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Im Wortlaut:
Bischof Hein im medio-Sommerinterview (2004)

medio: Herr Bischof, Sommerzeit ist Ferienzeit. Sie fahren jetzt bald in den Urlaub. Hat denn auch ein Bischof Zeit zum Ausspannen und Atem holen?

Bischof Hein: Ein Bischof braucht, wie jeder andere, Urlaubszeiten. Ich habe im letzten Jahr davon zu wenig genommen und den Eindruck, ich müsste doch jetzt einmal drei Wochen lang ausspannen. Erholen kann ich mich immer am besten, wenn ich Neues erlebe und neue Begegnungen habe. Urlaube dürfen für mich also anstrengend sein, wenn sie dafür erfüllt sind. Nach einer Reise mit meiner Familie nach Südostasien werde ich mich für eine Woche an der Nordsee entspannen. 
  
medio: Die Sommerferien sind ja für viele Menschen auch eine Zäsur – Zeit zurück zu blicken: Worüber haben Sie sich denn in der letzten Zeit so richtig gefreut und worauf sind Sie stolz?   

Bischof Hein: Ende August bin ich vier Jahre Bischof dieser Landeskirche. Da stellt sich die Frage: Was ist in dem vergangenen Jahr gewesen, was ist erreicht worden?

Froh bin ich, dass wir mit der Arbeit der neuen Synode gut begonnen haben und dass Menschen dadurch Verantwortung für diese Kirche übernehmen. Stolz bin ich auf die Grundsteinlegung zu unserer Evangelischen Grundschule in Oberissigheim im Hanauer Land. Noch in diesem Jahr können wir die Schule einweihen. Erfreut bin ich auch, dass Ende letzten Jahres in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Evangelische Theologie in Marburg ein Theologisches Forschungsinstitut durch unsere Landeskirche gegründet werden konnte. All das sind Signale, die gegen die vorgebliche Auffassung stehen, wir würden nur zurückbauen.

medio: Zur Zeit reden in Deutschland alle über Reformen: Gesundheitsreform, Diskussion um Lohnabbau, Verlängerung der Arbeitszeit. Wie bewerten Sie als Bischof diese Diskussion?     

Bischof Hein: Sie ist überfällig. Aber diese Debatte wird immer noch unter ideologischen Blickwinkeln geführt. Ich glaube, dass mit der Globalisierung eine ordnungspolitische Struktur in Deutschland nur noch schwer aufrecht zu erhalten ist, und dass wir uns deswegen natürlich fragen müssen, wie die Rahmenbedingungen verbessert werden können, um Arbeitsplätze zu erhalten und möglicherweise in geringem Umfang auch neu zu schaffen. Die Schwierigkeit der Diskussion liegt darin, dass die sozialen Voraussetzungen insgesamt auf dem Prüfstand stehen und dass sehr leichtfertig in Frage gestellt wird, was über lange Zeit zur Stabilität der Produktionsbedingungen in Deutschland beigetragen hat.

medio: Beispiel: Die Debatte um den Kündigungsschutz ...     

Bischof Hein: Ich weiß auch, dass ein extensiver Kündigungsschutz dazu führen kann, Einstellungen von Personal zu verhindern. Aber dann gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten und die absolute Lockerung des Kündigungsschutzes zu fordern, halte ich für verfehlt. Der Industriestandort Deutschland hat sich aus meiner Sicht dadurch lange Zeit als günstig erwiesen, weil wir eben eine vergleichsweise geringe Streikbereitschaft der Gewerkschaften hatten und dadurch möglicherweise die Kosten, die im Lohnnebenbereich höher sind als andernorts, auffangen konnten. Wir stellen ja inzwischen fest, dass etwa bei Daimler-Chrysler und bald auch bei VW eine realitätsgerechte Einschätzung der Situation erfolgt. Auf Lohnverzicht hinzuweisen – bei gleichzeitiger mittelfristiger Garantie eines Arbeitsplatzes –, halte ich für legitim.

medio: In der Diskussion ist auch die Streichung von Feiertagen ...     

