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Nachgefragt...

Pfarrerin Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des DEKT (Foto: DEKT)
Pfarrerin Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des DEKT (Foto: DEKT)
2011-05-20
Vom 1. bis 5. Juni 2011 werden sich wieder tausende Menschen zum Deutschen Evangelischen Kirchentag versammeln. Diesmal findet er in Dresden statt. In einem Interview mit der landeskirchlichen Medienagentur «medio!»  spricht die Generalsekretärin des DEKT, Pfarrerin Dr. Ellen Ueberschär aus Fulda darüber, wie die Planungen aussehen, warum es lohnt, nach Dresden zu kommen und welchen Stellenwert Kirchentage in der heutigen Gesellschaft haben können. Das Interview führte medio-Redaktionsleiter Pfarrer Dr. Siegfried Krückeberg am 1. Dezember 2010 in Fulda.

medio: Frau Dr. Ueberschär, das Motto beim Kirchentag in Dresden lautet: « ... da wird auch dein Herz sein.» Was verbinden Sie mit diesem Bibelvers?

Ueberschär: Herz hat was mit Liebe zu tun und mit Herzblut, Herzklopfen und woran mein Herz hängt, das ist das was mir wirklich wichtig ist. Wir machen Dinge mit großem Engagement, die gehen uns leicht von der Hand, weil unser Herz dran hängt.

medio: Ihr Herz hängt, so vermute ich mal, auch sehr stark am Kirchentag. Was ist neu in Dresden?

Ueberschär: Neu an Dresden ist natürlich wieder die Stadt. Dresden hat eine zauberhafte Kulisse. Neu wird auch sein, dass wir keine große Messe haben, aber wir werden wirklich eine neue Kirchentagsstadt im Grunde zaubern. Wir werden Zelte bauen und entlang der Elbe ein großes Kirchentagsareal schaffen.

medio: Und was wird sich sonst noch ändern?

Ueberschär: Der Kirchentag hat ja im Grunde das Format Talkshow erfunden. Dass mehrere Menschen auf einem Podium sitzen, miteinander reden, dass es dann Anwälte des Publikums gibt, die die Fragen der Besucher und Besucherinnen mit einbringen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das zu wenig ist, dass Menschen mit ihrer großen Kompetenz zu allen Themen, ob das jetzt Sterbehilfe ist, ob das Umweltthematik ist, sich auch einbringen wollen. Dieses Prinzip von Partizipation, das eigentlich das Grundprinzip des Kirchentages schon  seit vielen Jahrzehnten ist, das wollen wir gern stärken, indem wir viele verschiedene Formate anwenden, indem wir zum Beispiel so etwas wie «World Café» machen, wo man wirklich Kompetenzen von einzelnen Leuten einsammeln kann. Also lassen Sie sich überraschen.

medio: Naja, vielleicht können Sie uns schon mal verraten, was man sich unter «world café» vorstellen kann.

Ueberschär: «World Café» bedeutet, dass man viele kleinere Tische hat, an denen sechs bis acht Leute sitzen, die zusammen Gedanken entwickeln. Dann wird nach einer bestimmten Zeit gewechselt. Einer bleibt am Tisch sitzen, erzählt den anderen was vorher geredet wurde und dann geht’s weiter: Dann entwickelt sich sozusagen in der zweiten Runde der Gedanke weiter und das Erstaunliche ist – die Erfahrung habe ich jetzt mehrmals gemacht, dass man selbst einen ganz großen Erkenntnisgewinn hat. Wir haben das in Bremen zum Thema «Naher Osten» gemacht, das ist sehr sehr gut angekommen, es war immer überfüllt. Wir hätten das mehrfach machen können und ähnliche Methoden wollen wir auch in Dresden verstärkt nutzen.

medio: Kommen wir zu den Themen des Kirchentags in Dresden. Was wird da besonders brisant?

Ueberschär: Meistens ist es ja so, dass die ganz aktuellen Themen sich in allen Podien niederschlagen, dazu gehört natürlich das Thema «Wie geht es weiter mit dieser Demokratie?», wie geht es auch weiter mit dem Thema «Integration» und «sozialer Gerechtigkeit». Wie geht es weiter mit dem Thema «Finanzmarkt», wie geht es weiter mit dem Thema «Umwelt und Globalisierung»? Was besonders ist in Dresden – man kann vielleicht die plakative Überschrift «Gott – Glück – Geld» dafür nehmen, dass wir uns mit dem Verhältnis vom Evangelium - was leitet uns eigentlich? – und der Welt in der wir leben, beschäftigen wollen. So im Sinne der Bergpredigt „ihr sollt euch nicht Schätze auf Erden sammeln, wo die Diebe sie stehlen und der Rost sie auffrisst, sondern ihr sollt Schätze im Himmel sammeln. Aber was sind diese Schätze im Himmel? Wir sehen schon lange, dass wir weg müssen von einer rein materiell orientierten Kultur, sondern hin zur Bewahrung unserer natürlichen Lebensumwelt, der Schöpfung, und der Werte unseres Zusammenlebens. Dass das ein immer größerer Wert wird, das spüren wir, aber was heißt das eigentlich? Und das ist etwas, was wir uns in Dresden anschauen möchten.

medio: Zum Thema «Wie geht es weiter mit unserer Demokratie», was meinen Sie damit?

