Interview mit Prälatin i. R. Alterhoff
50 Jahre Pfarrerinnen in der EKKW

Foto: medio.tv
Interview mit Prälatin i. R. Roswitha Alterhoff zum Jubiläum „50 Jahre Pfarrerinnen“
blick in die kirche: „50 Jahre Frauenordination“ – die ersten Ordinationen von Frauen in Kurhessen-Waldeck fanden aber bereits vor 60 Jahren statt. Feiern wir zehn Jahre zu spät?
Alterhoff: Was vorher stattgefunden hat, geschah nicht aufgrund einer allgemein gültigen Gesetzeslage für die gesamte Landeskirche, sondern lag in der Verantwortung einzelner Pröpste, Dekane oder Landespfarrer, die ordiniert haben. Evangelische Theologie studieren konnten Frauen ab 1908. In der Kriegs- und Nachkriegszeit ging es dann um die persönliche Ermächtigung, auch Amtshandlungen vornehmen zu können. Das Gesetz vom 1. Januar 1962 stellte klar: Frauen, die die Voraussetzungen erfüllen, werden ordiniert.
Auch nach 1962 blieben Pfarrerinnen so etwas wie Geistliche zweiter Klasse. Warum bekamen sie weniger Rechte, weniger Geld und eine andere Tracht als ihre männlichen Kollegen?
Alterhoff: Das müsste man eigentlich die Männer fragen, die das Gesetz gemacht haben. Man kann es nur aus der Zeit heraus sehen: Zunächst war es ein ungeheurer Fortschritt. In der Landessynode, die dem Gesetz zustimmte, waren damals nur ganz wenige Frauen. Es herrschte die Meinung vor: Frauen sind für Frauenthemen zuständig. Für den Gemeindedienst haben die Synodalen Hürden eingebaut – der Kirchenvorstand musste zustimmen, dass eine Frau kommt. Sie durfte nicht verheiratet sein. Und wenn sie heiratete, musste sie den Dienst aufgeben.
Ging es diesbezüglich in der Kirche besonders rückständig zu?
Alterhoff: Nein, überhaupt nicht. Das war der gesellschaftliche Kontext. In der Kirche war es auch nicht schlechter als in der Justiz oder Politik. Es gab Einzelne, die sahen in der Frauenordination den Untergang der Kirche. Aber das Gesetz selbst ist ja mit überwältigender Mehrheit durchgegangen.
Das Heiratsverbot galt bis 1980 im Pfarrerdienstgesetz.
Alterhoff: Ich persönlich fand es toll, dass ich ordiniert wurde, Pfarrerin sein konnte und dass mich die Gemeinde akzeptiert hat. Es gab Vorbehalte, aber ich habe das im Dienst nicht gespürt. Und da ich selbst nicht geheiratet habe, war es für mich kein Thema. Aber als ungerecht empfunden habe ich das natürlich.
Sie sind 1972 ordiniert worden. Wie war damals das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Pfarrdienst?
Alterhoff: Bei den älteren Kollegen gab es wohl Vorbehalte. Die haben es aber nicht öffentlich thematisiert. Meine jüngeren Kollegen hatten da überhaupt kein Problem. Im Kirchenkreis Hersfeld waren wir zu zweit – 28 Pfarrstellen, zwei Frauen, später fünf. Ältere Kollegen fragten manchmal: „Wie machen Sie das alles, was meine Frau zu Hause macht?“ Meine Antwort: „Ich habe jemanden im Haushalt.“
Man traute Frauen wenig zu. War das der Grund für das Heiratsverbot?
Alterhoff: Es war sicherlich ein Grund: Man kann nicht gleichzeitig Hausfrau, Mutter und berufstätig sein, glaubten viele. Unvorstellbar war für manchen aber auch eine schwangere Pfarrerin am Altar. Das ist so ein archaisches Grundgefühl: Durch Sexualität würde eine Frau unrein, die Schwangerschaft mache dies sichtbar. Und Männer bleiben Männer. Punkt.
Wann kam in der Kirche der große Durchbruch für die Frauen?
Alterhoff: Frauen wurden immer selbstverständlicher. 1980 kam ich als Studienleiterin ins Predigerseminar. Direktor Dr. Wehmeier legte Wert darauf, dass die jungen Leute in ihrer Ausbildung für das Pfarramt sowohl Mann als auch Frau erlebten. Ab Anfang der 80er-Jahre kamen immer mehr Studentinnen mit einer großen Selbstverständlichkeit ins Vikariat. „Mensch, toll!“, dachte ich, als ich die erlebt habe.
Mitte der 80er Jahre wurden Stellenteilungen für Pfarrerehepaare möglich. Eine gute Entwicklung?
Alterhoff: Die Pfarrerehepaare wollten das. Die Kirchenleitung musste zunächst überzeugt werden, dass es geht. Ich finde es nach wie vor eine gute Lösung. Dass manche damit nicht so gute Erfahrungen gemacht haben, liegt am Beziehungsgefüge. Es hängt sehr davon ab, wie stabil eine Ehe ist, wie klar beide ihre Stärken und Schwächen kennen und akzeptieren.
