Was ist Mission heute?
Begegnungen, die uns verändern
Interview mit dem Leiter des Dezernats Ökumene, Weltmission und Entwicklungsfragen, Prof. Dr. Wilhelm Richebächer
blick in die kirche: Der Begriff „Mission“ scheint ja selbst bei Christinnen und Christen nicht besonders hoch im Kurs zu stehen – hat das Evangelische Missionswerk doch vor zwei Jahren eine Imagekampagne für ihn ins Leben gerufen, die noch bis 2011 läuft. Was ist denn da erklärungsbedürftig?
Richebächer: Mission wird ja oft noch damit assoziiert, gewaltsam eine Religion zu verbreiten – das Erbe der Kolonialzeit. Mit der kircheninternen Kampagne „mission.de“ soll eine qualitative Aussage gemacht werden: nicht nur über die Wichtigkeit von Mission, sondern auch über die Vielfalt dessen, was sie ist und sein kann, über die positive, lebendige und fröhliche Art, einladen zu können. Sie ist eben nicht eine Art religiöser Hausfriedensbruch, sondern es geht um die Begegnung mit Menschen anderen Glaubens. Im Übrigen stimmt es nicht, dass Mission bei den meisten Christinnen und Christen nicht angesehen ist. Für viele im Westen stimmt es aus den eben genannten Gründen. Aber gerade in den Kirchen Asiens und Afrikas hört man viel mehr anerkennende Stimmen darüber, was die Missionare geleistet haben durch ihren Verkündigungsdienst, aber auch mit ihrem Engagement für die einheimischen Sprachen und Kulturen und für soziale Dienste!
Auf den Punkt gebracht: Wie versteht sich Mission heute?
Richebächer: Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, dass wir bei Mission von einem Begegnungsgeschehen ausgehen, das zunächst aus der Begegnung Gottes mit dem Menschen herrührt. Dass der Mensch sich von Gott eingeladen, geliebt, angenommen weiß, dass Gott für ihn bedeutet: Der Hintergrund meines Lebens ist hell, und ich bin gehalten, ich bin geliebt, ich bin gewollt. Und wenn ich dies mit anderen teilen kann, und von dem, das mir immer wieder geschenkt wird, etwas weitergeben will, dann entsteht eine neue Begegnung, die nicht nur den anderen ändert, sondern auch mich selbst. Im neuen Testament gibt es die Geschichte um den Apostel Petrus und den Hauptmann Cornelius (Apostelgeschichte 10), die das wunderbar illustriert. Petrus muss zunächst lernen, dass für Gott Grenzen überschritten werden können, um dann in der Begegnung mit Cornelius als Missionar zum Lernenden zu werden. So ist auch missionarische Kirche eine lernende Kirche.
Wie verändert sich Mission in der globalisierten Welt? Sie waren ja in den neunziger Jahren lange in Tansania und können das aus eigener Erfahrung gut beurteilen.
Richebächer: Die Kommunikation ist ja zunächst einmal im Medienzeitalter viel leichter geworden: Die Menschen können einander gut erreichen, sie können über weite Distanzen jederzeit Kontakt pflegen. Das hat natürlich viele Vorteile, um weltmissionarisch, um partnerschaftlich miteinander umzugehen und gemeinsam etwas aufzubauen. Und ich glaube auch tatsächlich, dass der christliche Glaube, so lange es ihn gibt, eine Art grenzüberschreitende Kraft war und geholfen hat, dass Menschen auch über große Entfernungen einander nähergekommen sind.
Allerdings suggeriert die technisierte Welt eine Nähe, die in der Wirklichkeit nicht unbedingt gegeben ist, und man übersieht leicht, wie unterschiedlich die Lebensumstände der Menschen immer noch sind. Ein Beispiel: Ein ostafrikanischer Pfarrer wird gegenüber seinem Bischof eine völlig ergebene Haltung an den Tag legen – wie gegenüber einem Häuptling. Das muss mir bewusst sein, wenn ich ihm begegne.
Ein anderes Beispiel: In bestimmten Kulturen gilt es als selbstverständlich, dass eine Frau ohne den Schutz ihres Mannes eigentlich gar nichts ist. Das muss man in der Kommunikation mitbedenken, sonst gibt es Missverständnisse.
