a21126

medio-Sommerinterview 2016 mit Bischof Martin Hein

Foto: Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer (Foto: medio.tv/Schauderna) Bischof Martin Hein (l.) mit Pfarrer Christian Fischer (Foto: medio.tv/Schauderna)
Bischof Prof. Dr. Martin Hein stellte sich den Fragen von Pfarrer Christian Fischer, Leiter des Medienhauses der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, am 26. Juli 2016 in Kassel.
 

Fischer: Herr Bischof, ein Amoklauf in München, Anschläge in Würzburg, in Nizza, in Ansbach und in einer Kirche in Frankreich. Wird die Welt immer unsicherer?

Bischof Hein: Es scheint so, obwohl statistisch gesehen die Gefahr, durch andere Umstände ums Leben zu kommen, sehr viel größer ist. Aber das ändert nichts daran, dass wir es mit einer massiven Folge von zum großen Teil auch religiös motivierten Anschlägen zu tun haben, die uns Sorge machen.

Fischer: Die Grenzen, die man zwischen Terror und Amoklauf gezogen hat, scheinen immer mehr zu verschwimmen, die Angst aber bleibt. Wie mit dieser Angst umgehen?

Bischof Hein: Gegen die Angst hilft zunächst nur eines: realistisch hin zu schauen. Nicht alles kann im Leben abgesichert werden. Es ist völlig falsch, sich jetzt von öffentlichen Plätzen fern zu halten. Das würde unser Leben in eine Nische drängen, die unserem gesamten Lebensgefühl vollkommen widerspricht. Auf der anderen Seite ist es notwendig, deutlicher Polizeipräsenz zu zeigen, um damit eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Aber wir müssen ganz klar sagen: Eine letzte Sicherheit gibt es angesichts des entschlossenen Willens von Menschen, andere umzubringen, nicht. Die gibt es weder in Deutschland noch in Frankreich noch angesichts der oft ganz anders motivierten Attentate in den USA.

Fischer: Sie haben die Sicherheitslage angesprochen. Wo sehen Sie Defizite? Und welche Rolle spielt die Flüchtlingssituation angesichts dieser Sicherheitsfrage?

Bischof Hein: Ich sehe die Gefahr, dass die Aufnahme von Flüchtlingen jetzt politisch ausgeschlachtet wird. Nicht jeder Flüchtling ist prinzipiell ein IS-Gewalttäter, wie auch nicht jeder Flüchtling ein «guter Mensch» ist. Da haben wir uns vielleicht im letzten Jahr etwas naiv verhalten. Ich halte es für notwendig, dass Straftaten mit der entsprechenden Konsequenz verfolgt werden. Gleichzeitig dürfen nicht alle Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, unter Generalverdacht gestellt werden.

Fischer: Wie empfinden Sie die aktuelle Situation?

Bischof Hein: Wir leben in einer hysterisch aufgeladenen Situation. Wir hatten uns eher vorgestellt, dass solche Gewaltexzesse aufgrund der laschen Waffengesetzgebung in den USA beheimatet wären. Jetzt rückt der Terror näher. Dass er Frankreich heimsucht, hat auch damit zu tun, dass Frankreich sehr stark den IS bekämpft. Dass er jetzt zu uns kommt, ist schmerzlich. Man kann den Sicherheitsorganen keinen Vorwurf machen. Ich glaube sogar, dass sie in München und Ansbach ausgesprochen besonnen reagiert haben. Aber vor Amokläufen oder Terroranschlägen gibt es keine letzte Sicherheit.

Fischer: Offensichtlich scheint sich Gewalt immer mehr mit religiösen Vorstellungen zu verbinden. Was sagen Sie als Bischof dazu?

Bischof Hein: Gewalt löst keinerlei Probleme in dieser Welt, sondern schafft nur noch mehr Probleme. Ich erwarte, dass sich die Vertreter der islamischen Glaubensrichtungen nicht nur distanzieren, sondern dass sie sich ihrerseits direkt an all jene wenden, die sich verblendet auf den Koran oder auf islamische Traditionen berufen. Da nützt es nichts, in der Öffentlichkeit zu sagen, die Gewalt habe nichts mit dem Islam zu tun. Natürlich hat das etwas mit dem Islam zu tun! Ich würde mir wünschen, dass religiöse Führer auch in den vorderorientalischen Ländern deutlicher denjenigen Einhalt gebieten, die im Namen Allahs dieses Unrecht begehen.

