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2010-11-30
Landesdiakoniepfarrer Dr. Eberhard Schwarz vor der Synode in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Simmen)
Landesdiakoniepfarrer Dr. Eberhard Schwarz vor der Synode in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Simmen)

Nachgefragt...

Landesdiakoniepfarrer Dr. Eberhard Schwarz stellte sich den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer.

Fischer: Herr Dr. Schwarz, Sie haben in Ihrem Bericht in diesem Jahr die Situation der Kindertagesstätten in den Fokus gerückt. Wie steht es um die evangelischen Kitas in Kurhessen-Waldeck?

Dr. Schwarz: Ich glaube, es steht sehr gut, weil wir eine qualitativ hochwertige Arbeit machen. Von Seiten der Fachberatung haben wir eine Menge investiert, ob das nun die Religionspädagogik ist, ob das das Qualitätshandbuch ist, ob das das Eingehen auf die sich verändernden  Bedarfe der Eltern ist – ich glaube, dass wir insgesamt eine ausgesprochen gute evangelische Kindertagesstättenarbeit in Nordhessen machen.

Fischer: Und wo gibt es Probleme?

Dr. Schwarz: Wir sind im Moment in einer Debatte über die Einstufung der Erzieherinnen. Es ist leider auch in diesem Bereich wie in vielen anderen sozialen Bereichen so, dass die Vergütung grenzwertig ist, sage ich mal etwas vorsichtig. Man würde sich für das, was dort geleistet wird, eigentlich mehr wünschen. Das merken wir insbesondere in bestimmten Bereichen, wo kommunale Tageseinrichtungen in der Nähe sind, die einen anderen Tarif haben und vor allen Dingen im Südbereich der Landeskirche, also im Hanauer Bereich, wo das Rhein-Main-Gebiet sich auswirkt und wo wir aufgrund unserer Einstufung der Erzieherinnen kaum noch Personal finden.

Fischer: Bezahlen die Kirchen zu wenig?

Dr. Schwarz: Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Für das, was die Erzieherinnen an verantwortlicher Arbeit tun, muss ich das bejahen. Wir zahlen zu wenig. Allerdings kann ich leicht sagen, wir müssen mehr bezahlen. Aber ich muss dann auch fairerweise dazu sagen können: wo soll’s denn herkommen? Eine Erfahrung dieser Synode für mich ist, dass wir uns langsam aber sicher auf die Prioritätendebatte in unserer Landeskirche zu bewegen. Die muss kommen.

Fischer: Was erhoffen Sie sich von dieser Prioritätendebatte?

Dr. Schwarz: Ich erhoffe mir Arbeitsbedingungen, die eine angemessene Vergütung des Personals zum Inhalt haben. Allerdings ist es nicht nur eine Vergütungsfrage. Es geht auch um andere Aspekte der Rahmenbedingungen für das Personal. Ich erhoffe mir von der Debatte auch, dass wir den Kommunen gegenüber zeigen können: Ihr könnt mit uns rechnen, wir tragen das uns Mögliche dazu bei. Denn eines ist klar: Im Prinzip leisten wir mit unseren Einrichtungen einen Dienst, den die Kommune eigentlich leisten muss oder müsste. Und unter der Überschrift «Subsidiarität» gibt sie das an uns ab, aber ist damit nicht aus der Finanzierung entlassen.
Insofern finde ich, ist auch ein Eigenanteil von zehn Prozent und, je nachdem wie man das rechnet, ist das dann auch noch mehr, ein nicht zu vernachlässigender Teil, den wir den Kommunen anbieten können, wenn wir uns daraus zögen – was kein Mensch will. Dann käme es für die Kommunen deutlich teurer.

Fischer: Was fordern Sie vom Staat?

Dr. Schwarz: Wenn man sich die Bundesrepublik anschaut und die Länder vergleicht, dann muss man einfach sagen, dass das Land Hessen im Vergleich mit anderen Bundesländern einen deutlich niedrigeren Anteil an eigener Finanzierung einbringt. Daher klagen auch die Kommunen im Moment gegen das Land. Es gibt ja diesen bekannten Satz: wer bestellt, bezahlt. Nun, wenn das Land jetzt eine Mindestverordnung rausgibt, die zu höheren Kosten führt, müsste eigentlich das Land die Kosten übernehmen. Und darf die nicht abwälzen auf die kommunale Ebene und auf die anderen Träger in der Ebene. Und das ist die Forderung an das Land, dass es dafür auch die Kosten übernimmt.

Fischer: Staat und Kommunen klagen ja immer mehr über leere Kassen. Wie wirkt sich das auf den Umgang mit Armut und Solidarität in unserer Gesellschaft aus?

Dr. Schwarz: Ich fürchte, dass dadurch ein Klima entsteht, dass immer mehr Menschen, gerade auch die Mittelschicht, das Gefühl haben, es wird immer weniger, es wird immer knapper und die Solidarität mit denen, die nun wirklich am unteren Rand stehen, wird damit noch stärker gefährdet.

