungen unternommen werden, um zu mehr Klimagerechtigkeit zu kommen – und dies möglicherweise auch dann, wenn sich große Industrienationen, wie etwa Indien, China oder die USA, nicht an entsprechende Vorgaben halten. Ich glaube, dass es notwendig ist, noch weiter über den eigenen Tellerrand hinaus zu denken. Die Frage der Energiewende, verbunden mit der Förderung der Klimagerechtigkeit – das halte ich für eine ganz wesentliche Herausforderung.

Fischer: Ein weiteres aktuelles Beispiel in der Politik ist die Debatte um das Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen wollen. Da ging es in den letzten Wochen hoch her. Wie ist Ihre Position?

Bischof Hein: Davon halte ich nichts. Ich glaube, dass dieses Geld letzten Endes Familien zu Gute kommt, die in überwiegender Anzahl ihre Kinder besser einer Kindertagesstätte anvertrauen sollten. Das Betreuungsgeld sollte sinnvoller Weise in den Ausbau der Kindertagesstätten von null bis drei gesteckt werden.

Fischer: Nicht nur bei diesem Thema: Man hat den Eindruck, dass der Ton in Politik und Gesellschaft rauer wird. Ein Beispiel aus diesem Frühjahr: Die Entlassung von Bundesumweltminister Röttgen. Aus Ihrer Sicht: Wie sollten Politiker miteinander umgehen?

Bischof Hein: Wenn ich sage, sie sollten menschlicher mit einander umgehen, dann ist das eine triviale Aussage. Ich gebe daher allen Politikerinnen und Politikern den Rat, sich stets zu vergegenwärtigen: Ich bin der oder die Nächste, die dran sein könnte.

Fischer: Nicht nur der politische Stil verändert sich, sondern auch die politische Landschaft insgesamt. Neue Parteien wie die Piraten entstehen und lassen ungewohnte Formen der Beteiligung zu, etwa durch das Internet. Wie stehen Sie zu diesen neuen Beteiligungsverfahren?

Bischof Hein: Das werte ich zunächst einmal ganz positiv. Die virtuelle Kommunikation hat in unsere Häuser, in unser Denken Einzug gehalten. Öffentlichkeit ist mehr als das, was ich unmittelbar sehe. Kritisch sehe ich an diesen Beteiligungsformen, dass sie ausgesprochen beliebig seien können und dass man leicht in die Gefahr gerät, nur Gleichgesinnte zu aktivieren. Formen eines öffentlichen Mobbings, das schon gegen Politiker angewendet wurde, sollten ausgeschlossen bleiben. Die radikale Öffnung und Liberalisierung des Internets halte ich für bedenklich. Es braucht Rahmenbedingungen, innerhalb derer eine basisorientierte Beteiligung möglich ist.

Fischer: Stichworte basisorientierte Beteiligung. Brauchen wir verstärkt solche Elemente auch in unserer Kirche?

Bischof Hein: Viele Kirchengemeinden sind bereits nicht nur im Internet mit einer Homepage vertreten, sondern viele Pfarrerinnen und Pfarrer twittern, bloggen und entdecken neue Formen. Also: Keine zu große Zögerlichkeit! Wir verbreitern auf diese Weise das Interesse an dem, was wir als Kirchengemeinden sind und was wir als Kirchengemeinden vertreten. Mehr Diskussionen sind hilfreich, aber wir können sie nicht endlos führen, sondern irgendwann muss es auch Entscheidungen geben. Und dazu sind Organe notwendig, die berechtigt sind, solche Entscheidungen zu treffen. Das ist in den Gemeinden der Kirchenvorstand. Und bisher habe ich noch nicht vernommen, dass hier etwas in Bewegung käme. Aber das ist nicht auszuschließen.

Fischer: Heißt das: Nutzung des Internets für die Öffentlichkeitsarbeit der Kirchengemeinde ja, aber Veränderung der Beteiligungsmöglichkeiten bei konkreten Entscheidungen nein?

