a16469

medio-Sommerinterview 2015 mit Bischof Martin Hein

Foto: Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer (Fotos: medio.tv/Schauderna) Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer (Fotos: medio.tv/Schauderna)
Das Interview führte der Leiter des Medienhauses der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Pfarrer Christian Fischer, am 16.7.2015 in Kassel.
 
Fischer: Herr Bischof, Europa ringt seit Monaten um den Euro. Was sagen Sie zur derzeitigen Einigung der Gläubigerländer mit Griechenland?
 
Bischof Hein: Wenn es gelingt, die Vorschläge, die von den Gläubigerländern vorgetragen worden sind und die jetzt mit Mehrheit im griechischen Parlament akzeptiert worden sind, umzusetzen, ist das ein guter Weg zur Besserung.
 
Fischer: Wie haben Sie die Diskussion um den «Grexit» erlebt? Haben Sie auch mal mit dem «Grexit» geliebäugelt?
 
Bischof Hein: Die griechische Regierung hat hoch gepokert und sie hat vor allem eines getan, was man in der Politik nicht tun sollte: Sie hat Vertrauen verspielt. Insofern ist wahrscheinlich vielen der Gedanke gekommen: Jetzt reicht es. Wenn es dazu kommt, dass die griechische Regierung die Vorgaben der Geberländer umsetzt, bin ich aber optimistisch, dass Griechenland auf Dauer geholfen werden kann. Das hat sich ähnlich bei den baltischen Staaten und auch in Portugal gezeigt.
 
Fischer: Ist denn dieser Weg des Sparens aus Ihrer Sicht überhaupt richtig? Es gibt ja viele Menschen, die sagen, man muss mehr lernen zu teilen, Solidarität ist ein Stichwort. Dagegen propagiert die Bundesregierung: Hilfe nur gegen Gegenleistung.
 
Bischof Hein: Beides gehört zusammen. Es besteht auf der einen Seite die Notwendigkeit, bestimmte Einsparungen vorzunehmen. Der griechische Haushalt kann nicht weitergeführt werden, wie er ist. Auf der anderen Seite ist die Solidarität, die in vielen europäischen Ländern bisher zutage getreten ist, außergewöhnlich hoch. Die Bundesrepublik wird bei dem neuen Hilfspaket rund 21 Milliarden aufbringen. Ich empfinde das als einen erheblichen Beitrag – auch angesichts der Tatsache, dass man sagen könnte, dieses Geld könnte auch in Deutschland verwendet werden. Wir stehen zu unserer europäischen Solidarität. Das ist mein Eindruck.
 
Fischer: Welche Auswirkungen hat diese Krise auf eine Region wie Kurhessen-Waldeck?
 
Bischof Hein: Wir sind ja nun nicht marktentscheidend in Deutschland, aber es könnte eine Politikverdrossenheit aus dem Eindruck heraus eintreten: Wir kommen im Grunde über Monate nicht weiter. Es bewegt sich gar nichts. Die Situation verschlimmert sich vielmehr. Das kann dazu führen, dass die Menschen irgendwann das Thema Griechenland schlichtweg über haben. Das merkt man inzwischen auch an den Zeitungsmeldungen. Griechenland steht nicht immer mehr auf Platz eins. Es gibt einen Übersättigungsgrad. Deswegen wäre es gut, wenn bald tragfähige Beschlüsse und Umsetzungen kommen würden.
 
Fischer: Hinter den Staaten und den Volkswirtschaften stehen Menschen. In Griechenland leben Christen wie in Deutschland. Was bedeutet dieser Konflikt mit Griechenland für das Verhältnis der Christen?
 
Bischof Hein: Das habe ich auch Vertreter der Deutschen Evangelischen Gemeinden in Griechenland gefragt. Sie sagen, unmittelbar spüren sie keine Aversionen. Allerdings hält sich für meine Einschätzung die griechisch-orthodoxe Kirche in diesem ganzen Konflikt zu stark zurück. Sie ist einer der größten Grundbesitzer in Griechenland und hat durchaus auch politischen Einfluss. Da würde ich mir mehr deutliche Zuneigung zu Europa wünschen. Wir haben die Konferenz Europäischer Kirchen, die in diesem Zusammenhang auch eher schweigt. Das mag damit zu tun haben, dass wir alle von den Summen, um die es geht, schlichtweg gelähmt sind. Worte des Metropoliten von Athen oder aus dem Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel könnten zur Klärung innerhalb Griechenlands beitragen. Aber die Krise wird nicht von den Kirchen gelöst werden. Wir können die Menschen begleiten. Das bedeutet einerseits, ehrlich zu benennen, dass bestimmte Einschnitte erfolgen müssen. Das heißt aber auf der anderen Seite auch, den Gedanken der Humanität in den Vordergrund zu rücken.