Bischof Hein: Hier habe ich schon vor einiger Zeit deutlich Stellung bezogen, indem ich statt der Streichung von ein bis zwei kirchlichen Feiertagen vorgeschlagen hatte, dass allgemein auf zwei Urlaubstage verzichtet werden sollte. Ich weiß, dies wird in den Tarifgesprächen verhandelt und kann nicht allgemein flächendeckend verordnet werden. Aber ich glaube, dass mit der Streichung von kirchlichen Feiertagen mit dem Ziel der Vermehrung der Jahresarbeitszeit im Grunde viel an kulturellem Erbe und an gemeinsamer fester Zeit für Familien verloren geht. 
    
medio: Wo sehen Sie denn die Rolle der Kirchen in diesem Reformprozess?     

Bischof Hein: Die großen Kirchen haben die Aufgabe, innerhalb der Diskussion auf Augenmaß zu dringen. Und: Wir können uns selbst aus diesem Reformprozess nicht heraus ziehen. Er betrifft auch die Kirche als Arbeitgeberin. Wir müssen uns in unserem eigenen Bereich immer an den Maßstäben messen lassen, die wir an andere anlegen. Das ist ein biblischer Grundsatz. Und hier zeigen sich bei uns die gleichen Schwierigkeiten wie im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang: Auch was unsere Arbeit angeht, wird die Ausstattung durch das zurückgehende Kirchensteueraufkommen geringer. Damit stellt sich das Erfordernis, dass wir uns zu konzentrieren haben.

medio: Die Kirche hat ja ohnehin nur begrenzte Möglichkeiten zum Beispiel der Automatisierung ...    

Bischof Hein: So ist das. Wir sind eine ausgesprochen personalintensive Organisation – weil wir es mit Menschen zu tun haben. Und die Begegnung von Mensch zu Mensch macht nun einmal den Kern kirchlichen Handelns aus.

medio: Was erwarten Sie denn von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angesichts dieser Situation?     

Bischof Hein: Ich erwarte mir die Bereitschaft, angesichts der relativen Stabilität von Arbeitsplätzen, die wir als eine große Organisation weiterhin glauben garantieren zu können, dass hier eine Anpassung des Lohnniveaus an die finanzielle Situation der Kirche akzeptiert wird. Das heißt, es wird auf Dauer, denke ich, notwendig sein, auch über Formen des Lohnverzichts oder der Mehrarbeit zu sprechen. Das muss natürlich in den jeweiligen Bereichen unterschiedlich gehandhabt werden. Ich hoffe, dass wir sehr moderat vorgehen können. Aber wir können uns den Rahmenbedingungen, unter denen wir in Deutschland leben, nicht völlig verschließen. Wir sind keine Insel der Seligen.

medio: Nun sind im Zusammenhang mit Lohnverzicht bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auch die Spitzengehälter von Managern verstärkt in die Diskussion gekommen. Wie sehen Sie diese Diskussion in Bezug auf unsere Kirche?     

Bischof Hein: Die Spitzengehälter von Managern liegen ja weit über dem, was innerhalb des Öffentlichen Dienstes in Deutschland und damit auch in der Kirche verdient wird. Und ich halte es für problematisch, dass sich etwa durch die Aufteilung oder den Verkauf eines Konzerns oder auch durch eine ausgesprochen restriktive Personalpolitik innerhalb eines Konzerns für die sogenannten «Shareholder» die Attraktivität des Unternehmens erhöht. Das Einkommen des Managements hat sich hier in Höhen katapultiert, die geradezu unvorstellbar sind.

medio: Welche Maßnahmen halten Sie für sinnvoll?     

Bischof Hein: Dass es eine Begrenzung der Managergehälter gibt, glaube ich nicht. Dazu besteht innerhalb eines globalisierten Zusammenhangs gar keine Handhabe. Allerdings halte ich eine Offenlegung der jeweiligen Bezüge für geboten.

medio: Betrifft das auch den Bischof?     

