Frauenprojekt im Norden Nigerias
"Büdt" in Kassel
Von Mission spricht keine der beteiligten Frauen, als sie im Sommergarten von Gudrun Conrad über ihr Projekt berichten – und man ist darüber ganz froh. Häufig fällt dagegen das Kürzel „Büdt“. Es steht für „Blick über den Tellerrand“, wie die Nigeria-Partnerschaft im Stadt-Kirchenkreis Kassel offiziell heißt. Das Besondere: es handelt sich um ein reines Frauenprojekt. Beteiligt sind die Dreifaltigkeits- und die Paul-Gerhardt-Gemeinde sowie nach der Fusion die Gemeinde Kirchditmold.
Conrad erinnert sich, wie 1997 alles begann: Pfarrerin Inge Baumeister wollte Spenden der Gemeinde lieber in ein konkretes Partnerschaftsprojekt als in einen großen Spendentopf werfen. Getragen von persönlichen Kontakten sollte dies gegenseitiges Verständnis für die unterschiedlichen Lebenssituationen in erster und „dritter“ Welt, in Europa und Afrika wecken. Blick über den Tellerrand eben. Als die Lehrerin und Entwicklungshelferin Renate Müller nach zehnjähriger Tätigkeit in Nigeria nach Kassel zurückkehrte und von einem Frauenprojekt der Geschwisterkirche im Norden Nigerias erzählte, war die Wahl gefallen. Dem Aufbau einer Partnerschaft nach den Kriterien des Kirchlichen Entwicklungsdienstes stand nichts mehr im Weg. Auf einer ersten Reise einer Dreifrauen-Delegation nach Nigeria wurde 1998 der Grundstein für die, wenn man so sagen darf, Partnerinnenschaft gelegt. Das Gegenüber der Kasseler „Büdt“-Gruppe ist die Frauenorganisation ZME (Haussa: Zumutan Mata Ekklesiar) innerhalb der Geschwisterkirche Nigerias EYN (Haussa: Ekklesiyar Yanuwa a Nigeria). Diese ist seit 1973 unabhängig von der Missionskirche „Church of Brethren“. Nicht anders als hier spielen Frauen eine ganz zentrale Rolle im nigerianischen Gemeindeleben, erläutern Conrad, Ulrike Mengel-Müller und Pfarrerin Christine Heckmann. Sie pflegen als Rückgrat der Kirche die Gemeinschaft, vermitteln Bibelkenntnisse und gestalten Gottesdienste aktiv mit. Weitere Schwerpunkte seien karitative Tätigkeiten in der Pflege von Kranken und Alten sowie die praktische Qualifizierung von Frauen ohne Ausbildung. „Den Aufbau eines Frauenzentrums haben wir stark unterstützt“, erinnert sich Conrad. Das Erlernen von lesen und schreiben, nähen mit der Nähmaschine, Schreiben mit Maschine und auf PC, Gesundheitserziehung und Familienplanung – das seien die zentralen Themen. Nigerianische Frauen könnten so nicht nur etwas für ihre Familien hinzuverdienen und ihr Selbstbewusstsein und ihre Rolle in der Gesellschaft stärken. Sie dienten damit auch als Multiplikatoren ihres neu erworbenen Wissens in den ländlichen Regionen des weiten Landes, das fast dreimal so groß ist wie die Bundesrepublik.
„Büdt“ ist wichtig, nicht nur Spenden zu sammeln und Geld hinüberzuschicken. Die Partnerschaft lebt von dem persönlichen Kontakt der Frauen. 2004 waren vier Frauen aus Kassel in Nigeria, 2009 kam der Gegenbesuch aus Afrika nach Kassel. Gleichwohl stößt das Engagement immer wieder an gewisse praktische Grenzen. Da sind Sprachbarrieren, die Reisen sind teuer und anstrengend, die Zusammensetzung der Gruppen verändert sich hier wie dort. Das gute Dutzend im harten Kern der bei „Büdt“ engagierten Frauen schreckt das glücklicherweise nicht ab. Sie treffen sich monatlich, erarbeiten Hintergrundinfos, veranstalten Spenden-Flohmärkte, gestalten Gottesdienste und halten Kontakt zu den nigerianischen Frauen. „Die wahre Bereicherung des Blicks über den Tellerrand liegt aber darin, dass wir uns gegenseitig von unserer Lebensart, Denkweise und dem gelebten Glauben erzählen und voneinander lernen“, sagen sie. Die Impulse der eindrücklichen Besuche reichen jedenfalls immer für mehrere Jahre.
Albrecht Weisker