2015-07-24

Fischer: Werfen wir einen Blick auf Osteuropa: Da gibt es den Ukrainekonflikt. Wie sehen Sie die aktuelle Situation zwischen Russland und Deutschland?

Bischof Hein: Das Verhältnis zu Russland ist inzwischen wieder von Realismus geprägt. Realismus heißt auf der einen Seite, Russland empfindet sich als Großmacht und hat damit ein Bedrohungspotenzial vor allem für die angrenzenden baltischen Staaten, aber auch für Polen. Auf der anderen Seite ist Russland ein unverzichtbarer Wirtschaftspartner Deutschlands. Trotz aller Interventionen, etwa auf der Krim, und trotz der Boykottmaßnahmen, die von westlicher Seite aus beschlossen worden sind, haben diese Beziehungen weitgehend gehalten. Das Problem für mich ist eher, dass wir wieder in Ost-West-Kategorien denken und den Osten misstrauisch betrachten. Ich glaube, wenn alle zu mehr Nüchternheit zurückkehren, wird sich das Verhältnis klären. Aber Russland muss sich natürlich fragen lassen, wie es mit seinem imperialistischen Anspruch auf Dauer umzugehen gedenkt.
 
Fischer: Waren oder sind Sanktionen das richtige Mittel?
 
Bischof Hein: Die Tatsache, dass das Völkerrecht gebrochen wurde, halte ich für so schwerwiegend, dass man auch mit Sanktionen antworten muss. Die Sanktionen sind ausgesprochen dosiert vorgenommen worden. Das zeigt die Tatsache, dass weiterhin viele Wirtschaftsbeziehungen vorhanden sind. Wie sähen wir aus, wenn wir die Erdgaslieferung aus Russland nicht hätten!
 
Fischer: Wir haben Partnerkirchen in der Region. Wie sehen diese die Situation?
 
Bischof Hein: In Estland gibt es eine große Furcht und deswegen auch ein starkes Beharren darauf, dass die NATO Flagge zeigt. Das darf aber nicht zu einer Provokation führen, denn ein Drittel der Bevölkerung in Estland sind Russen. Es geht eher darum, diesen in den Hintergrund gerückten Bevölkerungsteilen die gleichen Möglichkeiten zu geben, wie sie die Esten ihrerseits bekommen. Die EU sollte sich stärker auf die Entwicklung der östlichen Teile in Estland beziehen. In Narva etwa leben 90 Prozent Russen. Die wollen gar nicht nach Russland zurück, weil der Lebensstandard in Estland höher ist. Aber sie wollen natürlich Möglichkeiten der Partizipation am öffentlichen Leben haben. Insgesamt, das habe ich im Frühjahr bei meinem Besuch in Estland erfahren, ist die Angst vor einer russischen Intervention gewachsen. Ob sie real ist, vermag ich nicht zu beurteilen.
 
Fischer: Ängste in den Partnerkirchen. Was kann da die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck tun, was können Christen tun?
 
Bischof Hein: Wir können für den Frieden in der Welt beten. Das ist unsere wichtigste Aufgabe, unabhängig davon, wo die Krisenherde liegen. Aber wir können auch in Gesprächen mit den Vertretern der Kirchen in diesen Ländern sagen, dass wir die Entwicklung ihres Landes mit Aufmerksamkeit beobachten. Und wir können Politikern in Deutschland von diesen Beobachtungen berichten. Ich glaube, dass wir als Kirchen über die Situation in allen Ländern, in denen wir Partnerkirchen haben, besonders gut informiert sind.
 
Fischer: In der Ukraine flüchten Menschen, noch mehr sind es in Syrien und anderen Teilen der Welt. Aus welchen Gründen müssen sich Christen hier in Deutschland mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigen?
 
