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Nachgefragt...

Foto: Unser medio-Archivbild zeigt Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer bei einem früheren Interview im Landeskirchenamt in Kassel. Unser medio-Archivbild zeigt Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer bei einem früheren Interview im Landeskirchenamt in Kassel.
Das Interview führte der Leiter des Medienhauses der EKKW, Pfarrer Christian Fischer, am 18.9.2014 in Kassel.

Fischer: Herr Bischof, Sie haben in den letzten Tagen den Libanon besucht. Was sind die wichtigsten Eindrücke von Ihrer Reise?

Bischof Hein: Ich komme zurück mit einem Gefühl großer Hilfslosigkeit. Ich bin vielen Menschen begegnet, die angesichts der Auseinandersetzungen in Syrien, aber auch im Irak, ja im Libanon selbst, kaum noch Hoffnung sehen, für sich und für ein Leben als Christen in dieser Region. Wir haben es mit einem fortschreitenden Exodus von Christen aus dem Gebiet zu tun, das einmal das Ursprungsgebiet des Christentums gewesen ist.

Fischer: Was macht das Leben für Christen dort so aussichtslos?

Bischof Hein: Christen befinden sich immer zwischen allen Stühlen. Die Auseinandersetzungen in der Region sind neben bestimmten politischen Interessen auch bestimmt von dem religiösen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten. Und dieser Konflikt reicht weit hinein bis in den Libanon. Man muss ganz deutlich sagen: Die Christen nehmen weder für die eine noch für die andere Seite Partei und geraten deswegen genau zwischen die Fronten.

Fischer: Und was haben sie konkret zu erleiden oder zu befürchten?

Bischof Hein: Die Christen haben in der Region zu erleiden, dass sie faktisch ausgelöscht werden sollen. Das ist im Nordirak so. Das ist faktisch auch in Syrien so, und es beginnt auch im Libanon immer schwieriger zu werden. Christen waren meine wesentlichen Gesprächspartner. Ich habe nicht mit Muslimen gesprochen, die auch unter dem Krieg zu leiden haben. Die Ursache ist eben nicht bei Christen zu finden, sondern in den vielfältigen und ganz verworrenen Gegensätzen, die die Region bestimmen. Da gibt es so viele unterschiedliche Interessen, und nur eine Seite für das ganze Leid verantwortlich zu machen, das ist aus deutscher Perspektive vielleicht naheliegend, aber es entspricht nicht den Realitäten. Diese sind höchst verwickelt.

Fischer: Christen werden bedroht und verfolgt. Wir haben in Deutschland eine aktuelle Diskussion um Flüchtlinge. Wie stellt sich das Flüchtlingsproblem im Libanon dar?

Bischof Hein: Es sind allein im Libanon 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge, davon 10 Prozent Christen. Das Land selbst hat nur 4,5 Millionen Einwohner. Sie müssen sich vorstellen, es würden jetzt nach Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern 20 Millionen Flüchtlinge kommen. Das wäre eine kaum zu stemmende Aufgabe. Vor dieser Aufgabe steht nun das kleine Land Libanon, das früher einmal die Perle des Orients gewesen ist. Es ist kaum in der Lage, dieser Situation Herr zu werden. Es gibt keine Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge aus Syrien und es gibt keine Perspektiven für sie. Das Einzige, was diese Menschen wollen, ist über den Libanon in andere Länder zu kommen. Und natürlich ist Deutschland ein besonders begehrtes Ziel.

Fischer: Was kann der deutsche Staat, was können die Kirchen in Deutschland angesichts dieser dramatischen Situation tun?

Bischof Hein: Angesichts der Kontingente, über die in Deutschland diskutiert wird, muss ich sagen: Das ist, wenn wir die Situation im Libanon betrachten, geradezu ein Witz. Wir jammern auf extrem hohem Niveau. Ich halte es für notwendig, dass wir höhere Flüchtlingskontingente aus Syrien, Irak und dem Libanon aufnehmen. Wir sollten darauf achten, dass auch Christen in angemessener Weise berücksichtigt werden.

Fischer: Ich möchte den Blick auf einen weiteren Aspekt werfen. Die Region im Nahen und Mittleren Osten ist im Aufruhr. Die ISIS-Terroristen verbreiten Angst und Schrecken. Was haben Sie von dieser Entwicklung auf Ihrer Reise mitbekommen?

