blick in die kirche

Wechsel im Prälatenamt: Böttner folgt auf Natt
Das komplette Interview mit Propst Bernd Böttner

Im Gottesdienst zur Verabschiedung und Einführung
Foto: medio.tv/Schauderna

Als Propst leitet Bernd Böttner (61) seit 2010 den Sprengel Hanau. Zuvor war er als langjähriger Dekan im Kirchenkreis des Eisenbergs in Korbach und als Gemeindepfarrer in Jesberg tätig. Das Prälatenamt tritt er Anfang 2018 an.

Medienhausleiter Pfarrer Christian Fischer sprach am 3.11.2017 in Hanau mit ihm.

Fischer:
Herr Böttner, Sie werden bald Prälat der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck sein. Was reizt Sie an der neuen Aufgabe?

Böttner:
Von 2010 bis 2016 war ich Vorsitzender des Ausschusses für Personalentwicklungsplanung (PEP). Wir haben uns in diesem Ausschuss viele Gedanken gemacht, wie der Dienst der Pfarrerinnen und Pfarrer zukünftig aussehen kann. Das Gebiet unserer Landeskirche bleibt gleich groß, aber wir haben deutlich weniger Mitglieder als noch im Jahr 2000. Wir werden in Zukunft weniger Geld zur Verfügung haben und folglich auch mit weniger Pfarrerinnen und Pfarrern arbeiten können. Gleichzeitig wird es darum gehen neben bewährten alten neue Formen kirchlicher Arbeit zu entwickeln, mit denen wir mit Menschen ins Gespräch kommen, zum Glauben und zur Mitwirkung in der Kirche einladen. Mich reizt es, die anstehenden Veränderungen an verantwortlicher Stelle zu begleiten und zu fördern.

Fischer:
Welches Gefühl haben Sie angesichts der neuen Aufgabe?

Böttner:
Ich erlebe das als eine große Herausforderung, der ich mich stellen möchte.

Fischer:
Schauen wir uns die Aufgaben im Einzelnen an. Zu Ihren Aufgaben gehört es, die Landeskirche zu repräsentieren. Sie werden der theologische Stellvertreter des Bischofs sein. Wie würden Sie die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck charakterisieren? Was zeichnet sie aus?


Böttner:
Das Gebiet unserer Kirche ist überwiegend ländlich geprägt. Der ländliche Raum hat viele Stärken. Wir haben ein dichtes Netz von Pfarrstellen, der einzelne Pfarrer, die einzelne Pfarrerin ist nicht für so viele Gemeindeglieder zuständig wie in anderen Landeskirchen. Wir sind in fast jedem Dorf mit einem Kirchengebäude vertreten, in dem in unterschiedlicher Intensität Gottesdienst gefeiert wird.  Ich denke, wir sind als Kirche gut aufgestellt im Bereich der Kirchenmusik, in der Bildungsarbeit, in der Diakonie. Andererseits erleben wir einen dramatischen Rückgang der Bevölkerung im ländlichen Raum. Gleichzeitig wachsen die großen Städte, von denen wir aber in unserer Landeskirche nur wenige haben, in denen wir rein zahlenmäßig auch kleiner werden. Dort fordert uns eine multikulturelle und multireligiöse Situation heraus.   

Fischer:
Ein Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit wird die Personalführung der Pfarrerinnen und Pfarrer sein. Wie schätzen Sie die derzeitige Stimmung unter den Pfarrerinnen und Pfarrern in Kurhessen-Waldeck ein?

Böttner:
Meine Beobachtung ist, dass es ganz unterschiedliche Stimmungen gibt. Übrigens treiben mich diese ganz unterschiedlichen Stimmungen auch selbst hin und her.
Auf der einen Seite verunsichern die großen Umbrüche, die wir erleben. Manche möchten bewusst oder unbewusst an alten Arbeitsformen und Strukturen festhalten. Manche sehen die Herausforderungen, aber es ist nicht so einfach Neues zu entwickeln, denn es gibt keine Patentrezepte.
Viele probieren mutig und mit viel Elan Neues aus, und wenn das gelingt, ist es schön. Wir brauchen aber auch Fehlerfreundlichkeit und Lernbereitschaft, wenn es nicht so gut läuft, wie wir es uns erhoffen.  