Ueberschär: Das sehen wir ja an Stuttgart. Wir sehen, dass das Thema direkte Demokratie wieder viel stärker in den Focus kommen muss. Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen repräsentativer Demokratie und direkter Demokratie ausbalanciert? 

medio: Und die Finanzkrise – wie geht der Kirchentag damit um?

Ueberschär: Was wir seit zwei oder drei Kirchentagen intensiv machen, ist, dass wir den Dialog mit der Wirtschaft und nicht über die Wirtschaft stärken. Und ich glaube, es ist wichtig auch zu hören, wo liegen da die Sachzwänge, wo liegen die Probleme, und was kann man auch gemeinsam voranbringen. Welche Argumente muss man auch gegenseitig erst mal hören. Und mein Gefühl beim letzten Kirchentag war, dass es eine sehr sehr große Bereitschaft auf dem Kirchentag gibt, diesen Dialog auch zu führen und zu gucken, was lässt sich gemeinsam auch wirkungsvoll durchsetzen. Denn wir sehen ja, dass wir kein einziges ökonomisches Problem auf deutscher Ebene lösen können, sondern wenn, dann muss man es global anschauen.

medio: Ein anderes Problem oder besser gesagt Thema: die Integration. Wer gehört denn Ihrer Meinung nach zu Deutschland?

Ueberschär: Zu Deutschland gehören alle, die hier leben, natürlich auch die Muslime, das ist ganz klar. Und wir sind sehr dafür, dass wir in einen neuen, offenen Dialog auf Augenhöhe mit muslimischen Menschen kommen. Wir werden ein Zentrum «Christen und Muslime» machen, wir werden natürlich auch ein Zentrum «Juden und Christen» haben. Das ist für uns in Dresden besonders wichtig, weil wir 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft „Juden und Christen» haben werden, und das wollen wir feiern. Und:  Integration betrifft nicht nur Menschen muslimischen Glaubens, sondern Integration führt auch zum Thema Europa, europäische Integration. Und das Thema Mittel- und Osteuropa wird in Dresden ein ganz großer Schwerpunkt sein.

medio: Weil Dresden näher an den Ländern im Osten liegt als andere Kirchentagsstädte?

Ueberschär: Natürlich bietet sich der Ort Dresden an, aber es ist auch so, dass wir vor zwei oder drei Jahren gemeinsam mit der sächsischen Kirche die Entscheidung getroffen haben, ein großes Dreiländertreffen, das es im dreijährlichen Rhythmus im Umkreis Tschechien, Slowakei und Polen gibt, nach Dresden zu diesem Kirchentag einzuladen. Und es gibt eine internationale Vorbereitungsgruppe und die hat gleich zu Anfang gesagt, wir wollen kein «Ghetto» im Kirchentag sein, sondern wollen den ganzen Kirchentag prägen, auch musikalisch und künstlerisch.  Im  Zentrum wird es Fragen gehen wie: Wo ist eigentlich das Engagement von 89 geblieben? Das fragen  wir uns ja im Bezug auf die neuen Bundesländer auch. Und eine nächste Frage ist: Was ist mit dem Thema Versöhnung? Aber natürlich auch die aktuellen Themen: Was passiert, wenn jetzt alle  hier in Deutschland arbeiten können? Ist das ein Vorteil, ist das ein Nachteil? Wie ist das mit Wanderarbeit, Menschenhandel? Das gehört dann auch alles dazu.

medio: Ist denn die Versöhnung zwischen Ost und West immer noch ein Thema?

Ueberschär: Auf politischer Ebene ist das noch ein Thema, das sehen wir jedes Mal, wenn es um die deutsch-polnischen Beziehungen geht. Wir sehen es, wenn es um das Zentrum gegen Vertreibungen geht. Und ich glaube, als Kirchen haben wir eine sehr sehr gute Tradition, zum Thema «Versöhnung» etwas zu sagen. Wenn sie an den Brief der polnischen Bischöfe von 1965 denken und an die Denkschrift der EKD im selben Jahr. Die Kirche hat wirklich vielgemacht zum Thema Versöhnung. Indem man sich hinstellt und sagt, «wir ziehen jetzt einen Schlussstrich», sind die Probleme nicht erledigt.

medio: Aber hört man denn überhaupt noch auf die beiden Kirchen angesichts der vielen Missbrauchfälle, die ans Tageslicht gekommen sind?

