a9055

medio-Sommerinterview mit Bischof Martin Hein

Foto: Bischof Prof. Dr. Martin Hein (r.) im Interview mit medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer (Foto: medio.tv/Simmen) Bischof Prof. Dr. Martin Hein (r.) im Interview mit medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer (Foto: medio.tv/Simmen)
2011-06-21
Bischof Prof. Dr. Martin Hein stellte sich am 15. Juni 2011 in Kassel den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer.

Fischer: Herr Bischof, in Deutschland kann man zurzeit gravierende Veränderungen in der Politik beobachten. Beispiel: Atomausstieg. Noch im letzten Oktober verkündete die Bundesregierung die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke und jetzt folgte binnen Jahresfrist die Kehrtwende zum Atomausstieg. Was halten Sie denn von diesem Wendemanöver?

Bischof Hein: Man hätte sich diese ganzen Verrenkungen ersparen können, wäre man bei dem Ausstiegskonsens geblieben, den damals die rot-grüne Bundesregierung mit den Atomkraftwerksbetreibern geschlossen hatte. Das war klar formuliert und im Konsens erreicht worden. Es bestand überhaupt kein Grund, die Laufzeiten zu verlängern. Dann kam Fukushima und da musste das Ganze zurückgefahren werden. Jetzt gibt es einen Atomausstieg ohne Konsens mit deutlichem Widerstand der Energieunternehmen. Das hätte sich die Bundesregierung ersparen können. Ein klassischer politischer Fehler.

Fischer: Und wie bewerten Sie die Wendefähigkeit der Bundesregierung?

Bischof Hein: Angesichts der psychologischen Folgen des Unglücks in Fukushima bei uns bleibt einer Regierung, die überhaupt noch wiedergewählt werden will, gar nichts anderes übrig.

Fischer: Nun spricht die Bundesregierung von einer nationalen Gemeinschaftsaufgabe, die sich mit dem Atomausstieg stelle. Gemeinschaftsaufgabe - das hört sich so an, als ob dazu alle etwas beitragen sollen. Was kann die Kirche zu dieser Aufgabe beitragen?

Bischof Hein: Mir ist es wichtig, dass wir den eingeschlagenen Kurs, der sich jetzt abzeichnet, als Kirche deutlich unterstützen. Die Vertreter beider großen Kirchen waren bereits in der Ethikkommission für die Frage des Atomausstiegs beteiligt. Und es hat nicht zuletzt auch dank kirchlicher Stellungnahmen und Gutachten, die wir etwa mit der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg durchgeführt haben, längst Prognosen gegeben, dass ein solcher Ausstieg bis zum Jahr 2017 möglich wäre. Das ist noch vor einem Jahr von der Bundesregierung rundweg bestritten worden. Inzwischen ist deutlich, dass nicht nur die längerfristige Ausstiegsklausel, die man jetzt hat, sondern auch eine kürzere durchaus umsetzbar wäre.

Fischer: Wenden wir uns der Frage zu, wie die Kirche einen solchen Ausstieg unterstützen kann. Konkret: Wenn demnächst Stromtrassen durch nordhessische Gemeinden gebaut werden, wie wird sich dann die Evangelische Kirche verhalten?

Bischof Hein: Es darf nicht nach dem St. Floriansprinzip verfahren werden, also nach dem Motto: Wir wollen alle Strom haben, aber wir wollen unberührt bleiben von den Eingriffen in die Natur, die damit verbunden sind. Im konkreten Fall muss man sich dann entscheiden, und wir als Kirche wollen hier moderieren. Der Gedanke, dass wir alles zum Nulltarif bekommen, ohne dass es bestimmte Folgen hat, ist ein Irrglaube. Und da kann die Kirche ihrerseits zur Versachlichung der Diskussion beitragen. Wir sind alle für Sonnen- und Windenergie. Aber sobald solche Anlagen in unmittelbarer Nähe errichtet werden sollen, regt sich der Widerstand. Das halte ich für eine völlig falsche Wahrnehmung und einen falschen Zugang zu unserer Wirklichkeit.

Fischer: Sie sagen: Die Kirche habe die Aufgabe zu moderieren. Ein Moderator kann eine neutrale, aber auch eine deutliche Position einnehmen. Welche Positionierung sollte die Kirche als Moderator anstreben?

