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medio-Sommerinterview 2014 mit Bischof Martin Hein

Foto: Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer (Fotos: medio.tv/Socher) Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer (Fotos: medio.tv/Socher)
Das Interview führte der Leiter des Medienhauses der EKKW, Pfarrer Christian Fischer, am 29.7.2014 in Kassel.

Fischer: Herr Bischof, Deutschland ist Weltmeister! Wie haben Sie die Fußballweltmeisterschaft 2014 erlebt?

Bischof Hein: Am Anfang mit einer gewissen Skepsis, wie weit die Nationalmannschaft wohl kommen wird, am Schluss mit einer hellen Begeisterung. Und am Sonntagabend, als dann das Endspiel nach Verlängerung beendet war, auch mit einem großen Gefühl von Glück.

Fischer: In einem Interview kurz vor dem Finale haben Sie genau das Endergebnis, also 1:0 für Deutschland, getippt und fast genau den Spielverlauf voraus gesagt …

Bischof Hein: Ja, ich glaube, dass ich im Lauf der Zeit genügend Erfahrung im Fußball gewonnen habe. Mein erstes Bundesligaspiel habe ich Mitte der sechziger Jahre gesehen und seitdem fasziniert mich der Fußball. Nach einem halben Jahrhundert Fußball kann man sich schon ein Urteil erlauben.

Fischer: Die WM war auch ein großer Erfolg für den Trainer der Nationalmannschaft. Was kann denn ein Bischof von Trainer Jogi Löw lernen?

Bischof Hein: Man kann lernen, wie man Menschen verschiedener Fähigkeiten und verschiedener Interessen so zusammenbringt, dass sie eine Mannschaft werden. Eine Mannschaft besteht ja nicht nur aus vielen Solisten, sondern eine Mannschaft zu einem Team zu formen und diesem Team eine gewisse Handschrift zu geben, das ist die große Kunst eines Trainers – und das ist Löw gelungen.

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Fischer: Die WM hat ja für viele gezeigt: Fußball deutet die Welt und gibt den Menschen Sinn, Hoffnung und Spaß. Wie sehen Sie das Verhältnis von Fußball und Religion?

Bischof Hein: Im Fußball gibt es viele Anleihen aus der Welt der Religion. Das ist vollkommen unbestritten. Ich zitiere immer gerne ein Bonmot, das sinngemäß von dem britischen Trainer Bill Shankly stammt. Es sagt «Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod, sondern es geht um mehr». Und da meine ich, spätestens dann muss man sagen: Halt! Das Entscheidende im Leben ist immer noch die Beziehung zu Gott.

Fischer: Während der deutsche Fußball Triumphe feiert, nimmt die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik verstärkt die Welt in den Blick. Politiker wie Bundespräsident Gauck fordern eine Neuausrichtung, die auch militärische Mittel als Option einschließt. Wie stehen Sie zu dieser Kursänderung?

Bischof Hein: Ausgesprochen zurückhaltend. Das hat der Bundespräsident auch zu einer Zeit gesagt, als die internationale Konfliktlage noch nicht so gewesen ist, wie sie sich jetzt darstellt. Im Übrigen sollte er das dem Parlament überlassen.

Fischer: Umstritten sind angesichts dieser weltpolitischen Lage auch die deutschen Waffenexporte. Welche Genehmigungspraxis halten Sie hier für die gebotene?

Bischof Hein: Im vergangenen Jahr haben Bischof Algermissen und ich einen gemeinsamen Brief an alle Bundestagsabgeordneten im Bereich von Kurhessen-Waldeck und des Bistums Fulda sowie an alle Gemeinden gerichtet, in dem wir uns ausgesprochen zurückhaltendend im Blick auf die Rüstungsproduktion und die Rüstungsexporte geäußert haben. Ich bin für eine strenge parlamentarische Kontrolle der Rüstungsexporte und halte deswegen auch die in Frage stehenden Rüstungsexporte nach Algerien für nicht zumutbar.

Fischer: Und die Arbeitsplätze?

