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Im Wortlaut:
Bischof Hein im medio-Sommerinterview (2005)

medio: Herr Bischof, heute hat eine Anschlagsserie die Hauptstadt Großbritanniens, London, getroffen. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?
 
Bischof Hein: Ich habe sie mit großer Bestürzung aufgenommen. Auch wenn die Hintergründe zur Zeit noch unklar sind, deutet vieles auf einen Terroranschlag hin. Terror ist durch nichts zu rechfertigen. Wieder einmal zeigt sich, dass der Fanatismus grenzenlos ist. Die offene demokratische Gesellschaft ist hier verletzlich.  
  
medio: Noch sind die Motive für den Anschlag unklar. Falls es sich um einen religiösen Hintergrund handeln sollte: Was würde dies für das Zusammenleben der Religionen bedeuten?

Bischof Hein: Das Zusammenleben der Religionen würde erneut erschwert. Ich erwarte von den führenden Vertretern der in Frage kommenden Religionen, dass sie dem Terror abschwören und den Anschlag deutlich verurteilen.  
  
medio: Trotz dieser schlechten Nachrichten am heutigen Tag - Ihr Urlaub steht vor der Tür. Mit welchen Gedanken werden Sie in diesem Jahr in Ihren Urlaub starten?

Bischof Hein: Mit dem Gedanken, dass unser Leben auf dieser Welt immer gefährdet ist und dass es deshalb gut ist, sich in Gottes Hand zu wissen. 

medio: Werfen wir einen Blick auf die Situation in Deutschland. Wie erleben Sie die momentane politische Situation?

Bischof Hein: Wir sind ja immer noch in einem gewissen Schwebezustand. Der Kanzler hat nun erreicht, dass ihm das Misstrauen ausgesprochen worden ist, und hofft, von dieser Position des Misstrauens aus nun erneut Vertrauen zu bekommen. Eine seltsame Verkehrung der Begriffe und auch der politischen Kultur in unserem Land! Ob es überhaupt zu Neuwahlen kommen wird, steht noch dahin. Allerdings denke ich, dass der Druck der politischen Parteien auf den Bundespräsidenten so stark ist, dass dieser sich nicht mehr unabhängig entscheiden kann.

medio: Vertrauen und Misstrauen. Wie sieht es denn mit Ihrem Vertrauen in die Politik in Deutschland aus?

Bischof Hein: Dieses Vertrauen kann nur wachsen. Und es wird gehemmt, wenn fortwährend taktiert wird. Ich bin inzwischen der Auffassung, dass die Rhythmen der Wahlen im Bund und in den Ländern stärker angepasst werden müssten, damit wir uns in Deutschland nicht ständig in einem Wahlkampf befinden, sondern dass für eine gewisse Zeit auch einmal Entscheidungen getroffen werden können – auch, wenn die kurzfristig vielleicht unpopulär sind.

medio: Sie sagen, Ihr Vertrauen kann nur wachsen. Ist es auf einem Tiefpunkt angelangt?

Bischof Hein: Ich denke, dass Politik sehr viel mit Stimmungen zu tun hat. Und gegenwärtig habe ich wenig Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit der Regierung. Allerdings bin ich mir auch im unklaren darüber, ob eine andere Regierung sich anders verhalten wird.

medio: Was müssen denn die führenden Politiker in Deutschland Ihrer Meinung nach tun, um dieses verlorene Vertrauen zurück zu gewinnen?

Bischof Hein: Sie müssen ehrlich sein und die Situation beschreiben, in der wir leben. Das heißt, wir müssen Abschied nehmen von der Vorstellung, für alles gäbe es auskömmliche Ausstattungen. Das ist der erste Punkt: Eine ehrliche Bilanz ziehen!
Zweitens: eine nachhaltige Politik treiben. Ich halte das fortgesetzte Schuldenmachen für ein Vergehen im Blick auf die nachfolgende Generation, die diese Schuldenlast nicht mehr wird schultern können. Es ist eine kurzsichtige, auf schnellen Wählerbeifall, letztlich auf Effekthascherei ausgerichtete Politik.
Also ehrlich und nachhaltig sollte Politik sein. Das bedeutet für mich: Eine verantwortungsvolle Politik darf sich nicht scheuen, Probleme auch nach außen hin als Probleme zu benennen.

medio: Sind Neuwahlen für Sie der richtige Schritt aus der Krise?

