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«Helft uns, damit wir hier bleiben können!»
Bischof Hein besuchte die rum-orthodoxe Kirche im Libanon und in Syrien

Foto: Bischof Martin Hein im Interview mit epd-Redakteur Christian Prüfer (1. v. l.), Medienhausleiter Pfarrer Christian Fischer (2. v. l.) und medio-Reporter Torsten Scheuermann(4. v. l.) (Foto: medio.tv/Schauderna) Bischof Martin Hein im Interview mit epd-Redakteur Christian Prüfer (1. v. l.), Medienhausleiter Pfarrer Christian Fischer (2. v. l.) und medio-Reporter Torsten Scheuermann(4. v. l.) (Foto: medio.tv/Schauderna)
Das Interview führten Medienhausleiter Pfarrer Christian Fischer und medio-Reporter Torsten Scheuermann am 31.10.2016 in Kassel.

Fischer: Die seit 25 Jahren bestehende Freundschaft zwischen der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und der griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochia war Anlass Ihrer Reise in den Libanon und nach Syrien. Welche Bedeutung hat das Jubiläum?

Bischof Hein: Das ist wie in jeder Ehe. Man schaut zurück. Es gab Höhen, wunderbare Ereignisse in der Vergangenheit, es gab manchmal auch Längen in der Beziehung. Aber dass der jetzige Patriarch wie sein sehr besonnener Vorgänger Wert darauf legt, mit einer evangelischen Landeskirche in Deutschland Kontakt zu haben, obwohl inzwischen die antiochenische Kirche aufgrund der Migrationsbewegungen weltweit agiert, und dass er mit einer Territorialkirche, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, diese Beziehung pflegt, das ist schon ein deutliches Zeichen der Ökumene. Die Tatsache, dass in unserer gemeinsamen Erklärung unsere Kirche explizit aus orthodoxer Sicht als Kirche bezeichnet wird, dass uns also diese Bezeichnung als «Kirche» nicht etwa abgesprochen oder vorbehalten wird, ist aus meiner Sicht ein starkes Signal.

Fischer: Was ist an der griechisch-orthodoxen Kirche besonders?

Bischof Hein: Was mich an dieser seit 25 Jahren bestehenden Freundschaft mit der griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochia fasziniert, ist zum einen die Tatsache, dass es überhaupt eine solche Freundschaft zwischen einer evangelischen und einer orthodoxen Kirche gibt. Das ist aus dem Blickwinkel der orthodoxen Tradition vollkommen ungewöhnlich, weil wir in der Wahrnehmung dieser Kirche als Evangelische eher fremd sind. Und dass es uns gelungen ist, 25 Jahre lang diese Freundschaft nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern weiterzuentwickeln, das ist schon ein Wert an sich. Das Zweite allerdings ist: Wir haben es mit einer Kirche zu tun, die ganz, ganz tief in der Geschichte des Christentums verankert ist. Das Patriarchat von Antiochien gründet sich auf den Ort, in dem die Christen nach Ausweis der Apostelgeschichte zum ersten Mal als «Christen» bezeichnet wurden. Und das Patriarchat in Damaskus liegt an der Straße, die die «Gerade Straße» heißt. Diese Straßenbezeichnung findet sich auch schon in der Apostelgeschichte. Dort ist Paulus getauft worden, also Christ geworden. Wir kommen also in die Anfänge der Christenheit, wenn wir diese besondere Freundschaft mit der griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochia pflegen.

Scheuermann: Sie haben auch Hintergrundgespräche geführt. Über welche Themen wurde gesprochen?

Bischof Hein: Dekan Dr. Lückhoff und ich haben im Vorfeld unserer Begegnung im Kloster Balamand in Beirut eine ganze Reihe von Vorgesprächen geführt – auch in der deutschen Botschaft, um uns über die politische Einschätzung seitens der deutschen Außenpolitik kundig zu machen. Wir haben dann in der «Near East School of Theology» – also der «Nahost Schule für Theologie» –, in der die Evangelischen des Orients unterrichtet werden, ein Gespräch gehabt mit dortigen Stipendiaten aus Deutschland und mit der Leitung des Hauses, wie sich die Situation im Libanon aktuell darstellt. Wir haben den Pfarrer der Nationalen Evangelischen Kirche im Libanon, Habib Badr, besucht, der ein hervorragender Kenner der Entwicklungen der Ökumene des Orients ist, und schließlich mit dem ehemaligen Leiter der diakonischen Arbeit des Patriarchats gesprochen. Das hat uns tiefe Einblicke in die verzwickte und hochkomplexe Situation vermittelt, die sich im Vorderen Orient darstellt. Allein im Libanon gibt es schon unterschiedlichste Einflusssphären: die Hisbollah im Osten des Libanon, die vom Iran unterstützt wird; die Sunniten, die die Schiiten bekämpfen; die christlichen Kirchen, Maroniten, die sehr stark sind im Libanon, die mit der römisch-katholischen Kirche verbunden sind und die verschiedenen orthodoxen Kirchen. Allein das drückt aus, wie unüberschaubar die Situation schon unter der christlichen und religiösen Perspektive ist. Und man muss sagen: In den letzten 40 Jahren hat es im Libanon zwei Bürgerkriege gegeben. Das Land war genauso zerstört, wie Syrien heute zerstört wird. Es ist aber gelungen, es wiederaufzubauen. Allerdings ist das Ganze, so scheint es mir, fast ein Tanz auf dem Vulkan. Ich habe den Eindruck, dass auch im Libanon viele junge Menschen auf dem Sprung sind. Zufluchtsländer sind vor allem Kanada, die USA, Australien und Deutschland.