Bischof Hein: Das ist immer das andere Argument. Ich will mich hier nicht auf eine höhere moralische Ebene begeben. Ich weiß durchaus, dass Arbeitsplatzsicherheit ein hohes Gut ist. Man wird über diese Frage in Deutschland eine offene Debatte führen müssen. Die wird zurzeit aus meiner Sicht dadurch verhindert, dass es eine starke Rüstungs-lobby gibt. Und ich denke, es ist notwendig, dass diejenigen, die in Rüstungsbetrie-ben arbeiten, sich bewusst machen, was sie dort tun. Wir sind als Deutsche drittgrößter Rüstungsexporteur der Welt und ich glaube, dass es so auf Dauer nicht gelingt, Frieden zu schaffen. Die Parole «Frieden schaffen ohne Waffen» hat immer noch ihre Gültigkeit.

Fischer: Bleiben wir einen Moment bei der Außenpolitik. Zurzeit scheinen ja überall die Konflikte zu eskalieren. In der Ukraine ist keine Lösung in Sicht, zwischen Israel und Palästinensern gibt es die schwersten Auseinandersetzungen seit Jahren. Nun sprechen Sie im Ökumenischen Rat mit Christen aus der ganzen Welt, sind also gut weltweitvernetzt. Wo sehen Sie Lösungsansätze, Herr Bischof?

Bischof Hein: Dauerhafte Lösungsansätze gibt es nur mit der Zielvorgabe des Gewaltverzichtes. Der Ökumenische Rat hat an dieser Stelle bewusst eine neue Initiative gestartet mit dem Stichwort «Pilgrimage of Justice and Peace». Das heißt, in den nächsten Jahren soll es darum gehen zu schauen, welchen friedenschaffenden Beitrag können die Kirchen jeweils in ihrer Region vernetzt mit anderen Kirchen leisten. Ich halte auf Dauer den Gewaltverzicht für die einzig gebotene politische Lösung.

Fischer: Werfen wir einen Blick auf den Nahen Osten. Auf vielen Demonstrationen in Deutschland wird das aktuelle Verhalten Israels kritisiert, bisweilen auch unter Verwendung antisemitischer Parolen. Wie groß schätzen Sie die Gefahr eines neuen Antisemitismus in Deutschland ein?

Bischof Hein: Antisemitismus darf in Deutschland keine neue Heimat finden. Das haben alle, die ihre Solidarität mit dem palästinensischen Volk bekunden, grundsätzlich zu respektieren. Die muslimischen Verbände in Deutschland sind gefordert, das klar und eindeutig gegenüber ihren Mitgliedern und Anhängern zum Ausdruck zu bringen. Es handelt sich bei den jetzt wahrnehmbaren Tendenzen gegen Israel nicht um dumpfe Rechtsradikale und auch nicht um Salonlinke, die immer ihre Schwierigkeiten mit Israel hatten, sondern es handelt sich in allererster Linie um Muslime aus Ländern, die eine enge Beziehung zu Palästina haben. Hier erwarte ich entsprechende mäßigende Worte der verschiedenen muslimischen Verbände. Auf deutschem Boden darf es solche Ausbrüche von Hass gegen Israel und gegen Menschen, die in Deutschland als Juden leben, nicht geben. Allerdings gilt auch hier: Nur Gewaltverzicht auf beiden Seiten führt zu dauerhaftem Frieden im Nahen Osten.

Fischer: Und was ist mit dem Leid der Palästinenser?

Bischof Hein: Wir müssen angesichts der aktuellen Lage auch eine kritische Position gegenüber der Politik Israels einnehmen. Das steht völlig außer Frage. Aber wir als Deutsche sind in diese Fragestellung insofern involviert, als die verstärkte Ansiedlung von Juden nach dem Zweiten Weltkrieg darauf zurück zu führen ist, dass wir versucht haben, sie hier in Deutschland zu vernichten. Wir sind also nicht unbeteiligt daran, dass Palästinenser ihr Land verloren haben. Das ist eine Folge unserer eigenen menschenverachtenden Politik während des Nationalsozialismus.