Bischof Hein: Zum einen, weil es ein Gebot unmittelbarer Humanität ist, Menschen, die keine Heimat haben, Heimat zu geben. Das ist ein unabweisbares Gebot, und es hat zunächst mit dem Christentum gar nichts zu tun. Christlich motiviert aber heißt das: Wir tun es in einer bestimmten Perspektive. Wir wissen, dass Jesus als Heimatloser in diese Welt kam. Im Johannesevangelium heißt es: Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Geboren wird er in einer Krippe, also eher in einem obdachlosen Umfeld. Und kurz nach seiner Geburt wird er auch schon verfolgt und muss ins Exil gehen, nach Ägypten. All dies zeigt, dass an den Anfängen des Christentums die Frage nach Flucht und Heimat eine große Rolle spielt und sich in Jesus verkörpert. Das könnte für uns ein Impuls sein, uns besonders mit der Frage der Heimatlosigkeit in dieser Welt zu beschäftigen und dafür einzutreten, dass Menschen ein sicheres Zuhause haben.
 
Fischer: Herr Bischof, was berührt Sie ganz persönlich am Schicksal von Flüchtlingen?
 
Bischof Hein: Heute Morgen habe ich gehört, dass wieder 2.700 Menschen im Mittelmeer aus Seenot gerettet worden sind. Die Zahlen werden steigen. Mich berührt, wie viele Menschen ihr Leben aufs Spiel setzten, um sicher in Europa leben zu können. Das bedeutet für mich auch, dass auf Dauer geschaut werden muss: Wie sind eigentlich die Lebensverhältnisse dort, wo die Menschen ihre Heimat verlassen? Warum verlassen sie ihre Heimat? Lässt sich vor Ort etwas ändern? Müssen die politischen Verhältnisse nicht anders werden, so dass Menschen auch eine Perspektive bei sich zu Hause sehen? Niemand verlässt freiwillig gern seine Heimat.
 
Fischer: Eine Erfahrung, die vielen Deutschen nicht fremd ist...

Bischof Hein: ... 14 Millionen Deutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Ostgebieten vertrieben und fanden hier eine neue Heimat. Sie sind nicht gern gekommen und haben nicht gern ihre Heimat verlassen. Das gilt ebenso für all jene, die während der Zeit des Nationalsozialismus emigrieren mussten. Sie sind nicht freiwillig gegangen. Genauso ist das heute. Man verlässt seine Heimat ungern. Daher  ist es notwendig, auch die Ursachen dieser Migrationsbewegungen, wie sie freundlich beschrieben werden, zu verändern. Ich glaube allerdings, dass wir es mit einer Zeit der Völkerwanderung zu tun haben werden.
 
Fischer: Was kann die evangelische Kirche mit ihren Kirchengemeinden konkret tun angesichts dieses Flüchtlingsstromes?
 
Bischof Hein: Konkret: Wir haben die Personalstellen für Beratungen von Flüchtlingen erhöht. Das sind unmittelbare Maßnahmen. Die verändern die Situation in den Heimatländern nicht, aber sie ermöglichen es uns, Menschen, die zu uns kommen, um hier zu leben, in angemessener Weise zu beraten und zu betreuen. Das ist das Erste.
Das Zweite ist: Es gibt eine ganze Fülle von Initiativen in Kirchengemeinden, gerade dort, wo es Flüchtlingsunterkünfte gibt. Initiativen geben etwa Flüchtlingen Deutschkurse zu einem Zeitpunkt, an dem ihnen Deutschkurse rechtlich noch nicht zustehen, sodass sie sich wenigstens in Deutschland verständigen können. Da habe ich beeindruckende Beispiele bei meinen Besuchen in Flüchtlingsheimen erlebt.
 
Fischer: Die Herausforderungen werden zunehmen. An welche Orte in unserer Region denken Sie hier besonders?

Bischof Hein: In unserer Landeskirche gibt es Orte, in denen bisherige Einrichtungen, etwa der Bundeswehr, geöffnet werden, um dort eine nicht unerhebliche Anzahl von Flüchtlingen aufzunehmen. Ich denke etwa an Neustadt im Kreis Marburg-Biedenkopf oder an Rotenburg an der Fulda, wo in den nächsten Wochen große Aufnahmelager entstehen werden, in denen die Flüchtlinge maximal zwei Wochen bleiben, um dann an andere Orte weitergeleitet zu werden, oder an Calden, wo wir mit der Aufnahme von 1.000 Menschen in Zelten rechnen. Wir können dort nur begleitend helfen. Ganz wesentlich aber ist es unsere Aufgabe, dass wir uns im öffentlichen Gespräch in den jeweiligen Orten einbringen, denn es gibt natürlich auch Vorbehalte dagegen, dass möglicherweise bis zu fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge sind. Das ist für Kommunen, die darauf nicht langfristig vorbereitet sind, keine einfache Sache.
 