Bischof Hein: Wie viel ein Bischof verdient, können alle im Haushaltsplan der Landeskirche nachschauen. Zusätzliche Einkünfte habe ich nicht. Wenn es zu allgemeinen Einschnitten käme, bliebe natürlich auch das Bischofsamt davon nicht ausgenommen. Das habe ich bereits vor vier Jahren bei meiner Vorstellung als Bischofskandidat vor der Synode gesagt, und dazu stehe ich nach vier Jahren weiterhin.

medio: Einschnitte sind eine Seite der Medaille, eine andere sind Reformen. Es gibt in unserer Kirche Reformbemühungen auf der Ebene der Kirchenkreise, der Kirchenleitung und bei den kirchlichen Diensten. Sagen Sie uns, was ist konkret geplant und welche Ziele haben diese Bemühungen?     

Bischof Hein: Diese Bemühungen haben das Ziel, finanzielle Einsparungen zu einem Zeitpunkt zu erreichen, an dem wir selbst noch glauben, innerkirchlich die Geschicke lenken zu können und nicht nur noch reagieren zu müssen.

Auf der einen Seite wird es zu Straffungen kommen, auf der anderen Seite soll aber auch der Aspekt der Effizienz nicht in den Hintergrund geraten. Ich glaube, dass wir insgesamt, was die kirchliche Organisation angeht, relativ schwerfällig agieren. Und hier lassen sich zum Nutzen aller zügigere Entscheidungs- und Handlungsabläufe finden.

Damit es nicht immer nur heißt, dass wir in den Gemeinden abbauen, haben wir für die Leitungsebene des Landeskirchenamtes jetzt ausgesprochen weitreichende Beschlüsse gefasst. So werden wir die Anzahl der Dezernate in den kommenden Jahren fast halbieren. Das hat zur Folge, dass wir erhebliche Einsparungen im finanziellen Sektor haben, zugleich klarere Zuständigkeiten beschreiben können und auch den bürokratischen Aufwand reduzieren.

medio: Zuviel Bürokratie in der Kirche?     

Bischof Hein: Kirche ist in den letzten Jahrzehnten aus meiner Sicht in einer Weise bürokratisiert worden, dass man sich heute eigentlich fragt, wie konnte die Kirche vor fünfzig Jahren mit sehr viel mehr Menschen und sehr viel weniger Bürokratie überhaupt existieren. Das «Parkinsonsche Gesetz», das eine Selbstvermehrung der Bürokratie beschreibt, hat auch vor der Organisation Kirche nicht halt gemacht. Das ist auch ein Tribut an die Komplexität des gesellschaftlichen Umfelds.

Aber ich will doch auch deutlich sagen, wenn wir jetzt Einschnitte vornehmen, erreichen wir das Niveau des Haushaltes, den unsere Landeskirche im Jahr 1995 hatte, und das waren Zeiten, in denen es uns allen durchaus gut ging. Ich gehe weiterhin davon aus, dass wir handlungsfähig bleiben. Aber wir müssen jetzt reagieren, dürfen nichts vor uns herschieben und sagen, es wird doch nicht so schlecht werden. Der Vizepräsident unserer Landeskirche hat deutlich gesagt, dass wir mit Mindereinnahmen insgesamt von wenigstens 10 Prozent zu rechnen haben.

medio: Also die Kirchenleitung will die Finanzen schonen und ihre eigene Organisationsstruktur straffen. Wenn man an die Reduktion der Dezernate oder die Zuordnung des Öffentlichkeitsbereichs zum Bischof denkt – ist das auch eine andere Kirchenleitung, und ist dazu eine Grundordnungsänderung notwendig?     

