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2010-11-25
Bischof Prof. Dr. Martin Hein vor Journalisten in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Simmen)
Bischof Prof. Dr. Martin Hein vor Journalisten in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Simmen)

Nachgefragt...

Bischof Prof. Dr. Martin Hein stellte sich den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer.

Fischer: Herr Bischof, Sie haben vor der Synode Ihren Bericht mit dem Thema «Offene Be-gegnung» vorgestellt und beschäftigen sich insbesondere mit dem Dialog mit dem Islam. Wie steht es denn aus Ihrer Sicht um diesen Dialog zwischen Christentum und Islam in Deutschland?

Bischof: Wir stehen da erst am Anfang. Andere Länder haben viel mehr Erfahrungen. Ich wollte mit meinem Bericht die Gemeinden ermutigen, offen auf  Muslime in ihrer Umgebung zuzugehen, also zunächst einmal die Begegnung zu suchen und sich dann auch über Fragen des eigenen und des anderen Glaubens zu verständigen. Das ist ein anspruchsvolles Projekt und geht nicht von heute auf morgen. Aber es ist angesichts der Herausforderungen, mit denen wir es in unserer Gesellschaft zu tun haben, ausgesprochen wichtig.

Fischer: Können Sie ein Beispiel geben, wie so eine Begegnung zwischen Christen und Muslimen aussehen könnte?

Bischof: Man kann es auf der Ebene von Familien machen. Es gab eine Aktion der Arbeits-gemeinschaft Christlicher Kirchen «Lade deine Nachbarn ein». Wenn ich einmal auf der Straße fragen würde: «Wer von Euch hat schon einmal eine muslimische Familie zu sich nach Hause eingeladen?», so würden das wahrscheinlich nur sehr wenige mit «Ja» beantworten können. Es geht darum, Offenheit zu zeigen, die eigenen Türen zu öffnen. Aber auch zwischen Moscheevereinen und Kirchengemeinden kann ein Besuch stattfinden – im gegenseitigen Respekt.

Fischer: Warum sind solche Begegnungen wichtig?

Bischof: Sie sind wichtig, um sich kennen zu lernen: Was tut sich in einer Moschee, was tut sich in einer Kirche? Als ich noch als Dekan den Vorstand eines Moscheevereins in Kassel in die große Martinskirche eingeladen habe, war das für viele (selbst für solche, die in Kassel geboren waren) das erste Mal, dass sie eine christliche Kirche betraten. Umgekehrt wird das wahrscheinlich auch so sein, trotz der Angebote von islamischen Vereinen, die inzwischen einen «Tag der offenen Moschee» anbieten.

Fischer: Sie sprechen sich auch für einen muslimischen Religionsunterricht aus. Wie kann der konkret aussehen und unter welchen Bedingungen macht er Sinn?

Bischof: Ein muslimischer Religionsunterricht unterliegt den gleichen Voraussetzungen wie auch der evangelische oder katholische Religionsunterricht. Er erfolgt in Übereins-timmung mit der jeweiligen Religionsgemeinschaft. Er ist ordentliches Lehrfach. Die Unterrichtssprache ist deutsch. Es gibt einen mit dem Kultusministerium verabredeten Lehrplan. Die Schulaufsichtsbehörde hat auch die Möglichkeit, den Unterricht zu visitieren. Und schließlich muss man deutlich sagen: Wenn der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach ist, dann gibt es auch Noten innerhalb dieses Religionsunterrichtes. Benotet wird nicht der Glaube, sondern die Fähigkeit, sich mit dem eigenen Glauben auseinander zu setzen. Das heißt, jeder Religionsunterricht birgt auch ein kritisches Potential, und das erwarte ich im Blick auf die Einrichtung islamischen Religionsunterrichtes in Hessen in gleicher Weise.

Fischer: Wann rechnen Sie, dass es flächendeckend zu einem solchen Religionsunterricht kommen kann?

Bischof: Es gibt zum Beispiel Lehrpläne in Grundschulen für die alevitische Gemeinschaft – eine Gruppierung, die allerdings von orthodoxen muslimischen Verbänden nicht als Muslime anerkannt wird. Das kann ein Beispiel dafür sein, dass es in den nächsten drei bis vier Jahren tatsächlich gelingt, verbindliche Inhaltspläne für den muslimischen Religionsunterricht zu vereinbaren und als Grundlage zu verwenden. Es wird nicht gleich flächendeckend in allen Schulen möglich sein. Wahrscheinlich wird man sinnvollerweise mit der Grundschule beginnen. Das bedeutet, dass es eine entsprechende Hochschulausbildung der Religionslehrerinnen und Religionslehrer geben muss – ganz analog zu den christlichen Religionslehrerinnen und Religionslehrern.

Fischer: Der Dialog «Christentum - Islam» steht aktuell vor einer besonderen Herausforderung. Es gibt konkrete Warnungen vor Terroranschlägen in Deutschland. Wie sollten sich Christen und Muslime angesichts dieser Bedrohungen verhalten?

Bischof: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wenn ich Muslimen permanent mit dem Verdacht der Gewalttätigkeit begegne, dann gelingt kein offener Austausch und keine offene Begegnung. Was ich allerdings von muslimischen Verbänden in Hes-sen erwarte, ist, dass sie sich deutlich distanzieren von möglichen islamistisch begründeten Attentaten und dass sie Solidarität bekunden mit den Christen, die in muslimischen Ländern verfolgt werden. Aber ich darf nicht alle Muslime hier in Deutschland unter einen Generalverdacht stellen. Das würde der Lebenssituation von Muslimen in unserer Gesellschaft, die sich ja oft integriert haben, überhaupt nicht gerecht werden. Ich setze mich für den gegenseitigen Abbau von Vorbehalten ein.

Fischer: Und was können evangelische Gemeinden tun?
 
Bischof: Sie können die Hand ausstrecken und das Gespräch suchen. Man darf den Islam nicht mit islamistischen Extremisten identifizieren, die oft die Religionen als Vorwand nutzen, um ihre eigenen terroristischen Ziele anzugehen. Es ist immer schwierig, wenn es zu einer Vermischung von Religion und Politik kommt. Gerade in der gegenwärtigen Situation, in der wir es möglicherweise mit bevorstehenden Terroranschlägen zu tun haben, ist es wichtig, zu sagen: Wir lassen uns davon nicht abschrecken. Eine Gesellschaft, die in Angst lebt, wird unfähig, die nächsten Schritte zu tun. Und die sind gerade im Zusammenleben mit Muslimen äußerst notwendig.

Fischer: Vielen Dank, Herr Bischof.

(25.11.2010)

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