Fischer: Manche Menschen fühlen sich verunsichert, andere protestieren gegen Flüchtlingsunterkünfte. Haben Sie denn Verständnis für Menschen, die sagen: Mit dieser großen Zahl von Flüchtlingen in der Nachbarschaft komme ich nicht klar?
 
Bischof Hein: Bei einer Veranstaltung des Bundespräsidenten, an der ich teilgenommen habe, hat er die Attacken auf Flüchtlingsheime «abscheulich» genannt. Diesem Urteil kann ich mich nur anschließen. Ich betrachte diese Übergriffe als Ausdruck einer Hilflosigkeit, sich mit neuen Gegebenheiten auseinander zu setzen, und auch als Ausdruck von dumpfer Borniertheit. Aber letzten Endes müssen wir versuchen, auch mit jenen, die sich jetzt als ausgesprochen kaltherzig zeigen, ins Gespräch zu kommen und sie dazu zu bewegen, Menschlichkeit walten zu lassen.
 
Fischer: Wie kann das gelingen?
 
Bischof Hein: Miteinander reden, miteinander reden und miteinander reden.
 
Fischer: Und welche Rolle sollte da die Kirchengemeinde vor Ort einnehmen?
 
Bischof Hein: Wir sollten Räume dafür öffnen, um über diese Fragen nachzudenken. Was heißt es, dass Menschen zu uns kommen, die ursprünglich gar nicht hierher kommen wollten, die aber jetzt da sind? Und was bedeutet das für die Veränderung unserer Gesellschaft? Macht uns das Angst oder nehmen wir das als eine Situation an, die nun einmal schlicht gegeben ist? Ich rate von Angst ab, obwohl man davon nicht abraten kann. Sie ist vorhanden, und darüber muss gesprochen werden. Ich setze auf die Überzeugung, dass es gut ist, wenn wir diesen Menschen helfen.
 
Fischer: Also, die evangelischen Kirchengemeinden als Forum für das Gespräch, auch mit Kritikern von Asylaufnahmeeinrichtungen?
 
Bischof Hein: Soweit sich diese Menschen zu erkennen geben, ja. Es gibt ja vieles im Hintergrund, das heimlich geschieht. Das verurteilen wir.
 
Fischer: Was erhoffen Sie sich und was befürchten Sie konkret in Hessen?
 
Bischof Hein: Ich erhoffe mir eine Willkommenskultur. Es ist doch beeindruckend, dass 70 Jahre nach Kriegsende die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kommen wollen, weil wir ein offenes, tolerantes Land sind. Das ist nicht unsere Tradition, aber es hat sich inzwischen bewährt. Natürlich wird es Konflikte geben, und die müssen dadurch bearbeitet werden, dass wir miteinander reden und dass es Begegnungen zwischen den Menschen gibt. Hier liegt noch eine Menge vor uns. Ich glaube auch, dass die Kirchengemeinden dazu einen wichtigen Beitrag als Schulen der Toleranz bieten können. Und dann bin ich gar nicht so negativ oder kritisch oder auch pessimistisch eingestellt. Es gibt gegenwärtig ein hohes Maß an Bereitschaft, Menschen, die aus anderen Ländern kommen, bei uns aufzunehmen.

Fischer: Aufzunehmen wohin? Wie integrationsfähig ist unsere Gesellschaft?
 
Bischof Hein: Man hört oft den Vorwurf, es würden sich bald Parallelgesellschaften entwickeln, die nichts mehr miteinander zu tun haben. Das vermute ich eher nicht. Lieber möchte ich den Begriff der «Simultangesellschaften» und der «Simultankulturen» in die politische Debatte einführen. Menschen anderer Herkunft und Tradition brauchen untereinander das Gefühl von Beheimatung. Das kann in religiöser oder in sonstiger kultureller Hinsicht sein. Und sie öffnen sich für das Land, in dem sie nun leben. Wir brauchen Beheimatung und zugleich Offenheit für die Pflege der eigenen Traditionen. Dafür ist meines Erachtens der Begriff «Simultankulturen» angemessen. Was mir vorschwebt, ist die afghanische oder türkische Studentin, die in ihrem Lebenszusammenhang religiös geprägt ist, aber die hier in Deutschland Erziehungswissenschaften studiert, weil sie hier Abitur gemacht hat und später als Lehrerin an der Grundschule tätig ist. Das Ziel ist eine offene Gesellschaft, die allerdings Beheimatung im Eigenen ermöglicht.
 