Ein drittes Beispiel aus meiner Zeit in Afrika: In unserer Gemeinde predigte der Pfarrer von der Kanzel immer wieder sehr moralisch über Alkoholkonsum. Befremdet dachten wir: Es gibt doch für jeden Sonntag einen Bibeltext, predige über die Liebe Gottes, das ist entscheidend. Bald aber verstanden wir, dass der Pfarrer die Leute davor schützen wollte, ihr Geld für das selbstgebraute Bier des Schankwirts, anstatt für das Schulgeld der Kinder auszugeben. Diese Predigten hatten also eine ganz starke soziale Komponente. Noch später, als ich mehr in die afrikanische Kultur hineingewachsen war, erfuhr ich: Wenn man einander so klar sagt, wo es langgeht, dann wird das nicht als Bevormundung empfunden, sondern als Würdigung. Ich kann von meinem Gegenüber auf gleicher Augenhöhe etwas annehmen. Das ist doch spannend – wir würden das ja nicht so sehen, sondern dieses „Tu dies und lass das“ als Moralpredigt ablehnen.
Wenn man sich solcher kultureller Unterschiede nicht bewusst ist, kommt es zu großen Missverständnissen. Globalisierung wird übrigens mitunter gleichgesetzt mit Säkularisierung oder einer Art Gemeinkultur, die überall in der Welt verbreitet wird. Da bin ich gar nicht so sicher. Man sieht es ja an arabischen Ländern, die stark vom Islam geprägt sind, wie es gerade – fast wie eine Gegenbewegung zu den Chancen der Globalisierung – auch Rückbesinnung auf Traditionalismus gibt, auf alte Prinzipien, die manchmal sehr hierarchisch sind. Diese Mischung macht es nicht einfacher.
Mir ist bei der Beschäftigung mit dem Thema Mission die Formulierung begegnet: „Gott ist der Herr der Mission.“ Was bedeutet das?
Richebächer: Seit der Weltmissionskonferenz, die 1952 in unserer Landeskirche, in Willingen, stattgefunden hat, fragte man besonders intensiv nach den theologischen Grundlagen der Mission. Die Besinnung darauf, was uns denn eigentlich in Bewegung setzt, führte zu der Erkenntnis: Das kann nur Gottes Liebe und Gnade sein. Nicht wir sind es, die andere senden, sondern es ist das Grundmotiv des wahren Herzens, das sich geöffnet hat und sich dann für andere eher öffnen kann. Ein Missionar trägt ja nicht den lieben Gott in der Hosentasche herum, um ihn zu den Menschen zu bringen, sondern Gott ist immer schon da, wo andere Menschen sind. Und er sendet von allen Orten in der Welt die nötigen Impulse überall dorthin, wo seine Vergebung verstanden wird. Was aber nicht heißen soll, wir als Christen oder als Kirche brauchten dann nichts mehr zu tun. Wenn es in der Bergpredigt, in Matthäus 5, heißt: Ihr seid das Licht der Welt!, dann bedeutet das, dass wir es zurückgeben wie ein Spiegel und abstrahlen dürfen, was an Licht von Christus ausgeht.
Klar ist jedenfalls: Dieser Begriff der Gottes-Mission hilft uns, Einseitigkeiten zu vermeiden. Früher galt, die Mission geht von den Zivilisierteren zu den weniger Zivilisierten. Man war sich nicht bewusst, dass es dort eine andere Art von Zivilisation gibt und nicht etwa keine. Aber man stellte es sich so vor: Die Stärkeren bringen auch ihre Gottesvorstellung und damit Gott zu den anderen – vom Norden in den Süden. Das gilt natürlich nicht, wenn Gott der Herr der Mission ist. Dann sind wir nämlich auch Empfänger!
Wie reagierte die Weltmissionskonferenz Anfang Juni in Edinburgh auf die Herausforderungen für die weltweite Mission im 21. Jahrhundert?
Richebächer: Um die Schlussbotschaft ganz kurz zusammenzufassen: 1. Das Zeugnis des christlichen Glaubens müssen wir heute ganz besonders vorleben, nicht nur predigen oder den Menschen verbal vermitteln. Sind wir beispielsweise ehrlich, bemühen wir uns, die Welt gerechter zu machen? Das gehört mit zum Zeugnis und ist ein integraler Bestandteil der Liebe Gottes.
