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Nachgefragt...

Foto: Präses Kirchenrat Rudolf Schulze vor Journalisten in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Schauderna) Präses Kirchenrat Rudolf Schulze vor Journalisten in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Schauderna)
2011-05-16
Präses Kirchenrat Rudolf Schulze stellte sich den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer am 13.05.2011 in Hofgeismar.

Fischer: Herr Präses, zeitgleich mit der Synode in Hofgeismar tagt die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Weilburg.
Was unterscheidet beide Gremien?

Präses Schulze: Ich nehme wahr, dass die Kirchensynode von Hessen und Nassau eine stärker ausgeprägte Debattenkultur zeigt als unsere Synode. Das hängt mit unterschiedlichen Verfahrensweisen zusammen. So ist es zum Beispiel bei uns üblich, dass Gesetzesvorlagen erst nach Befassung der Ausschüsse in die Synode kommen. Dort ist es üblich, dass ein Gesetz in die Synode eingebracht wird und danach erst Ausschüsse zu beauftragen, um dann bei der nächsten oder übernächsten Synodaltagung wieder vorgelegt zu werden. Da haben viel mehr Beteiligte die Möglichkeit, auf Vorlagen einzuwirken. Die Schwierigkeit ist, dass der Prozess bis zur Beschlussfassung in der EKHN länger dauert.
Ich nehme auch wahr, dass es in der Kirchensynode in Hessen-Nassau eine stärkere basisdemokratische Orientierung gibt als in unserer Synode.

Fischer: Was verstehen Sie unter basisdemokratischer Orientierung?

Präses Schulze: Ich habe den Eindruck, dass dort viel mehr Synodale oder auch weitere Gremien mitsprechen wollen als es bei uns Brauch ist. Auf der anderen Seite sind wir mit unserem Verfahren bisher sehr gut gefahren. Wir haben keinen Grund, von unseren bewährten Beratungsprozessen abzuweichen. Wir sind damit sehr erfolgreich. Da haben sich einfach zwei unterschiedliche Kulturen entwickelt. Man könnte sagen: Die Kirchensynode der EKHN hat eher eine «Kontroverskultur» und unsere Landessynode eher eine «Konsenskultur». Spannend wird es jetzt erst, wenn diese beiden Kulturen im Kooperationsprozess zusammengeführt werden müssen.

Fischer: Genau. Wie passen denn diese unterschiedlichen Kulturen zusammen?

Präses Schulze: Ich will Ihnen ein konkretes Beispiel nennen. Wir haben eine große Aufgabe zu bewältigen. Wir haben im nächsten November in unseren beiden Synoden den Entwurf für einen Kooperationsvertrag in erster Lesung zu beraten. und soll ein Jahr später in beiden Synoden zur Beschlussfassung vorgelegt werden. Und nun ist die Frage: Wie halten wir während dieses einen Jahres die Beratungen zusammen? Ich weiß noch nicht genau, wie es wirklich sein wird. Aber ich meine, es kann nur so sein, dass wir gemeinsame Ausschüsse bilden müssen. Das wäre ein völliges Novum. Ziel wäre es, die Kooperationsfelder dann in den gemeinsamen Ausschüssen zu beraten und gemeinsame Ergebnisse zu erzielen, die dann schließlich den beiden Synoden zur endgültigen Beschlussfassung vorgelegt werden. Aber das wird spannend.

Fischer: Die Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck hat ja eine sehr übersichtliche Anzahl von Ausschüssen. Hieße das auch, dass hier neue Ausschüsse gebildet werden müssen?

Präses Schulze: Ich bin dagegen, dass wir neue Ausschüsse bilden. Wir haben bewährte Gremien für alle Dinge, die für kirchenleitende Entscheidungen vorbereitet werden müssen. Wir müssen eine Vereinbarung treffen, welche Ausschüsse zusammenarbeiten sollen. Die  haben möglicherweise unterschiedliche Bezeichnungen, dennoch können sie mit derselben Materie beauftragt werden.

Fischer: Sie sagen selbst, das wird spannend. Worauf können Sie denn bauen, was gibt es denn an Gemeinsamkeiten zwischen beiden Synoden?