Bischof Hein: Wir sollten uns sachkundig in die Diskussion begeben. Das bedeutet zum Beispiel: Wir haben in all unseren Kirchenkreisen Umweltbeauftragte, die gut ausgebildet sind und eine hohe Sachkompetenz besitzen. Meine Vorstellung ist, dass sich in möglichen Streitfällen die Umweltbeauftragten als Moderatoren eines Konfliktes anbieten, an dessen Ende eine Lösung stehen muss. Und ich glaube, dass wir als Landeskirche hier recht gut aufgestellt sind. Ich nenne als Beispiele: Wir haben als zweite Landeskirche von allen deutschen Kirchen die Klimaallianz unterzeichnet und wir lassen unser Landeskirchenamt inzwischen ökologisch zertifizieren. Wir haben im Bereich der Ökologie eine hohe Kompetenz.

Fischer: Nicht nur in der Umweltpolitik, sondern an vielen Orten mischen sich die Bürger verstärkt ein. In Stuttgart, aber auch in vielen Initiativen vor Ort. Was halten Sie  von der Idee, mehr Basisdemokratie zu wagen?

Bischof Hein: Zunächst einmal haben wir die Ordnung einer repräsentativen Demokratie. Das heißt: Ich muss, wenn ich bestimmte Organe wähle, denen auch eine Entscheidungsmöglichkeit zubilligen. Das alternative Modell wäre das von Volksabstimmungen oder Volksentscheiden bei schwerwiegenden Fragestellungen. Das Problem solcher basisdemokratischen Entscheidungen ist oft, dass sie populistisch bestimmt werden und dass man die Wirkung nicht vorher planen kann. Das ist die mögliche Gefahr einer Basisdemokratie. Ich könnte mir allerdings stärkere basisdemokratische Elemente in unserer Verfassung und in unserem Gemeinwesen durchaus vorstellen. Aber das darf nicht dazu führen, dass grundsätzlich das Mandat politisch Verantwortlicher begrenzt wird. Ich halte es eher für notwendig, dass politisch Verantwortliche stärker danach fragen, was die Menschen bewegt und welche Entscheidungen sie mittragen und welche nicht.

Fischer: Können Sie ein Beispiel nennen?

Bischof Hein: Im Blick auf den Bahnhof Stuttgart 21 hätte ich mir gewünscht, dass man vorher gefragt hätte, was das für die Umgebung des Bahnhofs und die Natur bedeutet. Ist das Geld wirklich gut investiert für diese Strecke? Da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Jetzt gibt es die Auseinandersetzung um ein bereits gerichtlich genehmigtes Bauprojekt und den Widerstand der Bevölkerung. Soweit sollte es eigentlich bei Großprojekten nicht kommen.

Fischer: Sie sagen selbst, basisdemokratische Elemente könnten ganz interessant sein für die Politik. Werfen wir einen Blick auf die Kirche. Wäre es auch ein Rezept für die Evangelische Kirche, mehr Basisdemokratie zu wagen?

Bischof Hein: Die Grundordnung, also die Verfassung unserer Kirche, sieht vor, dass mindestens einmal im Jahr eine Gemeindeversammlung einberufen werden soll. Das geschieht leider nur ganz selten. Wir als Kirche und die Verantwortlichen in den Gemeinden haben ein wunderbares Instrumentarium, die Stimmung in ihren Gemeinden genau kennen zu lernen, indem solche Gemeindeversammlungen einberufen werden. Warum das nicht geschieht, ist mir vollkommen fraglich.

Fischer: ...und wenn sie stattfinden, werden wirklich die heißen Eisen aufgegriffen?

Bischof Hein: Es besteht zumindest für alle Gemeindeglieder die Möglichkeit, diese heißen Eisen anzusprechen. Gemeindeversammlungen sind genau dafür da. Wir als Evangelische Kirche haben dieses Instrument, um zu hören, was die Leute beschäftigt. Im Übrigen meine ich, dass durch regelmäßige Besuche von Pfarrerinnen und Pfarrern oder auch von Kirchenvorständen in den Häusern der Gemeinde sehr wohl klar werden kann, was die Menschen vor Ort wirklich bewegt. Aber noch einmal ganz klar unterstrichen: Die in der Verfassung unserer Kirche vorgesehenen Gemeindeversammlungen müssen gestärkt werden.

Fischer: Unsere Kirche bewegt sich schon seit mehreren Jahren in einem Reformprozess. Wo steht die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck in diesem Prozess?

