blick in die kirche

Das komplette Interview mit Tillmann Prüfer
„Das Göttliche lebt zwischen uns“

Tillmann Prüfer
Foto: Michael Biedowicz

Im Interview: Tillmann Prüfer, Jahrgang 1974, ist Stilchef bzw. Style Director („Als ich meinen Job angetreten habe, habe ich mir diese Bezeichnung selbst ausgedacht“) des Zeit-Magazins und Kolumnist der Financial Times Deutschland. Der verheiratete Vater von vier Töchtern lebt in Berlin.

blick in die kirche: Unser Heft beschäftigt sich mit dem Thema Spiritualität. Können Sie mir sagen, was das eigentlich ist?
Tillmann Prüfer: Wenn ich das beantworten könnte, hätte ich dem Rest der Menschheit viel voraus. Es ist ja gerade das Wesen der Spiritualität, dass man das nicht sagen kann. Für mich persönlich kann ich es beantworten. Die Tatsache, dass wir lieben können, ist etwas Spirituelles. Die Tatsache, dass wir Musik genießen und Schönheit empfinden können, ist Teil von etwas Spirituellem. Man kann nicht erklären, was Liebe ist, wie sie aussieht, man kann sie nicht schmecken, nicht sehen, nicht chemisch herstellen, nicht vervielfältigen und nicht beschreiben, aber jeder weiß, dass es sie gibt und was Liebe ist. Das ist für mich ein Teil von Spiritualität, den jeder in sich hat.
Ein Anliegen in meinem Buch war mir, dass wir das als etwas ganz Natürliches in unserem Leben empfinden und zulassen. Wir sollten auch keine Angst haben, darauf zu schauen. Im Gegenteil: Wenn man sich mit seiner eigenen spirituellen Seite auseinandersetzt, setzt man sich auch mit unangenehmen Dingen auseinander; etwa dass man über sein eigenes Leben nur sehr begrenzt Kontrolle hat und dass es endlich ist. Meine Erfahrung ist, dass es besser ist, darüber zu sprechen und sich darüber auszutauschen als sich davor zu verstecken.

blick: Sie haben nach dem Tod eines sehr engen Freundes Sehnsucht nach Trost und Glauben gehabt. Würden Sie sagen, der Satz „Not lehrt beten“ stimmt?
Prüfer: Ich glaube, das tut er nicht unbedingt. In Teilen meines Umfeldes war es sogar genau umkehrt, da war die Reaktion: Wenn so etwas Schreckliches passiert, kann es keinen Sinn haben. Dieses Argument habe ich auch oft bei Lesungen gehört. Ich kann mich nicht an einen Gott wenden, wenn ich mir gleichzeitig vorstelle, dass er so etwas Grausames gewollt hat.
Für mich war Beten nach dem Tod meines Freundes ein Instrument, um meinen Gefühlen, meiner Angst und auch meiner Wut Ausdruck zu verleihen – und auch um in ein Gespräch mit mir selbst zu kommen. Da war so viel Verzweiflung in mir, dass ich mich an irgendetwas festhalten musste. Sich in so einer Situation an niemanden wenden zu können, das wäre mir eine schreckliche Vorstellung gewesen.   

blick: Rituale gelten heute oft als überholt. Sie sagen aber, Rituale „erzählen, dass es eine Zukunft gibt“. Was meinen Sie damit?
Prüfer: Wir wissen nie, ob es eine Zukunft gibt. In fünf Minuten kann Ihnen oder mir ein Klavier auf den Kopf fallen. Aber die Annahme, dass wir morgen wieder aufstehen werden, ziehen wir daraus, dass wir das schon sehr oft erlebt haben. Rituale bringen eine Berechenbarkeit in das Leben: Ich weiß nicht, was morgen kommt, aber ich weiß, was ich um 10 Uhr machen werde – das bringt Stabilität. Schauen Sie Kinder an, die brauchen Rituale. Sie brauchen Eltern, von denen sie wissen, die lesen mir jeden Abend vor oder die Mama macht mir jeden Morgen das Müsli. Das gibt ihnen Sicherheit und Urvertrauen. Ich glaube, wir brauchen das alle in unserem Leben.

blick: Ihre Suche führte Sie dazu, sich im „uncoolsten Verein der Welt“ – also der Kirche – zu engagieren. Was zeichnet diesen Verein aus?
Prüfer: Die Perspektive, aus der die Kirche heute am meisten gesehen und diskutiert wird, ist die einer Organisation, die in vielerlei Hinsicht ihrer Zeit hinterherhinkt und vielen Leuten nichts mehr sagt. Das Schlimme ist, dass die Kirche sich auch selbst so sieht. Aber die Kirche, das sind wir, wir Christen, die gemeinsam an Gott glauben und gemeinsam Jesus suchen.
Wenn ich hier in meine Gemeinde in Berlin gehe, in die Thomaskirche, dann treffe ich Menschen, mit denen ich sonst überhaupt nichts gemein habe; weder das Alter, noch die politische Überzeugung, noch die Nationalität, noch das soziale Umfeld – und trotzdem haben wir etwas sehr Elementares gemein. Und in dieser Hinsicht finde ich Kirche heute total unterschätzt. Es gibt für jeden Menschen in seiner Nähe ein Haus, in dem er zuhause mit anderen Menschen sein kann.

