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Nachgefragt...
Bischof Martin Hein zur Bischofskonsultation der Partnerkirchen in Kirgistan

Foto: Bischof Martin Hein (2.v.l.) im Gespräch mit Pfarrer Christian Fischer (Leiter des Medienhauses der EKKW, 3.v.l.), medio-Radioredakteur Torsten Scheuermann (r.) und epd-Redakteur Christian Prüfer. (Foto: medio.tv/Schauderna) Bischof Martin Hein (2.v.l.) im Gespräch mit Pfarrer Christian Fischer (Leiter des Medienhauses der EKKW, 3.v.l.), medio-Radioredakteur Torsten Scheuermann (r.) und epd-Redakteur Christian Prüfer. (Foto: medio.tv/Schauderna)
Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr. Martin Hein, stellte sich den Fragen von Pfarrer Christian Fischer, Leiter des Medienhauses der EKKW, und medio-Radioredakteur Torsten Scheuermann am 21.06.2016 in Kassel.

Fischer: Herr Bischof, wie ist die politische Situation in Kirgistan?

Bischof Hein: Kirgistan galt lange als die «mittelasiatische Schweiz», weil es demokratische Verhältnisse gibt. Allerdings wandelt sich die Situation unter dem Einfluss der aus dem Süden vordringenden Anhänger des IS. Afghanistan und Pakistan sind nicht weit, und der Einfluss des radikalen Islam nimmt sichtbar zu. Mit saudi-arabischem Geld wird fast in jedem Dorf eine neue Moschee gebaut. Das war in Kirgistan früher nicht der Fall, da gab es eher einen sehr moderaten Islam, der sich stark mit einer ursprünglichen Volksfrömmigkeit verbunden hatte und kaum zu Tage trat. Man muss allerdings auch deutlich sagen: In Kassel sehe ich mehr verschleierte Frauen als in Bishkek.

Fischer: Christen sind dort in der Minderheit. Wie hoch ist ihr Anteil und wie ist für sie die Situation?

Bischof Hein: Weil Kirgistan lange Zeit eine Sowjet-Republik war, gibt es dort eine nicht unbeträchtliche russisch-orthodoxe Minderheit, die besondere Rechte für sich proklamiert. Das macht es den anderen christlichen Religionsgemeinschaften schwer, sich gegenüber der orthodoxen Kirche zu behaupten. 25 bis 30 Prozent der Bewohner Kirgisiens sind russisch-orthodox. Sie verlassen allerdings allmählich das Land, weil die Lebensverhältnisse in den Nachbarländern Kasachstan und Russland besser sind. Zudem legt die kirgisische Regierung zunehmend auf eine eigenständige kirgisische Profilierung mit eigener Sprache wert. Es gibt in Kirgistan zwei Amtssprachen, kirgisisch und russisch. Auch wenn beide mit kyrillischen Buchstaben geschrieben werden, sind es doch völlig eigenständige Sprachen. Kirgisisch ist eine Turksprache, russisch bekanntlich eine slawische Sprache.

Fischer: Und wie sieht die aktuelle Entwicklung aus?

Bischof Hein: Die Anzahl der Christen nimmt ab, weil sie auswandern. Zudem gibt es kaum Beziehungen der orthodoxen Kirche zu anderen christlichen Kirchen, z. B. zur römisch-katholischen Kirche, die auch eine kleine Minderheit darstellt, oder zur lutherischen Kirche, die jetzt noch schätzungsweise 1.000 Gemeindeglieder hat. Vor dem Fall der Berliner Mauer gab es in Kirgisien 30.000 Lutheraner. Die sind alle größtenteils nach Deutschland ausgewandert, denn die Lutheraner dort sind Deutsche. Es gibt zudem die sogenannten Freikirchen, also Baptisten und Evangeliums-Christen. Manche davon sind stark von Amerika beeinflusst.

Fischer: Welchen Einfluss nimmt die Politik?

Bischof Hein: Die Religionspolitik Kirgistans zielt darauf ab, den Einfluss von außen einzugrenzen. Das kann man im Blick auf die radikalisierte Anhängerschaft des Islam durchaus verstehen. Die Regierung möchte, dass dieses Land nicht radikal islamisiert wird.
Unter dieser Haltung leiden auch die christlichen Kirchen, weil sie unter dem Verdacht stehen, von außen ferngesteuert zu werden, sei es nun aus Amerika oder aus Westeuropa. Und das macht es der kleinen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kirgistan mit insgesamt acht bis neun Gemeinden und acht Pfarrern besonders schwer. Der Bischof, der dort geboren ist, aber natürlich einen deutschen Pass hat, weil er Deutscher ist, hat keine Daueraufenthaltsgenehmigung, wie das noch vor Jahren der Fall gewesen ist und muss jetzt ständig sein Einreisevisum verlängern. Das geht zwar, aber er hat dadurch keinen besonders starken Status mehr. Deswegen ist es zum einen wichtig, dass diese Kirche deutlich macht, dass sie keine Sekte ist, denn als solche wird sie von der orthodoxen Kirche bezeichnet. Ein sehr unökumenisches Verhalten der dortigen orthodoxen Kirche. Und zum anderen, dass sie deutlich darauf hinweist, dass sie eine historische Kirche ist, dass es bereits vor dem ersten Weltkrieg eine lutherische Gemeinde im heutigen Kirgistan gab, die wir auch besucht haben. Klein und unscheinbar, aber eben eine historische Kirche. Die Lutheraner sind eine Kirche, die dort schon lange existiert.