Fischer: Ist dann der evangelische Kosmos einer von vielen in dieser Gesellschaft oder hat er noch eine übergreifende Funktion?
 
Bischof Hein: Wir haben uns in unserer Landeskirche gerade mit der Frage beschäftigt: Wie ist das mit den evangelischen Gemeinden anderer Herkunft und Sprache? Wir haben zum Beispiel auf dem Gebiet unserer Landeskirche evangelische Gemeinden aus Ghana oder aus Korea. Evangelisch ist mehr als deutsch, evangelisch ist weltweit. Das ist etwas, das allmählich ins Bewusstsein tritt. Da kommen unterschiedliche gottesdienstliche Traditionen zum Ausdruck, und wenn unsere Gemeinden klug sind, werden sie sich dem öffnen.
 
Fischer: Klugheit ist sicher auch beim Sparen ein guter Ratgeber. Herr Bischof, die Landeskirche hat sich das Ziel gegeben, 25 Prozent ihrer Ausgaben bis zum Jahr 2026 einzusparen. Warum eigentlich?
 
Bischof Hein: Niemand möchte gerne freiwillig einsparen. Aber wir gehen davon aus, dass die Anzahl der Gemeindeglieder leider weiter zurückgeht, und wir müssen dem frühzeitig Rechnung tragen, damit wir auch in zehn bis zwanzig Jahren noch handlungsfähig sind. Ich glaube, dass es gut ist, das mit Augenmaß zu tun. Die gegenwärtige wirtschaftliche Situation hilft uns, da wir nicht unter einem allzu extremen Druck stehen. Aber es ist nicht gesagt, dass die Situation so bleibt. Also hat die Synode entschieden, frühzeitig zu planen. Dazu gehört eine realistische Einschätzung unserer Situation in zehn bis zwanzig Jahren.
 
Fischer: Wie wollen Sie die Aufgabe bewältigen? Wie wollen Sie sparen?
 
Bischof Hein: Wir haben dazu einen Zukunftsausschuss eingesetzt, der der Synode ein ganzes Bündel von Vorschlägen gemacht hat. Diese Vorschläge sind in unterschiedlichsten Arbeitskreisen überprüft und konkretisiert worden. Im Abschlussdokument des sogenannten Begleitausschusses wird deutlich werden, ob das ursprünglich geplante Ziel, einer Reduzierung um ein Viertel des Haushaltes, erreicht wird. Das kann ich im Augenblick nicht absehen. Die Umsetzung erfolgt in einem hochsensiblen partizipatorischen synodalen Prozess, auf den sich Gemeinden, Kirchenkreise, Kreissynoden, vor allem aber auch die Mitglieder der Landessynode intensiv vorbereiten werden und bereits vorbereitet haben.
 
Fischer: Herr Bischof, auf der Herbstsynode 2015 soll es dann wirklich konkrete Beschlüsse geben. Was erwarten Sie von dieser Synode?
 
Bischof Hein: Ich erwarte, dass die Synodalen umfassend informiert sind, dass sie sich noch einmal über die Zielsetzung verständigen, und dass dann mutige Beschlüsse gefasst werden. Ich glaube nicht, dass es gut ist, sich im «Klein-Klein» zu verzetteln. Wir brauchen in der Synode die große Linie. Darin wird sich die Synode als kirchenleitendes Organ bewähren. Insgesamt erwarte ich eine spannende Herbstsynode, die auch für die Öffentlichkeit sicher manche interessante Fakten bereithält.
 
Fischer: Die Synode tagt öffentlich und das aus gutem Grund. Da braucht man nichts auszuspähen. Auf der anderen Seite machen viele Menschen die Erfahrung, dass ihre Daten nicht mehr sicher sind. Nach den Geheimdienstaffären wissen wir: Wir werden alle ausgespäht. Wie empfinden Sie das, dass man nicht mehr weiß, wer hört hier eigentlich noch mit und wo hat die Vertraulichkeit ein Ende?
 
Bischof Hein: Ich empfinde das als bedrückend. Vor allem, weil ich nicht weiß, welche der alltäglichen Nutzungen, etwa des Internets oder des Handys, dazu führen, dass Informationen über mich gespeichert werden. Damit muss ich aber scheinbar in einer globalisierten Welt, in der die Ausspähung ja nicht nur in Deutschland stattfindet, sondern auch von außen kommt, leben.
 
Fischer: Hat sich Ihr Verhalten verändert, nachdem Sie das alles erfahren haben?
 
