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Foto: Das Archiv-Foto der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich zeigt Bischof Michael Bünker in einem früheren Interview. (Foto: Uschmann) Das Archiv-Foto der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich zeigt Bischof Michael Bünker in einem früheren Interview. (Foto: Uschmann)
2011-02-18

Nachgefragt...

Die Tür zur Gottesfrage offen halten – das ist die gemeinsame Aufgabe von Christen und Muslimen in Europa, erklärte Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich (Wien) in einem Gespräch mit der Medienagentur «medio». Bünker hielt den Hauptvortrag bei der Eröffnung der Aktion Hoffnung für Osteuropa am 26. Februar 2011 in Hanau. Sein Thema lautete: «Migration und Glaube. Der Beitrag der evangelischen Kirchen in Europa zur Integration.» Bünker ist auch Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE). Das Interview führte medio-Redaktionsleiter Pfr. Dr. Siegfried Krückeberg (Frankfurt am Main).

medio: Herr Bischof Bünker, was möchten Sie durch Ihren Vortrag vermitteln?

Bischof Bünker: Mein größtes Anliegen ist es zu zeigen, dass Religion im Prozess von Migration als etwas Positives wahrgenommen wird. Und dass sie für die Integration stärker genützt und geschätzt wird, als eine positive förderliche Kraft.

medio: Aber gerade ein anderer Glaube, zum Beispiel der Islam, wird oft als fremd und trennend empfunden. Wie kann Glaube bei der Integration helfen?

Bischof Bünker: Aus der Perspektive der Zuwandernden, der Migranten und Migrantinnen ist es wichtig, dass sie ihre religiöse Überzeugung, sofern sie eine haben, gut leben können. Religion ist so etwas wie das «portative Heimatland», so hat es einmal ein amerikanischer Rabbiner genannt, also die «tragbare Heimat». Sie hat für die Menschen, die sich auf den Weg in die Fremde machen, eine ganz wichtige Funktion. Deswegen glaube ich, dass wir als die aufnehmende Gesellschaft gut beraten sind, wenn wir diese Bedeutung von Religion auch wahrnehmen und respektieren.
medio: Gibt es auch Probleme?

Bischof  Bünker: Natürlich treten in vielen unserer Gemeinden, sowohl poltischen als auch Kirchengemeinden, Fremdheitserfahrungen auf, und es sind auch Ängste vorhanden. Es wäre blauäugig, davor die Augen zu verschließen. Umso wichtiger scheint mir zu sein, dass man hier Vertrauen schafft, dass man Begegnungsmöglichkeiten schafft, dass Menschen miteinander in Kontakt kommen, eben nicht nur in den Unterschieden der Religion, sondern auch in dem, was uns verbindet. In einer zunehmend säkularen, gottvergessenen Welt halten religiös überzeugte Menschen, sowohl Muslime als auch Christen und Christinnen, die Türe zur Gottesfrage offen. Das verbindet sie doch stärker als sie der Ausdruck der Religion trennt oder unterscheidet.

medio: Das scheinen viele Menschen in Deutschland anders zu sehen. Zum Beispiel Thilo Sarrazin. Was sagen Sie als Österreicher zu seinen Thesen?

Bischof Bünker: Na ja, wir haben in Österreich viele solcher Leute. Zum Beispiel haben wir starken Zulauf zu einer Partei, deren Vorsitzender bei einer Wahlveranstaltung mit einem großen Kreuz aufgetreten ist und sich selbst zum Verteidiger des christlichen Abendlandes erklärt hat. Ich beobachte, dass seit den sechziger Jahren zunehmend eine Begriffsveränderung stattgefunden hat. Wir sprechen heute weniger von Ausländern und Ausländerinnen und schon gar nicht mehr von Gastarbeitern. Heute spricht man von Muslimen und sammelt alles unter diesem Begriff. Das ist nicht zutreffend, denn nicht alle, die zuwandern, auch wenn sie aus islamischen Ländern kommen, sind religiös. Und jeder Mensch, auch wir Evangelischen, besteht nicht nur aus religiösen Überzeugungen, sondern wir haben auch unsere kulturellen Beziehungen, unsere sozialen Kontakte, unsere politischen Möglichkeiten und vieles andere mehr. Religion ist ein wichtiger Aspekt in dem Gesamtspektrum der Identität von Menschen, aber hier gibt es eine Vermischung von sozialen und politischen Fragen unter religiösen Überschriften. Das sehe ich mit großer Sorge.

medio: Was ist zu tun?