Bischof Hein: Ich habe die Situation gar nicht so kritisch gesehen. Der Bundeskanzler hatte bis vor wenigen Tagen noch eine stabile Mehrheit. Er hat selbst provoziert, dass ihm das Vertrauen nicht mehr ausgesprochen wird. Ich hätte es als klare und ehrliche Antwort verstanden, wenn er zurückgetreten wäre. Ein Kanzler, der wünscht, dass ihm das Misstrauen ausgesprochen wird, um damit sozusagen neue Politik zu treiben - diese Dialektik verstehen nur Eingeweihte.

medio: Was wünschen Sie sich für den Wahlkampf, wenn es zu Bundestagswahlen kommt? Es sieht ja danach aus.    

Bischof Hein: Ich wünsche mir klare Aussagen, etwa im Blick auf die Steuerpolitik. Da höre ich auch von der Opposition bisher nur wabernde Wolken.

medio: Stichwort Steuerpolitik. Breit diskutiert wird ja eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, um die Lohnnebenkosten zu senken. Wie sehen Sie die Auswirkungen auf die Kirchensteuer?    

Bischof Hein: Die Kirchensteuer als solche steht nicht in Frage. Nur ist die Kirchensteuer als alleinige Einnahmequelle der Kirche nicht mehr auskömmlich, um die verschiedenen Aufgaben, die die Kirche im Sinne des Subsidiaritätsprinzips für den Staat übernimmt, fortführen zu können. Das heißt, politisch Verantwortliche müssen sich darüber im Klaren sein: Wenn sie eine Verlagerung von den direkten auf die indirekten Steuern vornehmen, dann werden sie gewissermaßen auch Sozialleistungen mit finanzieren müssen, die bisher von der Kirche getragen wurden.

medio: Auf welche Weise?    

Bischof Hein: Das zu klären, steht den Steuer- und Finanzpolitikern der einzelnen Parteien als Hausaufgabe bevor. Es geht nicht, dass man sagt, wir verlagern die Steuern auf diesen indirekten Sektor, nehmen dadurch in Kauf, dass die Kirchensteuer sinkt, und erwarten von der Kirche, dass sie dies kompensiert.
Wir stehen in der Pflicht, dass wir als Kirche keine Schulden machen werden und auch keine Schulden machen können. Wenn aufgrund der veränderten Steuersituation die Einkünfte abnehmen, ist es für uns notwendig, dass wir uns auf das Kerngeschäft beschränken und dem Staat seine Aufgaben zuschreiben, aus denen er sich nicht einfach klammheimlich fortstehlen kann.

medio: Haben Sie das Gefühl, dass dieses Problem ein offenes Ohr bei Politikern findet?    

Bischof Hein: Wir werden im Zusammenhang des Wahlkampfes entsprechende Spitzengespräche führen. Es geht nicht um eine Bestandssicherung der Kirche. Kirche kann auch unter anderen Verhältnissen (...) leben. Aber es geht darum, ob den Politikern bewusst ist, wie viel die Kirche für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft tut. Und das ist der Anspruch, den wir als Volkskirche haben.

medio: Sie wollen Spitzengespräche mit Politikern führen. Was sollten die Parteien beachten in diesem Wahlkampf?    

Bischof Hein: Für mich gehört zu den Grundsätzen der Demokratie, dass Regierungen abgelöst werden können. Das ist kein Weltuntergang. Es bedeutet, dass man trotz aller politischen Unterschiede fair miteinander umgeht und sich bewusst macht, dass man nach dem Wahltag auch weiterhin in unterschiedlichen Konstellationen zusammen arbeiten muss. Je stärker polarisiert wird, umso unglaubwürdiger agieren Politikerinnen und Politiker auch gegenüber der Bevölkerung.

medio: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der neu entstehenden kleinen Parteien?    

Bischof Hein: Ich persönlich halte das Entstehen der neuen Linken für die Entwicklung Deutschlands für ausgesprochen gefährlich. Extreme auf der linken wie auf der rechten Seite kalkulieren auf Ängste und Ressentiments in der Bevölkerung und werden auch entsprechende Wählerstimmen bekommen. Aber eine Verteilungspolitik wie sie die SED-Nachfolgepartei PDS und ihr neuentstandener Partner anstrebt, ist unter den Bedingungen modernen Wirtschaftens nur denkbar, wenn man sich wieder abzuschotten beginnt. Da ist aber der Zug in Deutschland und Europa längst abgefahren.
Als Kirche müssen wir auf die sozialen Aspekte drängen und schauen, dass eine Ausgewogenheit herrscht. Aber ich kann nicht mit populistischen Thesen gegenwärtig ein Wählerreservoir abgrasen, ohne mir Rechenschaft zu geben, wie ich das in konkrete Politik umsetze.
Also keine falschen Versprechungen mehr! Das ist für mich der Aspekt der Glaubwürdigkeit.

medio: ... also ein fairer und glaubwürdiger Wahlkampf. Was kann die Kirche dazu beitragen?    

