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Foto: Hintergrundgespräch in Kassel: Bischof Martin Hein (Mitte) im Gespräch mit Radio-Redakteur Torsten Scheuermann (l.) und dem stellvertretenden Sprecher der Landeskirche, Pfarrer Christian Fischer (r.). (Foto: medio.tv/Küster) Hintergrundgespräch in Kassel: Bischof Martin Hein (Mitte) im Gespräch mit Radio-Redakteur Torsten Scheuermann (l.) und dem stellvertretenden Sprecher der Landeskirche, Pfarrer Christian Fischer (r.). (Foto: medio.tv/Küster)
Das Interview führte Radio-Redakteur Torsten Scheuermann am 5.11.2014 im Haus der Kirche in Kassel.

Scheuermann: Bischof Hein, Sie haben eine Woche lang Pakistan besucht. Was war der Grund Ihrer Reise?

Bischof Hein: Ich war dort auf Einladung der Church of Pakistan und ihres Leitenden Bischofs Samuel Azariah, den ich seit über zehn Jahren aus dem Weltkirchenrat kenne. Wir haben dort bisher in einem Komitee zusammengearbeitet. Er wollte mir die Situation der bedrängten Christen in Pakistan vermitteln. Die christlichen Gemeinden sind eine sehr kleine Gruppe mit drei Millionen Mitgliedern gegenüber rund 170 Millionen Muslimen. Mir war es wichtig, den Christen dort zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Es war also ein Solidaritätsbesuch.

Scheuermann: Wie ist dort die Situation für Christen?

Bischof Hein: Ich habe sieben Tage lang unterschiedlichste Gemeinden und Einrichtungen der Kirche, vor allem Schulen, besucht und viel Freude darüber erlebt, dass jemand aus Europa kommt und sich mit der Situation der diskriminierten Christen innerhalb dieses islamischen Staates beschäftigt. Ganz bedrückend ist dort das sogenannte Blasphemiegesetz, das alle möglichen Handlungen oder Äußerungen, gerade auch von Christen, verdächtigt, sich gegen die islamische Lehre zu stellen. Schon die Frage der Dreieinigkeit Gottes ist etwas, was eigentlich nach dem Koran undenkbar ist. Mit Hilfe dieses Blasphemiegesetzes, das allerdings auch in der pakistanischen Gesellschaft umstritten ist, haben religiöse Fanatiker ständig einen Hebel, gegen Christen vorgehen zu können.

Scheuermann: Wie wirkt sich das konkret auf das Leben der Christen in Pakistan aus?

Bischof Hein: Es gibt eine ganze Anzahl von Anschlägen, die Christen zu erleiden haben. Bibeln werden verbrannt, Kirchen werden angezündet, Menschen werden getötet. Das geschieht alles ohne größere öffentliche Wahrnehmung, davon hören Sie in Deutschland relativ wenig. Die Spannung innerhalb der Gesellschaft selbst ist sehr stark: auf der einen Seite ein streng muslimisches Regime, auf der anderen Seite die Suche nach mehr Freiheit – gerade bei Jugendlichen. Die christliche Minderheit hat Mühe, in einem solchen Land zu überleben. Aber es ist beeindruckend, wie fröhlich die Christen dennoch zu ihrem Glauben stehen!

Scheuermann: Wie konnten Sie sich als Bischof einer christlichen Kirche in Pakistan bewegen?

Bischof Hein: Ich bin mit einem mulmigen Gefühl nach Pakistan gereist. Viele Menschen aus dem westlichen Ausland sehen Sie dort nicht. Also fiel ich auf. Aber ich konnte mich auch mit christlichen Symbolen zeigen. Manche Vorurteile, die bei uns im Westen gegenüber Pakistan herrschen, habe ich ändern müssen. Man darf nicht alle Pakistani unter Terrorverdacht stellen. Trotzdem habe ich Menschenansammlungen vermieden. Man sollte sich zum Beispiel am Freitag als Christ nicht in der Nähe von Moscheen aufhalten. Ich wollte an diesem Tag die größte Moschee Pakistans in Lahore besuchen, allerdings bin ich nur in den Außenbereich gelangt, weil mir abgeraten wurde, weiterzugehen. Am schlimmsten aber war die Erfahrung, dass ich am vergangenen Samstag an einem touristisch sehr beliebten Ort war - der Grenzstation nach Indien –, an dem einen Tag später ein Selbstmordattentat mit mindestens 55 Toten verübt wurde. In diesem Moment habe ich schon gespürt: Ich bin bewahrt worden.

Scheuermann: Wie gehen Sie mit den Erlebnissen vor Ort um?

Bischof Hein: Christen werden dort so stark diskriminiert, dass sie weder in der Politik noch im öffentlichen Leben eine Rolle spielen. Besonders bestürzt mich, dass ein einzelnes Menschenleben überhaupt nichts zu zählen scheint. In dieser Woche lese ich gerade, dass in der Region Punjab ein christliches Ehepaar gefoltert und verbrannt worden ist, weil sie angeblich den Koran entweiht hätten. Niemand ist ihnen zur Hilfe gekommen. Das empfinde ich angesichts der Tatsache, dass wir hier in Westeuropa in einer freiheitlichen Demokratie leben, die auch Muslimen jedweder Herkunft die Möglichkeit zur Entfaltung gibt, als äußerst bedrückend. Ich muss das in meinen Gesprächen, die ich im Rahmen des «Runden Tisches der Religionen» regelmäßig mit Muslimen führe, ansprechen. Die Situation ist dort für Christen unerträglich, und man kann auf islamischer Seite solche Missstände nicht einfach damit abtun, dass es nun einmal in Pakistan zu besonderen Radikalisierungen komme.

Scheuermann: Wie können wir den Christen in Pakistan helfen?

Bischof Hein: Wir müssen für die verfolgten Christen in der Welt noch mehr beten. Diese Menschen werden massiv unterdrückt, verfolgt und – wenn es drauf ankommt – auch getötet. Außerdem müssen wir ihr Leiden öffentlich machen: Damit meine ich nicht nur die Situation in Pakistan, sondern auch in anderen muslimischen Ländern. Hier muss in der deutschen Außenpolitik mehr Verständnis für die bedrohte Lage der Christen in islamischen Ländern geweckt werden. Ich hoffe, dass dazu auch die Bereitschaft besteht. Die Tatsache, dass mit muslimischen Staaten etwa im Vorderen Orient gute Geschäfte – auch mit Waffenexporten – zu machen sind, darf nicht allein die Politik bestimmen. Vielmehr hat sie stärker Einfluss zu nehmen. Es geht um Menschlichkeit – und nicht allein ums Geschäft!

(07.11.2014)

Impressionen von der Pakistanreise

(alle Fotos: privat)

2014-11-07

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Download:

Predigt von Bischof Prof. Martin Hein im Gottesdienst am 02.11.2014 in der «Central Cathedrale of The Praying Hands», Lahore / Pakistan.

PDF-Dokument (englisch)