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«Ein Art von Neuheidentum»
Bischof Prof. Dr. Martin Hein im F.A.Z.-Interview zum «Mitternachtsshopping» am Gründonnerstag

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) hat Bischof Prof. Dr. Martin Hein zu den Vorhaben von zwei Einkaufszentren in Frankfurt und Kassel Stellung genommen, die am Gründonnerstag 2008 lange Einkaufsnächte bis 24 Uhr veranstalteten. Zum Abschluss der Einkaufsmöglichkeiten sollten zudem Feuerwerke abgebrannt werden, die allerdings nach Protesten der Kirchen und vieler Christen vor Ort abgesagt wurden.

Wir dokumentieren das Interview im Wortlaut:

F.A.Z.: Erfasst Sie heiliger Zorn, wenn Sie derzeit an das Hessen-Center in Frankfurt denken?

Bischof Hein: Das wäre übertrieben, aber ich bin schon sehr verärgert über die Pläne des Hessen-Centers und des «dez» in Kassel, am Gründonnerstag ein «Mitternachtsshopping» anzubieten und ein Feuerwerk abzubrennen. Das ist eine bewusste Attacke auf die religiöse Kultur in Deutschland. Hier fallen
um des Kommerzes willen die letzten Schranken.

F.A.Z.: Und wenn die Aktionen vor Mitternacht zu Ende sind? Das hessische Feiertagsgesetz schützt den Karfreitag von 0 Uhr an, nicht den Gründonnerstag.

Bischof Hein: Wer so argumentiert, wird vielleicht dem Buchstaben des Gesetzes gerecht, aber nicht dessen Geist. Viele Christen haben den Wunsch, sich an diesem Abend auf den Karfreitag vorzubereiten.

F.A.Z.: Den Nichtchristen dürfte das gleichgültig sein.

Bischof Hein: Immerhin gehören zwei Drittel der Deutschen einer christlichen Kirche an. Die kulturelle Prägung durch das Christentum ist noch vorhanden. Besonders in Kassel, wo ich meinen Dienstsitz habe, sehe ich, dass ganz viele Menschen gegen die Pläne des dortigen Einkaufszentrums protestieren. Kein Mensch muss am Gründonnerstag bis 24 Uhr einkaufen. Einkaufszentren können ihr «Erlebnisshopping» auch bis 20 Uhr anbieten. Die Pläne der beiden Einkaufszentren zeigen, wo auch kurz vor einem sensiblen Feiertag das Herz der Manager hängt: an klingenden Kassen.

F.A.Z.: Das heißt, Sie sind vor allem gegen die längere Öffnungszeit?

Bischof Hein: Nein, auch gegen das Feuerwerk. Beides macht deutlich, dass die Erfahrung, die Gründonnerstag und Karfreitag prägen, nämlich die von Tod und Trauer, einfach vergessen wird. Wer dazu einlädt, sich fröhlich auf Karfreitag einzustimmen, tut so, als sei dieser Tag schon Teil des Osterfestes. Das ist eine Art von Neuheidentum.

F.A.Z.: Nun geraten – zumindest in Städten wie Frankfurt – Christen immer mehr in eine Minderheit.

Bischof Hein: Das ist doch kein Argument für solche Veranstaltungen. Hier geht es um die kulturelle Prägung unseres Landes, und die ist nun einmal christlich. In einem islamischen Land käme vor muslimischen Feiertagen kein Mensch auf solche Ideen.

F.A.Z.: Rufen Sie die Christen Ihrer Landeskirche zum Einkaufsboykott am Gründonnerstag auf?

Bischof Hein: Das ist nicht nötig, denn die evangelischen Christen in meinem Kirchengebiet wissen, was nötig ist. Die öffentlichen Reaktionen, zumindest in Kassel, zeigen mir deutlich, dass die Aktion dem Ruf des dortigen Einkaufszentrums geschadet hat.

F.A.Z.: Sie beklagen, dass das Bewusstsein für den Wert christlicher Feiertage in der Gesellschaft nicht stark genug sei. Welche Fehler hat die Kirche gemacht, dass es dazu kam?

Bischof Hein: Wir haben nicht laut genug protestiert, als der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft wurde. Die Evangelische Kirche in Deutschland arbeitet derzeit daran, den Sinn christlicher Feiertage wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen. Die Arbeitsruhe ist ein wichtiger Teil, aber eben nur ein Teil davon. Hinzu kommt, was das Grundgesetz «seelische Erhebung» nennt, die Beziehung zu Gott. Ohne religiöse Bindung wird der Mensch orientierungslos. Der Karfreitag und in seiner Vorbereitung der Gründonnerstag sagen, dass sich jeder seinem Versagen stellen und aus der Gnade Christi leben kann. Das gilt auch für die Gesellschaft als ganze. Wir müssen unser Leben nicht selbst konstruieren. Wer um Schuld, Versagen und Leid einen großen Bogen macht – und das tun die Veranstaltungen in den Einkaufszentren –, bringt sich um diese Erfahrung. Unsere Gesellschaft ist eben keine reine Spaßgesellschaft.

Die Fragen stellte Stefan Toepfer von der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. März 2008

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2008-04-10

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