Bischof Hein: Wir sind nicht dabei, Wahlprüfsteine zu formulieren. Es kann möglicherweise noch dazu kommen, gerade unter den Aspekten der Sozialpolitik und der Familienpolitik – einer nachhaltigen Familienpolitik, die positiv zur Familie steht und diesen Begriff nicht, wie lange genug geschehen, in permanenten Misskredit bringt. Es könnte sein, dass wir uns an dieser Stelle noch einmal deutlicher äußern.
Aber in einer parlamentarischen Demokratie gehe ich davon aus, dass Bürgerinnen und Bürger kein explizites Votum der Kirche für eine bestimmte politische Richtung benötigen. Das wäre Bevormundung.

medio: Werfen wir einen Blick zurück. In den letzten Monaten haben zwei Ereignisse ein breites Medienecho hervorgerufen: Die Papstwahl und die Abstimmung zur Europäischen Verfassung. Im Blick auf den neuen Papst: Welche Erwartungen sehen Sie bestätigt, welche nicht?    

Bischof Hein: Die Wahl Benedikts XVI. war sicher eine Überraschung. Für uns als evangelische Christen verbinden sich damit nur begrenzte Hoffnungen. Der große ökumenische Aufbruch ist nicht zu erwarten, aus katholischer Sicht möglicherweise auch gar nicht angesagt. Das Medienecho, dass das Sterben und der Tod von Johannes Paul II. ausgelöst hat, und die Resonanz im Blick auf die Einführung des neuen Papstes könnte die Katholische Kirche darin bestärken, so weiter zu machen wie bisher und die anderen Kirchen eher als «Junior-Partner» anzusehen.
Das Interesse des gegenwärtigen Papstes ist, wie auch schon des früheren, in erster Linie auf die Aussöhnung mit den orthodoxen Kirchen ausgerichtet. Wir als Protestanten stehennicht vorrangig im Blickwinkel des Vatikan. Das muss uns gar nicht bedrücken. Wir gehen unseren Weg fröhlich und bestimmt weiter.
   
medio: Und der Knackpunkt Ökumene?    

Bischof Hein: Der Knackpunkt in der Ökumene liegt weiterhin im unterschiedlichen Amtsverständnis. Hier glaube ich nicht, dass wir in der nächsten Zeit zu Lösungen kommen werden. Aber wir bleiben im Gespräch.

medio: Lösungen scheinen auch in Europa in weite Ferne gerückt, nach den Abstimmungsniederlagen für den europäischen Verfassungsentwurf. Sie haben den europäischen Verfassungsentwurf wiederholt kritisiert. Wie bewerten Sie das «Nein» in Frankreich und in den Niederlanden?    

Bischof Hein: Das Nein in Frankreich und den Niederlanden ist nicht in erster Linie gegen den Text des Verfassungsentwurfs gerichtet gewesen, sondern war ein Plebiszit gegen die Bürokratisierung Europas. Es war auch ein Votum gegen die Undurchschaubarkeit von Entscheidungen in Europa, und, aus meiner Sicht, war es deutlich ein Plebiszit gegen die fortschreitende Erweiterung der EU, die gewissermaßen ohne Sinn und Verstand vollzogen wird.

medio: Und Ihre persönliche Reaktion?    

Bischof Hein: Ich hatte im Vorfeld meine Position deutlich gemacht, indem ich mich explizit für einen Gottesbezug in dieser Verfassung ausgesprochen hatte. Gleichzeitig habe ich viele Passagen - etwa auch zur Stellung der Kirchen - innerhalb des Vertrages gut geheißen. Insofern empfinde ich das Ergebnis jetzt als enttäuschend. Aber es ist die Quittung dafür, dass es der EU nicht gelungen ist, einen gemeinsamen europäischen Geist deutlich zu machen, aus dem heraus diese Verfassung lebt. Europa, so scheint es, ist weiterhin eine Ansammlung von inzwischen 25 ausschließlich an ihren eigenen Interessen orientierten Ländern.

medio: Hätte daran die Verfassung etwas ändern können?    

