blick in die kirche

Interview mit Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum zur Lage der Kirchenmusikerinnen und -musiker in der EKKW
Ein wunderbarer und zutiefst sinnvoller Beruf

Uwe Maibaum, Landeskirchenmusikdirektor; Foto: privat
blick in die kirche: Wie viele hauptberufliche und wie viele nebenberufliche Kirchenmusiker gibt es eigentlich in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Herr Maibaum?.

Uwe Maibaum: Wir sind momentan 56 hauptberufliche Kolleginnen und Kollegen. Bei den nebenberuflichen Kirchenmusikern kann ich nur eine geschätzte Anzahl nennen, da diese meist nicht vertraglich gebunden sind. Es werden etwa 1.800 Organisten und Chorleiter sein, die in unserer Landeskirche nebenberuflich kirchenmusikalisch tätig sind. Das ist eine sehr große Anzahl von engagierten Menschen, ein wertvoller Schatz.

blick: Ist der Beruf eines hauptberuflichen Kirchenmusikers eigentlich begehrt? Oder fristet er eher ein Nischendasein?

Maibaum: Zunächst einmal: Nischen können etwas sehr Schönes sein, so man sie phantasievoll ausfüllt. Der Kirchenmusikerberuf passt tatsächlich in eine Nische, nur knapp 2.000 Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker arbeiten hauptberuflich EKD-weit. Sie haben einen sehr exklusiven Beruf: Man arbeitet im Rahmen einer Anstellung und doch zumeist in sehr großer Freiheit. Man verbindet Musik und Theologie, predigt also in einer besonders farbigen Sprache. Man hat viel mit Menschen zu tun und ist somit entscheidend am Aufbau der Gemeinde beteiligt. Diese Menschen kommen zumeist gerne unter der Leitung des Kirchenmusikers zusammen, um miteinander zu musizieren. Sie sind verbunden in einer sehr unterschiedlichen Intensität persönlichen Glaubens und in einer sehr kreativen Gemeinschaft, in der Regel neugierig und suchend. Der Kirchenmusikerberuf ist sehr vielseitig. Man hat die Möglichkeit, seine persönlichen Schwerpunkte zu entwickeln. Man darf sich bilden und dabei die Musik auswählen, die man musizieren möchte. Man entscheidet, was man auf der Orgel erlernt oder welches Chorstück man mit dem Chor einstudiert und schöpft aus einem riesengroßen musikalischen Schatz, den man dann gleich wieder mitprägt. Es ein ein wunderbarer und zutiefst sinnvoller Beruf, das kann ich aus vollem Herzen sagen. Wenn wir es also Nische nennen wollen, so ist das eine ganz zauberhafte Nische.

blick: Haben wir Nachwuchsprobleme in diesem Beruf?

Maibaum: Wir haben in unserer Landeskirche momentan keine Probleme, Kirchenmusiker zu finden. Allerdings muss man sagen, dass die Studierendenzahlen an den Hochschulen massiv zurück gehen. Das macht natürlich – auch im Hinblick auf zukünftige Stellenbesetzungen – skeptisch.

Einerseits liegt das wohl daran, dass Kirchenmusikerstellen häufig zu klein vergeben werden, also nicht als Vollzeitstelle. In Kurhessen-Waldeck ist das zum Glück bei wenigen Ausnahmen nicht so. Auch bestehen aufgrund der notwendigen Sparmaßnahmen Ängste vor Stellenreduktionen und Kündigungen, die den Beruf weniger sicher erscheinen lassen. Die katholische Kirche musste in den vergangenen Jahren sehr öffentlichkeitswirksam viele Kirchenmusiker aus wirtschaftlichen Gründen entlassen, das konnte bisher bei der evangelischen Kirche vermieden werden. Ich hoffe sehr, dass das so bleibt und sich herumsprechen kann.

Letztlich wird Kirchenmusik nicht so besonders gut bezahlt, das muss man ganz deutlich sagen. Nach einem Hochschulstudium und einem Staatsexamen engagieren sich die Kollegen in der Regel hoch motiviert, kreativ und selbstständig und verdienen nicht das, was tarifrechtlich zu erwarten wäre. Das soll sich auch in unserer Landeskirche alsbald verändern. Das Problem ist erkannt, die arbeitsrechtliche Kommission arbeitet an dem Thema, ich gehe davon aus, dass es eine Verbesserung der Bezahlung alsbald geben wird. Allerdings muss diese dann auch wieder im Gleichgewicht zur Bezahlbarkeit stehen, ein zurzeit besonders unglücklicher Zusammenhang.

Es sind also drei Themen, die junge Menschen vor dem Studienbeginn skeptisch machen und oftmals eine Entscheidung zum Schulmusikstudium fördern. Wir sollten alles dafür tun, das wieder umzudrehen. Denn, wie gesagt, dieser Beruf ist hoch interessant, vielseitig und sinnvoll. Wir brauchen den hochbegabten Nachwuchs für eine wirklich gute Kirchenmusik.

blick: Wie ist es um die Fortbildungsmöglichkeiten für Kirchenmusiker bestellt?

