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Nachgefragt...
Bischof Martin Hein zum Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland

Foto: (Foto: medio.tv/Simmen) (Foto: medio.tv/Simmen)
Die Fragen stellte medio-Redakteur Torsten Scheuermann am 26.9.2011 in Kassel.

Scheuermann: Letzte Woche trafen Bischöfe und Vertreter der EKD Papst Benedikt XVI. Sie waren auch dabei. Der Besuch wurde unterschiedlich bewertet: es reichte von Enttäuschung bis zu «einem starken ökumenisches Signal». Wie bewerten Sie das Treffen?

Bischof Hein: Am ökumenischen Gottesdienst im Augustinerkloster und am Tag darauf an der Eucharistiefeier auf dem Domplatz in Erfurt habe ich teilgenommen. Ich kann nicht sagen, dass von dort ein starkes ökumenisches Signal ausgegangen sei. Es gab nicht nur auf der evangelischen, sondern auch auf der katholischen Seite Erwartungen in Richtung ökumenischer Ermutigung. In den letzten beiden Tagen habe ich eine Fülle von Reaktionen katholischer Mitchristen mitbekommen, die sich ihrerseits enttäuscht gezeigt haben, dass es dem Papst nicht gelungen sei, ein kleines Zeichen der Öffnung der katholischen Kirche zu geben – nicht nur hin zu den evangelischen Christen, sondern auch in seine eigene Kirche. Im Grunde muss man sagen: Es ist alles geblieben, wie es vorher war.

Scheuermann: Das Treffen fand an einem historischen Ort statt, dem Augustinerkloster in Erfurt. Können Sie daran ein Symbol erkennen und wenn ja welches?

Bischof Hein: Die Tatsache, dass der Papst auf seiner Reise in Deutschland eine Kirche besucht, in der Luther damals Mönch wurde und die inzwischen evangelisch geworden ist, ist als solche schon als ein gutes Zeichen zu werten. In dem Konklave der beiden Delegationen, an dem ich nicht teilgenommen habe, hat sich der Papst durchaus auf Luther bezogen. Er hat allerdings die Chance verpasst, das auch anschließend im Gottesdienst zu tun, an dem nicht nur eine ganze Menge evangelischer Leitender Geistlicher und katholischer Bischöfe teilgenommen hat, sondern auch der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin und drei Ministerpräsidenten zugegen waren. Da hätte ich erwartet, dass er angesichts all dieser Anwesenden etwas mehr sagt als nur Altbekanntes.

Scheuermann: Was hätten Sie sich von dem Treffen gewünscht?

Bischof Hein: Ich hätte mir gewünscht, dass der Papst Luthers Anliegen in aller Öffentlichkeit als ein zutiefst religiöses Anliegen deutet. Und dass er seinerseits Impulse dafür gibt, wie wir das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 als Christen gemeinsam begehen können. Nach diesen Begegnungen und nach den Reden des Papstes habe ich den Eindruck, wir sollten als evangelische Christen froh und unseres Glaubens gewiss das Reformationsjubiläum als evangelische Kirche feiern und uns weniger damit beschäftigen, was ökumenisch noch möglich ist. Wir haben kein schlechtes Gewissen, dass wir evangelisch sind: Im Gegenteil!

Scheuermann: Wie war das Treffen für Sie atmosphärisch mit Papst Benedikt, wie haben Sie die Begegnung empfunden?

Bischof Hein: Es ist nicht zu bestreiten, dass die Inszenierung einer solchen Begegnung einen gewissen Reiz hat. Andererseits muss ich sagen, dass ich den Papst als einen Menschen wahrgenommen habe, der schwer unter der Last zu tragen hat, die ihm das Amt aufbürdet. Manchmal erscheint er mir geradezu ängstlich und insgesamt, was den Lauf der Welt angeht, pessimistisch.

Scheuermann: Nach diesem Treffen: Wie wird es jetzt weitergehen? Welche Auswirkungen wird dieses Treffen für katholische und evangelische Christen haben?

Bischof Hein: Unmittelbare Auswirkungen hat es nicht. Diejenigen, die ökumenisch interessiert sind, werden ihren Weg fortsetzen. In den Gemeinden sind wir schon sehr weit. Aber dass wir jetzt sagen könnten, es gibt Anstöße, die von beiden Kirchen aufgenommen werden müssten – das lässt sich nicht erkennen. Die Reise des Papstes nach Deutschland stand letztlich nicht im Zeichen der Ökumene, sondern im Zeichen einer Stärkung der – in vielfacher Hinsicht unsicher gewordenen – römisch-katholischen Kirche in Deutschland. Andere werden zu beurteilen haben, ob ihm das gelungen ist.

Scheuermann: Vielen Dank für das Gespräch.

2011-11-29

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