Bischof Hein: Wir haben – was die inneren Fragen angeht – den Reformprozess weitgehend abgeschlossen. Ich glaube, dass deutlich geworden ist, was unser Auftrag ist. Wir haben uns klar gemacht, was es heute bedeutet, dass wir als Evangelische Kirche den Auftrag haben, das Evangelium von Jesus Christus in Wort und Tat zu verkündigen. Und dieser Auftrag ist umfassend. Andererseits müssen wir feststellen, dass wir weniger werden. Nicht durch Austritte – die sind bei uns vergleichsweise gering, auch wenn es bedauerlicherweise zu viel sind –, sondern wir werden weniger, weil aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der Menschen abnimmt. Das muss man wahrnehmen! Es bedeutet, wir können den weiten Mantel, der vor Jahrzehnten geschneidert wurde, so nicht mehr anziehen, weil er uns zu weit geworden ist. Wir müssen ihn zuschneiden, damit er passgerecht bleibt. Insofern ist das Wort «Reform» bei uns gegenwärtig nicht besonders beliebt. Aber wir wollen es schaffen, langfristig weiterhin handlungsfähig zu bleiben, um unserem Auftrag nach zu kommen.

Fischer: Bei der letzten Synode wurde angekündigt, dass in Zukunft auch in unserer Kirche noch einmal deutlicher klare Schwerpunkte gesetzt werden müssten. Deshalb die Frage: In welchen Bereichen muss unsere Kirche weiter stark präsent sein?

Bischof Hein: Wir wollen weiterhin Gottesdienste feiern und wir wollen ermöglichen, dass auch in den kleineren Gemeinden regelmäßig Gottesdienste stattfinden. 2009 waren das allein 51.000 Gottesdienste in Kurhessen-Waldeck. Ein Drittel davon übrigens dank der ehrenamtlichen Mitarbeit von Prädikantinnen und Prädikanten, von Lektorinnen und Lektoren. Das heißt, wir sind längst nicht die Pastorenkirche, die man manchmal mit der Amtskirche verbindet, sondern unsere Kirche lebt ebenso von dem freiwilligen Engagement derer, die sich in den Dienst der Verkündigung des Wortes Gottes rufen lassen.
Ein weiterer Aspekt: Wir leben in einer Welt der Medien. Das entscheidende Medium der Kirche ist der Gottesdienst, der öffentlich ist, und im Gottesdienst ist es die öffentliche Rede auf der Kanzel – also die Predigt. Trotzdem: Wir erreichen heute Menschen auf unterschiedlichen Wegen, sei es im Hörfunk, im Fernsehen oder im Internet. Und ich glaube, dass wir angesichts des Konzertes von vielen, vielen Anbietern, die sich in  diesem Bereich tummeln, unsere Arbeit in der Öffentlichkeit verstärken müssen. So wichtig die Regelmäßigkeit von Gottesdiensten ist, so wichtig es ist, schöne Kirchen zu haben, die einen markanten Punkt in der Öffentlichkeit darstellen, weil sie sichtbar sind, und so wichtig ist es auch, sich in die so genannten virtuelle Welt zu begeben.

Fischer: Und wo muss unsere Kirche abspecken?

Bischof Hein: Das ist keine Entscheidung des Bischofs. Und das ist gut so. Es ist für die Synoden, die dafür die legitimierten Organe sind, sei es in den Kreissynoden oder in der Landessynode, ein schwieriger Prozess, dem man gegenwärtig noch auszuweichen versucht. Es kann ja auch sein, dass sich die finanzielle Situation, wie bei dem Aufschwung insgesamt, auch in unserer Landeskirche noch einmal verändert. Es könnte ein Atemholen bedeuten. Trotzdem meine ich, eine vorausschauende Kirchenpolitik muss sich auf Dauer fragen lassen, wo und was wir verändern sollen, und in welchen Bereichen wir uns nicht mehr wie bisher in der gleichen Weise engagieren können.
Das ist ein schmerzhafter Prozess. Vielleicht wird es auch dazu kommen, dass der Rat der Landeskirche als Leitungsorgan seinerseits Vorschläge macht, die für Bewegung sorgen könnten. Das haben wir aber insgesamt noch nicht besprochen. Wir werden uns im Herbst in den kirchenleitenden Gremien damit beschäftigen müssen, wie wir solch einen Prozess der so genannten «Posterioritätensetzung» gut organisieren. Das heißt: Wir fragen nicht nach dem, was unbedingt getan werden muss, sondern danach, was wir lassen können oder sollen.

