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Nachgefragt...
Predigerseminardirektor Dr. Manuel Goldmann über die Nahostkonferenz des Ökumenischen Rates

Das Interview führte medio!-Reporter Torsten Scheuermann am 13.03.2012 in Kassel

Scheuermann:
Herr Goldmann, die Nahostkonferenz des Ökumenischen Rates traf sich in Hofgeismar. Was war denn überhaupt der Anlass des Treffens?

Goldmann:
Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Es geht zurück auf den sogenannten «Amman-Call» aus dem Jahr 2007. Damals hatten Vertreter der Kirchen im Mittleren Osten sich zu einer Konferenz in der Jordanischen Hauptstadt versammelt und einen dringenden Aufruf an die weltweite Ökumene gerichtet. Darin baten sie um Hilfe: erstens dabei, die theologischen Dimensionen des Nahostkonflikts zu analysieren und zu verstehen, und zweitens auch dabei zu klären, worin angesichts dieser Situation vor Ort, also in Israel / Palästina, ein legitimes christliches Zeugnis heute bestehen könnte. Dieser Hilferuf, der «Amman-Call», ist dann in der Ökumene gehört worden, unter anderem in der Weise, dass er eine Reihe von drei internationalen Konferenzen ausgelöst hat. In Bern, in Balamand (Libanon) und jetzt eben in Hofgeismar. Alle drei Konferenzen waren in je unterschiedlicher Zuspitzung und Besetzung auf Aspekte des Nahostkonflikts bezogen; die diesjährige Konferenz, die wir ausrichten durften, hatte den Titel «Violence in the Name of God? Joshua in Changing Contexts», also «Gewalt im Namen Gottes: Das Buch Josua im Wandel der Kontexte».

Scheuermann:
Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat ja diese Konferenz mit organisiert. Wo konnten Sie da Akzente setzten?

Goldmann:
Von der Vorgängerkonferenz in Balamand her lag ganz besonders eine Frage in der Luft, nämlich die der «Kontextualität» unserer Theologien. Stärker als bisher war im Libanon zu Bewusstsein gekommen, wie stark der jeweilige geschichtliche und soziale Kontext, das kulturelle Umfeld in dem wir leben, unsere Theologie prägt, und unsere Art des Bibellesens auch. Es hilft nicht immer wirklich weiter, für einen bestimmten Gedanken, eine ethische Position oder dergleichen einen biblischen Belegtext anzuführen. Das haben wir zwar alle gelernt, aber weil dieselben Texte, je nachdem in welchem Kontext sie vorkommen, unterschiedlich gelesen und verstanden werden, darum muss unsere Kontextualität mit bedacht werden. Das heißt jetzt nicht - das ist ein häufiges Missverständnis - dass im Namen der Kontextualität alles möglich ist, wohl aber heißt es: die Rechenschaft darüber, welcher Kontext unser Verstehen mitbestimmt, gehört zu einem sinnvollen theologischen Gespräch dazu. Erst recht, wenn es um ein so heikles Gebiet geht wie den Nahostkonflikt und die gegensätzlichen Positionen, die da aufeinander prallen. Die alle begründen sich ja biblisch, von daher war uns an dieser Thematik der Kontextualität ganz besonders gelegen. Und die konnte nun zum Glück in Hofgeismar eine große Rolle spielen und hat den Diskussionen viel Tiefgang und große Ernsthaftigkeit verliehen. Und zugleich haben wir auch noch oft herzlich miteinander gelacht.

Scheuermann:
Welche war denn Ihre Funktion bei der Tagung?

Goldmann:
Als jemand, der damals die Chance gehabt hat schon in Balamand dabei zu sein, hatte mich der Bischof beauftragt, diese Folgekonferenz in Hofgeismar für unsere Landeskirche mit vorzubereiten, also als Teil des Teams, das außerdem Michel Nseir von Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf und Oberkirchenrat Jens Nieper vom Kirchenamt der EKD mit umfasste. Die Konzeption der Tagung, die Auswahl der Teilnehmenden aus allen Weltgegenden und auch die Leitung der Tagung selbst lag bei uns dreien. Wobei wir, vor allem in der Organisation, fantastische Mitarbeitende hatten, ohne die es gar nicht möglich gewesen wäre, unsere Gastgeberrolle hier einigermaßen angemessen wahrzunehmen.

Scheuermann:
Die Konferenz verfasste einen Aufruf. Was ist der Inhalt, was kann er bewirken?

Goldmann:
Der Aufruf macht deutlich, wie an dem biblischen Buch Josua sich die Geister scheiden. Durch die Kirchengeschichte hindurch bis in die Gegenwart wird dieses Buch dazu benutzt, völlig unterschiedliche Positionen zu legitimieren. Vor diesem Hintergrund macht der Aufruf klar, wie eminent wichtig es ist, uns ehrlich Rechenschaft darüber zu geben: aus welchem Kontext heraus, mit welchen Interessen, mit welchen Brillen lesen wir? Das kommt bei dem Aufruf relativ deutlich heraus, dass diese Frage eine große Rolle bei der Konferenz gespielt hat.
Was der Aufruf bewirken kann, das ist jetzt natürlich die Frage, die wir alle gespannt verfolgen, weil Konferenzpapiere ganz unterschiedlich gelesen werden können und dann je nachdem auch weiter wirken. Wir hoffen, dass der Text erst mal ernsthaft zur Kenntnis genommen und in den relevanten ökumenischen Foren dann auch weiter diskutiert wird. Wir hoffen, dass die Fährte, die dort gelegt wird, vielleicht Anstöße gibt für eine eventuell weitere Folgekonferenz und dass die Grundeinsicht Kreise zieht, die wir in Europa mühsam haben lernen müssen:  Gewalt im Namen Gottes geht eigentlich nicht - und wenn man sich noch so sehr auf der richtigen Seite glaubt. Wir brauchen ein legales Rahmenwerk, in dem dann auch der Austrag religiöser Differenzen möglich ist, aber es kann nicht sein, dass eine bestimmte politische Option sich mit biblischer Würde umkleidet oder sich direkt auf Gottes Willen beruft. Dieser mühsame Lernprozess klingt durchaus auch in dem Schlusspapier der Konferenz an, und meine Hoffnung ist, dass dieser Anstoß vielleicht auch ein bisschen weiter wirkt, vielleicht sogar bis zu den nahöstlichen Aktivistinnen und Aktivisten, um so etwas wie eine politische Theoriebildung zu beflügeln und zu befördern. Denn ohne die, glaube ich, wird es immer bei falschen Alternativen bleiben, und die nächste Runde der Gewalt im Namen Gottes ist dann vorprogrammiert.

Scheuermann:
Herr Goldmann, vielen Dank für das Interview.

2012-03-19

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