Fischer: Kriege führen zurzeit zu Flüchtlingsströmen, die auch Hessen erreichen. Das Mitfühlen in der Bevölkerung könnte an eine Grenze stoßen, manche sagen ja schon jetzt, es sind viel zu viele Flüchtlinge bei uns und sie stören die Nachbarschaft. Was sagen Sie denn denen?

Bischof Hein: Es werden noch viel zu wenige Flüchtlinge aufgenommen. Aus unseren engen Beziehungen nach Syrien weiß ich, dass niemand freiwillig sein Land verlässt. Die Lebenssituation dort ist unerträglich und da erwarte ich als Zeichen von Humanität auch die Bereitschaft in unserer Bevölkerung, Menschen als Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist ein Gebot der Nächstenliebe – gerade auch im Blick auf die Christen, die im Nahen Osten immer stärker unterdrückt und vertrieben werden.

Fischer: Und was kann die Kirche konkret tun?

Bischof Hein: Zum einen haben wir als Landessynode beschlossen die Zahl der Berater in den Flüchtlingsberatungen deutlich zu erhöhen. Das ist ein Betrag, der rund 100.000 Euro im Jahr ausmacht. Es gibt in Einzelfällen auch das Kirchenasyl, wenn Flüchtlinge von Abschiebung in sogenannte sichere Drittländer bedroht sind. Und wir werden uns natürlich auch weiterhin dafür einsetzen, dass Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Wir haben schon in einzelnen Landkreisen Gespräche geführt.

Fischer: Werfen wir einen Blick auf die Ökumene. Auch im weltweiten Dialog der Christen gibt es Probleme. Der Ökumenische Rat der Kirchen selbst scheint für viele in einer Krise. Kritiker verweisen auf Finanzprobleme, zu viel Selbstbeschäftigung und mangelnde thematische Profilierung. Sie engagieren sich ja seit Jahren im ÖRK, wie sehen Sie seine derzeitige Lage?

Bischof Hein: Ich sehe das durchaus anders. Seit der letzten Vollversammlung des Weltkirchenrates in Korea gibt es einen deutlichen Impuls nach vorne. Eine Aufbruchstimmung war spürbar. Das hat auch damit zu tun, dass die unerledigten Fragen weiterhin auf der Tagesordnung sind: Wie ist das mit Gerechtigkeit in der Welt? Wie ist das mit einem gerechten Frieden, der nicht mit Gewalt erzeugt worden ist, sondern der tatsächlich auf einen Interessensausgleich achtet? Wie ist es mit den unterschiedlichen Begegnungsformen der Kirchen untereinander? Wie ist es mit dem Dialog der Menschen verschiedener Religionen? Das sind alles Dinge, die angegangen werden müssen. Wenn es den Weltkirchrat nicht gäbe, müsste er jetzt erfunden werden.

Fischer:  Hat der ÖRK keine Probleme mehr?

Bischof Hein: Man muss zugestehen, in den letzten Jahren ist aufgrund der mangelnden Zahlungsmoral vieler Kirchen die Arbeit des Weltkirchenrates, was die Personen angeht, ständig zurückgefahren worden. Mit dem kleinen Stab in Genf kann man nicht mehr erreichen, als das, was jetzt möglich ist. Aber es geht jetzt aktuell nicht darum, dass wir immer gebannt nach Genf schauen. Wir sollten auf dem Pilgerweg für Frieden und Gerechtigkeit selbst initiativ werden und fragen, wo diese Fragen hier bei uns auf der Tagesordnung sind und was wird machen müssen. Ein Beispiel: Die Frage nach der Rüstungsproduktion im Bereich unserer Landeskirche könnten wir genauer angehen. Der Ökumenische Rat ist Impulsgeber und kann nicht alles selbst machen.

Fischer: Herr Bischof, lassen Sie uns einen Blick auf Deutschland und seine evangelische Kirche werfen. Auch die EKD steht vor Veränderungen. Der Ratsvorsitzende Schneider hat seinen Rücktritt angekündigt. Was erhoffen Sie sich von der Nachfolge Schneider?