Bischof Hein: Nein, die Grundordnung muss nicht geändert werden. Unsere Kirchenverfassung von 1967 ist ausgesprochen offen für Fragen der Organisationsabläufe. Wir verändern nicht die institutionellen Rahmenbedingungen, sondern überprüfen, wo können wir uns verschlanken, wo können wir bürokratische Verfahrensweisen mindern, wo können wir die Selbständigkeit von Gemeinden fördern, was müssen wir von unserer Seite nicht mehr alles beaufsichtigen. Hier hat sich im Lauf der Zeit vieles eingespielt, das auf den Prüfstand gehört.

Das fängt hier im Haus der Kirche in Kassel an. Und wir gehen mit gutem Beispiel voran. Das schafft sicher Unruhe. Wir versuchen, durch umfassende Informationen deutlich zu vermitteln, wohin die Reise gehen soll. Transparenz ist ein wichtiges Gebot innerhalb dieses Umstrukturierungsprozesses.

medio: Sie haben von Unruhe gesprochen. Unruhe gibt es auch bei den Diensten der Landeskirche. Wie weit ist da die Entwicklung?     

Bischof Hein: Das wird im Herbst weiter analysiert. Auch hier haben wir ein Beratungsunternehmen beauftragt, eine Untersuchung des Ist-Standes durchzuführen.

In der evangelischen Kirche ist oft gesagt worden, die Kirche müsse immer reformiert werden. Jetzt, wo wir es tun, nehmen viele diesen grundevangelischen Satz gar nicht mehr so ernst. Ich halte Unruhe nicht für prinzipiell problematisch, sondern es gibt auch so etwas wie eine produktive, neugierige Unruhe. Und die würde ich mir in vielen Bereichen unserer Kirche mehr wünschen.

medio: Und die Reformdiskussion auf Ebene der Kirchenkreise? Wie ist da momentan der Stand?     

Bischof Hein: Ich will zunächst betonen, dass wir als Kirche nicht immer nur mit uns selbst und unserer Organisationsform beschäftigt sein dürfen. Das ist für einen überschaubaren Zeitraum notwendig, aber es darf nicht zu einem Dauerzustand werden. Außerhalb der innerkirchlichen Öffentlichkeit interessieren diese Fragen nur wenige!

Wir haben die Regionen (etwa in der Größe der Landkreise) und Kirchenkreise gebeten, ihrerseits nach Möglichkeiten zu schauen, wie sie angesichts der demografischen und finanziellen Entwicklung unserer Kirche, glauben reagieren zu können. Die Landessynode hat dafür den Zeitrahmen bis 2006 gesetzt. Bis spätestens 2006 erwarten wir aus den jeweiligen Gebieten entsprechende Vorschläge, wie man sich der Herausforderung zu stellen sucht. In diesem Jahr etwa haben die Kirchenkreise Hersfeld und Rotenburg ihr kirchliches Verwaltungsamt zusammengelegt. Im letzten Jahr war das in Hofgeismar und Wolfhagen der Fall. Also, es tut sich einiges.
Wir wollen nicht von oben nach unten entscheiden, sondern wir berücksichtigen die negativen Erfahrungen, die die kommunale Gebietsreform in den 70er Jahren ihrerseits erzeugt hat.

Ich wünschte mir allerdings, dass man sich auf der Ebene der Regionen und Kirchenkreise nicht einfach zurücklehnt und sagt, dieser Kelch wird schon an uns vorbeigehen. Und ich bin gespannt, welche konstruktiven Vorschläge unterbreitet werden.

medio: Sie haben unlängst in einem Brief das Tempo dieses Reformprozesses thematisiert. Geht es Ihnen zu langsam?     

Bischof Hein: Wenn Sie bei einem Reformprozess zu sehr auf Tempo drücken und in der Lokomotive zu viel Dampf machen, werden Sie merken, dass sich die Wagen irgendwann abkoppeln. Das kann nicht mein Ziel sein.