Scheuermann: Und wenn wir auf das Land Kirgistan sehen. Welche kulturellen Besonderheiten gibt es dort?

Bischof Hein: Man muss von vornherein wissen: Wir haben uns die Kirche in Kirgistan als Partnerkirche nicht ausgesucht, sondern nach dem Ende des Eisernen Vorhangs hat die EKD die Kirchen der ehemaligen Sowjetunion verteilt. Und Kurhessen-Waldeck bekam Kirgistan. Das ist jetzt vor 20 Jahren gewesen. Seit 2000 bin ich als Bischof schon fünf Mal in Kirgistan gewesen, einem wunderbaren Land, was die Landschaft angeht. Berge bis 7500 Meter Höhe, der Vor-Himalaya. Eine beeindruckende Landschaft, aber ein Land von ganz großer Armut. Kirgistan hat lange Zeit davon gelebt, dass die Amerikaner den Flughafen Bishkek als Ausgangsbasis für ihren Einsatz in Afghanistan genutzt haben. Das ist jetzt weitgehend beendet. Das Land ist reich an Wasser und arm an Bodenschätzen, und das muss jetzt im mittelasiatischen Raum mit den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, die heute eigene Ländern sind, ausgehandelt werden - sozusagen Wasser gegen Öl.

Fischer: Wie leben die Menschen dort, was wird dort gerne gegessen zum Beispiel?

Bischof Hein: Da die Mehrheit muslimisch ist, können Sie davon ausgehen, dass wenig Schweinefleisch gegessen wird. Es gibt eine relativ handfeste Küche, die auch stark von der russischen Seite geprägt ist. Das heißt: viele Eintöpfe, morgens eher keine Marmelade, sondern schon einmal kräftiges Essen. Ansonsten unterscheidet sich das wenig von der russischen Küche. Was ganz schön ist: das Wort «Schaschlik» kommt auch aus dem mittelasiatischen Bereich, und Schaschlik-Spieße werden gerne gegessen und schmecken ausgesprochen gut. Man hat dort sehr viele Pferde, auch Wildpferde. Sie können Stutenmilch trinken, das habe ich aber nicht gemacht, oder Sie können Pferdefleisch essen.

Fischer: Nun trafen sich in Kirgistan die Bischöfe aus den Partnerkirchen der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Über was haben Sie gesprochen, welche Themen gab es?

Bischof Hein: Diese sogenannte Bischofskonsultation findet alle zwei Jahre, künftig im Rahmen unserer Sparmaßnahmen alle drei Jahre statt, und wir laden dazu kleine Delegationen aus den Partnerkirchen ein. Eingeladen waren die Bischöfe in Begleitung von Theologen (die auch Referate gehalten haben) aus Estland, aus Namibia, aus Südafrika, aus Indien, natürlich aus Kirgisien, aus Deutschland und als besonderer Gast noch der Siegenbürger Bischof aus Rumänien. Das Thema war von vorneherein verabredet: Religionsfreiheit. Wir haben die einzelnen Länder in den Blick genommen unter der Fragestellung: «Was bedeutet Religionsfreiheit im jeweils staatlichen, gesellschaftlichen Kontext». Da gibt es deutliche Unterschiede festzustellen.

Fischer: Welche Unterschiede gibt es?
 