Bischof Hein: Insgesamt erwarte ich, dass nach dem wirklich sehr bedauerlichen Rücktritt von Nikolaus Schneider die evangelische Kirche sich in der nächsten Zeit in der öffentlichen Debatte klar positioniert und auch Fragen, die in der Gesellschaft strittig sind, nicht aus dem Weg geht.

Fischer: Was heißt das konkret?

Bischof Hein: Wir werden uns in der nächsten Zeit als evangelische Kirche untereinander verständigen müssen, um gemeinsame Positionen zu formulieren. Ich nenne als Beispiel die Frage des «assistierten Suizids». Da gibt es keine klare Meinungslage in der evangelischen Kirche. Ich nenne auch den Umgang mit dem Reformationsjubiläum und der Haltung der katholischen Kirche zu diesem Reformationsjubiläum. Also, auf den neuen Rat und auch auf den oder die neue Ratsvorsitzende kommt eine ganze Menge Arbeit zu.

Fischer: Sie haben den «assistierten Suizid» angesprochen. Wieviel darf ein Mensch dazu beitragen, dass ein anderer Mensch stirbt, selbst wenn dies sein Wunsch sein sollte?

Bischof Hein: Ich glaube, am besten gar nicht. Unser Leben ist ein Geschenk, das wir aus Gottes Hand bekommen haben. Uns ist die Verfügungsgewalt über das Ende unseres Lebens entzogen. Das heißt nicht, dass ich Menschen verurteile, die es gleichwohl tun wollen, aber als ethische Leitlinie halte ich meine Position weiterhin für vertretbar und auch vermittelbar. Der Punkt ist, dass wir immer auch eine Alternative anbieten müssen, wenn wir dagegen sind, dass der «assistierte Suizid» erlaubt wird. Da muss man sagen, dass die Entwicklungen in der Palliativmedizin inzwischen soweit fortgeschritten sind, dass weitgehend ein schmerzfreier Tod bei schwerkranken Patienten gewährleistet werden kann.

Fischer: Herr Bischof, kommen wir zu einem anderen Thema. In vielen Landeskirchen wird zurzeit kräftig gespart. Für unsere Landeskirche kann man sagen, dass die Synode hier das Ziel vorgegeben hat, nämlich bis 2026 rund ein Viertel des jetzigen Haushaltes einzusparen. Wie läuft dieser Prozess zurzeit?

Bischof Hein: Die Vorgabe der Landessynode ist weiterhin realistisch und es gibt eine große Anzahl von Ausschüssen, die sich gegenwärtig mit der Frage beschäftigen, wie wir das schaffen können. Im Herbst werden der Landessynode erste Ergebnisse vorliegen. Denn wenn wir das Ziel erreichen wollen, müssen wir jetzt damit anfangen. Das Ganze ist ein gleitender Prozess, bei dem wir versuchen, alle möglichen Härten zu vermeiden. Das betrifft die Anstellungsverhältnisse in gleicher Weise wie auch die Anzahl der Pfarrstellen. Hier haben wir in der letzten Zeit vieles getan. Ich möchte an dieser Stelle ein wenig Entwarnung geben. Aufgeregtheiten scheinen hier gegenwärtig fehl am Platz zu sein. Die Synode hat das gut im Griff.

Fischer: Wie gehen die Gemeinde und die Einrichtungen damit um? Wie erleben Sie selbst den Prozess?

Bischof Hein: Ich selbst erlebe solche Prozesse als inspirierend und als motivierend. Wir sagen oft: Die Kirche muss reformiert werden. Jetzt sind wir dabei, dann tun wir das auch. Es ist offensichtlich, dass wir auf Dauer weniger Gemeindeglieder haben. Das muss kein naturgegebener Prozess sein, aber gegenwärtig ist das so. Und wir werden auch weniger Geld haben. Aber wenn wir ständig auf die äußeren Zahlen blicken, dann ist das demotivierend. Ich sage mir, lasst uns mit den gegebenen Bedingungen gut umgehen, lasst uns Neues entdecken. Wir haben doch eine große Verheißung! Und wir stehen nicht schlecht da.

