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Nachgefragt...

Foto: Prälatin Marita Natt vor Journalisten in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Schauderna) Prälatin Marita Natt vor Journalisten in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Schauderna)
2011-05-16
Prälatin Marita Natt stellte sich den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer am 12.05.2011 in Hofgeismar.

Fischer: Frau Prälatin Natt, Sie haben gerade Ihren ersten Personalbericht vor der Synode gehalten. Wie sieht die Lage bei den Pfarrerinnen und Pfarrern in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck zurzeit aus?

Natt: Im Augenblick ist sie recht stabil. Wir haben ein gutes Netz von Pfarrerinnen und Pfarrern in unseren Gemeinden. Wir haben einen wachsenden Anteil von Pfarrerinnen zu verzeichnen. Diese Mischung von Mann und Frau wird in vielen Gemeinden als bereichernd und gut wahrgenommen. Allerdings haben wir zu wenig Theologie-Studierende. Dauerhaft brauchen wir mehr Männer und Frauen, die diesen Beruf wählen.

Fischer: Das ist eine große Aufgabe. Was wollen Sie konkret machen?

Natt: Da wünschte ich mir noch mehr Wissen über diesen Berufsstand. Viele, glaube ich, haben zum Teil ganz mittelalterliche Vorstellungen, was ein Pfarrer tut. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Sie ist sehr bunt und vielfältig. Pfarrerinnen und Pfarrer begleiten Menschen, angefangen beim Unterricht von Kindern und Jugendlichen, aber auch bei der Trauung, bei der Taufe und beim Sterben. Das sind ganz wunderbare Möglichkeiten, Menschen zur Seite zu stehen. Ich wünsche mir, dass uns als „Kirche“ noch viel mehr einfällt, die Sprache der Jugendlichen zu finden,  auch über die neuen Medien, in denen wir bisher viel zu wenig vertreten sind. Wir sollten bewusst machen: Wir sind nicht von gestern, sondern von heute. Wir sind da und wir brauchen euch.

Fischer: Also Überzeugungsarbeit bei den nächsten Generationen. Überzeugungsarbeit ist sicher auch in dieser Generation schon notwendig, wenn man sich die Mitgliederentwicklung anschaut. Die sinkt ja, nicht besonders stark, aber kontinuierlich. Wie wollen Sie den Abwärtstrend stoppen?

Natt: Gewisse Trends kann man leider nicht mehr stoppen. Das merken wir an den Wanderungsbewegungen. Hier gibt es einen Trend zur Re-Urbanisierung. Wir sehen das auch in unseren Kirchenkreisen. Die städtischen Kirchenkreise, wie Fulda oder Marburg, verzeichnen Zuwachs und die ländlichen Kirchenkreise – gerade im ehemaligen Zonenrandgebiet – verzeichnen immense Verluste, weil die Menschen gehen, Schmalkalden an der Spitze. Die meisten Menschen verlieren wir durch Wanderungsbewegung. Dem können wir mit attraktiven, dörflichen Strukturen zwar versuchen entgegenzuwirken, aber da sind wir, glaube ich, eng verbunden mit den Kommunen. Feuerwehren und andere Vereine klagen ebenfalls über Mangel an Nachwuchs!

Fischer: Schnell gerät die Kirche offenbar in diesen demografisch bedingten Abwärtssog.  Obwohl die Prozesse ganz andere Ursachen haben, wird immer wieder gerne getitelt: Die Kirche verliert immer mehr Mitglieder.

Natt: Ja, das ärgert mich sehr! Deshalb lege ich darauf ganz großen Wert: Das ist ein Prozess, den können wir als Kirche gar nicht stoppen. Ähnlich ist es bei der zweiten großen Zahl, der Anzahl der Verstorbenen. Das ist ein natürliches Geschehen, dem wir alle unterliegen. Und es sind eben mehr, die versterben, als solche, die geboren werden. Auch das zeichnet sich deutlich ab. Das sind Dinge, die haben nichts mit Verlust von Glaubwürdigkeit der Kirche zu tun. sondern das sind schlechthin Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Und selbst, wenn man sagen würde: Leute heiratet, kriegt Kinder, schaut in die Zukunft: es sind zurzeit deutlich weniger junge Leute da als alte Menschen.

Fischer: Nun ist die Zahl der Mitglieder die eine Sache, die Frage der Qualität eine andere. Was kann man tun, um mehr geistliches Leben zu entfachen?

Natt: Das ist das Wunderbare, was ich entdecke. Auf der einen Seite haben wir die schwindenden Zahlen, auf der anderen Seite merke ich aber, dass sich in Gemeinden und in der Pfarrerschaft ganz großartige Initiativen entwickeln. Man besinnt sich sozusagen wieder auf seine Wurzeln. Ich habe da überhaupt keine Sorge, dass etwas verloren ginge, sondern stattdessen haben neue Pflänzchen wieder eine Chance, zu wachsen. Es bilden sich Gruppen, die sich beispielsweise zum Erhalt ihrer Kirche einsetzen. Mit dem Kirchenerhaltungsfonds motivieren wir seitens der Landeskirche diese Initiativen und das finde ich einfach großartig.
Die Pfarrerschaft beginnt, sich über die eigene Gemeinde hinaus zu vernetzen. Man schaut: wo sind deine Stärken, wo sind meine, was können wir gemeinsam machen. Man bietet ganz neue Formen von Gottesdiensten für verschiedene Zielgruppen an. In all diesen Bereichen stelle ich eher Blühendes fest als Verwelkendes.

Fischer: Sie haben selbst die Pfarrerinnen und Pfarrer angesprochen. Wie viele Pfarrerinnen und Pfarrer braucht denn eine funktionierende Evangelische Kirche? Oder kann man manches auch in ehrenamtliche Hände geben?

Natt: Man kann Manches sicher auch in ehrenamtliche Hände geben. Auch da merken wir, dass wir einen regen Zuwachs haben zum Beispiel im Verkündigungsdienst von Prädikanten und Prädikantinnen, Lektorinnen und Lektoren, die sich rufen lassen und sehr unterstützend wirken. Wir haben in den Gemeinden nach wie vor Menschen, die sich ehrenamtlich im Kindergottesdienst oder Jugendarbeit engagieren. Mein Traum ist es, das wir für junge Familien in unseren Gemeinden noch mehr Entlastung bieten. Zum Beispiel durch ehrenamtliche Großeltern. Die Familien sind ja einfach zum Teil weit auseinander gerückt. Hier könnten wir sagen: Wir haben ein Angebot für euch, sozusagen Ersatzgroßeltern vor Ort, die auch mal Kinderbetreuung übernehmen. Bei solchen Themen sind wir Pfarrerinnen und Pfarrer natürlich immer noch die Impulsgeber. Wir sind auch verantwortlich für die Verkündigung und die Kasualien. Aber wir können natürlich auch einiges abgeben in die Hände von Menschen, die das mit sehr viel Herzblut und Leidenschaft tun möchten. In unserer Landeskirche arbeiten 1.010 Pfarrerinnen und Pfarrer. Selbst bei weniger werdender Bevölkerung brauchen wir weiterhin Seelsorgerinnen und Seelsorger.

Fischer: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Natt.

(12.05.2011)

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