2. Gefragt ist dialogische Offenheit. Wir sollen auf andere Menschen ohne Verurteilung ihrer Person oder Religion zugehen. Wenn wir meinen, eine andere Religion ist für uns nicht die richtige, dann heißt das ja noch nicht, dass wir den Anhänger dieser Religion verurteilen, sondern er verdient und er braucht die Freundlichkeit Gottes. Und wenn wir die nicht ihm spiegeln, sondern ihm vermitteln, dass er nur falsch liegt in allem was er ist, so ist das keine Eröffnung für ein versöhnliches Miteinander. Offen zu sein für einen echten Dialog heißt ja immer auch, dass zwei durchaus unterschiedliche Überzeugungen miteinander am Tisch sitzen. Und dabei kann ich Zeugnis von meinem Glauben geben, bin aber auch bereit, zu hören, wie du in deiner Religion über die Sache denkst, und bin bereit, dies ein Stück weit zu verstehen, auch wenn es mir nicht so zugänglich ist wie dir.
3. Am missionarischen Wirken sind alle Menschen beteiligt, nicht nur Pfarrer, Theologen oder Religionslehrer. Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche mit ihrer Art, ihren Glauben zu leben, sind Teil dieser freundlichen Zuwendung Gottes.
4. Einen großen Stellenwert hat die Bildung, auch Glaubensbildung und theologische Bildung, damit in jedem Kontext eigenständige Kirchenleitung möglich wird – mit dem Ziel, dass sich Kirchen aus verschiedenen Teilen der Welt auch wirklich auf Augenhöhe gegenüberstehen.
Gleichberechtigte Partnerschaft, so sagten Sie kürzlich, „muss sich von der Basis her aufbauen, muss am Leben der anderen teilhaben, sie lebt von stetiger Kommunikation und gegenseitiger Fürbitte“. Zeichnet dies die Partnerschaften in unserer Landeskirche aus? Sind sie von der Basis her lebendig?
Richebächer: Eindeutig ja! Wir haben über 30 regionale Partnerschaften. Die Leute, die dort mitarbeiten, sind in der Regel sehr engagiert und überzeugt von dem, was sie tun. Trotzdem brauchen diese Kreise auch Erneuerung. Das geht am besten, indem immer auch andere mit angesprochen werden. Ich werbe sehr dafür, gerade Jugendliche frühzeitig zu begeistern. Ich denke da zum Beispiel an die Freiwilligendienste; das ist eine wunderbare Gelegenheit, junge Leute an Themen der weltweiten Partnerschaft heranzuführen. Man braucht eine gute Mischung aus vielen, die mitmachen und kompetenten Leuten, also solchen, die in den Partnerländern waren und die dann noch mal anders urteilen können. Im Allgemeinen kann man sagen, die Menschen, die Partnerschaften tragen, geben viel von sich hinein. Und das kann man nur loben.
Geht der Trend eigentlich hin zu zielgruppenorientierten Partnerschaften?
Richebächer: Das glaube ich nicht. Solche Spezialthemen und Spezialprojekte gehören als wichtige Verlebendigung dazu, aber es ist nicht ein Trend für die gesamte Partnerschaftsentwicklung. Für konkrete Ziele geben Leute sehr gern konkret etwas dazu, Geld oder ihre Energie und Zeit. Zum Beispiel: In der Partnerregion in Afrika braucht die kleine Primarschule ein weiteres Klassenzimmer und der hiesige Kirchenkreis hilft mit. Das aktiviert die Menschen.
Eine weitere wichtige und gute Erfahrung betrifft die Ausbildungshilfe: Die Dankbarkeit für die eigenen Kinder bewegt mich dazu – zum Beispiel an einem wichtigen Tag wie den der Konfirmation – an die zu denken, die viel weniger haben und ihnen mit einer Spende zu helfen.
Aber dass alles auf Spezialistenpartnerschaften hinauslaufen würde und Gemeindliches, Kirchliches dafür in den Hintergrund gerät, das ist unrealistisch, allein schon im Blick auf die Partner im Süden. Und ich glaube auch, es wäre ganz schnell eine Überforderung der ganz Wenigen, die dann eine Verantwortung hätten.
Alle zwei Jahre treffen sich die leitenden Geistlichen unserer Landeskirche und die ihrer Partnerkirchen Namibia, Südafrika, Indien, Estland und Kirgisistan. Mit welchen Themen beschäftigt man sich bei diesen Meetings?