Fischer: Sie sehen da bisher ein deutliches Defizit?

Bischof Hein: Ich wünsche mir im Islam mehr Überzeugungskraft für Frieden und Toleranz.

Fischer: Und was kann die christliche Kirche, was können die christlichen Gemeinden tun angesichts des Terrors?

Bischof Hein: Erstens für den Frieden beten, zweitens deutlich machen, dass Gewalt keine Probleme löst, drittens dialogfähig bleiben mit Menschen guten Willens anderer Religionen und viertens klar sagen, dass es hier in Deutschland zivilisiert nach den Maßstäben eines Rechtsstaats zugeht und dass wir uns diesen Rechtsstaat nicht aus der Hand nehmen lassen. Von niemandem.

2016-08-04

Fischer: Herr Bischof, werfen wir einen Blick auf ein anderes Thema: Wohin geht aus Ihrer Sicht die Reise in der Türkei?

Bischof Hein: Wenn es stimmt, dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putsch gestanden hat, dann geht es um zwei Extreme, die beide eine islamische Revolution in der Türkei beabsichtigen. Das bedeutet, dass nach hundert Jahren der Kemalismus – die strikte Trennung zwischen Religion und Staat – ans Ende kommt. Das ist nicht verwunderlich, denn die gegenwärtige Situation in den muslimischen Ländern ist eindeutig an der Identität von Religion und Staat ausgerichtet. Insofern war die Türkei in mancher Hinsicht einmal ein Sonderfall. Ich erwarte eine Verhärtung des Gegenübers, auch zur Europäischen Union. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, die ja ohnehin schon auf Sparflamme geführt worden sind, noch weiter fortgesetzt werden.

Fischer: Was bedeutet das für das Verhältnis Türkei - Deutschland, aber auch für das Verhältnis von Muslimen und Christen in Deutschland?

Bischof Hein: Ich glaube, dass wir uns noch wundern werden. Die innertürkischen Auseinandersetzungen setzen sich hier in Deutschland fort. Es ist nicht so, dass die in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken das Geschehen in der Türkei einfach teilnahmslos beobachten, sondern sie ordnen sich bestimmten Gruppierungen zu. Das wird unter den Türken selbst stärkere Konflikte zur Folge haben, möglicherweise aber auch gegenüber der deutschstämmigen Bevölkerung zu Auseinandersetzungen führen. Wir müssen darauf bestehen: Hier in Deutschland herrschen rechtsstaatliche Bedingungen, an die sich alle, gleich welcher Herkunft, zu halten haben. Das betrifft auch das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen. Ich glaube, dass der Dialog insgesamt schwieriger werden wird. Gerade dadurch, dass bestimmte türkische Gruppierungen, mit denen wir bisher ausgesprochen gute Kontakte haben, jetzt sehr stark unter dem Erdogan-Diktat stehen.

Fischer: An welche denken Sie?

Bischof Hein: Ich denke an die DiTiB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, Anm. der Redaktion). Unsere Sicht ist, dass Staat und Religion, auch wenn sie Beziehungen zueinander haben, letzten Endes getrennt bleiben müssen. Ich sehe auch Probleme für die in der Türkei lebenden Christen, die angesichts dieses Schubs von Islamisierung in der Türkei in der Tat kaum Gelegenheit haben, ihren eigenen Glauben zu leben.

Fischer: Werfen wir den Blick auf einen anderen Teil Europas: Die Briten haben sich in einem sehr knappen Volksentscheid  für den Ausstieg aus der EU, also den Brexit, entschieden. Wie hat Sie diese Nachricht erreicht und wie gehen Christen in Großbritannien mit dieser Entscheidung um?

