blick in die kirche

Präses Rudof Schulze:
Volkskirche – so vielen Menschen wie möglich auf vielerlei Weise dienen

Dekan i. R. Kirchenrat Rudolf Schulze ist Präses der Landessynode
Foto: medio.tv/Schauderna

Nach Ansicht von Rudolf Schulze, Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, darf sich die Kirche nicht in die Nische privater Frömmigkeit zurückziehen

Ist die Volkskirche ein Auslaufmodell? Der Verlust an Mitgliedern und öffentlicher Bedeutung scheint ihr baldiges Ende anzukündigen. Doch immerhin: Rund zwei Drittel der Bevölkerung in unserem Land gehören den beiden großen Kirchen an. Wie dem auch sei, das Selbstverständnis der evangelischen Volkskirche speist sich nicht aus Statistiken, sondern aus einem hohen Selbstanspruch: Sie versteht sich nicht als Kirche des Volkes, sondern als Kirche für das Volk. In diesem Sinne hat sich der Begriff „Volkskirche“ seit dem 19. Jahrhundert ausgebildet. Und zwar als Alternative zum Begriff der „Staatskirche“. Das wird heute leicht übersehen.

Die seit Beginn des 19. Jahrhunderts schrittweise vollzogene Trennung von Staat und Kirche sollte nicht zugleich die Beziehungen der Kirche zum Volk schmälern, deshalb sprach man nunmehr von einer Volkskirche. Damit verbindet sich nicht ein Mehrheitsanspruch, sondern eine programmatische Ausrichtung. Weil das Evangelium von Jesus Christus allen Menschen gilt, möchte die Kirche so vielen Menschen wie möglich auf vielerlei Weise dienen. Besonders wird das in den sozialen Diensten der Diakonie sichtbar, wo Menschen in Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen oder Kindergärten ganz unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder politischen Anschauung unterstützt werden. Ähnlich verhält es sich mit den Seelsorgediensten in Gemeinden, Kliniken, Gefängnissen, unter Soldaten oder mit den kulturellen Engagements in Schulen, Bildungseinrichtungen und der lebendigen Nutzung kostbarer Kirchengebäude, die Städten und Dörfern eine Seele geben. Aus der Absicht, eine dem ganzen Volk dienende Kirche zu sein, ist im Laufe der Zeit eine beachtliche soziale und kulturelle Leistungsfähigkeit erwachsen, von der die gesamte Gesellschaft profitiert.

Es ist die Offenheit für alle Menschen mit ihren Sorgen und Freuden, die den Begriff Volkskirche qualifiziert. Und es ist die Bedingungslosigkeit des Evangeliums, die zu solcher Offenheit ermutigt. Jesus hat eine geradezu provozierende Barrierefreiheit für den Zugang zum himmlischen Vater vorgelebt. In ihrer Offenheit für verschiedene Ausdrucksformen des Glaubens und unterschiedliche Lebensweisen bietet sich die Volkskirche gerade einer pluralen Gesellschaft als zukunftsfähiges Kirchenmodell an.

Auch künftig wird sie daran interessiert bleiben, dass möglichst viele Menschen ihre unterschiedlichen Dosierungen von Nähe und Distanz zur Kirche leben können. Die Reformation hat uns gelehrt, die Gemeindemitglieder als Subjekte der Kirche ernst zu nehmen. Deshalb sind Laien in Kirchenvorständen und Synoden an der Leitung der Kirche beteiligt. Die synodale Leitungsweise, bei der die Ehrenamtlichen stets die Mehrheit haben, ist ein evangelisches Markenzeichen. Es macht Ernst mit der reformatorischen Einsicht in das „Priestertum aller Gläubigen“ und unterscheidet uns von allen Formen einer Obrigkeitskirche.  Diese demokratischen Verfahren erweisen sich als eine Stärke, weil sie durch ihre Transparenz erkennen lassen, wofür unsere Kirche einsteht.
Die Mehrheit der Bevölkerung erwartet von der Kirche geistliche Begleitung. Das zeigt sich an dem verbreiteten Wunsch nach kirchlichen Amtshandlungen an den Lebensübergängen, aber auch an der Erwartung nach kirchlicher Begleitung in öffentlichen Erschütterungen, die durch Katastrophen hervorgerufen werden. Deshalb führen Forderungen, die Kirche möge sich in die Nische privater Frömmigkeit zurückziehen, in die Irre. Sie darf es um der Menschen willen nicht, denn sie hat ihren Ursprung bei Jesus Christus, der in diese Welt gekommen ist, um uns zu zeigen, dass es keine Zonen gibt, denen Gott seine Nähe vorenthält.

Rudolf Schulze