Fischer:
Als Prälat sind Sie für das theologische Personal zuständig. Halten Sie die Unterscheidung der Zuständigkeiten für Theologen und Nicht-Theologen noch für zeitgemäß?


Böttner:
Pfarrerinnen und Pfarrer sind eine eigenständige Gruppe in der kirchlichen Mitarbeiterschaft. Als ordinierte Geistliche sind sie in erster Linie für Gottesdienst und Seelsorge zuständig. Aber auf allen Feldern kirchlicher Arbeit arbeiten sie mit anderen Berufsgruppen und vor allem mit Ehrenamtlichen zusammen. Und ich denke, das wird in Zukunft noch mehr der Fall sein müssen.
Daher hat die Landessynode die Einrichtung eines Personalausschusses für alle Mitarbeitenden beschlossen. Dieser Ausschuss hat in diesem Jahr seine Arbeit aufgenommen, 2019 wird es erstmals einen gemeinsamen Personalbericht in der Synode geben. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass es in einigen Jahren einen Personaldezernenten für das gesamte Personal unserer Kirche geben wird.

Fischer:
Was verbinden Sie mit dem Begriff „Dienstgemeinschaft“?

Böttner:
Ich verbinde mit diesem Begriff erst einmal viele gute Erfahrungen, die ich als Gemeindepfarrer, als Dekan und als Propst mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Gemeinden, in den Kitas, in den Kirchenkreisämtern, den Diakoniestationen, den Diakonischen Werken und Einrichtungen gemacht habe. Ich denke, nur gemeinsam können wir eine gute kirchliche Arbeit machen. Wenn in einem Bereich kirchlicher Arbeit es nicht gut gelingt, fällt das auf alle zurück. Insofern ist Zusammenarbeit für mich das Zauberwort für die Zukunft.

Fischer:
Was wollen Sie verändern, welche „Baustellen“ nehmen Sie sich für ihre Amtszeit vor?

Böttner:
Ich werde – so Gott will - nur für eine relativ kurze Zeit von gut vier Jahren Prälat sein, da begrenzt sich die Zahl der Bauvorhaben von allein. Die Landessynode hat im Blick auf den pfarramtlichen Dienst in 2015 grundlegende und weitreichende Beschlüsse gefasst, die es umzusetzen gilt: Wir wollen den pfarramtlichen Dienst neu aufstellen, dabei kommt den Kirchenkreisen und den Kirchengemeinden in den Kooperationsräumen eine neue Verantwortung zu. Das Personaldezernat und Prälatin Marita Natt haben in den letzten beiden Jahren Grundlagen für die Umsetzung der Beschlüsse erarbeitet. Jetzt geht es darum Erfahrungen zu sammeln mit den Dienstbeschreibungen für Pfarrerinnen und Pfarrer, mit der Zusammenarbeit in den Kooperationsräumen, mit der Erstellung der Pfarrstellenpläne in den Kirchenkreisen. Meine Aufgabe als Prälat sehe ich in der Begleitung und in der Unterstützung der eingeleiteten Prozesse.

Fischer:
Ein Anliegen der Landeskirche ist es, Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer von administrativen Aufgaben zu entlasten, um sich stärker ihren eigentlichen Aufgaben zuwenden zu können. Wie soll das gelingen?

