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medio-Interview mit Bischof Martin Hein
Nach den Terroranschlägen von Paris

Foto: Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer (Fotos: medio.tv/Archiv) Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer (Fotos: medio.tv/Archiv)
Das Interview mit Bischof Prof. Dr. Martin Hein führte Pfarrer Christian Fischer, Leiter der landeskirchlichen Medienagentur «medio!» am 15.1.2015 in Kassel.

Fischer: Die Attentate von Paris haben Europa und die Welt erschüttert. Herr Bischof, wie haben Sie diese Tage erlebt?

Bischof Hein: Ich war zu diesem Zeitpunkt in London. In allen öffentlichen Einrichtungen liefen die unterschiedlichen Nachrichtensender und haben direkt über die Vorkommnisse in Paris berichtet. Das ganze Ausmaß dessen, was dort von den Attentätern angerichtet worden ist, kam aber erst im Laufe des Tages zum Ausdruck und hat mich sehr erschüttert.

Fischer: Wie sehen Sie heute die Attentate?
 
Bischof Hein: Es gibt kein Ziel, das es rechtfertigt, Menschenleben bewusst aufs Spiel zu setzen. Dieses Menschen verachtende Handeln der Attentäter ist durch nichts, aber auch gar nichts zu rechtfertigen. Ich frage mich, was Menschen dazu bringt, mit dem Leben anderer so umzugehen, als hätten sie darüber die Verfügungsgewalt. Die steht niemandem zu.

Fischer: Was bedeuten diese Ereignisse für das Verhältnis von Christen, Muslimen und Juden?

Bischof Hein: Es ist durch die Gleichzeitigkeit der Attentate auf die Redaktion von Charlie Hebdo und auf den jüdischen Supermarkt deutlich geworden, dass im Hintergrund nicht nur politische Überlegungen, sondern tatsächlich auch religiöse Motivationen stehen. Das wirkt sich natürlich auf das Verhältnis dieser drei – miteinander verwandten – Religionen aus. Wir können nicht einfach dazu schweigen, dass Menschen, aus welchen Gründen auch immer, unsere Rechtsordnung zerstören wollen und sich dabei auf den Koran berufen. Das geht nicht. Ich erwarte von muslimischer Seite nicht nur eine Distanzierung von den Attentaten – das ist das Mindeste, alles andere wäre ja geradezu grotesk –, sondern ich erwarte, dass muslimische Verbände, aber auch muslimische Schulrichtungen insgesamt viel stärker Selbstkritik üben und deutlich erklären, dass die Berufung der Terroristen auf den Koran mit den Grundsätzen des Islam nicht vereinbar ist. Ich persönlich glaube, dass die christlichen Kirchen seit der Aufklärung einen zwar schmerzlichen, aber durchaus erfolgreichen Weg dieser Selbstkritik gegangen sind und sich daher jetzt nicht mehr zu Gräueltaten unmittelbar auf die Bibel berufen. Hier steht den Vertretern des Islam noch eine Menge Arbeit bevor.

Fischer: Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass Muslime jetzt auch in unserer Gesellschaft unter Generalverdacht gestellt werden?

Bischof Hein: Die Gefahr ist gegeben, wenn man einen Sündenbock sucht. Das darf aber nicht passieren. Ich glaube, es gibt zu einem ernsthaften Dialog der Menschen unterschiedlicher Religionen in unserem Land, aber auch in Europa, keine Alternative. Muslime unter Generalverdacht zu stellen, ist eine Schwarz-Weiß-Malerei, die ich nicht teilen kann. Es gibt viele Muslime, die sich bewusst zu unserer Rechtsordnung bekennen und die bei uns die Freiheit haben, in dieser Rechtsordnung auch ihren Glauben unbehindert zu leben. Dass auf der anderen Seite in den meisten muslimischen Ländern diese Freiheit Christen nicht zugebilligt wird, ist ein Ärgernis ersten Ranges und zeigt, dass der Islam insgesamt erst noch pluralismus- und demokratiefähig werden muss.

Fischer: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle von Pegida?