Präses Schulze: Also gemeinsam sind ja schon die Arbeitsbereiche, die bisher getrennt wahrgenommen werden. Beide Kirchen stehen in der Verantwortung für ihren Religionsunterricht oder für die Erwachsenenbildung im Rahmen der Akademiearbeit oder für die Bereiche Ökumene und Mission. Da lässt sich sicherlich Übereinstimmung erzielen, was man künftig mit vereinten Kräften machen will. Wichtig erscheint mir aber, dass wir wechselseitig unsere Vorteile darin erkennen können. Wichtig scheint mir weiterhin zu sein, dass wir uns gegenseitig als verlässliche Verhandlungspartner erweisen. Hier ist ja auf unserer Seite nach der Novemberabstimmung von 2009 eine gewisse Verunsicherung eingetreten. Ich weiß nicht, ob auf hessen-nassauischer Seite seitdem der Optimismus größer geworden ist im Blick auf die Kooperation. Daran müssen wir arbeiten. Und gerade dazu dient eine Zusammenkunft beider Synoden, wie wir sie für den 17. September geplant haben.

Fischer: Zu einem ganz anderen Thema. Herr Präses, Sie haben zu Beginn der Synode in einem einleitenden Wort die großen Veränderungen angesprochen, die die Menschen zurzeit beschäftigen. Stichworte sind Fukushima und die Frage der Kernkraft. Aber auch die Krise in der arabischen Welt. Was kann eine Synode bei solch großen Themen ausrichten?

Präses Schulze: Beides sind Nachrichten aus anderen Ländern, die die Menschen in unserem Land zutiefst bewegen. Auf der einen Seite das Erdbeben und der Tsunamy in Fukushima mit der nachfolgenden Atomkatastrophe. Hier können wir uns als Synode darauf besinnen, dass wir bereits 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe deutlich gesagt haben, wo wir als Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck stehen. Nämlich, dass wir die Atomkraft für eine Technologie halten, die auf Dauer nicht beherrschbar sein wird und wo wir uns den baldigen Ausstieg aus der Atomkraft wünschen. Das ist eine Position, die sich seither nicht verändert hat, und in der wir uns durch die Ereignisse leider bestätigt sehen müssen.

Fischer: Und bei dem Thema der Umwälzungen im arabischen Raum und der Frage, wie hier mit christlichen Minderheiten umgegangen wird?

Präses Schulze: Ja, die Ereignisse in Ägypten, insbesondere auf dem Tachir-Platz in Kairo, aber vorher auch in Alexandria das Massaker an den koptischen Christen, haben natürlich auch bei uns in Kurhessen-Waldeck große Betroffenheit ausgelöst. Schien es freilich bei dem Tachir-Platz noch so zu sein, dass hier eine freiheitlich-demokratische Wende in Ägypten erfolgte, so wurden wir bald eines Besseren belehrt. Wir bekamen Nachrichten von koptischen Christen – etwa aus dem Bischoi-Kloster, in dem Papst Shenouda III. zu Hause ist – dass dort das ägyptische Militär dieses Kloster angegriffen hat, eine Mauer eingerissen hat, Menschen zu Tode gekommen oder entführt worden sind durch staatliche Organe. Und das hat sich nach den Demonstrationen auf dem Tachir-Platz ereignet. Das ist nicht in das allgemeine Bewusstsein in Deutschland gelangt. Es hat vielleicht auch gar nicht in den Zeitungen gestanden. Aber am letzten Wochenende haben wir dann die traurige Bestätigung bekommen über die Ausschreitungen gegen die koptischen Christen. Wir staunen darüber, dass das nach den Freiheitsdemonstrationen auf dem Tachir-Platz geschehen ist. Dass also auch unter der neuen Ordnung in Ägypten - soweit man hier überhaupt schon von einer Ordnung sprechen kann - die Christen weiterhin in großer Gefahr sind.

Fischer: Und was kann eine Synode angesichts einer solch dramatischen Entwicklung tun?

Präses Schulze: Wir können uns nur auf die Seite der verfolgten und bedrängten Christen in Ägypten aber auch in anderen muslimisch geprägten Ländern stellen. Wir können das dadurch tun, dass wir uns erstens selber umfassend informieren, zweitens, dass wir es deutlich beim Namen nennen – und das wollten wir durch die heutige Resolution erreichen – und drittens, dass wir für die Christen in den bedrängten Situationen beten und nicht aufhören, sie in unsere Fürbitte aufzunehmen – auch in unseren Gottesdiensten.

Fischer: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Präses.

(13.05.2011)

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