Bischof Hein: Zum Zeitpunkt des Brexit-Ergebnisses war ich auf der Tagung des Zentralausschusses des Weltkirchenrates im norwegischen Trondheim und konnte dort unmittelbar die Reaktionen der britischen Vertreter – also nicht nur der englischen – mitbekommen. Die Kirchen hatten in Großbritannien eindeutig für einen Verbleib in der EU votiert. Wenn man sich das Ergebnis anschaut, war es eher die ältere und die ländliche Bevölkerung, die für einen Brexit gestimmt hat. Das ist ein Ergebnis, das jetzt umgesetzt werden muss. Man kann nicht auf der einen Seite einen Volksentscheid befürworten und durchführen und sich andererseits dann nicht mehr an das Ergebnis halten wollen. Auch wenn das vielen, gerade in London als einer der wesentlichen Finanzmetropolen der Welt, nicht gefällt. London ist eben auch ein Teil Großbritanniens, und die Mehrheit hat anders entschieden.

Fischer: Wie stehen sie generell zu solchen Volksentscheiden?

Bischof Hein: Ich bin ein vehementer Anhänger der repräsentativen Demokratie, halte Volksentscheide nur dann für sinnvoll, wenn sie auf lokaler und regionaler Ebene durchgeführt werden. Für den nationalen Bereich bin ich – was Volksentscheide angeht – eher zurückhaltend, weil sie oft populistischen Argumenten ausgeliefert sind, wie das auch in Großbritannien der Fall ist. Wir haben nicht die Erfahrung der vergleichsweise kleinen Schweiz, die nun schon fünfhundert Jahre lang Volksentscheide durchführt. Man muss deutlich sagen: Ein solch großes und wichtiges Land wie Deutschland unterliegt anderen Konstitutionsbedingungen, und da halte ich den Volksentscheid allenfalls auf Länder- und Gemeindeebene für gerechtfertigt.

Fischer: Und wie steht es mit Volksentscheiden in der Kirche?

Bischof Hein: Zunächst: Unsere evangelische Kirche ist demokratisch verfasst. Ich bin der Meinung, es ist gut, dass wir ein repräsentatives System in der Kirche haben. Die Kirchengemeinden haben die Möglichkeit, über Gemeindeversammlungen unmittelbar ihren Willen zum Ausdruck zu bringen. Übrigens ist das eine Veranstaltungsform, die viel zu selten in unseren Gemeinden genutzt wird. Eigentlich sieht unsere Kirchenordnung vor, dass einmal im Jahr solch eine Gemeindeversammlung für alle stattfinden soll. Manchmal wundere ich mich, warum das nicht viel stärker eingefordert wird. Auf der anderen Seite haben wir das Delegationsprinzip, das ähnlich wie im öffentlichen Bereich praktiziert wird. Es ist gut, dass wir nicht jeder Empörungssituation folgen müssen. Es ist gut, wenn bestimmte Dinge entsprechend gefiltert werden. Das spricht ja nicht gegen die Demokratie, sondern ist eine bestimmte Form von Demokratie: eben die repräsentative.

Fischer: Die Demokratie als Form der Willensbildung steht generell auf dem Prüfstand. In der Türkei werden fragwürdige Maßnahmen mit der Demokratie begründet. Offensichtlich wird Demokratie völlig unterschiedlich interpretiert. Was bedeutet für Sie Demokratie?

Bischof Hein: Für mich heißt Demokratie zunächst einmal, selbst zur Demokratie stehen und die demokratischen Rechte, die ein Rechtsstaat einräumt, wahrnehmen. Ganz konkret: Wenn ich für einen demokratischen Rechtsstaat eintrete, dann muss ich zur Wahl gehen, ohne dass es Wahlpflicht gibt. Es ist meine zivilgesellschaftliche Verantwortung dazu beizutragen, dass die Demokratie aus Wahlen gestärkt hervorgeht. All jene, die sich zurückziehen, weil sie politikmüde geworden sind, schaden unserer Demokratie.

Fischer: Häufig wird ja Demokratie reduziert auf den Gedanken, dass die Mehrheit entscheidet. Welche weiteren Aspekte sind für Sie wichtig?

Bischof Hein: Das Entscheidende in der Demokratie ist zwar, was das Ergebnis angeht, die Mehrheit. Das entscheidende Mittel der Demokratie ist allerdings der Kompromiss. Jede Regierungsbildung, jede Koalition setzt das politische Gespür für das einerseits Machbare, aber auch für das Nicht-Machbare voraus. Politik ist die Kunst des Kompromisses!