Maibaum: Die Kolleginnen und Kollegen haben die Möglichkeit, viele interessante Fortbildungen zu besuchen, innerhalb unserer Landeskirche wie EKD-weit. Leider tun sie das bei höherem Dienstalter nicht mehr so häufig. Das ist sehr schade. Ich finde, Fortbildung ist immer wieder ein gesunder Ausstieg aus dem normalen Berufsalltag und somit auch ein Ausstieg aus dem persönlichen begrenzten Fähigkeitsbereich. Durch diese zeitlich begrenzten Ausstiege können enorme Impulse ausgehen. Das eigene Können wird einerseits relativiert, aber auch massiv entwickelt. Ein solcher Ausstieg bringt Farbe ins Berufsleben und sollte unbedingt stattfinden. Also, Angebote gibt es genügend und können bei Bedarf auch ausgebaut werden, die Kollegen und Kolleginnen sollten sich motiviert fühlen und mitmachen.

blick: Zum Beispiel in der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte (KMF) in Schlüchtern?

Maibaum: Angebote gibt es auch in Schlüchtern. Die KMF ist nicht nur eine anspruchsvolle Ausbildungsstätte für nebenberufliche C-Kirchenmusiker, dort findet auch hochkarätige Aus- und Fortbildung für hauptberufliche Kirchenmusiker statt. Chorleiter- und Dirigierkurse, Unterricht in Orgelspiel und Improvisation, aber auch ganz praxisorientierte Fortbildungen zu den Themen Kantorat-Organisation, Finanzen oder Sponsoring werden angeboten.

blick: Wie würden Sie die Situation, die Befindlichkeit der Nebenberuflichen einschätzen? Kann man das überhaupt fassen?

Maibaum: In der Tat, man kann es nicht einheitlich beschreiben, das Feld ist sehr vielschichtig. Es gibt langjährig glücklich arbeitende ehrenamtliche Menschen in unserer Landeskirche, die ganz treu jeden Sonntag seit vielen Jahren Gottesdienst spielen und aufgrund eines Hauptberufes finanziell nicht darauf angewiesen sind. Auch gibt es Menschen, die ihr kirchenmusikalisches Engagement als Teilzeitberuf verstehen, ihren Lebensunterhalt also durch Orgel- und Klavierunterricht, die Leitung verschiedener Chöre und zusätzlich über die kirchliche Anstellung als Kirchenmusiker erwerben. Aufgrund der fließenden Übergänge zwischen diesen beiden Polen kann man die Situation nicht über einen Kamm scheren und sagen: Alle sind glücklich über die momentane Bezahlung und Situation. Wer davon wirklich leben muss, der ist meistens nicht so glücklich. Auf der anderen Seite: Die Kraft der ehrenamtlichen Tätigkeit und die Kraft des Engagements in einer Kirchengemeinde, das persönliche Engagement als Christenmensch und der Umgang mit Kirchenmusik, das ist oftmals mehr als eine Bezahlung mit Geld. Beide Positionen sind nachvollziehbar und müssen im Auge behalten werden. Letztlich plädiere ich für die Investition in eine qualitätvolle und farbige Kirchenmusik, die sehr unterschiedliche Angebote hervorbringt und Kirche klangvoll tönen lässt.  

blick: Wie steht es um die Ausbildungsmöglichkeiten für die Nebenberuflichen

Maibaum: In der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck gibt es ein wunderbares Ausbildungssystem. Die Bezirkskantoren unterrichten vor Ort Orgel und Chorleitung. Interessenten haben so die Möglichkeit, sehr kostengünstigen Instrumentalunterricht zu nehmen. Die Kirchenkreise bieten Stipendien für den wöchentlichen Einzelunterricht mit dem Ziel, dass die Schüler später als Organisten oder Chorleiter in den Gemeinden tätig werden. Das Ausbildungssystem ist so strukturiert, dass die Bezirkskantoren auch als Dozenten an der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte in Schlüchtern tätig sind. Dort werden verschiedene Ausbildungsgänge und Examina angeboten: der Befähigungsnachweis als niedrigste Ebene und das C-Examen als höchste nebenberufliche Ausbildungsform. Diese Ausbildung ist sehr vielseitig, Gehörbildung, Tonsatz, Gesang, Orgel, Chorleitung, Liturik, Hymnologie – das sind einige der angebotenen Fächer. Man kann also ganz viele tolle Sachen in diesem schönen Kloster in Schlüchtern betreiben, um letztlich ein ausgebildeter Kirchenmusiker zu sein. 

blick: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, Herr Maibaum!

Fragen: Cornelia Barth