Sie selbst haben als jeweils erste Dekanin, Pröpstin und Prälatin hohe Kirchenämter bekleidet. Sehen Sie Ihre Karriere exemplarisch für den Aufstieg der Frau in der Kirche?
Alterhoff: Rückwärts betrachtet sieht es so aus. Aber jeder Schritt war für mich eine schwere Entscheidung. Letztlich habe ich mich immer in ein neues Amt rufen lassen und die Herausforderung angenommen. Aber ich wäre auch gern in Solz Gemeindepfarrerin geblieben. Das Gefühl hatte ich sogar manchmal noch als Pröpstin. Als Frau war man ja immer die Minderheit oder Ausnahme. Exoten sind wir nicht, aber in der Leitungsebene immer noch unterrepräsentiert. Es kommt auf die Relation an: Sollten so viel Prozent Frauen, wie den Gottesdienst besuchen, in die Kirchenleitung? Ich denke: Ein Drittel Pfarrerinnen in Leitungspositionen wäre auch schon eine ganze Menge.
Ist der Pfarrberuf bald Frauensache – wie der Münchner Professor Friedrich-Wilhelm Graf befürchtet? Und sehen Sie (wie Graf) Gefahren in der Feminisierung des Pfarrberufs?
Alterhoff: Das sind meines Erachtens Männerängste. „Feminisiert“ – auf so ein Wort muss man erst mal kommen! Dass die Kirche 2000 Jahre maskulinisiert war, stört ihn anscheinend nicht.
Was können Frauen als Pfarrerinnen besser als ihre männlichen Kollegen?
Alterhoff: Das hängt von der jeweiligen Person ab. Ich denke, Frauen bringen ein höheres Einfühlungsvermögen und damit auch seelsorgerliches Feingefühl mit. Auch Teamfähigkeit, im Verbund zu arbeiten, fällt ihnen leichter. Es gibt natürlich einzelne, die anders sind – und es gibt auch Männer, die das wunderbar können.
Welche Erwartungen haben Sie an das Jubiläum?
Alterhoff: Wünschen würde ich mir, dass das nicht ein Tag wird von Frauen für Frauen. Auch Männer sollten sich die Ausstellung ansehen, um festzustellen, dass unsere Kirche reicher geworden ist durch das Miteinander von Mann und Frau im Pfarramt. Die ganze Landeskirche hat Grund, dankbar zurückzuschauen.
Fragen: Lothar Simmank
ZEITLEISTE
1908 Frauen erlangen in Preußen das Recht auf Zulassung zum Studium
1925 Gründung Verband evangelischer Theologinnen in Marburg (heute: www.theologinnenkonvent.de)
1932 Verordnung Kirchenregierung zur Vorbildung und Anstellung von Theologinnen: Pfarrhelferinnen zur Unterstützung des Pfarramtes, Ordination erforderlichenfalls
1939 nach Kriegsbeginn erhöhter Bedarf an weiblichen Hilfskräften für den Gemeindedienst
1949 Kirchengesetz ber das Amt der Vikarinnen
1952 erste Ordination von Frauen in Kurhessen-Waldeck zu Vikarinnen [bis 1962 achtmal]
1957 Deutscher Bundestag verabschiedet das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts
1962 Kirchengesetz ber das Amt der Pfarrerin: erste Ordination von Frauen zur Pfarrerin Recht der Sakramentsverwaltung, bei Heirat Ausscheiden aus dem Amt
1963 erste Landespfarrerin für kirchliche Frauenarbeit in Kurhessen-Waldeck: Dietgard Meyer
1967 Grundordnung, Artikel 62: bei Heirat Ausscheiden aus dem Amt (Ausnahmen möglich), 1970 Antragänderung Grundordnung
1979/80 Synode beschließt Streichung von 92-96 Die Pfarrerin im Pfarrerdienstgesetz von 1973 - Gleichstellung von Pfarrerin und Pfarrer in Kurhessen-Waldeck erreicht
1980 erste Studienleiterin im Predigerseminar Hofgeismar: Alterhoff
1986 erste Dekanin in Kurhessen-Waldeck: Alterhoff
1990 erste Pröpstin: Alterhoff
2003 erste Prälatin: Alterhoff
Weitere Informationen | Info
>> Eine Festveranstaltung zum Jubiläum findet am 10. März 2012 in Kassel statt. Nach dem Festgottesdienst in der Christuskirche (11 Uhr) gibt es einen Empfang im Haus der Kirche. Den Festvortrag hält Margot Käßmann.
>> Eine Ausstellung, vorbereitet vom Landeskirchlichen Archiv Kassel, wird vom 10. bis 29. März 2012 im Foyer des Landeskirchenamts zu sehen sein. Zeitgleich wird ein rund hundertseitiger Katalog zur Ausstellung erscheinen (Schriften und Medien des Landeskirchlichen Archivs Kassel 31). Die Schau ist als Wanderausstellung konzipiert. Informationen: T (05 61) 93 78-3 63