Fischer: Und wie steht es mit dem Schutz von Minderheiten in Demokratien?

Bischof Hein: Ein Land wie Deutschland mit einem ausgeprägten Grundrechtskatalog ist sehr wohl in der Lage, gerade Minderheiten achtsam zu behandeln. Das zeigen zum Beispiel auch die Überlegungen hinsichtlich der Gleichstellung von homosexuellen Lebensgemeinschaften. Ich glaube, dass wir uns im Umgang mit Minderheiten als Deutsche nicht allzu viel vorwerfen lassen brauchen.

Fischer: Stichwort Minderheit. Nach Hessen sind im letzten Jahr viele Flüchtlinge gekommen. Wie sehen Sie die aktuelle Stimmungslage in Hessen, was die Flüchtlingssituation angeht?

Bischof Hein: Durch die Anschläge, Amokläufe, Attentate spitzt sich die Stimmung zu. Vor allem an Stammtischen, aber auch in den Medien wird eine Hysterie erzeugt, die sich jetzt gegen die Willkommenskultur des vergangenen Jahres richtet. Wenn wir uns überlegen, wie vor einem Jahr an Bahnhöfen Menschen standen, um die Flüchtlinge begeistert mit Blumen und Geschenken zu empfangen, hat sich eine ganze Menge verändert. Aber vielleicht ist vieles auch realistischer geworden. Durch die Absperrmaßnahmen, die nun einmal in der EU getroffen worden sind, ist die Situation gegenwärtig so, dass wir mit den hier lebenden Flüchtlingen gut umgehen und dass wir ihnen tatsächlich Perspektiven bieten können. Der ungebremste Zustrom von Flüchtlingen hat, das ist deutlich geworden, unsere Gesellschaft nicht in finanzieller, aber in emotionaler Hinsicht überfordert. Trotzdem heißt das nicht, dass wir uns jetzt abschotten müssen, sondern es geht darum, eine klare Flüchtlings- und Einwanderungspolitik zu entwickeln. Leider stehen auf europäischer Ebene dazu die Zeichen nicht gut.

Fischer: Viele Gemeinden und auch die Landeskirche haben sich in der Flüchtlingsarbeit engagiert und engagieren sich noch …

Bischof Hein: Ich bin ungemein froh, was wir im zurückliegenden Jahr als Landeskirche getan und erreicht haben. Das macht mich in gewisser Hinsicht sogar stolz. Ich bin dankbar für das hohe Engagement von Ehrenamtlichen in den Kirchengemeinden, die sich aus humanitären Gründen unmittelbar diesen Flüchtlingen zugewandt haben. Wir haben als Landeskirche insgesamt 500 Wohnplätze in verschiedenen Häusern oder Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Inzwischen stellen wir fest, dass sie alle gar nicht mehr gebraucht werden. Aber als die Not überhand zu nehmen schien, waren wir da und haben unseren zivilgesellschaftlichen Beitrag geleistet.

Fischer: Was kann die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck zukünftig beitragen?

Bischof Hein: Wir können gerade im diakonischen Bereich eine ganze Fülle von Ausbildungsplätzen bzw. Vorstufen dazu anbieten: Flüchtlinge, gleich welchen Status, ehrenamtlich ausbilden, damit sie bestimmte Tätigkeiten vollziehen können. Das ist ein erster Schritt zur Integration. Da gibt es inzwischen einige Beispiele, nicht nur bei uns in Hessen, sondern auch in anderen Bundesländern. Am besten vollzieht sich Integration über das Erlernen der Sprache und über eine sinnvolle Tätigkeit, mit der diese Menschen nicht nur beschäftigt werden, sondern in der sie auch eine gewisse Erfüllung finden.

Fischer: Was wünschen Sie sich angesichts der aufgeheizten Stimmung in Deutschland für den Umgang mit Flüchtlingen?

Bischof Hein: Ich wünsche mir, dass wir weiterhin in jedem Flüchtling einen Menschen sehen: keinen, der uns bedroht, sondern einen Menschen, der aus Not zu uns gekommen ist. Und ich wünsche mir von denen, die hierhergekommen sind, dass sie lernen, hier nicht machen zu können, was sie wollen.