Fischer: Gibt es da bereits erste Ideen, wie ein solcher Prozess gestaltet werden könnte?

Bischof Hein: Wir wollen versuchen, bestimmte Aspekte auch in den Kreissynoden zum Thema zu machen. Jetzt sind wir aber dabei, erst einmal solch ein Konzept zu entwickeln. Denn es geht nicht einfach nur darum zu sagen, womit wir aufhören. Es geht eher darum, auch die Chancen solch eines Konzentrationsprozesses wahrzunehmen. Wir bauen ja nicht ab, weil wir abbauen wollen, sondern damit wir handlungsfähig und als Evangelische Kirche erkennbar bleiben. Der Grundauftrag muss weiterhin gewährleistet bleiben: die Verkündigung des Evangeliums.

Fischer: Ein solcher Prozess kann in der einen oder anderen Haltung ablaufen. Welche innere Haltung wünschen Sie sich von allen Beteiligten für diesen Prozess?

Bischof Hein: Ich wünsche mir zunächst einmal Neugier für den eigenen, aber auch Neugier für die anderen Bereiche. Wir sind alle ja nicht nur für einen bestimmten Teil zuständig, sondern erleben, dass auch Andere Sinnvolles tun. Das bedeutet also, sich gegenseitig wahrzunehmen. Zweitens: Ich wünsche mir das, was wir an Pfingsten predigten und was in wunderschönen Gottesdiensten auch dieses Jahr wieder zum Ausdruck kam: Vertrauen in die Leitung des Heiligen Geistes, Mut und Zuversicht. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum auf der einen Seite ständig und mit Recht gesagt wird, dass die Evangelische Kirche davon lebt, dass immer wieder reformiert werden müsse. Und wenn es dann ernst wird, sagen alle: «Ja, aber bitte nicht bei uns.» Das ist eine falsche Haltung. Wir haben die Verheißung, dass Christus bei uns ist. Auch bei der Organisation Kirche. Und das ist die beste Voraussetzung, um Veränderungen durchzuführen. Darin stecken viele Chancen. Ich habe allerdings in dem vergangenen Jahrzehnt auch lernen müssen, dass solch eine Begeisterung nur dann ansteckt, wenn sie nicht verbunden ist mit der Angst, am Schluss als Verlierer da zu stehen.

Fischer: Werfen wir einen Blick über die landeskirchlichen Grenzen hinaus. Herr Bischof, welche Rolle wird denn die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck zukünftig im Konzert der EKD-Kirchen spielen?

Bischof Hein: Wir sollten uns an dieser Stelle nicht übernehmen. Wir sind eine Kirche mittlerer Größe, was die Mitgliederzahl angeht, und liegen genau im Zentrum Deutschlands. Immerhin befindet sich ja der geografische Mittelpunkt Deutschlands in Kurhessen-Waldeck. Und der geografische Mittelpunkt Europas ebenfalls, nämlich im Kirchenkreis Gelnhausen. Also: Wir sind die sprichwörtliche «Kirche der Mitte», als die wir uns immer verstanden haben. Unser Beitrag innerhalb der EKD ist, darauf hinzuarbeiten, dass wir die Evangelische Kirche in Deutschland als Kirche stärken. Wir haben als Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck diesen Weg der innerprotestantischen Ökumene, der Überwindung der konfessionellen Gegensätze, bereits hinter uns. Wir sind eine der ersten Kirchen in Deutschland gewesen, die die so genannten Leuenberger Konkordie 1973 unterzeichnet haben. Und wir treten im Zusammenhang der EKD dafür ein, dass die gegenwärtigen Blockbildungen von VELKD (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland) und UEK (Union Evangelischer Kirchen in der EKD) überwunden werden. Unsere Grundordnung sagt, dass wir «in der Vielfalt der überlieferten Bekenntnisse der Reformation zu einer Kirche zusammengewachsen» sind. Und genau das möchten wir auch für die EKD.
Sicher, es gibt gegenwärtig starke Beharrungstendenzen in der EKD und den Kirchenblöcken. An dieser Stelle empfinde ich unsere Kirche immer wieder als innovativ und auch als querdenkend – was nicht immer gern gesehen wird. Aber da lassen wir uns gar nicht entmutigen. Wir sind, was unsere eigene Geschichte angeht, nicht mehr «lutherisch», «reformiert» oder «uniert», sondern wir sind «Evangelische» Kirche. Und genau das wünsche ich mir für die EKD, ohne dass mit dem Stichwort «evangelisch» nur etwas Unbestimmtes bezeichnet wäre. Wir führen uns als Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck auf die lutherische Reformation zurück und wollen dieses Erbe gerne in der Gegenwart lebendig halten. Und ich glaube, da liegt unser Beitrag. Wir sind theologisch und kirchlich tatsächlich «Kirche der Mitte».