Fischer: Herr Dr. Schwarz, noch eine Frage zu der geplanten Fusion der beiden Diakonischen Werke in Kurhessen-Waldeck und in Hessen und Nassau. Wie ist der aktuelle Stand?
 
Dr. Schwarz: Wir sind intensiv am Arbeiten. Wir haben auch eine Zeitvorstellung, in der wir das schaffen wollen. Die ist sehr ehrgeizig. Das würde nämlich heißen, dass wir in 2013 mit der Umsetzung des Fusionsprozesses beginnen. Das heißt, die Herbstsynode 2012 müsste die entsprechenden vertraglichen oder gesetzlichen Regelungen beschließen und zuvor müssten die Gremien der Diakonischen Werke entsprechend beschlossen haben. Denn es geht ja darum, aus zwei Vereinen durch einen Verschmelzungsprozess einen neuen Verein zu bilden. Dazu bedarf es der entsprechenden Gremienbeschlüsse.

Fischer: Und was sagen Sie den Skeptikern dieses Fusionsprozesses. Auch in den eigenen Reihen?

Dr. Schwarz: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir in der Sache langfristig gar keine andere Möglichkeit haben werden, als die beiden diakonischen Werke in Hessen zusammen zu führen. Das hat demografische Gründe. Das hat Gründe im Einnahmerückgang des Kirchensteueraufkommens und anderes mehr. Es macht auch in der Sache Sinn, sich mit einer Stimme dem Land, der Sozialpolitik, den Kostenträgern gegenüber zu positionieren und auf langwierige schwierige Abstimmungsprozesse zu verzichten. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ein Zeitpunkt kommen wird, wo wir gezwungen würden, es zu tun. Und deshalb finde ich es gut, dass wir es jetzt aus freien Stücken und auf Augenhöhe miteinander gestalten können in der Hoffnung, dass wir mit diesem Prozess das diakonische Profil der Kirchen stärken in Hessen, dass wir sogar ein Stück weit Synergieeffekte erzielen durch den Zusammenschluss.

Fischer: Und wo liegen die größten Probleme bei der Fusion?

Dr. Schwarz: Es gibt ein paar Brocken, die zur Lösung noch anstehen und die aus meiner Sicht auch fusionsrelevant sind. Beispiele sind die Frage der regionalen diakonischen Werke, weil die strukturell völlig verschieden zugeordnet sind. Beispiel ist das gemeinsame Arbeitsrecht. Und Beispiel ist die gemeinsame Finanzierung beider Kirchen des einen gemeinsamen diakonischen Werkes. Also die drei Brocken müssen erst noch gelöst werden, dann sind wir durch und dann kann es gelingen.

Fischer: Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – wie stehen sie zur Fusion?

Dr. Schwarz: Um die Mitarbeitenden mitzunehmen, ist aus meiner Sicht es ganz wichtig, dass wir einen sehr transparenten Prozess gestalten, also offen kommunizieren, wohin wir wollen, warum wir dahin wollen und wie wir dahin kommen wollen. Es ist weiterhin nötig ein beteiligungsorientiertes Verfahren zu inszenieren. Wir haben im Moment ein Projektmanagement aufgelegt mit fast zwanzig Arbeitsgruppen, in denen entsprechend Mitarbeitende beider Häuser beteiligt sind. Das heißt, es wird zu deren Prozess und nicht ausschließlich «top down». Natürlich gab es am Anfang eine Initiative von oben nach unten. Diese Fusion war gewollt, aber wir haben Beschlüsse unserer Aufsichtsgremien, wir haben Beschlüsse unserer Mitgliederversammlung, dass dies zu prüfen ist. Und wir versuchen, die Mitarbeitenden in den beiden Geschäftsstellen – denn nur die betrifft es ja – in der genannten Weise zu beteiligen und auf diesem Weg mitzunehmen.

Fischer: Und was wird aus dem Landespfarrer für Diakonie, der als Dezernent auch in der Kirchenleitung von Kurhessen-Waldeck verankert ist?

Dr. Schwarz: Wir haben uns vorläufig auf ein Konzept verständigt, das im künftigen Vorstand zwei Theologen vorsieht. Es wird immer einen kurhessischen Theologen im Vorstand geben. Uns liegt viel an der Personalunion von Landespfarrer für Diakonie, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes in Kurhessen-Waldeck und Diakoniedezernent im Landeskirchenamt. Ich glaube, wir haben in den letzten Jahren eine deutliche Verbesserung des Verhältnisses von Kirche und Diakonie in Kurhessen-Waldeck erfahren und diese halte ich auch aus theologischen Gründen für sehr wichtig. Kirche ist nur Kirche, wenn sie diakonische Kirche ist. Und Diakonie ist nur Diakonie im ernsten Sinne, wenn sie kirchliche Diakonie ist. Und das wird unter anderem durch diese Konstellation deutlich. In den Fusionsgesprächen werden wir darauf nicht verzichten, sondern als ein Pfund von uns einbringen.

Fischer: Vielen Dank für das Gespräch!

(30.11.2010)

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