Fischer: Herr Bischof, Sie sind aus dem Zentralausschuss des Ökumenischen Rates ausgeschieden. Die Tagung in Trondheim war ihre letzte Sitzung. Was bedeutet dieses Ausscheiden für Sie ganz persönlich?

Bischof Hein: Ich habe 13 Jahre im Zentralausschuss des Weltkirchenrates mitgearbeitet – vor allem in der Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen. Nach 13 Jahren ist es an der Zeit ist, anderen Platz zu machen. Mir hat die Arbeit im Weltkirchenrat außerordentlich viel Freude bereitet. Ich war schon an der Vorbereitung der Vollversammlung im brasilianischen Porto Alegre 2006 beteiligt und habe Ausschüsse des Weltkirchenrates in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck als internationale Gäste begrüßen können. Ich denke, dadurch ist das Bewusstsein in unserer Landeskirche für die Bedeutung des Weltkirchenrates gewachsen. Wie gesagt: Nach 13 Jahren darf man aufhören. Die Person, die nun vom Rat der EKD benannt wird, wird ihrerseits eigene Impulse setzen.

Fischer: Was geben Sie dieser Person mit auf den Weg?

Bischof Hein: Das Wesentliche ist für mich, und dafür bin ich sehr dankbar: Der Weltkirchenrat besteht nicht aus Strukturen, sondern in erster Linie aus Menschen ganz unterschiedlicher Prägung! Ein buntes Völkchen, das voneinander lernen kann, als Christen in dieser Welt zu leben.

Fischer: Ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld von Ihnen ist der Deutsche Ethikrat. Was beschäftigt den Ethikrat in der nächsten Zeit?

Bischof Hein: Der Ethikrat ist jetzt durch Bundesregierung und Bundestag neu berufen worden und hat sich in seiner Zusammensetzung nicht unerheblich verändert. Bei der Jahrestagung haben wir uns mit den Fragen des Eingriffs in die menschliche Keimbahn beschäftigt, das sogenannte «Genome Editing». Das wird sicher auf lange Sicht eine Frage sein, die von hoher Brisanz ist, die wir aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in einer Arbeitsgruppe weiterverfolgen.

Fischer: Und welche Themen stehen aktuell im Mittelpunkt?

Bischof Hein: Zurzeit beschäftigt sich der Ethikrat in zwei Arbeitsgruppen mit folgenden Themen: Zum einen mit der Frage des Umgangs mit der unermesslichen Datenfülle, die es über uns persönlich, aber auch durch Interaktion miteinander gibt – das Stichwort «Big Data» und die Frage der Selbstbestimmung über meine eigene Person, aber auch der Frage der Bestimmung über meine eigenen Daten. Und inwiefern sich das Leben durch die Fülle von gespeichertem Wissen über uns verändern wird, etwa im Bereich der (Kranken-)Versicherungen. All dies sind Konsequenzen, die wir noch gar nicht abschätzen können.

Fischer: … und der andere Bereich … ?
 
Bischof Hein: Der andere Bereich ist etwas konkreter. Es geht darum, wie wir mit Menschen umgehen, die in bestimmter Hinsicht nicht unmittelbar einwilligungsfähig sind, etwa weil sie dementiell erkrankt sind. Oder auch im Blick auf Kinder, denen wir etwas zumuten, was sie möglicherweise nicht wollen, was sie aber, in bestimmter Hinsicht, schützt oder ihnen hilft. Das Stichwort lautet «Wohltätiger Zwang».
Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Wie ist das mit Menschen, die gebrechlich sind, aber auch an Demenz erkrankt sind? Ist es zulässig, sie im Bett zu fixieren, damit sie nicht herausfallen? Das ist unmittelbar eine Zwangsmaßnahme, bis hin zur Freiheitsberaubung. Kann man so etwas unter dem Aspekt rechtfertigen, dass man damit die Person vor den Schäden, die sie sich selbst zufügt, schützen möchte? Das Ganze ist auch ein ethisches Problem, da es die Willensfreiheit betrifft und die Frage, was mit dem Willen derer ist, die ihren eigenen Willen nicht mehr eindeutig bekunden können. Gerade was den Gesundheits- und den Pflegebereich angeht, sieht sich das Personal vor Probleme gestellt.