Scheuermann: Wie unterstützt die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck die griechisch-orthodoxe Kirche im Libanon?

Bischof Hein: Diese Kirchenfreundschaft bestand in erster Linie im Austausch von Personen. Wir hatten eine ganze Anzahl von Studierenden der orthodoxen Kirche in Marburg als Austauschstudenten, haben sie eingeladen, auch entsprechend unterstützt. Der Effekt ist heute, dass in dieser Kirche recht viele gut deutsch sprechen. Das ist ungewöhnlich und aus dieser langjährigen Freundschaft entstanden. Wir haben unsererseits eine ganze Anzahl von Delegationen in den Libanon und nach Syrien entsandt, um dort die Aufgaben kennenzulernen, vor die sich die griechisch-orthodoxe Kirche von Antiochien gestellt sieht: also nicht nur Begegnungen auf der Ebene der kirchenleitenden Personen, sondern auch das Kennenlernen der Arbeit vor Ort und nicht zuletzt ein theologischer Austausch.

Fischer: Vor welchen Herausforderungen steht diese Kirche und die Freundschaft zur ihr?

Bischof Hein: Wir haben in den vergangenen Jahren sehr stark auf den theologischen Austausch Wert gelegt. Vor Jahren hatten wir zum Beispiel eine Konferenz zu Bioethik in der Universität von Balamand im Norden des Libanon durchgeführt. Aktuell geht es ganz eindeutig darum, dass wir humanitäre Hilfe bieten für die Flüchtlinge, die aus dem Irak und aus Syrien in den Libanon gekommen sind. Über eine Million Flüchtlinge sind im Libanon, das ist bei der Größe eines Landes mit nur vier Millionen Einwohnern natürlich eine andere Relation als bei uns in Deutschland. Es geht auch um humanitäre Hilfe in Syrien selbst. Ein wenig ist der theologische Austausch dadurch in den Hintergrund gerückt, und im Moment geht es wirklich darum zu schauen: Wo und wie können wir mit den begrenzten Mitteln einer Landeskirche dieser Kirche in ihrer sozialen Arbeit angesichts des Desasters im Vorderen Orient helfen?

Scheuermann: Was haben Sie vor Ort mitbekommen: Wie geht es den Menschen?

Bischof Hein: Im Libanon ist es so, dass die orthodoxe Kirche sich stark um die Christen, aber nicht ausschließlich um die Christen kümmert. Schwieriger ist die Situation in der Tat in Syrien selbst. Von unseren antiochenischen Freunden ist die Tatsache, dass wir diesen Solidaritätsbesuch in Syrien durchgeführt haben, mit großer Wertschätzung und Hochachtung zur Kenntnis genommen worden. Ich glaube, das hat wesentlich dazu beigetragen, dass dieser Besuch auch aus ökumenischer Sicht mit dem Patriarchen solch eine Bedeutung bekommen hat. Weder Dr. Lückhoff noch ich sind Helden, die darstellen wollten, dass wir etwas wagen , was andere nicht wagen. Die deutsche Außenpolitik ist gegenwärtig nicht in der Lage, groß in Syrien zu agieren, weil sie sich von Anfang an gegen Assad ausgesprochen hat. Die antiochenische Kirche lebt in Syrien unter dem Schutz von Assad, der seinerseits unbestritten ein Diktator ist. Aber mir ist sehr wesentlich der Satz eines antiochenischen Freundes im Ohr, der sagte: Wenn wir die Wahl haben zwischen dem Teufel, den wir kennen, und dem Teufel, den wir nicht kennen, dann wählen wir den Teufel, den wir kennen. Es bleibt ein Teufel, aber wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Einen Teufel, den sie nicht kennen, ist der IS, mit dem sie natürlich Erfahrungen gemacht haben.

Fischer: Und welche Erfahrungen haben Sie in Syrien gemacht?