Fischer: Welchen zeitlichen Horizont sehen Sie denn für die Verwirklichung dieser Utopie, wenn Sie an die EKD denken als Kirche?

Bischof Hein: Utopien leiden daran, dass sie sich nicht zeitlich festlegen lassen, sonst wären sie keine Utopien! Aber ich würde mir wünschen, dass bis zum Jahr 2017, also zum Reformationsjubiläum, etwas mehr Klarheit auch hinsichtlich der inneren Strukturen in der Evangelischen Kirche in Deutschland sichtbar wird. Auf Dauer können wir diese Unterschiedlichkeit und dieses Beharren kaum noch nach außen hin vermitteln. Und dafür gibt es bei uns gute theologische Gründe. In Kurhessen-Waldeck werden wir im Jahr 2017 fünfzig Jahre «Grundordnung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck» feiern. In unserer Kirchenverfassung wird genau dieser inner-protestantische ökumenische Weg der Verbindung zu einer Evangelischen Kirche beschrieben. Ich hoffe, dass diese Impulse auch woanders wahrgenommen werden.
Dabei fordere ich nicht, dass die bestehenden konfessionellen Bünde sich auflösen. Das ist gar nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass wir die EKD stärken, dass die EKD wirklich zur Evangelischen Kirche in Deutschland wird – was sie gegenwärtig noch nicht ist.

Fischer: Werfen wir einen Blick auf das Verhältnis zwischen evangelischer und katholischer Kirche.  Welche Aufgabe kann unsere Landeskirche hier übernehmen?

Bischof Hein: Auch hier zunächst einmal: Wir sollten uns nicht überschätzen. Ich glaube, es ist wichtig, dass die ökumenischen Beziehungen im unmittelbaren Umfeld gut gestaltet werden. Und das ist, soweit ich das überblicken kann, gerade mit dem Bistum Fulda gut gelungen. Wir sprechen uns in wesentlichen Fragen – etwa in diesem Jahr im Blick auf die Präimplantationsdiagnostik – ab. Wir versuchen, gemeinsame Verlautbarungen in die Öffentlichkeit zu bringen. Jedes Jahr erscheint ein gemeinsamer Brief der beiden Bischöfe. Das ist etwas, was wir forcieren müssen. Insofern sind auch die beiden Ökumenischen Kirchentage in Berlin und in München ganz bewusst von unseren beiden Kirchen, also vom Bistum Fulda und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, mit gestaltet worden. Hier liegt ein großer Schatz. Im Übrigen meine ich, dass die vielen Möglichkeiten, die sich auf der Ebene der Gemeinde zeigen, längst noch nicht ausgeschöpft sind. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir im Gegenteil eher von einer Erschöpfung betroffen sind. Viele lassen das ökumenische Feuer, das durch das Zweite Vatikanische Konzil entfacht worden ist, auch auf katholischer Seite etwas in den Hintergrund treten. Hier würde ich mir einfach mehr Unbefangenheit in der Begegnung zwischen Gemeinden wünschen.  Dazu gehört auch die ernsthafte gemeinsame theologische Arbeit. Ich engagiere mich selbst im Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen und weiß, wie wichtig diese Arbeit ist, auch wenn sie nach außen hin vielleicht nicht so publikumswirksam erscheint.

Fischer: Herr Bischof, Sie haben sich wiederholt auch zum Verhältnis Christen-Muslime geäußert. Was muss unsere Kirche tun, um dieses Verhältnis zu verbessern?

Bischof Hein: Zum einen engagiere ich mich seit einiger Zeit sehr bewusst im Dialog mit Muslimen. Ich vertrete die Evangelische Kirche am «Runden Tisch der Religionen» in Deutschland und auch im «European Council of Religions Leaders». Diese Woche geht es nach Moskau, um dort im russischen Patriarchat Gespräche zu führen. Eine sehr spannende Tagung, die dort in Moskau stattfinden wird!
Zum anderen können wir als Kirche Gemeinden ermutigen und befähigen, mit Muslimen in Kontakt zu treten und ihnen zu begegnen. Dazu hat unsere Landeskirche eine inzwischen in Deutschland sehr verbreitete Handreichung erarbeitet, die zu solch einer Begegnung anleiten soll. Mir ist vollkommen klar, dass es sich um zwei unterschiedliche Religionen handelt. Aber bei allen Unterschieden gibt es eine ganze Menge Gemeinsamkeiten zu entdecken. Und vor allem gilt es, angesichts immer wieder irritierender Ereignisse in der islamischen Welt die Angst vor einem aggressiven und fehlgeleiteten Islamismus ernst zu nehmen, aber zugleich darauf hinzuweisen, dass nicht jeder Muslim gleich ein Extremist ist. Der Islamismus ist ja auch innerhalb des Islam ein Problem.