Fischer: Gibt es da schon eine Position, zu der Sie persönlich neigen?

Bischof Hein: Was das Thema «Big Data» angeht, bin ich Realist und weiß, dass in den verschiedenen Clouds inzwischen Unmengen an Daten lagern. Sich abstinent zu verhalten, würde unter den gegenwärtigen Kommunikationsbedingungen nicht mehr sinnvoll sein. Ich denke, es geht darum, sehr sorgfältig zu entscheiden, welche Daten will ich wirklich freigeben, was will ich bewusst nicht. Will ich in Facebook einsteigen, will ich twittern oder will ich das nicht. Es geht um die informationelle Selbstbestimmung, und hier bin ich in der Tat eher zurückhaltend und würde mir wünschen, dass es, zumindest auf europäischer Ebene, auch Grenzziehungen gibt, damit die jeweiligen Unternehmen, die mit solchen Daten umgehen, nicht frei über diese verfügen können.

Fischer: Und der zweite Bereich?

Bischof Hein: Was den zweiten Bereich angeht, geht es darum, die Persönlichkeitsrechte von Menschen, die nur eingeschränkt einsichtsfähig sind, zu achten. Der Zwang darf nicht willkürlich werden. Hier ist das richtige Mittelmaß zu finden zwischen Zugriffen auf der einen und einem Laissez-faire, das diesen Menschen überhaupt nicht zur Hilfe kommt, auf der anderen Seite. Ich bin dafür, dass wir nach guten Gründen suchen, einen fürsorglichen, „protektiven“ Zwang in beschränktem Maß und in bestimmten Fällen ausüben zu können.

Fischer: Herr Bischof, werfen wir einen Blick auf 2017, das Jahr des Reformationsjubiläums. Große Aktionen und Feiern prägen dieses Jahr. Warum feiern wir eigentlich Reformation?

Bischof Hein: Zum einen, es ist fünfhundert Jahre her, dass Martin Luther seine 95 Thesen zum Ablass veröffentlicht hat. Das ist im Nachhinein gesehen sozusagen der Startschuss gewesen. Aber historische Erinnerung allein reicht nicht aus, um ein ganzes Jahr zu füllen. Wir feiern mit dem Lutherjahr oder dem Jahr der Reformation die Wiederentdeckung des Wortes Gottes in der Bibel, das Luther befreit hat von kirchlichen Traditionen, die sich über Gebühr über die Bibel gelagert haben. Wir feiern auch die Befreiung des eigenen Gewissens aus der Herrschaft der Kirche: Wenn man daran denkt, welch starkes Gewicht Luther dem Gewissen geschenkt hat, so halte ich das, neben der Wiederentdeckung des Wortes Gottes, im Grunde für die entscheidende Einsicht, für den entscheidenden Impuls, der von der Reformation ausgegangen ist.

Fischer: Wie steht es um die Kirche? Feiert sich da auch die Kirche?

Bischof Hein:
Wir haben keinen Grund, im Jahr 2017 als evangelische Kirche in Sack und Asche zu gehen. Die Entwicklung in der Reformationszeit hätte sicher anders verlaufen können, wäre auf der römischen Seite eine andere Gesprächsbereitschaft gewesen. Aber mit «wenn» und «hätte» kommen wir der heutigen Situation nicht bei. Ganz wesentlich ist mir, dass wir uns bemühen, die Erinnerung an die Reformation und ihre Vergegenwärtigung ökumenisch zu feiern. Das heißt, wir können heute im Blick auf die Reformation nicht mehr national denken, wir können aber auch nicht mehr nur innerevangelisch denken. Die Reformation hat auch die römische Kirche geändert und die heutige römisch-katholische Kirche ist eine andere als die, mit der es Luther damals zu tun hatte. Deswegen ist es gut, dass wir im Jahr 2017 viele ökumenische Gottesdienste feiern. Allein in Kurhessen-Waldeck und den drei Bistümern, die unser Kirchengebiet berühren, gibt es drei Gottesdienste: in Bad Wildungen mit dem Erzbistum Paderborn und dem dortigen Erzbischof Becker, in Fritzlar mit dem Bistum Fulda und Bischof Algermissen und in Schmalkalden mit dem Bistum Erfurt und Bischof Neymeyr.