Richebächer: Es ist eine ganz wichtige atmosphärische Sache, dass wir da alle zwei Jahre zusammenkommen und gleichsam das Einanderverstehen pflegen. Wir geben uns gegenseitig Berichte über die Arbeit in unseren Kirchen und benennen auch Probleme. Meist wird ein spezielles Thema behandelt. Die gastgebende Kirche steht dann immer besonders im Mittelpunkt. Diesmal war es Südafrika mit all seinen Chancen und Schwierigkeiten. Da gibt es tatsächlich, wie in Indien, einerseits immer mehr reiche Menschen, aber noch viel mehr arme. Und die Schere geht auseinander. Wir solche Themen an und fragen: Wo und wie können wir als Kirche in dieser Situation eigentlich helfen.
Diesmal haben wir gezielt die Ausbildung zum Pfarramt besprochen. Spannend war, wie hoch die Erwartungen sind, dass es überall gute Pfarrer gibt, die sowohl sehr intellektuell sind, als auch ihren Mitmenschen gute Vorbilder sind. Aber das war ein ganz starkes Thema. Es gab kontroverse Diskussionen um Fragen der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Da sehen Leute aus unterschiedlichen Kulturen die Dinge sehr anders. Und da hilft es auch nichts, wenn man aus eigener Perspektive so tut, dass wir allein wüssten, wie es „wirklich“ aussieht. Aber wir müssen natürlich auch zu unseren Einsichten stehen und das fand ich eine ganz spannende Diskussion. Wie aus traditionellen Gesellschaften heraus ein Thema mit großer Ablehnung gesehen wird und wir dafür werben, doch genauer hinzuschauen und den Menschen erst einmal anzunehmen. Das war sehr kontrovers, aber sehr lebendig. Und wir brauchen das alle zwei Jahre.
Setzt unsere Landeskirche bestimmte Schwerpunkte für weltmissionarische Arbeit in der Zukunft?
Richebächer: Mit fünf Kirchen in der Welt als Partnerkirchen, mit unseren zahlreichen kleineren Partnerschaften und zusammen mit den Missionswerken beteiligen wir uns gleichsam an der Mission Gottes. Wir begreifen weltweite Mission als ganzheitliche Gemeinschaftsaufgabe, wo eben nicht nur das Verkünden, sondern auch das Leben, das Zeugnis hinzugehört – geleitet von Fragen der Gerechtigkeit, der Emanzipation und der Friedenserziehung.
Aber lassen sie mich auch ansprechen, was missionarisches Engagement von Kirche in unserer Region bedeutet. Wir beschäftigen uns zur Zeit mit bestimmten Projekten; eines davon läuft schon und ist ein echter Erfolg. Es steht unter dem Motto „Mit Kindern neu anfangen“ und baut auf der Erkenntnis auf, dass Kinder, die mit Fragen von Glauben und Religion etwas Begeisterndes erfahren, oft auch die Eltern neu zum Fragen bringen oder zum Nachdenken. Das ist wirklich eine starke Erfahrung und auch eine typisch missionarische; denn neu anfangen müssen nicht nur die, die hören, sondern auch die, die verkünden. Also für die Kirche ist der Anfang mit den Kindern immer auch ein Neuanfang für sie selbst.
Dann, denke ich, werden wir weiter an Fragen der Öffnung von Kirchen, von offenen Kirchenräumen arbeiten, in denen Menschen herzlich willkommen sind. Hier sind auch Besuchsdienste zu nennen, die sich an Menschen richten, die neu im Stadtteil, in der Nachbarschaft sind.
Wir denken auch über eine „Zeit der Schöpfung“ nach: eine Phase im September, in der in Konfirmandenarbeit oder in Gemeindekreisen Fragen von Dank und Verantwortung für die Schöpfung, Wahrnehmung der Schöpfung, von gesundem Leben, Klima und so weiter erörtert werden, aber auch hingewiesen wird auf die Bedrohung all dessen, um dann am Erntedankfest zu einem Abschluss des Ganzen zu kommen. Mit einem solchen Projekt könnte man auch Menschen ansprechen, die zur Kirche keinen starken Draht haben, aber die durch ihre Lebensabsicht und durch ihre Einsichten, was sich eigentlich ändern müsste, so weit sind, dass wir sie auch dringend brauchen in unserem gemeinsamen Engagement fürs Leben. Das sind für mich verschiedene interne Aspekte, die zur missionarischen Verantwortung dazugehören
Fragen: Cornelia Barth