Bischof Hein:
Die Situation in Kirgistan ist schwieriger geworden. Ursprünglich herrschte dort einmal eine klare Religionsfreiheit, nachdem der Atheismus des Sowjetkommunismus beseitigt war. Inzwischen, durch die Radikalisierung des Islam, hat es die christliche Gemeinde insgesamt, übrigens auch die russisch-orthodoxe, nicht mehr so leicht. Die Mitglieder der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kirgistan sind ja fast ausschließlich Russen und erst allmählich kommen auch Kirgisen hinzu, die dann vom Islam zum Christentum konvertieren. In Indien haben wir es aufgrund der Regierung der nationalen Hindu-Partei mit einem sich immer stärker radikal gebärdenden Hinduismus zu tun. Auch hier sind die Einreisen für christliche Theologen aus Westeuropa ganz restriktiv. Im Grunde kommt man nur noch mit einem Tourismus-Visum nach Indien, kann also auch dort nicht mehr etwa an dem mit uns sehr verbundenen United Theological College in Bangalore arbeiten. Das untersagt die Regierung, und wir haben lernen müssen, dass ein friedlicher Hinduismus in Indien eine reine Legende ist. Der Hinduismus bekämpft alle Religionen, die von außen kommen, und das trifft in Indien den Islam und das Christentum. Wogegen etwa die zoroastrische Religion, die Sikhs, Buddhisten und Hindus als heimische Religionen gelten. Islam und Christentum gelten als importierte Religionen.

Fischer: Ist das ein Trend, den man in allen angesprochenen Ländern beobachten kann: Radikalisierung auf der einen Seite und weniger gefühlte Religionsfreiheit auf der anderen Seite?

Bischof Hein: Im asiatischen Raum wird man das sagen können. Das gilt unter anderen Bedingungen so für Südafrika nicht. Dort gibt es natürlich Religionsfreiheit, aber eben auch eine sehr zersplitterte Gesellschaft. Nicht nur zwischen Schwarzen und Weißen, sondern auch zwischen den einzelnen Sprachgruppen. In Südafrika gibt es 16 offizielle Sprachen, d.h. das Land ist stark zergliedert. Aber da ist die Freiheit der Religion vollkommen gewährleistet. Übrigens auch in einem Land wie Rumänien. Die Siebenbürger Kirche hat inzwischen von 300.000 ehemaligen Gemeindegliedern nur noch etwa 14.000, aber Rumänien ist mit über 99 Prozent Christen ein sehr christliches Land, weil die überwiegende Anzahl dort Orthodoxe sind. Aber es gibt eben auch reformierte Ungarn in Rumänien und diese kleine, aber sehr geschichtsmächtige Siebenbürger Kirche. In Rumänien ist die unmittelbare Ausübung der Religion vollkommen gewährleistet, und es geht eher um die Frage, wie sich Minderheitskirchen gegenüber Mehrheitskirchen verhalten. Wo kann die evangelische Tradition bestehen, sei sie nun lutherisch, wie in Siebenbürgen oder sei sie reformiert, wie bei den Ungarn, angesichts einer überwältigenden Anzahl von Orthodoxen in Rumänien, die eben auch vom Ansatz her das Territorium als orthodox erklären? Das ist die Anschauung, die wir in der orthodoxen Kirche vorfinden, aber als Evangelische überhaupt nicht teilen können, dass die orthodoxe Kirche den Anspruch auf das jeweilige Territorium erhebt und damit eine Nationalkirche ist, die es anderen Kirchen schwer macht, neben ihr zu existieren.

Fischer: Was nehmen Sie mit von dieser Tagung als Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck? Was kann unsere Kirche tun angesichts dieser Entwicklung?

Bischof Hein: Wir kommen zunächst einmal nicht mit guten Ratschlägen. Ich habe mein eigenes Referat für die Situation in Deutschland unter den Titel gestellt «Von der Freiheit zur Religion zur Freiheit von der Religion». Das halte ich für die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung, die wir gerade in Deutschland haben, bezeichnend, nämlich dass man versucht, Religion aus dem öffentlichen Leben heraus zu drängen, weil Religion als Störfaktor verstanden wird, als Ursache von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Und es gibt interessierte Kreise, vor allem auch in den Medien, die einen strikt antireligiösen Kurs einschlagen. Der wird sich auf Dauer verstärken. Da müssen wir aufpassen und deutlich machen, wie in unserer Gesellschaft auch ein freiheitliches Potential gerade durch Religionen, und zwar in besonderer Weise durch die christliche Religion, gewährleistet bleibt.

Fischer: Und was können wir als Christen hier in Kurhessen-Waldeck machen?

Bischof Hein: Die entscheidende Kraft der Christen ist das Gebet. Wir beten für verfolgte Christen. Für Christen, die nicht mehr so frei sind, wie sie waren oder wie es bei uns ist. Wir erleben mehr gemeinsame Solidarität des Gebets füreinander. Das haben wir auch ganz deutlich bei unserem Treffen zum Ausdruck gebracht, in dem wir morgens und abends Gottesdienste gefeiert haben, am Schluss auch noch einmal einen Abendmahlsgottesdienst nach der Liturgie der südindischen Kirche, um deutlich zu machen: «Wir stehen zusammen.» Also, diese Zusammenkunft in Kirgistan war ein kleiner kurhessischer Weltkirchenrat.

Fischer: Vielen Dank für das Gespräch!

(21.06.2016)

2016-06-23

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