Fischer: Ein Schwerpunkt der Aktion liegt ja auch in den Gemeinden. Was ist geplant und worauf freuen Sie sich persönlich ganz besonders?

Bischof Hein: Wir haben vor einiger Zeit die Aktion «Alte Thesen neu gelesen» ins Leben gerufen und wollten 95 Gemeinden motivieren, den Spuren der Reformation oder ihrer Bedeutung innerhalb der eigenen Kirchengemeinde nachzugehen. Anfänglich waren wir im Zweifel, ob wir überhaupt 95 Gemeinden finden, die bereit sind mitzumachen. Alle haben ein Startgeld in Höhe von 1.000 Euro bekommen für die Spurensuche oder die Vergegenwärtigung. Inzwischen sind es – glaube ich – 110 Gemeinden, die mitmachen und ihre Ergebnisse präsentieren. Die Besten werden von einer Jury begutachtet und dann prämiert. Ich finde, das ist auf der Ebene der Gemeinden ein großer Erfolg. Uns lag daran, nicht nur in Symposien und Großveranstaltungen zu verdeutlichen, welche Wichtigkeit die Reformation hat, sondern konkret zu schauen: Wie hat es sich bei uns ausgewirkt, dass wir evangelisch sind?

Fischer: Können Sie Beispiele nennen?

Bischof Hein: Da gibt es einen wunderbaren Event für Jugendliche: «Viva La Reformation» in Homberg an der Efze, unserer eigentlichen Reformationsstadt. Da gibt es eine Aktion im Kirchenkreis Hersfeld: 95 Traktoren, die durch den Kirchenkreis fahren mit einem Gottesdienst in Heringen. Da gibt es viele weitere Aktionen bis hin zu einem Gottesdienst mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in der Elisabethkirche in Marburg zum Abschluss des Lutherjahres 2017.
Und nicht zuletzt bin ich ausgesprochen dankbar, dass der Rat der Landeskirche meinem Vorschlag gefolgt ist, allen Gemeinden und Predigtstätten in unserer Landeskirche eine neue Altarbibel mit der revidierten Lutherübersetzung zu schenken. Im Oktober wird diese über Jahre hin neu durchgesehene Lutherübersetzung der Öffentlichkeit vorgestellt. Es hat 1.300 Bestellungen dieser Altarbibel allein in unserer Landeskirche gegeben. Als Kirchenleitung schenken wir diese Altarbibel gerne weiter.

Fischer: Das verspricht ein interessantes Jahr zu werden. Jetzt, zum Schluss, Herr Bischof, noch zwei persönlich Fragen: Wie gehen Sie persönlich mit den vielen schrecklichen Nachrichten der vergangenen Wochen um?

Bischof Hein: Diese Nachrichten machen mich in gewisser Hinsicht fassungslos, weil ich merke, wie leicht die Hemmschwelle durchbrochen wird, dass Menschen Menschen Böses zufügen. Wenn das auch noch im Namen der Religion geschieht, macht mich das ärgerlich und wütend. Auf der anderen Seite plädiere ich für Augenmaß. Wir müssen unterscheiden zwischen der Tat und den Menschen, die es tun. Und wir müssen, wo immer es geht, für ein friedliches Miteinander eintreten. Eine gute Form, all das, was uns bedrückt, zum Ausdruck zu bringen, ist das Gebet. Der Apostel sagt: Betet ohne Unterlass! Ich würde ergänzen: Betet ohne Unterlass für den Frieden in der Welt!

Fischer: Herr Bischof, und wo werden Sie in diesem Jahr ihren Urlaub verbringen?

Bischof Hein: Den Urlaub mit meiner Frau werde ich diesmal an einem Ort verbringen, der vor kurzem im Fokus der Öffentlichkeit stand. Wir fahren zwei Wochen nach Nizza.

Fischer: Herr Bischof, dann wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau einen schönen Urlaub und bedanke mich für das Gespräch.

Bischof Hein: Vielen Dank.

(26.07.2016)

Übersicht

Hier gelangen Sie wieder zurück zur vorherigen Übersicht:

zurück