Böttner:
Zunächst einmal, ich persönlich spreche nicht gern von „eigentlichen“ Aufgaben, ich halte das für eine Engführung. Ich war mir selbst nie zu schade für alle möglichen Aufgaben, wenn sie dem Auftrag der Kirche dienen.
Natürlich sehe ich auch, dass es sinnvoll ist, Verwaltungs- und Geschäftsführungsaufgaben von denen erledigen zu lassen, die dafür gut ausgebildet sind und somit Pfarrerinnen und Pfarrern Freiraum zu schaffen für die Kernaufgaben wie Gottesdienst, Seelsorge, Unterricht und Leitung.
Die Landessynode hat die Einrichtung von Assistenzstellen beschlossen, an der Umsetzung wird jetzt gearbeitet. Weiterhin denke ich, dass langfristig die Geschäftsführung von Kindertagesstätten von dafür ausgebildeten Mitarbeitenden der Kirchenkreisämter erledigt werden kann, um Pfarrerinnen und Pfarrern Freiraum zu schaffen für die Arbeit am evangelischen Profil, sowohl in der Verantwortung als Träger als auch in der konkreten religionspädagogischen Arbeit.

Fischer:
Und wie werden Sie die Werbung um den theologischen Nachwuchs angehen?

Böttner:
Wenn junge oder auch ältere Menschen, wir suchen ja nicht nur junge Menschen für den Pfarrberuf, sondern auch ältere, die umsteigen aus einem anderen Beruf, also
wenn junge oder auch ältere Menschen sich nicht zur Pfarrerin oder zum Pfarrer berufen wissen, dann nützt alle Werbung nichts. In den letzten drei Jahren ist viel passiert, um auf unterschiedliche Weise werbend mit Menschen ins Gespräch zu kommen, sie zum Pfarrberuf zu motivieren und sie in der Ausbildung zu begleiten und zu unterstützen. Ich denke, diese Arbeit, die gut angelaufen ist, gilt es fortzusetzen.
Wichtig ist, dass Jugendliche in der Schule und in den Gemeinden Menschen erleben, die für das stehen, was sie denken, und leben, was sie glauben, und so Lust machen, selbst für den christlichen Glauben im Beruf zu arbeiten.

Fischer:
Die Landeskirche ist mitten in einem großen Anpassungsprozess, um sich fit zu machen für die Zukunft. Das beansprucht viele Pfarrerinnen und Pfarrer. Wie wollen Sie die Kolleginnen und Kollegen unterstützen und was dürfen sie von Ihnen als Prälat erwarten?

Böttner:
Ich denke, das Ziel ist nicht sich fit zu machen für die Zukunft, sondern sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Pfarramtlicher Dienst muss dabei Mitte und Maß haben. Das wurde schon in der Studie der Theologischen Kammer mit dem Titel „Das Amt des Pfarrers und der Pfarrerin in der modernen Gesellschaft“ aus dem Jahr 2001 festgestellt. Niemand soll sich überfordern oder überfordert werden. Und es geht jetzt und zukünftig noch sehr viel stärker um die Vereinbarkeit von Dienst, Familie und Freizeit. Dem sollen die Dienstbeschreibungen dienen. Freie Zeiten, Urlaub, Sabbat-Tage und Fortbildungen, für die die Vertretung gut organisiert ist, können dazu dienen, die Lust an der Arbeit zu erhalten und zu fördern.

Fischer:
Und was erwarten und erhoffen Sie sich von den Pfarrerinnen und Pfarrern – jetzt und in der Zukunft?

Böttner:
Was ich von Pfarrerinnen und Pfarrern erwarte ist, dass sie wissen, worauf es in der Kirche ankommt: Nicht auf den Erhalt von Strukturen und Stellenzuschnitten, sondern auf die Verkündigung des Evangeliums und die dafür angemessenen Arbeitsformen. Ich erhoffe die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und dabei die Kirchenvorstände und die Gemeinden mitzunehmen.

Fischer:
Theologischer Sachverstand ist in Gemeinden und übergemeindlichen Aufgaben gefragt. Wie sehen Sie das Verhältnis von Gemeindedienst und funktionalen Diensten von Pfarrerinnen und Pfarrern?

Böttner:
Die unterschiedlichen Dienste tragen auf ihre Weise dazu bei, Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen, und sie können sich gegenseitig unterstützen und bereichern. Als Propst habe ich das vielfältig erfahren, so zum Beispiel in den Schulen, in den Kliniken, in den Einrichtungen der Altenhilfe, in der Rundfunkarbeit.