Ueberschär: Im Moment glaube ich, ist es wichtig, dass Kirchen an ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten, und dass heißt im Moment, dass die Fälle von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen aufgeklärt werden und es vor allen Dingen eine Prävention gibt. Und wenn das gelingt, dann ist das ein großes Vorbild auch für andere gesellschaftliche Bereiche, dann ist Kirche auch in der Lage zu sagen, wir haben Schuld auf uns geladen, aber wir können damit umgehen, oder wir zeigen einen Weg, wie man damit umgehen kann.

medio: Wie sieht es denn überhaupt mit der Ökumene aus? Beim ökumenischen Kirchentag in München gab es die orthodoxe Feier auf dem Odeonsplatz. Wie geht es jetzt weiter?

Ueberschär: Wir haben für Dresden einen ökumenischen Himmelfahrtsgottesdienst im Stadion in Dresden geplant und wir werden etwas weiterführen, was ein bisschen auf die Zukunft weist, nämlich den Konfirmandentag zum Konfirmlingstag umwandeln und sagen: Lasst uns alle Firmlinge, die es gibt im Bistum Dresden-Meißen, auch an diesem Tag teilhaben.

medio: Ein Viertel der Kirchentagsbesucher sind Schülerinnen und Schüler. Ganz wichtig für sie bei Kirchentagen auch die Musik-Acts. Werden die Wise Guys wieder das Kirchentagslied singen?

Ueberschär: Die Wise Guys werden kommen, aber wir haben kein einzelnes Mottolied, sondern wir haben viele verschiedene Künstlerinnen und Künstler gebeten – vor allem auch aus Dresden, denn Dresden ist ja eine ganz ganz reiche Musikszene – sich Gedanken zu machen zum Mottolied und das geht dann von Bands in Dresden bis hin zu Avitall Gerstetter, da die ja im Hauptberuf Kantorin der jüdischen Gemeinde zu Berlin ist.

medio: Wer kommt denn überhaupt zum Kirchentag. Treffen sich da nicht hauptsächlich kirchliche Mitarbeiter?

Ueberschär: Natürlich versuchen Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen, auf dem Kirchentag sich zu zeigen: wie machen wir Kirche, wie verstehen wir das und sich auch in dem Sinne zu zeigen: Wir sind für euch da, wir diskutieren mit euch, wir reden mit euch und wir wollen auch wissen, was ist euch wichtig und wie können wir das umsetzen.

medio: Wie können evangelische Christen denn in einer zunehmend nichtchristlichen Umwelt über ihren Glauben sprechen?

Ueberschär: Ich glaube, das wird der heimliche Schwerpunkt sein, die Frage: wie erzähle ich anderen von dem, was mir wichtig ist, wie erzähle ich von der Freiheit, die ich in einer Gemeinde habe, wo es nicht auf mein Einkommen ankommt? Wie erzähle ich das anderen, wie gewinne ich sie dafür? Und die andere Seite der Medaille ist natürlich auch: Wie reden wir eigentlich von unserem Glauben? Wie beten wir gemeinsam? Was sagen uns eigentlich noch diese großen alten Worte «Sünde, Gnade, Rechtfertigung»? Können wir damit eigentlich überhaupt noch etwas anfangen und wenn ja, was heißt das denn für unseren Alltag?

medio: Nehmen wir mal den demographischen Wandel in Deutschland, der uns ja alle betrifft. Wird so etwas auch auf dem Kirchentag diskutiert?

Ueberschär: Was wir seit Jahren haben, ist ein «Zentrum Älterwerden», da laufen alle Generationen auf. Man kann sehen, wie groß der Bedarf eigentlich ist. Sich eine Vorstellung zu machen, sich eine Idee davon machen, wie lebe ich selber im Alter, wie lebe ich jetzt mit meinen älter werdenden Eltern.

medio: Und die Bewahrung der Schöpfung?

Ueberschär: Wir sind Vorreiter. Wir sind als Kirchentag die erste zertifizierte Großveranstaltung gewesen. Und die Menschen, die das damals mit uns gemacht haben, die beraten jetzt andere Großveranstaltungen in Deutschland. Ich glaube, dass das wirklich Schule macht, dass andere auch sehen, ok das geht: Man kann ein großes Volksfest machen, ohne das ein Haufen Plastikteller oder Alufolien nachher herum liegen.

medio: Und worauf freuen Sie sich am meisten beim nächsten Kirchentag in Dresden?

Ueberschär: Ich freue mich ja immer auf die Gesichter und ich glaube ehrlich gesagt, dass der Schlussgottesdienst einer der schönsten werden wird, den wir je hatten. Weil wir den praktisch in der Elbe machen werden, wir werden zu beiden Seiten des Elbufers Menschen haben. Auf der einen Seite werden die Posaunenbläser stehen, unterhalb der Kulisse Dresdens und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden auf der anderen Seite stehen und eben diese Kulisse haben, die Bühne in der Elbe vor sich und dahinterdann die Bläser. Das wird wirklich großartig.

medio: Vielen Dank für das Gespräch.

(01.12.2010)

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