Bischof  Bünker: Religion ist natürlich, nachdem sie die Menschen im Innersten und im Letzten betrifft, ein hoch emotionalisiertes Gebiet. Deshalb müssen alle, die politische Verantwortung tragen, und dazu zähle ich auch Thilo Sarrazin, hier ihre Verantwortung wahrnehmen und mit Respekt und Sensibilität vorgehen. Religion hat immer beide Gesichter. Sie kann das Beste und Menschlichste im Menschen begründen und erwecken bis hin zur Selbsthingabe. Sie kann aber auch fanatisieren, radikalisieren. Das wissen wir ja auch aus unserer eigenen Geschichte. Unsere Verantwortung ist, wie wir damit umgehen und welche Kraft in der Religion wir stärken wollen, um dieses Miteinander ins  Spiel zu bringen.

medio: Welchen Beitrag zur Integration können die evangelischen Christen leisten, zum Beispiel in den Kirchengemeinden vor Ort?

Bischof Bünker: Ich sag, was ich sehe, was bei uns in Österreich gut funktioniert: Wenn die Kirchengemeinden sich erst einmal grundsätzlich öffnen und interessieren und das Stichwort der Nachbarschaft aufgreifen. Ich halte das überhaupt für ein zentral wichtiges Stichwort: Nachbarschaft. In europäischen Studien stellt man fest: immer mehr Menschen wissen genau, wen sie nicht als Nachbarn haben wollen. Diese Zahl nimmt rapide zu, und das halte ich für bedenklich. Wir sollten uns über unsere Nachbarn freuen, auch wenn wir sie uns nicht ausgesucht haben. Das Zweite ist, man macht dort besonders gute Erfahrungen, wo es nicht gleich um die tiefen religiösen Unterschiede geht, sondern um die Dinge, die man miteinander teilt, die Sorge um die Kinder, die Sorge um eine lebenswerte Umwelt. Und das kann man doch am schönsten zum Ausdruck bringen, indem man miteinander am Tisch sitzt. Ich finde es daher sehr schön, wenn muslimische Gemeinden zum Fastenbrechen einladen und könnte mir es genauso gut umgekehrt vorstellen, dass evangelische Gemeinden ihre muslimischen Nachbarn mit entsprechend bereiteten Gerichten einladen, miteinander zu essen. Nachbarschaft und Gastfreundschaft sind die zentralen Werte, die wir sowohl im christlichen Glauben als auch im Islam verankert finden.

medio: Sie sprechen von der Verankerung im Glauben. Warum haben Christen eine besondere Verantwortung für Flüchtlinge und Migranten. Was sagt die Bibel dazu?