Fischer:
Sehen Sie Notwendigkeiten die Gewichte zu verschieben? Es geht ja auch um die Frage, wie viele Pfarrerinnen und Pfarrer setzten wir in übergemeindlichen Diensten ein, wie viele in den gemeindlichen Diensten.

Böttner:
Die Landessynode hat ja das bestehende Verhältnis von 1:4 festgeschrieben. Ich sehe im Moment keinen Grund das zu verändern und ich denke, dass man das so beibehalten sollte.

Fischer:
Sie haben in Ihrem neuen Amt Personalverantwortung für Pfarrerinnen und Pfarrer in unserer Landeskirche und werden sicher auch Entscheidungen treffen, die tief in das Leben einzelner eingreifen. Was bedeutet es für Sie ganz persönlich, mit dieser Macht umzugehen?

Böttner:
Für mich ist es eine große Herausforderung, dass Entscheidungen, die ich nach bestem Wissen und Gewissen und in Abstimmung mit anderen, die mit mir gemeinsam Verantwortung tragen, weitreichende persönliche Konsequenzen haben und Ablehnung und auch Verletzung hervorrufen können. Das war auch schon in Ämtern der Fall, die ich bisher ausgeführt habe. Ein Ausweg besteht jedoch nicht darin, keine Entscheidungen zu treffen. Ich werde mein Bestes tun, um Entscheidungen plausibel werden zu lassen, auch wenn sie nicht für gut befunden werden.

Fischer:
Für Ihre Aufgabe werden Sie Kraft brauchen. Wie gelingt es Ihnen ganz persönlich, Ihren Glauben im Alltag zu leben?

Böttner:
Für meine Frau und für mich ist es wichtig, dass wir im Gottesdienst zuhause sind und am Ende – und manchmal auch mittendrin – den Segen zugesprochen bekommen. Für uns sind in den letzten Jahren die Gottesdienste in der Marienkirche wichtig gewesen. Seitdem wir wieder zu zweit, also ohne Kinder, leben, lesen wir nach dem Frühstück die Losung für den Tag zusammen. Und in meinem persönlichen Gebet bitte ich Gott um die Lebenskraft, die ich benötige.

Fischer:
Jetzt stehen Ihnen Veränderungen bevor. Wie schwer fällt Ihnen der Abschied aus Hanau?

Böttner:
Das fällt schon schwer. Wir lassen Freunde zurück: Menschen, die wir kennengelernt haben und die Bedeutung in unserem Leben gewonnen haben. Wir hatten uns darauf eingestellt, länger hier zu leben, 2018 die Hanauer Union zu feiern, 2021 den Ökumenischen Kirchentag vor der Tür zu haben. Das Leben am Fluss wird uns fehlen und das schöne Orgelspiel von Kantor Christian Mause in den Gottesdiensten in der Marienkirche.

Fischer:
Sie ziehen jetzt nach Kassel. Worauf freuen Sie sich in dieser Stadt?


Böttner:
Meine Frau und ich haben schon einmal von 1979 – 1982 in Kassel gelebt, sie als Studentin und ich als Vikar. Das waren unsere ersten drei gemeinsamen Jahre. Wir freuen uns auf die Spaziergänge in der Aue und im Park Wilhelmshöhe, auf das Theater. Wir freuen uns auf eine Wohnung ohne Fluglärm und wir sind gespannt, wie Kassel sich verändert hat.

Fischer:
Zum Schluss die Frage: Wo sehen Sie Ihre Stärken und vielleicht gibt es ja Schwächen, die Sie ausgemacht haben?

Böttner:
Ich denke, dass mich Bodenständigkeit auszeichnet. Im Gottesdienst ist mir eine verständliche und klare Sprache wichtig, die mir, glaube ich, auch gelingt. Ich glaube, dass ich Zusammenhänge ganz gut analysieren, Dinge auf den Punkt bringen und Ziele gut im Auge behalten kann. Meine größte Schwäche ist meine Ungeduld.

Fischer:
Herr Böttner, ich wünsche Ihnen Gottes Segen und viel Freude für Ihre neue Aufgabe. Vielen Dank für das Gespräch.