Bischof Hein: Nein, das wäre missverstanden. Verbreiterung der Präsenz in der Öffentlichkeit auf jeden Fall. Wir werden uns als Landeskirche damit auseinander setzen müssen, wie und auf welche Weise wir uns zum Beispiel bei Facebook darstellen wollen. Nein, der Punkt ist eher, dass wir die Möglichkeiten, die wir bisher schon haben – etwa die Gemeindeversammlung –, auch für das Internet (zum Beispiel Diskussionsforen) nutzen. Da bin ich ganz positiv eingestellt. Wir ermöglichen es ja auch auf der Homepage unserer Landeskirche, mit der Kommentarfunktion auf Meldungen unmittelbar zu reagieren. Solch ein Feedback, das hat in unserer Kirche sicher oft zu lange gedauert. Grundsätzlich sollte die Regel allerdings lauten: sich online verabreden und offline treffen.

Fischer: Bei der Kirchenvorstandswahl im Jahr 2013 soll es in unserer Landeskirche die Möglichkeit der Onlinewahl geben. Also können Gemeindeglieder demnächst vom PC zu Hause aus über den zukünftigen Kirchenvorstand abstimmen. Eine kleine Revolution?

Bischof Hein: Hinterher wird man sagen: Das ist keine Revolution, sondern dass ist vollkommen sachgemäß gewesen. Wir sind die erste Landeskirche, die diese Möglichkeit der Beteiligung in den Blick nimmt. Das Angebot gilt übrigens nicht nur für Jugendliche, sondern in gleicher Weise auch für Erwachsene und Senioren. Es gibt viele Menschen im Alter über sechzig, die intensiv das Internet nutzen. Wir haben immer Wert gelegt auf eine große Wahlbeteiligung und wir hoffen, dass wir mit der Einrichtung eines Onlinewahlsystems, das das bisherige Wahlsystem mit Wahlzetteln ergänzt, noch mehr Menschen ansprechen können. Unser Ziel ist, die große Beteiligung, die wir in Kurhessen-Waldeck bei den Kirchenvorstandwahlen verzeichneten, beizubehalten.

Fischer: Herr Bischof, eine interessante Form der Kommunikation findet ja zurzeit in unserer Landeskirche in Kassel statt, die Documenta 13. Wie ist Ihr erster Eindruck?

Bischof Hein: Vielfältig, anregend, eine höchst politische Konzeption, über die man dann streiten kann.

Fischer: Sie konnten bereits einige künstlerische Arbeiten sehen. Was lohnt sich anzuschauen, was ist Ihr Tipp für die documenta 13?

Bischof Hein: Der erste Tipp heißt, sich viel Zeit nehmen, weil die Documenta sich diesmal auf das ganze Innenstadtareal bezieht. Tipp zwei: Man sollte Orte anschauen, die man vielleicht sonst gar nicht so sehr im Blick hat, etwa den Kulturbahnhof. Was dort zu sehen ist, ist ausgesprochen beeindruckend. Und in Korrespondenz dazu dann auch die Freiluftinstallationen in der Aue; vielleicht also stärker diejenigen Teile der Documenta ansteuern, die den öffentlichen Raum einbeziehen. Und – wie gesagt – viel Zeit mitbringen!

Fischer: Die evangelische Kirche begleitet auch in diesem Jahr wieder die Documenta. Welche Veranstaltungen bietet sie an?

Bischof Hein: In St. Martin findet die Reihe «Neue Musik in der Kirche» statt, mit besonderen Gottesdiensten bis Ende Juli und mit der Aufführung von neuer Musik. Auch Uraufführungen sind darunter. Dieses Begleitprogramm zeigt, dass Kunst weit über die darstellende Kunst hinausgeht. Hier ist Kassel mit St. Martin immer Avantgarde in Deutschland gewesen – und das kommt jetzt auch parallel zur Documenta gut zum Ausdruck. Wir werden zudem ein großes Symposion «Das Fest der Liebe zur Kunst» durchführen, um auf das spannungsvolle und überaus fruchtbare Verhältnis zwischen Kunst und Kirche einzugehen und die Konzeption der diesjährigen Documenta kritisch in den Blick zu nehmen.