Allerdings ist es auch einmal notwendig zu sagen, dass uns nicht unendlich viel Zeit zur Verfügung steht, was die organisatorischen Fragen unserer Kirche angeht.
Wir haben eine große Verheißung, unter der die Kirche lebt: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt», sagt Jesus. Aber das ist keine Bestandsgarantie für bestimmte kirchliche Strukturen, die sich erst im Lauf der Zeit entwickelt haben.

medio: Werfen wir einen Blick über die Landeskirche hinaus: Volkskirchliche Strukturen wie bei uns gibt es ja nicht in allen Teilen Europas. Wie sehen Sie denn die Rolle der Landeskirchen in einem zusammenwachsenden Europa?     

Bischof Hein: Der Reformprozess in unserer Landeskirche macht eines deutlich: Die Menschen identifizieren sich mit ihrer eigenen Region. Und ein größer werdendes Europa, das wir bisher deutlich auch gefördert und gewollt haben, wird umso mehr ein «Europa der Regionen» sein müssen. Eine Landeskirche wie unsere hat ja schon in ihrem Namen die Beziehung zu einer bestimmten Gegend. Die Aufgabe der Landeskirche könnte sein, für Beheimatung, für Verortung zu sorgen. Uns ist wichtig, dass wir vor Ort präsent sind, ohne deswegen provinziell zu werden.

Damit aber dieses erweiterte Europa vom Norden, Skandinavien, bis nach Zypern und Malta und von Portugal bis nach Estland überhaupt als gemeinsame Größe erfahrbar wird, braucht es neben der Verortung in der Region Begegnung der Menschen untereinander. Dafür sind wir als Kirchen immer schon große Vorreiter gewesen: Wir haben eine Beziehung zu dem römisch-katholischen Bistum s’Hertogenbosch und zur Vereinigten Protestantischen Kirche in den Niederlanden und eine sehr enge Kirchenpartnerschaft zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Estland. Gerade unter den Bedingungen des zusammenwachsenden Europas erweisen sich diese Partnerschaften als ausgesprochen wichtig. Hier kommen nicht nur Kirchenleitungen zusammen, sondern hier begegnen sich Menschen aus den Gemeinden und lernen sich kennen. Das Interesse an einer Partnerschaft mit der estnischen Kirche wächst in einigen Kirchenkreisen ganz erfreulich.

medio: Diesen positiven Zeichen stehen andere gegenüber. Der europäische Verfassungsentwurf sieht keinen Gottesbezug vor. Die Kirchen haben hier eine Niederlage hinnehmen müssen. War das Engagement der Kirchen umsonst?     

Bischof Hein: Nein, aber aus meiner Sicht kam das Engagement, zumindest der evangelischen Kirchen, zu spät. Man hat abgewogen zwischen dem Artikel 51 des Europäischen Verfassungsvertrages, der die Respektierung der staatskirchenrechtlichen Bedingungen im jeweiligen Mitgliedsland ausdrückt, und der Frage, ob ein deklaratorischer Gottesbezug in die Präambel kommt, und war stärker an der Sicherung der besonderen Situation in Deutschland interessiert. Erst am Schluss ist von evangelischer wie von katholischer Seite sehr deutlich der Gottesbezug eingeklagt worden. Ich hatte das bereits vor mehr als zwei Jahren gefordert und stand damals im Bereich der evangelischen Kirchenleitungen noch relativ einsam da.

Allerdings muss man die politischen Realitäten einschätzen. Die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche in Frankreich, die seit hundert Jahren existiert, ist ein ideologischer Fixpunkt, der in Frankreich – ganz gleich, welche Regierung am Ruder ist – nicht angerührt wird. Insofern haben nicht nur die Kirchen sich nicht durchsetzen können, sondern auch jene europäischen Regierungen nicht, die ihrerseits den Gottesbezug gefordert haben.

medio: Es gibt noch einen anderen Knackpunkt in dem Verfassungsentwurf. Dort heißt es: «Jeder Mensch hat das Recht auf Leben». Nur: Was macht ihn zum Menschen? Ist die Würde des Lebens in der Verfassung Ihrer Meinung nach ausreichend geschützt?     