Fischer: Was bedeutet das konkret?

Bischof Hein: Die Vorurteile und Vorbehalte können wir nur abbauen, indem wir uns regelmäßig verlässlich begegnen. Im Bundesland Hessen geschieht dies jedes Jahr beim so genannten. «Tag des Dialoges». Und jedes Mal wird eine gemeinsame Verlautbarung der muslimischen Verbände in Hessen und der beiden Evangelischen Kirchen in Hessen verabschiedet, die sehr weitreichende Konsequenzen zur Folge hat. Ich wünsche mir, dass die Ergebnisse in der Öffentlichkeit noch mehr beachtet wird. Hier werden Fragen behandelt, die auch für die Gemeinden interessant sein können: Wie stehen Kirchen und muslimische Verbände zu einem Religionswechsel? Wird das akzeptiert oder nicht? Und da kann man sich hier in Hessen auf die inzwischen auch verbindlich unterzeichneten Papiere berufen. Ich bestreite nicht, dass das mühsam ist. Aber es ist erfolgversprechend.

Fischer: Bisweilen wird auch die Einführung islamischer Feiertage angeregt oder die staatliche Anerkennung solcher Feiertage. Was halten Sie denn von einer solchen Idee?

Bischof Hein: Das halte ich noch für verfrüht. Im Übrigen rege ich an, dass dann christliche Feiertage in muslimischen Ländern in gleicher Weise beachtet würden. Ich denke, der Respekt gegenüber dem Islam hat zur Folge, dass wir diejenigen Menschen, die diese Feiertage feiern, achten und dass wir ihnen auch die Möglichkeit geben, sie zu feiern. Aber ich glaube, gegenwärtig gibt es politisch keinen Konsens, weitere Feiertage in Deutschland einzuführen.

Fischer: Und was erwarten Sie von den Islamischen Gemeinschaften im Hinblick auf den Dialog mit Christen?

Bischof Hein: Offenheit, Ehrlichkeit und – wenn es sein muss – auch eine klare Distanzierung von extremistischen Aktivitäten in anderen Ländern. Und ich erwarte ein deutliches Eintreten für die religiösen Rechte von Minderheiten in islamisch bestimmten Ländern. Dass es in einigen islamischen Ländern Christenverfolgung gibt, ist ein Skandal und behindert den unbefangenen Dialog. Aber ich darf die Muslime, die hier in Deutschland leben, nicht für alle Abirrungen verantwortlich machen. Genauso wie ich als Christ meinerseits auch nicht für manches verantwortlich gemacht werden will, was sich in christlich fundamentalistischen Kreisen, etwa in den USA, ereignet.

Fischer: Zum Schluss noch eine private Frage: Sommerzeit ist Ferienzeit. Was werden Sie in diesem Jahr im Urlaub unternehmen?

Bischof Hein: Die Zeit vor den eigentlichen Sommerferien ist immer eine besonders arbeitsintensive Zeit, und dann gibt es die Sommerferien, in denen relativ wenig passiert. Das so genannte Sommerloch existiert also auch in der Kirche. Das nutze ich gerne für einen Urlaub. In diesem Jahr geht es erneut nach Madeira. Zuvor sind wir noch einige Tage in Lissabon. Warum Madeira? Es ist eine wunderbare Insel, die ich im letzten Jahr anlässlich einer Tagung kennen gelernt habe. Mitten im Meer und mit der Möglichkeit, viel zu wandern. Und dann werde ich dort in der evangelischen Gemeinde noch einen Gottesdienst halten.

Fischer: Herr Bischof, ich wünsche Ihnen für diese Zeit alles Gute und Gottes Segen. Vielen Dank für dieses Gespräch.

(15.06.2011)

Übersicht

Hier gelangen Sie wieder zurück zur vorherigen Übersicht:

zurück