Bischof Bünker: Migration durchzieht die Heilige Schrift, vom ersten bis zum letzten Buch. Zu Beginn die erste Form von Migration, die Vertreibung oder die Auswanderung von Adam und Eva aus dem Paradies. Das Unterwegssein ist natürlich, wenn man so will, dem Menschen in die Wiege gelegt. Urtypisch ist das bei Abraham und Sara, dem Aufbruch aus der vertrauten Umgebung in ein Land, das unbekannt ist und das Gott ihm erst noch zeigen will. Bei Abraham verdeutlicht sich, wie mit Religion umgegangen wird. Im neuen, im gelobten Land baut er einen Altar, dort wo wohl auch andere gestanden haben dürften, und es hat jeder, auch der Zuwandernde, auch Abraham mit seiner Familie das Recht, seine Religion, wenn man so will, öffentlich zu leben. Die Migrationsgeschichten ziehen sich dann weiter: Die Migration von Josef und seinen Brüdern nach Ägypten. Die Befreiung und die Flucht aus Ägypten. Und natürlich ist auch Jesus ein Flüchtlingskind. Und es kann dann im Hebräerbrief heißen: Wir haben hier keine bleibende Stadt. Die zukünftige suchen wir, die zukünftige Stadt, die uns bereitet ist. Schliesslich im letzten Buch der Bibel. Die große «Migration», ins himmlische Jerusalem hat offensichtlich doch sehr stark das Bewusstsein der ersten Christen und Christinnen geprägt. Es gibt eine kleine frühchristliche Schrift, den Brief an einen gewissen Diognet. Da heißt es: Die Christen sind merkwürdige Leute. Ihnen ist jede Heimat eine Fremde und jede Fremde Heimat. Auf diese Formal gebracht, will man zum Ausdruck bringen: Wir empfinden uns als Gäste hier. Ein Gastrecht, das wir letztlich Gott verdanken und das wir auch weitergeben und uns selbst als gastfreundlich und gastbereit erweisen sollen den Menschen gegenüber, die zu uns kommen.

medio: Das Thema Ihres Vortrags heißt: «Migration und Glaube. Der Beitrag der evangelischen Kirchen in Europa zur Integration.» Warum sind gerade die evangelischen Kirchen besonders sensibel für das Thema Migration?

Bischof Bünker: Das möchte ich gerne mit unseren österreichischen Erfahrungen begründen. Wir Evangelische waren in Österreich lange Zeit die Ungewollten, die Verbotenen, die immer auch wieder von Vertreibung und Migration , also von Deportation betroffen waren, und haben daher aus unserer eigenen Geschichte wohl dieses Erbe mitgebracht. Wir wissen wie wertvoll es ist, den eigenen Glauben leben zu können, auch wenn es nicht der Glaube der Mehrheitsgesellschaft ist. Wie wichtig es ist, dass gute Rahmenbedingungen gewährleistet sind, dies auch öffentlich und gemeinsam tun zu können. So war es ja zum Beispiel den Evangelischen in Österreich lange Zeit verboten, Gottesdiensträume zu bauen, die nach außen erkennbar sind. Also durften sie keine Türme haben, keine runden Fenster, keinen Zugang von der Straße. Wir erinnern uns daran, wenn wir heute die Diskussion über Minarette und den Moscheebau verfolgen. Deshalb ist uns wichtig, dass auch die Muslime heute bei uns grundsätzlich das Recht haben, in Gebäuden, die ihnen angemessen erscheinen, öffentlich ihren Glauben zu leben. Deswegen glaube ich aus dieser historischen Erfahrung heraus, dass wir eine besondere Verantwortung haben für ein respektvolles und gutes Miteinander unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen unter dem Dach des Hauses Europa, nach der Hausordnung Europas, den Menschenrechten und der Rechtstaatlichkeit. Ich glaube, Evangelische sind von Haus aus vielfaltsfreudig, pluralitätsfähig und diasporafest, also auch in ihrem Glauben gefestigt.

medio: Wenn man Europa mit einem Haus vergleicht, dann könnte man ja sagen, dass die Türen zurzeit fest möglichst verschlossen bleiben, zumindest für Flüchtlinge.