blick: In vielen Formulierungen in Ihrem Buch sind Ironie und Witz spürbar. Wie wichtig ist Humor im Glauben?
Prüfer: Humor ist im Leben mit das Wichtigste. Ich kenne keine Partnerschaft, die ohne Humor bestehen kann – und für mich kann auch eine Partnerschaft mit Gott nicht ohne Humor bestehen. Man ist ja selbst so fehlbar und macht so viel Blödsinn; man erreicht von dem, was man sich vornimmt, vielleicht nicht einmal die Hälfte. Man braucht viel Güte mit sich selbst, um gut durchs Leben zu gehen. Man muss sich selbst verzeihen und da gehört Humor sehr dazu. Wenn man glaubt, muss man diesen Humor auch bei Gott voraussetzen; wo sonst sollte er herkommen?
Humor bedeutet ja auch, die Welt mit Demut hinzunehmen. Für mich ist Humor das größte Geschenk.
     
blick: Der Zweifel ist Ihnen in Ihrem Glauben wichtig. Macht es Sie misstrauisch, wenn Menschen keine Zweifel haben?
Prüfer:  Ich habe für mein Buch mit vielen Menschen gesprochen und ich habe keinen getroffen, der keine Zweifel in seinem Glauben hat. Selbst Menschen, die seit 50 Jahren Ordensbruder sind, zweifeln. Manche zweifeln immer mehr, je mehr sie sich mit Gott beschäftigen. Ich habe aber auch niemanden getroffen, der stark an Gott zweifelt, aber nicht irgendwo auch glaubt.
Man kann nicht die Bibel nehmen und sagen: Das ist es, woran ich 1:1 glaube. Man zweifelt natürlich stark auch an den Dingen, die man gerne glauben würde. Man kann ja nicht die gesamte humanistische Bildung und alles, was man über die Welt weiß, einfach wegwerfen.
Für mich war es wichtig festzustellen, dass ich an meinem Glauben zweifele und dass ich immer auf dem Weg zum Glauben sein werde und nie das Gefühl haben werde, dass ich dort richtig ankomme und alles klar ist.
Die Bibel ist ja auch ein Buch, das ständig an sich selbst zweifelt. Wenn man annimmt, dass die Bibel nicht von Gott selbst geschrieben wurde, sind es Versuche von Menschen, sich auf die Geschichte von Christus und auf die Prophezeiungen einen Reim zu machen und die Zweifel aufzulösen, die sich auftun. Deswegen ist die Bibel ja auch so ein vielschichtiges, funkelndes Buch, das man immer wieder neu lesen kann.

blick: Das Göttliche, so schreiben Sie, liegt im Zwischenmenschlichen. Ihr Buch spürt ja nicht nur dem Glauben nach, sondern ist auch eine Liebeserklärung an ihren verstorbenen Freund. Liegt also in dieser Freundschaft schon der Glauben begründet?
Prüfer: Mein Urgroßvater war Anfang des 20. Jahrhunderts Missionar in Tansania. Auf seinem Grabstein steht: Zwischen uns ist Gott. Das ist einer der sinnvollsten Sprüche, die ich in diesem Zusammenhang je gelesen habe. Das Göttliche ist nicht etwas, das über uns schwebt, es ist auch keine Haltung, sondern es lebt zwischen uns. Deswegen brauchen wir eine Gemeinde, deswegen brauchen wir Freunde. Er entsteht, wenn Menschen einander auf dem Grund des Glaubens gute Dinge tun.
Wenn man im Gottesdienst sieht, wie Menschen gemeinsam singen, spürt man fast körperlich, dass in diesem Raum mehr ist als nur die Addition verschiedener Individuen. Das ist für mich das ständige kleine Wunder, das man erleben kann. Es ist eine kleine Gegenwart des Göttlichen, die man genießen und in sich aufnehmen kann.
Für mich ist neben dem Zweifeln auch das Staunen wichtig. So wie bei Kindern: Sie müssen nicht alles verstehen, wenn sie in den Himmel gucken, die Sterne sehen und das einfach umwerfend finden. Sie müssen es nicht in kleine Paketchen verpacken, einordnen und irgendwie beherrschen, sondern können es einfach hinnehmen. So sollten wir auch die Dinge hinnehmen, die uns umgeben.

Fragen: Olaf Dellit