Bischof Hein: Diese Attentate sind ja Wasser auf die Mühlen von Pegida. Und wenn dann bei der letzten Demonstration Pegida dazu aufgerufen hat Trauerflor zu tragen, ist das pure Heuchelei. Ich glaube, es werden hier diffuse Ängste, die in unserer Bevölkerung vorhanden sind, ausgenutzt. Insofern spreche ich Pegida das Recht ab, sich in irgendeine Beziehung zu diesen Attentaten in Frankreich zu setzen. Aber unter der Hand werden sie sicher davon profitieren. Das wiederum macht die Diskussion bei uns so dringlich. Wir müssen uns fragen: Was sind das für Ängste, die diese Menschen vor allem in Sachsen bewegen, in einem Bundesland, in dem der Ausländeranteil verschwindend gering ist? Ich glaube, da kommen ganz unterschiedliche Motive zusammen. Es reicht nicht aus, sie einfach nur in die rechte Ecke zu stellen.

Fischer: Wo sehen Sie bei Pegida die Rolle der Kirche?

Bischof Hein: Die Position der evangelischen Kirche ist eindeutig: Wir sind gegen Pegida. Ich glaube auch nicht, dass die Islamisierung des Abendlandes eine reale Vorstellung ist. Da werden dumpfe Ängste kultiviert.

Fischer: Herr Bischof, vorgestern haben in Berlin Vertreter aller Religionsgemeinschaften ein Zeichen gesetzt gegen Terror und Ausgrenzung. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht solche Zeichen?

Bischof Hein: Die Mahnwache in Berlin war vor allem deswegen wichtig, weil sie zeigt, welches friedenschaffende Potential den Religionen eigentlich inne wohnt. Und es war wichtig zu zeigen, dass Religion nicht der Auslöser für all diese Schwierigkeiten ist. Es gibt ja inzwischen in Deutschland eine spürbare Welle von Meinungen, die davon ausgeht, dass eigentlich die Religionen das entscheidende Übel sind. Es wird unterstellt, dass sie die Gewalt freisetzen, die sie hinterher glauben wieder dämpfen zu können. Wir haben es in Deutschland inzwischen mit einer starken atheistischen oder zumindest säkularen Strömung zu tun. Da war es wichtig, dass die Vertreter der Religionen gemeinsam aufgetreten sind und deutlich gesagt haben, dass die Religion dem Frieden dient. Jede Religion, die das nicht tut, hat in unserem Land nichts zu suchen.

Fischer: Gestern ist die Zeitschrift Charlie Hebdo zum ersten Mal seit dem Anschlag erschienen. Erneut mit einer Mohammed Karikatur. Die Frage also bleibt: Darf es oder muss es bei Karikaturen über Religion Grenzen geben?

Bischof Hein: Wir müssen und wir dürfen damit leben, dass wir in einer freiheitlichen Demokratie zu Hause sind. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Das Strafrecht ist der falsche Weg, um hier einzuschreiten. Immer gibt es Grenzen des guten Geschmacks, und gegen Dummheit und Borniertheit kann man auch mit dem Strafrecht nicht vorgehen. Für mich ist das Ganze eine Frage der Ästhetik, und mich überzeugt der Witz dieser Karikaturen überhaupt nicht. Aber das ist eine Frage des Geschmacks und keine des Strafrechts. Das muss man ertragen können. Dennoch man kann den Leuten sagen, dass man das als «unterste Schublade» empfindet. Man kann das auch laut sagen. Das ist kein Eingriff in die Meinungsfreiheit, sondern ein Ausdruck der eigenen Meinungsfreiheit. Also: Ich finde die Karikaturen, die Charlie Hebdo veröffentlicht, zum Teil ausgesprochen problematisch. Aber das ist Geschmackssache.

Fischer: Nach diesen Tagen der Gewalt in Frankreich sind die Menschen verunsichert. Was ist aus Ihrer Sicht jetzt in Deutschland das Gebot der Stunde?

Bischof Hein: Am Schlimmsten finde ich, dass die Attentäter erreicht haben, dass wir uns in unserer freiheitlichen Demokratie verunsichert fühlen und uns daraufhin selbst in unserer Freiheit beeinträchtigen. Ich denke, wir sollten uns keine Angst machen lassen.

Fischer: Herr Bischof, vielen Dank für das Gespräch!

(15.1.2015)

2015-01-16

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