| Edition Pergamenturkunden 16. Jahrhundert
Der Urkundenbestand des Landeskirchlichen Archivs verdeutlicht in besonderer
Weise den Überlieferungszufall historischer Quellen. Die 76 Urkunden waren im
Juli 1982, also in "vorarchivischer Zeit", im Landeskirchenamt abgegeben
worden - über die Vorgeschichte und den Fundort ist nichts bekannt. Im Landeskirchenamt
lagerten die Urkunden knapp 20 Jahre in einem Tresor, bis sie Ende 2001 bei einer
Aufräumaktion wiederentdeckt und dem Landeskirchlichen Archiv übergeben wurden.
Die Urkunden wurden 2002 restauriert und Mitte 2003 im Rahmen eines Werkvertrages
transkribiert, in einem Kurzregest erfasst und in eine Edition zusammengeführt.
Das Gros der Urkunden stammt aus dem 16. Jahrhundert aus Melsungen und Umgebung.
Von den in den Urkunden auftretenden Institutionen nahm der Gotteskasten zu
Melsungen die wichtigste Stellung ein. Er war nach der Reformation gegründet worden
und diente der gemeinsamen Verwaltung der Stiftungseinnahmen. Die Gotteskästen
waren zunächst vor allem als Armenkästen eingerichtet worden, hatten sich aber
bald zu einer generellen Finanzkasse entwickelt. Aus ihnen wurden Geldsummen an
Bürger vergeben, die hierfür einen jährlichen Zins zu entrichten hatten. Dabei
garantierten sie mit ihrem Haus, ihren Wiesen oder Gärten und besaßen zumeist
das Recht, den Zins durch Rückerstattung der Summe wieder auszulösen.
Neben den Zinskäufen sind auch Urkunden typisch, in denen gestiftet und gespendet
wurde. Dies waren häufig Geldbeträge, konnten aber auch Naturalien wie Speisen
oder Bekleidung für die Armen sein oder eine Decke für den Altar.
Als formale Besonderheit des Urkundenbestandes ist ein sogenanntes Transfix
hervorzuheben. Hierbei wurden einer Urkunde über einen Zinskauf aus dem Jahr 1520
zwei frühere Urkunden aus den Jahren 1495 und 1519 beigefügt, aus denen die vorausgegangenen
Ankäufe des Landes und die jeweiligen Besitzansprüche hervorgehen. Der Pergamentstreifen
des Siegels der letzten Urkunde wurde dabei so durch die Plica der vorausgegangenen
Urkunden geführt, dass alle drei Urkunden miteinander verbunden sind. Die Besiegelung
der Urkunden erfolgte übrigens nicht immer durch die Stadt Melsungen, sondern
es wurden häufig auch die Rentschreiber und Schultheissen der umliegenden Ämter
sowie Adelige um ihr Siegel gebeten.
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