Fischer: Es gibt Kooperationen mit anderen Landeskirchen, insbesondere mit der EKHN. Auch von diesen Kooperationen hat man sich ja Einsparungen erhofft. Haben sich diese Hoffnungen bisher erfüllt?

Bischof Hein: Wir haben unsere Diakonischen Werke zusammengelegt zur Diakonie Hessen. Das ist ein ganz großer Schritt gewesen. Der Schritt ist nicht vollzogen worden unter Spargesichtspunkten, sondern um in der Öffentlichkeit eine stärkere Wirkung zu erzielen. Das ist meines Erachtens gelungen, und ich bin darüber sehr froh. Es gibt ansonsten zwei Kooperationsgebiete, nämlich die Ökumene und die Religionspädagogik, wo wir uns zusammen getan haben. Die Felder der offiziellen Kooperationen sind also vergleichsweise überschaubar. Es hat sich inzwischen viel Selbstverständlichkeit im Kontakt zwischen beiden Kirchen hergestellt. Vieles machen wir gemeinsam, bei manchem kann man einsparen, manches muss auch erst noch einmal genau betrachtet werden. Und oft ist es so, wenn Sie wirklich Einsparungen vornehmen wollen, müssen Sie vorher investieren. Das machen wir etwa im Blick auf die Religionspädagogik mit der Neugründung des Religionspädagogischen Instituts in Marburg. Da investieren wir in einen guten Standort, um dann auf Dauer eine gemeinsame Betreuung beider Landeskirchen auf dem Gebiet des Bundeslandes Hessen zu gewährleisten.

Fischer: Vor einigen Jahren waren Kooperationen etwas Neues. Jetzt haben Sie Erfahrungen gesammelt. Machen denn die Erfahrungen Lust auf mehr?

Bischof Hein: Gegenwärtig stehen keine weiteren Kooperationsfelder an.

Fischer: Herr Bischof, Aktionen prägen in diesem Jahr das Leben in der Landeskirche. Sie waren vor kurzem in Ziegenhain beim Landeskonfirmandentag und haben ein großes Fest mitgefeiert ….

Bischof Hein: Als ich aus Ziegenhain zurückkam, war ich begeistert. Dort ist der Funke übergesprungen. Tausende haben über ihre eigene Konfirmation nachgedacht und das Jubiläum gefeiert. Zuvor hatte die Landessynode im Frühjahr eine neue Rahmenkonzeption für die Konfirmandenarbeit, besser gesagt für die Konfirmandenzeit entworfen. Vorher hatten sich alle Kreissynoden mit dem Thema Konfirmandenunterricht und Konfirmation beschäftigt. Ein großer Prozess also zu einem wichtigen Thema: der Konfirmation. Über 90 Prozent aller evangelisch getauften Jugendlichen werden konfirmiert. Das ist eine beeindruckende Größe. Und wenn dann die Konfirmandinnen und Konfirmanden selbst sagen «Das war aber toll in Ziegenhain», dann bleibt das haften.

Fischer: Muss man gerade bei dieser Zielgruppe der Jugendlichen mehr auf solche Großevents setzen in Zukunft?

Bischof Hein: Man muss heute immer wieder eigene Themen finden. Früher etwa haben wir regelmäßig ein Landesjugendfest veranstaltet. Das war dann irgendwann nicht mehr so ganz im Blickfeld der Jugendlichen. Jetzt war dieser Konfirmandentag ein wirkliches Highlight. Sofort kommen natürlich die Bitten «Macht das wieder!». Wir müssen diesen Event erst einmal auswerten, aber prinzipiell halte ich das nicht für ausgeschlossen.

Fischer: Eine nächste große Aktion steht ja schon bereits in den Startlöchern, nämlich die Feierlichkeiten zum Jahr der Reformation im Jahr 2017. Wie wichtig sind solche Kampagnen für die evangelische Kirche?