Bischof Hein: Der Verfassungsentwurf hätte deutlich machen können, was Europa vereint. Das ist eben auch die Tradition des Christentums auf diesem Kontinent. Da können auch die Gegner des Christentums nicht dran vorbei. Wer das alles in den Hintergrund schiebt, lässt Europa zu einer Freihandelszone verkommen. Da sind wir gegenwärtig auf dem besten Wege.

medio: Das klingt resigniert ...

Bischof Hein: Nein. Ich engagiere mich auf der EKD-Ebene in der Europa-Steuerungsgruppe. Aber ich glaube, es ist notwendig, jetzt erst einmal einzuhalten und sich zu vergewissern: Was können wir uns, nicht nur finanziell, sondern auch gegenüber den Menschen in Europa, leisten? Ich bin eher für den Abbau von sinnlosen Anpassungsprozessen, die die Vielfalt Europas zu einem gleichmacherischen Einerlei einebnen.

medio: Stichwort Vielfalt. Unsere Kirche sieht sich verankert in der Region. Werden diese regionalen Interessen in Europa Ihrer Meinung nach ausreichend gewürdigt?    

Bischof Hein: Ich glaube, wenn die Rahmenbedingungen in der EU gesetzt werden, reicht das völlig aus. Europa lebt davon, dass es unterschiedlich ist und dass es in den Regionen eine große Vielfalt gibt. Gerade die Tatsache, dass evangelische Kirchen «Landeskirchen» sind, ist nicht als Ausdruck des Provinzialismus zu werten, sondern steht dafür, dass wir in den Regionen verankert sind. Es geht eben nicht nur darum, ein uneindeutiges Europa zu schaffen, sondern dieses Europa hat viele Gesichter.

medio: Das Gesicht Kurhessen-Waldecks ist stark von ländlichen Gemeinden geprägt. In Ihrem Bericht vor der Herbstsynode haben Sie über die Zukunft der Menschen und der Kirche in den ländlichen Gebieten der Landeskirche gesprochen. Wie wurde Ihre Botschaft in den Kirchenkreisen und Gemeinden aufgenommen?    

Bischof Hein: Mit großen Interesse. Ich bin einer der Bischöfe in Deutschland, der dies ausdrücklich zum Thema gemacht hat. Mir ist deutlich: Der ländliche Raum stellt sich auch in Kurhessen-Waldeck sehr unterschiedlich dar, ob es nun Waldeck ist oder das Gebiet an der ehemaligen Zonengrenze oder der Main-Kinzig-Kreis. Unsere Kirche ist sehr stark bestimmt von vielen kleinen Gemeinden, in denen ich bei meinen Besuchen ein starkes persönliches Engagement erlebe. Und unsere Antwort auf die Herausforderungen lautet weiterhin: Wir bleiben in der Fläche präsent! Wir finanzieren die Renovierung und den Erhalt von kleinen Dorfkirchen in besonderer Weise! Wir wollen zeigen, dass wir eine Landeskirche sind, die sich – um das Wortspiel einmal zu verwenden – auch als Land-Kirche versteht.

medio: ... und die - Sie haben es angedeutet – vor großen Herausforderungen steht. Welche dieser Herausforderungen beschäftigt Sie am meisten?    

Bischof Hein: Wir müssen uns der Situation anpassen. Das heißt, wir müssen verminderte Einkünfte der Kirche in Einklang bringen mit der Notwendigkeit, weiterhin unseren Auftrag zu erfüllen, den wir vom Herrn der Kirche, von Christus, bekommen haben.
Auf der einen Seite verbreitet sich unter dem Aspekt, dass die Finanzen zurückgehen, Verzagtheit. Auf der anderen Seite deute ich solch eine Krise als Chance zur Selbstbesinnung und zu einem neuen Aufbruch. Mich schreckt die finanzielle Situation der Kirche, speziell meiner Landeskirche, nicht. Aber es sind notwendige Entscheidungen angesagt. Und das Problem liegt darin, dass etliche in der Kirche diese Entscheidungen scheuen. Das beschäftigt mich.

medio: Sie haben bereits vor einem Jahr Veränderungen angemahnt und gesagt, dass Sie bis 2006 entsprechende Vorschläge erwarten. Sind wir im Zeitplan, was den Reformprozess in der Landeskirche angeht?    