Bischof Hein: Im Europäischen Verfassungsvertrag wird im vorausgehenden Artikel gesagt: «Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen.» So heißt es ja auch in unserem Grundgesetz. Wir werden sorgfältig beobachten, wie sich diese Bestimmungen im politischen Geschäft bewähren – etwa in der kontroversen Debatte um die Frage des Beginns und des Endes menschlichen Lebens. Dass es hier in den Niederlanden und in Belgien bei der Frage der Euthanasie weitgehende Liberalisierungen gibt, die wir in Deutschland mehrheitlich auch parlamentarisch ablehnen, ist der eine Punkt. Und dass gerade bei der Frage des vorgeburtlichen Lebens nun in Großbritannien die Möglichkeit der Bestimmung bestimmter Merkmale eines Embryos eröffnet wurde, halte ich für höchst bedenklich. Aber auch hier muss man anerkennen: Es gibt unterschiedliche philosophische, auch theologische Traditionen, und unsere Aufgabe ist es, den eigenen Standpunkt immer wieder in die europäische Diskussion einzubringen.

medio: In vielen Ländern wird über die Verfassung in einem Referendum abgestimmt. In Deutschland ist das nicht vorgesehen ...     

Bischof Hein: Mich wundert, dass in Deutschland die gegenwärtige Regierungskoalition, die nach eigenem Bekunden eine stärkere Bürgerbeteiligung anstrebt, an diesem Punkt nun gerade kein Referendum will. Ich halte das für doppelzüngig und politisch leicht durchschaubar! Aller Schönrednerei zum Trotz traut die Regierung Schröder im Blick auf Europa der eigenen Bevölkerung kein Urteilsvermögen zu. Das ist eine ärgerliche Anmaßung!

Ich halte ein Volksbegehren im Blick auf den Europäischen Verfassungsvertrag für geboten, um seine Anliegen wirklich als Ausdruck einer gesamteuropäischen Gemeinschaft werten zu können.

medio: Herr Bischof, lassen Sie uns zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft werfen. Wie sieht in Ihrer Vorstellung unsere Kirche - falls es sie dann noch gibt - im Jahr 2020 aus?     

Bischof Hein: Ich bin nicht Prophet, schon gar kein selbsternannter. Aber ich bin zuversichtlich, dass es die evangelische Kirche weiterhin geben wird. Ob es im Jahr 2020 noch die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck gibt oder ob wir uns in einem wie auch immer gearteten größeren Verbund wiederfinden werden, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck wird stärker als bisher auf der hessischen Ebene mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau kooperieren, und auf der deutschen Ebene werden wir bestimmte Aufgaben in die Evangelische Kirche in Deutschland verlagern. Trotzdem: Die Verbundenheit mit der Region bleibt Grundvoraussetzung!

Aber wir haben auch zu bedenken: Aller Voraussicht nach wird es gerade in Nord- und Osthessen einen erheblichen Rückgang an Mitgliedern geben, der nicht aufgrund von Kirchenaustritten erfolgt, sondern der mit den «Wanderungsbewegungen» aus einem strukturschwachen Gebiet zu tun hat. Und auf diese Veränderungen muss sich nicht nur Kirchenleitung sondern müssen sich die einzelnen Kirchengemeinden einstellen. Wir werden zunehmend Gemeindeglieder haben, die älter oder alt sind.

medio: Und regional wird es wahrscheinlich große Unterschiede geben. Stichwort armer Norden, reicher Süden...     

Bischof Hein: Das gibt es jetzt schon. Wir haben Zuwachsgebiete, die liegen im Süden unserer Kirche, im Rhein-Main-Gebiet und im Landkreis Fulda, möglicherweise auch noch im Süden von Marburg. Aber wir haben auch deutliche Abwanderungsgebiete.