Bischof Hein: Nein, ich war immer schon relativ zögerlich hinsichtlich der Nutzung der sozialen Medien, weil sie nicht nur etwas von mir darstellen, sondern auch ein Einfallstor für unerwünschte Eingriffe sein können.
 
Fischer: Und was raten Sie jungen Menschen für die deren Nutzung ganz selbstverständlich ist?
 
Bischof Hein: Auch wenn das etwas altbacken klingt: zur Vorsicht. Ganz wesentlich ist es, dass in den Schulen der Aspekt der Medienpädagogik wichtiger wird. Dabei geht es nicht um die Frage: Wie nutze ich die modernen Medien?, sondern um die Frage: Wie gehe ich so mit ihnen um, dass ein hohes Maß an eigener Integrität gewährleistet bleibt?
 
Fischer: Herr Bischof, Sie sind im November letzten Jahres in den Deutschen Ethikrat berufen worden. Was kann man dort eigentlich bewirken?
 
Bischof Hein: Der Deutsche Ethikrat ist eine wichtige Einrichtung von Bundestag und Bundesregierung, die unterschiedliche Strömungen unserer Gesellschaft in sich vereint. Hier wird auf hohem Niveau über ethische Fragestellungen diskutiert, die sich aus der Entwicklung unserer Gesellschaft ergeben: Wie ist das mit all diesen Datensätzen, die über uns bestehen? Oder: Wie ist das mit dem «gläsernen Patienten», wie wird mit unseren Krankendaten umgegangen? Das sind wichtige Fragestellungen. Daneben, und das hat mit dem naturwissenschaftlich medizinischen Fortschritt zu tun, beschäftigen wir uns gegenwärtig in einer Arbeitsgruppe, der ich angehöre, mit dem Thema der Embryonenspende. Was passiert mit den überzähligen Embryonen, die gelagert werden? Kann man sie nutzen, um einem kinderlosen Ehepaar zu Kindern zu verhelfen? Auch da gibt es gesetzliche Grauzonen, in denen wir für Klarheit sorgen möchten. Das sind spannende Fragestellungen, die es erfordern, dass ich mich intensiv in eine wissenschaftliche Debatte einarbeite.
 
Fischer: Und was kann man bewirken als einer von 24 Mitgliedern im Ethikrat?

Bischof Hein: Sie können nur etwas bewirken, wenn sie gute Argumente haben und wenn sie diese auch in einer kommunikativen Form vorbringen.
 
Fischer: Welches Thema liegt Ihnen in diesem Ethikrat zurzeit besonders am Herzen?
 
Bischof Hein: Ich engagiere mich in der Arbeitsgemeinschaft Embryonenspende. Auf Dauer, glaube ich, werden wir uns auch mit der Frage der selbststeuernden Systeme auseinandersetzen.
 
Fischer: Können Sie das erläutern kurz?
 
Bischof Hein: Zum Beispiel wird es Autos geben, die gar nicht mehr von uns gesteuert werden. Es entstehen gewissermaßen autonome Systeme, denen wir uns ausliefern. Was hat das mit der menschlichen Willensfreiheit zu tun, und wie können wir diese selbststeuernden Systeme, die es etwa schon in der Fertigung in Unternehmen gibt, einerseits nutzen, andererseits aber auch dazu kommen, dass sie uns nicht beherrschen.
 
Fischer: Und welches Thema würden Sie selbst gerne auf die Agenda des Deutschen Ethikrates setzen?
 
Bischof Hein: Ein Thema, das mir wichtig ist, ist die Frage, wie wir uns angesichts der zunehmenden Flüchtlingsströme in Deutschland verhalten. Hier ist aber zunächst innerhalb des Ethikrates zu klären, ob er etwas dazu sagen kann und soll, oder ob er in erster Linie dafür da ist, wissenschaftsbegleitend tätig zu sein.
 
Fischer: Herr Bischof, Sie haben jetzt bald Urlaub. Wo werden Sie ihn in diesem Jahr verbringen?
 
Bischof Hein: In diesem Jahr geht es in ein junges EU-Land, das auch den Euro eingeführt hat, nach Slowenien. Und dort will ich zum einen im Triglav, also in den Julischen Alpen, wandern, zum anderen aber auch die wechselvolle Geschichte dieses Landes kennen lernen.
 
Fischer: Herr Bischof, dann wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau einen schönen Urlaub und bedanke mich für das Gespräch.
 
Bischof Hein: Vielen Dank

(16.7.2015)

Übersicht

Hier gelangen Sie wieder zurück zur vorherigen Übersicht:

zurück