Bischof Hein: Es gibt Straßensperren, die von der libanesischen Armee errichtet werden. Hierbei ist nicht ganz sicher, wie die Aktionen gerade verlaufen. Der Einfluss extremistischer Gruppierungen reicht allerdings weiter. Es hat erste ISIS-Attacken auch auf libanesischem Gebiet gegeben. Der Libanon selbst ist zerrissen zwischen unterschiedlichen Parteien und Interessenslagen. Die Hisbollah beherrscht – unterstützt vom Iran – den östlichen Teil des Libanon, so dass es kaum noch möglich ist, als Westeuropäer dort hinzureisen. Die zweitgrößte Stadt Tripoli, die ganz in der Nähe meines Hauptaufenthaltsortes Balamand liegt, habe ich, seit ich den Libanon besuche – jetzt bereits zum vierten Mal –, noch nie betreten können, weil die unter sunnitischer Herrschaft steht und hier ständige Auseinandersetzungen stattfinden. Aktuell auch Schießereien in Tripoli. Dieses vergleichsweise kleine Land ist also nur noch im eingeschränkten Maß zu besuchen. Wenn Sie dort sind, spüren Sie von dem unmittelbaren Einfluss nichts. Das hat dazu geführt, dass wir mit einer Gruppe von Flüchtlingen aus Syrien gesprochen haben, um uns erläutern zu lassen, wie die Situation ist, aus der heraus sie geflohen sind. Wir haben mit Deserteuren gesprochen, die überhaupt keine Perspektive haben, je nach Syrien zurückzukehren.

Fischer: Sie sind Bischof einer Kirche, die im Frieden leben darf. Wie fühlt es sich an, wenn man mit Augenzeugen in einer Region spricht, die mit diesen Kriegsereignissen konfrontiert wird?

Bischof Hein: In solch einem Falle denke ich, ich komme aus einem unverdienten Luxus – sichere Gegebenheiten in einem Rechtsstaat, der auf sozialen Ausgleich bedacht ist – in eine Region, die in sich komplett zerrissen ist. Wir dürfen nicht übersehen, dass es vor nicht all zu langer Zeit die heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen im Gazastreifen gegeben hat. Das alles führt zu einer aufgeladenen Situation und einer Solidarisierung der arabischen Staaten mit dem Gazastreifen. Und damit wiederum gegen Israel. Das eine Problem ist ohne die Lösung des anderen nicht zu lösen. Alles hängt in miteinander zusammen und hinterlässt ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Fischer: Die Menschen in unseren Gemeinden fragen sich, was können wir denn hier tun, um den Menschen dort zu helfen...

Bischof Hein: Zunächst einmal das, was wir als Christen tun: inständig für den Frieden beten. Wir sollten das Geschick im Vorderen Orient, das Christen, Juden und Muslime betrifft, jeden Sonntag im Fürbittengebet vor Gott bringen. Das ist die eine Seite, und die ist wichtig. Darauf setzen auch die christlichen Kirchen im Orient. Das sagen sie ganz ausdrücklich: «Please pray for us». Das Zweite ist: Die griechisch-orthodoxe Kirche von Antiochien und dem ganzen Orient mit Sitz in Damaskus, zu der unsere Landeskirche nun schon seit über 20 Jahren eine besondere Beziehung pflegt, ist auf unsere Zuwendungen angewiesen. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Förderprogrammen von Regierungsseite, aber auch von den sogenannten Nichtregierungsorganisationen. Es fehlt nicht an geldlicher Hilfe, aber es fehlt an der Möglichkeit, sofort und spontan helfen zu können: Menschen in unmittelbarer Not, die nichts mehr haben, ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen. Dafür haben wir als Landeskirche die Syrienhilfe eingerichtet, und ich kann nur dazu aufrufen, dass möglichst viele Gemeindeglieder spenden, damit unbürokratische Hilfe möglich ist.

Fischer: Herr Bischof Hein, vielen Dank für das Gespräch.

Spendenkonto

Kontonummer: 3000
Bei der Evangelischen Bank Kassel, Bankleitzahl 520 604 10
Verwendungszweck: Z 760000004 (Syrienhilfe)

(18.09.2014)

2014-09-25

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