Fischer: Es hat ja einigen Wirbel um die zunächst angedachte Begleitausstellung der evangelischen Kirche gegeben. Warum hat die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck auf eine Begleitausstellung in diesem Jahr verzichtet?

Bischof Hein: Wir hatten in den vergangenen Jahren – ich kann drei Begleitausstellungen in St. Martin als ehemaliger Dekan an dieser Kirche und als Bischof sehr gut überschauen – dies immer in enger Absprache mit der Documenta gemacht. Seit dem vergangenen Jahr und unter der gegenwärtigen Kuratorin ist der Tonfall der Documenta gegenüber der Kirche sehr viel schärfer geworden. Wir haben uns dann nach internen, durchaus kontroversen Diskussionen entschlossen, das ursprünglich vorgesehene Projekt angesichts der massiven Intervention der Documenta nicht durchzuführen. Ob diese Entscheidung richtig gewesen ist, mag dahingestellt sein. Wir haben sie damals unter der Maßgabe getroffen, das Verhältnis zur Documenta-Leitung nicht nachhaltig zu belasten. Inzwischen werfen uns manche auch mangelnden Mut vor. Das ist unangemessen angesichts dessen, was wir als evangelische Kirche in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Zusammenhang mit der Documenta gewagt haben. Diesmal haben wir uns der Intervention der Documenta gebeugt, aber wir sind deswegen nicht abstinent.

Fischer: Wie sehen Sie generell das Verhältnis von Documenta und evangelischer Kirche?

Bischof Hein: Documenten finden alle fünf Jahre statt. Das ist ein langer Zwischenraum, in dem sich viel tut. Die Documenta ist ja kein stationäres Museum – und sie lebt von der bewusst gewollten Autokratie der jeweiligen Kuratorin oder des Kurators, auf die niemand Einfluss nehmen kann. Insofern ist jede Documenta etwas anderes. Der diesjährigen Kuratorin war Kirche etwas völlig Fremdes, ja Störendes. Aber die Verantwortlichen werden wechseln – und bei der nächsten Documenta in fünf Jahren sehen wir neu.

Fischer: Was bedeuten diese Erlebnisse in den letzten zwei Jahren für Ihre zukünftigen Überlegungen von Seiten der Kirche?

Bischof Hein: Wir sind als einer der größten Kulturträger in Deutschland nicht abhängig von solchen Misshelligkeiten. Wir werden als Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck weiterhin unseren Teil dazu beitragen, das Verhältnis von Kirche und Kunst in all ihren Facetten weiter zu entwickeln. Im nächsten Jahr ist das Stadtjubiläum in Kassel dran, im Jahr 2017 feiern wir das Reformationsjubiläum. Ich bin gespannt darauf, was wir in den nächsten Jahren zeigen werden. Uns gehen die Ideen nicht aus!

Fischer: Herr Bischof, Sommerzeit ist Ferienzeit und viele Menschen suchen in diesen Monaten nach Entspannung. Wobei können Sie denn am besten entspannen, abschalten und auftanken?

Bischof Hein: Am besten abschalten kann ich, wenn ich lese. Da tauche ich in anderen Welten ein, da entstehen eigene innere Bilder. Ich lese gerne Krimis und habe in der letzten Zeit einen Krimiautor entdeckt, der neben einem spannenden Plot auch politische Zusammenhänge darstellt. Wer Spannung und politische Kritik mag, dem kann ich den Autor Wolfgang Schorlau nur empfehlen.

Fischer: Die Ferien stehen bevor. Was wollen Sie in diesem Jahr unternehmen?

Bischof Hein: In diesem Jahr habe ich mir etwas Anstrengendes vorgenommen. Ich möchte mit einer Gruppe von Freunden die Alpen von Oberstdorf nach Meran durchqueren. Anschließend geht es zum Entspannen mit meiner Frau nach Frankreich. Also zunächst einmal richtig körperliche Anstrengung – und dann in Südfrankreich die Sonne und die wunderbare Kulturlandschaft genießen.

Fischer: Dann wünsche ich Ihnen dabei viel Freude und gute Erholung! Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bischof.

(20.06.2012)

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