Bischof Bünker: Ich habe die Sorge, dass im europäischen Asylwesen die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Ich sehe das auch aus unserer österreichischen Perspektive. Wir haben in den letzten Jahren einen beständigen Rückgang an Asylanträgen und gleichzeitig eine beständige Verschärfung der Bedingungen. So wurde im letzten Herbst eine Familie aus dem Kosovo abgeschoben, die seit neun Jahren in Österreich lebt, deren Asylanträge immer wieder sehr langfristig bearbeitet worden sind, die hier sehr gut integriert war in einer katholischen Pfarrgemeinde in Oberösterreich, ehrenamtlich engagiert, in Lohn und Arbeit. Sie wurden dann von heute auf morgen abgeschoben und zuvor alle in Abschiebehaft genommen, auch die Kinder. Wir haben viel zu viele Menschen in Abschiebehaft in Österreich, und wir haben immer noch nicht damit aufgehört, Menschen nach Griechenland abzuschieben, obwohl es deutliche Beschlüsse des europäischen Menschenrechtsgerichtshofes gibt.
Natürlich sind die Gründe für die Flucht nicht nur Gewalterfahrungen und bürgerkriegsähnliche Zustände, sondern auch unerträgliche Lebenszustände, die die Menschen dazu bringen, dass sie eine neue und bessere Zukunft für sich und ihre Kinder suchen. Das sollte man nicht verachten. Wenn Menschen zu uns kommen, müssen wir rechtlich korrekt und menschlich fair mit ihnen umgehen. Es ist klar, dass nicht alle hier bleiben können, darüber besteht ja gar kein Zweifel. Aber es ist schon die Frage, ob wir nicht die Werte, auf die sich Europa immer gerne beruft, selbst in Frage stellen, wenn wir eine blutige Außengrenze einfach zulassen.

medio: Wer erhebt hier die Stimme?

Bischof Bünker: Von den italienischen Kirchen ist das deutlich zu hören. Aber das ist eine verschwindende Minderheit, und die italienische Öffentlichkeit ist, wie wir wissen, von anderen Kräften dominiert und geprägt. In Spanien ist es das Gleiche. Ich erinnere mich, dass die EKD schon vor Jahren auf die schlimme Situation an den EU-Außengrenzen hingewiesen hat. Richtig ist, dass hier mehr geschehen muss. Länder wie Griechenland, die in wirtschaftlich schwierigen Situationen sind, mit einer großen Zahl von Asylsuchenden allein zu lassen und dann dorthin auch noch abzuschieben, das ist ein schlechter Umgang, und da muss sich etwas ändern. Das soll uns nicht in Ruhe lassen, und es braucht wahrscheinlich auch mehr Versuche, Einfluss zu nehmen auf die politischen Entscheidungsträger hier bei uns, da wir noch immer keine gesamteuropäische Richtlinien für den Umgang mit Asylsuchenden haben. Und das Zweite, das wir auch brauchen, ist mehr Kontakt zu den Kirchen in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen. Das muss weiter verstärkt werden.

medio: Was sind die konkreten Forderungen der evangelischen Kirchen zur Flüchtlingsfrage in Europa?

Bischof Bünker: Europa braucht eine gemeinsame Lösung in der Frage des Asylwesens, also klare und rechtstaatliche, menschenrechtlich konforme, zügige Verfahren. Das Zweite ist, wir wollen nicht, dass Menschen in Abschiebehaft genommen werden, keine Kinder, keine Traumatisierten, keine Schwangere, keine Alte und Kranke. Grundsätzlich sollte die Abschiebehaft als das gelindere Mittel, wie es im Juristendeutsch heißt, nur im äußersten Notfall eingesetzt werden. Dies ist in einigen europäischen Ländern, wie eben leider auch Österreich, nicht der Fall. Wir wollen, dass Menschen, die länger als eine bestimmte Zeit, etwa fünf Jahre, in Europa leben, einen legalen Aufenthaltsstatus bekommen. Staaten wie die Niederlande und Spanien, die versucht haben, einen rechtskonformen Aufenthaltsstatus zu gewährleisten, haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Und natürlich brauchen wir Integrationsmaßnahmen, Zugang zum Arbeitsmarkt oder politische Beteiligungsmöglichkeiten, die hier verstärkt werden müssen.

medio: Vielen Dank für dieses Gespräch.

(18.02.2011)

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