Bischof Hein: Der Bereich, in dem ich gewesen bin, das so genannte Wadi al Nasara, das Tal der Christen, liegt in der Nähe von Homs. Ich bin da bereits zweimal zuvor gewesen – zu Friedenszeiten. Auch jetzt ist es eine befriedete Region, allerdings unter dem Schutz des Militärs der syrischen Armee, also der Assad-Armee. Im Wadi al Nasara leben 300.000 Christen. Wir haben dort schon länger durch unsere kurhessische Syrienhilfe ein Krankenhaus unterstützt. Und unser größtes Projekt war die Bereitstellung eines Generators für dieses Krankenhaus. Wir sind diesmal zu zweit, natürlich in syrischer Begleitung, dorthin gefahren, um uns von dem Zustand des Krankenhauses, mit immerhin 50 Ärzten, und des Generators zu überzeugen. Über den Daumen gepeilt gibt es am Tag drei Stunden lang in Syrien Strom. Damit können Sie kein Krankenhaus unterhalten. Dieses Krankenhaus behandelt nicht nur Christen, sondern in gleicher Weise Moslems. Und das finde ich ein ganz wichtiges Zeichen innerhalb dieses fürchterlichen Bürgerkrieges.

Fischer: Wie war die Reise dorthin?

Bischof Hein: Der Grenzübertritt dauert ca. eine Stunde, das war noch vergleichsweise kurz. Wenn Sie in Syrien sind, gibt es kaum noch Privatfahrzeuge, die Ihnen begegnen, wenig Menschen auf den Straßen. Die Autobahn Richtung Homs war leer, aber im guten Zustand. Und dann kommen Sie in das Krankenhaus: Der Chefarzt war vor zwei Jahren schon während der Kriegszeit bei uns in Kassel, und als erstes hören wir ohrenbetäubenden Lärm, weil die russischen Kampfhubschrauber über das Krankenhaus hinwegfliegen zum Einsatz. Die russischen Eingriffstruppen sind in Latakia am Meer stationiert und fliegen über dieses Gebiet hinweg. Da merken Sie unmittelbar, dass es sich um Krieg handelt. Sie merken es aber auch daran, dass es bei der Versorgung augenscheinlich an vielen einzelnen Dingen fehlt.

Fischer: Was haben Sie mitgebracht?

Bischof Hein: Wir hatten auch medizinisches Material dabei, z.B. ein Gerät zur Magenspiegelung. Wir hatten auch einen nicht geringen Betrag aus unserer kurhessischen Syrienhilfe mitgebracht, den wir im Krankenhaus abgegeben haben.

Fischer: Welche weiteren Ziele hatten Sie?

Bischof Hein: Wir sind anschließend noch im Kloster St. Georg gewesen, einem der wesentlichen Klöster unterhalb einer Kreuzfahrerburg, die zwei Jahre lang auch vom IS besetzt war und von wo aus das Tal der Christen beschossen wurde. Die syrische Armee hat das Gebiet zurückerobert; so konnten wir dort unbehelligt Gespräche führen. Ich habe im Kloster St. Georg mit einer Gruppe junger Freiwilliger gesprochen. Junge Frauen, junge Männer, die sich dort in der sozialen Arbeit engagieren, in der Verteilung von Päckchen, die von Hilfsorganisationen kommen. Die engagieren sich und sagten uns: Wir wollen dieses Land nicht verlassen! Leute, die allesamt englisch gesprochen haben, die keine Schwierigkeit hätten, auch in anderen arabischen Ländern zu leben – nein, sie wollen in Syrien bleiben. Und ihre Bitte war: Helft uns, damit wir hier bleiben können! Gefragt nach ihrer Botschaft an uns, äußerten unsere libanesischen wie syrischen Freunde immer wieder die Bitte: Haltet euch mit Einflussnahmen im Orient zurück! Entscheidet nicht immer über uns, was gut für uns ist! Das sei der Ursprung der Auseinandersetzung: die amerikanische Politik, die russische Politik, die Großmachtpolitik Teherans – alle mischen sich ein. Und alle sagten uns: Wären diese Einmischungen nicht, könnte es besser aussehen.

Fischer: Wie beurteilen Sie nach Ihrem Besuch die Politik in Syrien?

Bischof Hein: Die große Politik im Orient ist viel zu komplex, um das jetzt auf zwei Sätze zu reduzieren. Es gibt zu viele Interessen im Orient, als dass man für einzelne Lösungen noch den Blick frei hat. Auch die deutsche Politik hat ihre eigenen Interessen und hat sich dadurch, dass sie sich von vornherein gegen Assad festgelegt hat, faktisch keinen Einfluss in diesem Gebiet. Ich glaube – ohne dass ich das jetzt untermauern könnte –, dass die deutsche Außenpolitik gut daran täte, genauso wie sie mit Putin verhandelt, auch keinen Bogen mehr um Assad zu machen. Es gibt keinen Frieden im Orient ohne Assad. Aber es gibt auch eine Zeit nach Assad. Das sind die politischen Herausforderungen, die zu beantworten sind.

Fischer: Vielen Dank für das Gespräch!

(31.10.2016)

2016-11-03

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