Bischof Hein: Ich denke, wir liegen noch im Zeitplan. Allerdings geht es uns wie in der Politik: Entscheidungen werden vermieden. Um die notwendigen Entscheidungen zu treffen, würde ich mir wünschen, dass die entsprechenden Gremien, die sich mit den Entwicklungsfragen in unserer Landeskirche befassen, klare Vorlagen bringen, über die dann auch kontrovers diskutiert werden kann.
Aber was wir uns nicht leisten können, ist gewissermaßen eine «institutionalisierte Dauerreflexion». Das ermüdet und schafft Frustrationen.

medio: Wo sehen Sie die Gründe für die Gefahr einer solchen Dauerreflexion?    

Bischof Hein: Die Gründe liegen darin, dass wir eine auf Konsens ausgerichtete Landeskirche sind und natürlich versuchen, möglichst viele ins Boot zu bringen. Aber es gibt eben explizite Interessen, die sehr unterschiedlich sind. Und das miteinander zu verbinden, geht auf Dauer nur dadurch, dass dann auch einmal durch Abstimmung klar werden muss, wo die Mehrheit sich befindet.
Die Entscheidungen unserer Synode sind ja zum großen Teil mit überwältigender Mehrheit getroffen worden, ebenso die Entscheidungen in den kirchenleitenden Gremien des Rates und des Landeskirchenamtes. Stets ist es gut, sich Zeit zu nehmen, Zeitdruck herauszunehmen und intensiv zu erwägen, welche Aspekte berücksichtigt werden müssen.
Aber wenn das getan worden ist und sich die Interessenlage immer noch unterschiedlich darstellt, dann geht es nicht anders, als dass auch einmal von Seiten der Kirchenleitung Vorlagen gemacht werden, über die dann abgestimmt wird. Nichts ist ermüdender als ein Prozess, der sozusagen ohne Ziel fortgeführt wird. Und insofern ist auch der Satz «Der Weg ist das Ziel» bei solchen Fragen völlig falsch.

medio: Und wie ist der gegenwärtige Stand?    

Bischof Hein: Wir sind, was die kirchlichen Dienste angeht, sehr weit fortgeschritten. Wir werden das bisherige Amt für kirchliche Dienste in das Landeskirchenamt integrieren, ohne deswegen das bisherige Angebot wesentlich einzuschränken.
Wir sind auf der Ebene des Landeskirchenamtes dabei, schlankere Verwaltungsstrukturen zu gewinnen. Das bedeutet auch, dass wir die Anzahl der Dezernenten erheblich reduzieren.
Und für die Landeskirche bedeutet das im Zusammenhang der Schwerpunktsetzungen, klar zu benennen, welche Aufgaben wir fortführen. Wo verstärken wir möglicherweise sogar unser Engagement, etwa in der Öffentlichkeitsarbeit. Und wo brechen wir bisherige Aufgaben tatsächlich ab? Um diese Klärung werden wir bis 2006 nicht herumkommen. Und manches fließt ja bereits in die Haushaltsentscheidungen für den Haushalt 2006/2007 ein, der im Herbst verabschiedet wird.

medio: Können Sie da Beispiele nennen?    

Bischof Hein: Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu früh, weil die Vorlage des Rates noch nicht verabschiedet worden ist. Die Grundtendenz wird sein: Wir müssen die Handlungsfähigkeit unserer Kirchengemeinden auf Dauer sichern. Das kann möglicherweise dann auch in einem gewissen Umfang zu Lasten der sogenannten übergemeindlichen Dienste gehen.

medio: ... eine nicht ganz einfache Zeit für unsere Kirche. In schwierigen Zeiten haben Christen immer wieder aus der Bibel und aus Glaubenszeugnissen anderer Christen Kraft geschöpft. Welches ist für Sie die wichtigste Quelle der Kraft, die Sie ermutigt, diese schwierigen Aufgaben anzugehen?     

Bischof Hein: Meine persönliche Kraftquelle ist das regelmäßige Gebet, in dem ich diese Fragen in einer ganz ungefilterten Weise vor Gott bringe. Und im übrigen lasse ich mir vom Neuen Testament sagen, dass Gott uns nicht den Geist der Furcht gegeben hat, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Das sind Tugenden, von denen ich meine, dass sie gerade in der Gegenwart dringend nötig sind.

medio: Herr Bischof, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Familie ein erholsamen Urlaub!    

Bischof Hein: Danke.

Die Fragen stellte Pfarrer Christian Fischer, Redaktionsleiter der landeskirchlichen Medienagentur «medio!» in Kassel am 4. und 7. Juli 2005.

2006-08-10

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