Bischof Hein: Ich finde diese Kampagnen ausgesprochen wichtig. In diesem Jahr haben wir uns beim Thema «Reformation und Politik» ein wenig ausgeklinkt, weil wir gesagt haben, unser Reformationsjubiläum in diesem Jahr ist das Jubiläum der Konfirmation. Aber es kommen noch «Reformation und Bibel», «Reformation und Bild», das sind ja alles ganz wichtige Fragestellungen, gerade in unserer Landeskirche, weil der Bildersturm von Landgraf Moritz zu Beginn des 17. Jahrhunderts in unseren Kirchen deutliche Spuren hinterlassen hat. Sich zu fragen, welche Bedeutung das Bild in der christlichen Religion hat, ist eine ganz spannende Fragestellung. Es müssen ja nicht immer alle bei den Kampagnen mitmachen, aber meines Erachtens sind sie gute Impulse, um die verschiedenen Facetten der Reformation in der Gegenwart nachzuvollziehen.

Fischer: Was erhoffen Sie bei der Reformationsdekade von der römisch-katholischen Kirche?

Bischof Hein: Ich erwarte von Katholiken nicht, dass sie mit uns dieses Jubiläum feiern. Aber ich glaube, dass wir uns gemeinsam fragen können: Was war der Anlass der Reformation? Gibt es eine neue Einschätzung von Martin Luther? Was haben wir jetzt zusammen im Blick auf die Reformation zu sagen? Und was ist der Beitrag beider Kirchen zur Gestaltung unseres Gemeinwesens? Denn dass die Reformation damals die Welt verändert hat, steht ja außer Frage. Die Frage ist, kann der Glaube auch heute noch die Welt verändern. Und das ist eine Frage, die alle Christen betrifft.

Fischer: Alle Christen, ja alle Menschen sind im Herbst zu einem weiteren Großereignis eingeladen, dem Gospelkirchentag in Kassel. Was erhoffen Sie sich von dieser Veranstaltung?

Bischof Hein: Der Gospelkirchentag ist neben dem Konfirmationsjubiläum hier in Kassel das zweite große Ereignis, das wir als Landeskirche in diesem Jahr stemmen. Wir tun das gemeinsam mit unserer hessischen Schwesterkirche. Kassel ist eine Großstadt, in der solche Formate Beachtung finden. Wir erwarten ja 5.000 Gospelsängerinnen und -sänger, die an allen Ecken und Enden der Stadt, in Kirchen, Gemeinderäumen, auf Plätzen singen werden. Das wird ein Wochenende voller Gesang und da merkt man auf einmal: Wir sind nicht allein. In Gemeinschaft zu singen, macht Spaß.

Fischer: Da höre ich schon eine richtige Vorfreude heraus.
Herr Bischof, ich möchte Ihnen zum Schluss noch einige persönliche Fragen stellen: Sie haben im Januar Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Jetzt sind ein paar Tage vergangen. Wie fühlt sich diese Lebensstation im zeitlichen Abstand für Sie an?

Bischof Hein: Eigentlich ganz gut. Ich möchte weiterhin Impulse geben im Blick auf den Weg unserer Kirche, auch auf die Fragen, mit denen wir es in der Politik in der nächsten Zeit zu tun haben. Mein Anliegen ist, diese Landeskirche weiterhin als eine ausgesprochen liebenswerte und attraktive Kirche darzustellen.

Fischer: Dazu braucht man Kraft und Erholung. Sie haben jetzt Ihren Urlaub vor sich. Wo soll es denn in diesem Jahr hingehen und was wollen Sie unternehmen?

Bischof Hein: Dieses Jahr geht es direkt in den Atlantischen Ozean auf die Azoren. Dorthin also, wo das Wetter entsteht, sei es schlechtes oder gutes Wetter. Ich werde wandern und mich entspannen.

Fischer: Dann wünsche ich Ihnen gute Erholung und Gottes Segen für diese Zeit, Herr Bischof.

Bischof Hein: Herzlichen Dank!

(29.07.2014)

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