So wichtig es ist, eine missionarische Kirche zu sein, die Menschen anspricht, so deutlich haben wir wahrzunehmen, dass die Anzahl der Menschen, die wir ansprechen können, geringer wird. Wir teilen auf Dauer das Schicksal der strukturschwachen Gebiete im Osten Deutschlands.

medio: Das kann ja auch eine Herausforderung sein, gerade was Spiritualität und den Glauben angeht. Oft wurde ja in schwierigen Zeiten die Suche nach Gott auch in der Kirche wieder konzentrierter betrieben. Wie sehen Sie denn die spirituelle Zukunft unserer Kirche?     

Bischof Hein: Die hängt nicht von uns, sondern vom Wirken des Geistes Gottes ab, das sich auch in den vorfindlichen Formen der Kirche ereignet. Wenn ich mir etwa die Statistik anschaue und feststelle, dass in den letzten zehn Jahren der Gottesdienstbesuch in unseren Gemeinden kontinuierlich zugenommen hat, muss dies auch einmal deutlich unterstrichen werden. Überall wird das Märchen erzählt wird, es kämen immer weniger Menschen zum Gottesdienst. Das Gegenteil ist der Fall! Der Gottesdienst hat eine hohe Anziehungskraft. Und wenn ich erlebe, mit wie viel Liebe Pfarrerinnen, Pfarrer und Kirchengemeinden gerade besondere Gottesdienste gestalten und wie wichtig für viele Christen vor Ort das Zusammensein im Gottesdienst, aber auch das Feiern nach dem Gottesdienst ist, finde ich, wir haben noch gar nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die sich uns bieten.

Zu den großen Chancen gehören auch die vielen, vielen schönen Kirchen, die in der letzten Zeit mit erheblicher Unterstützung der Landeskirche renoviert worden sind. Uns ist wichtig, mitten im Leben der Welt sichtbar zu sein: durch Kirchen, die einladen zum Gebet, zur Begegnung mit Gott. Verfallende Kirchen dagegen sind stärkere Prediger als jede gute Predigt, die Sie am Sonntag in der Kirche hören! Wenn wir Kirchen verfallen lassen, dann sagen wir nach außen, wir trauen der Botschaft des Evangeliums nichts mehr zu.

medio: Zutrauen in die Botschaft des Evangeliums – vielleicht heute das wichtigste Programm einer sich reformierenden Kirche ...     

Bischof Hein: Ich glaube, dass das Evangelium von Jesus Christus überhaupt nichts von seiner Aktualität verloren hat. Im Gegenteil: Es gibt heute in unserer Gesellschaft sehr viele Menschen, die nach dem Sinn ihres Lebens fragen. Wir haben darauf eine Antwort, die trägt. Deswegen in erster Linie: attraktive Kirchengemeinden, attraktive Kirchen, attraktive Gottesdienste. Auch Ungewöhnliches wagen, um in Kontakt mit Menschen zu kommen. Und da gibt es bei uns eine große Fülle von Kreativität.

Verstärkt nehmen wir die Ereignisse ernst, die innerhalb einer Region große Bedeutung haben. Das war etwa die Landesgartenschau in Hanau; wir sind jetzt bei den Vorbereitungen für die Landesgartenschau in Bad Wildungen. Das sind die Hessentage, die in dem Bereich von Kurhessen-Waldeck stattfinden. Und wir planen jetzt für den nächsten Landeskirchentag, der 2006 in Gelnhausen stattfinden soll, um zu zeigen: Es ist schön, Kirche zu sein. Es ist eine große Aufgabe, als Christ in dieser Gesellschaft zu leben. Und es lohnt sich, auf die Botschaft des Evangeliums in zeitgemäßer Form hinzu weisen.

medio: Herr Bischof Dr. Hein, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Familie gute Erholung im Urlaub.     

Die Fragen stellte Pfarrer Christian Fischer, Redaktionsleiter der landeskirchlichen Medienagentur «medio!» in Kassel am 28. Juli 2004.

2006-08-10

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