blick in die kirche

Das komplette Interview
Es geht um den Kern der Kirche

Sie steuern die Reformen: Die Steuerungsgruppe im Sommer vor dem Landeskirchenamt mit (von links) Claudia Schröder, Prof. Dr. Gudrun Neebe, Christina Hohmann, Pfarrerin Eva Hillebold, Dr. Michael Schneider, Pröpstin Katrin Wienold-Hocke, Bischöfin Prof. Dr. Beate Hofmann, Lukas Kiepe, Dr. Gerhard König, Dr. Anne-Ruth Wellert, Pfarrer Wolfgang Kallies und Pfarrer Dr. Volker Mantey

Schon vor mehr als fünf Jahren hat die Landessynode umfangreiche Reformen beschlossen. Eine neue Steuerungsgruppe soll den Prozess begleiten. Im Interview erklären Bischöfin Dr. Beate Hofmann, Pfarrer Wolfgang Kallies und der Synodale Lukas Kiepe, wie die Gruppe arbeitet und was sie vorhat.

Ein Steuermann/eine Steuerfrau ist dafür verantwortlich, dass ein Schiff den richtigen Kurs nimmt. Ist das mit der Steuerungsgruppe und der Landeskirche auch so?
Bischöfin Dr. Beate Hofmann: In unserer synodal verfassten Kirche sind wir der Überzeugung, dass man kollegial bessere Entscheidungen trifft als einer oder eine alleine. Ausdruck dafür ist, dass wir eine Gruppe sind und kein einzelner Steuermann.

Wird die Landessynode dann über die Vorschläge der Steuerungsgruppe beschließen?
Hofmann: Wir sind die Steuerungsgruppe des Reformprozesses – und diesen hat die Landessynode beschlossen. Es geht jetzt darum, diesen Prozess zu begleiten.
Wolfgang Kallies: Ich würde das Bild gerne aufnehmen. Für mich ist klar, dass wir während des gesamten Prozesses in einem Boot sitzen. Da steht kein Steuermann oder keine Steuerfrau an der Spitze und alle folgen, sondern wir versuchen, den Kurs gemeinsam festzulegen. Das ist eine große Herausforderung für die ganze „Mannschaft“.
Lukas Kiepe: Die Kirche ist nicht nur ein Schiff, sondern eine ganze Flotte. Wir sind als Steuerungsgruppe der Teil, der an den neuen Segeln näht, damit dann der Wind greifen kann – Stichwort: Innovation.

Neben Hauptamtlichen aus der Kirchenverwaltung sind viele Synodale in der Gruppe. Was ist dabei Ihre Zielsetzung, Frau Dr. Hofmann?
Hofmann: Mein Anliegen war, die verschiedenen kirchenleitenden Gruppierungen zusammenzuholen. Es sind Menschen aus der Synode, aus dem Rat der Landeskirche, aus dem Kollegium des Landeskirchenamtes dabei – und es war uns wichtig, zusätzliche Expertise zu holen und dabei auf verschiedene Altersgruppen und Professionen zu gucken.

Welche Kompetenzen und Befugnisse hat diese Gruppe?
Hofmann: Der Rat hat ihr zwei Aufträge gegeben: Sie soll die Umsetzung der Beschlüsse des Reformprozesses von 2015 überprüfen. Das zweite ist das Weiterdenken und Verknüpfen mit Prozessen, die sich in der Zwischenzeit ergeben haben. Zum Beispiel die Freiburger Studie mit ihrer Prognose eines Mitgliederrückgangs. Und die Corona-Pandemie wird die Kirche sehr deutlich verändern. Ich halte es für wichtig, all das zusammenzudenken.
Kallies: Als Geschäftsführer bin ich dankbar für die Steuerungsgruppe. Viele Prozesse laufen  sehr gut, aber wir sind immer wieder angefragt: Wo ist die – neben der Strukturveränderung – die  inhaltliche und ekklesiologische Grundlegung in den Reformbeschlüssen deutlich hinterlegt? Diese Frage wird die Steuerungsgruppe noch intensiver beleuchten und betrachten.

Die Mitgliedszahlen sind rückläufig, Corona wird finanzielle Folgen für die EKKW haben? Wie ist die Lage?
Hofmann: Im August war erstmals die Situation erreicht, dass wir mit den Kirchensteuer-Einnahmen unter das Vorjahresniveau gerutscht sind. Wenn man sich die Wirtschaftszahlen ansieht, weiß man, dass die richtig schwierigen Zeiten wohl noch vor uns liegen. Corona beschleunigt verschiedene Prozesse, die uns prognostiziert worden sind: Die Digitalisierung hat sich beschleunigt, bestimmte Reformen und Kooperationsprozesse haben sich beschleunigt, weil man erkannt hat, dass das jetzt gebraucht wird. Und leider erleben wir an manchen Stellen auch ein beschleunigtes Distanzierungsverhalten von der Kirche. Das verschärft die Notwendigkeit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.


Sie sind als Laie in diesem Gremium, Herr Kiepe, und mit 28 auch der Jüngste. Was erhoffen Sie sich?
Kiepe: Viele große Organisationen verlieren Mitglieder und werden kleiner, ob nun Parteien, Gewerkschaften oder die Kirche. Die Frage ist, wie wir für meine Altersgruppe attraktiver werden können und wie wir die beste Botschaft der Welt – Gott ist Mensch geworden –  transportieren können. Ich erhoffe mir, dass wir es hinbekommen, positiv über die Kirche zu reden. In einer wirklichen Krise wären wir, wenn wir unserem Auftrag nicht gerecht würden, also der Kommunikation des Evangeliums. Dem Auftrag werden wir gerecht, aber die Situation ändert sich. Ich hoffe auf einen Prozess, der uns in ruhiges Fahrwasser bringt. Vielleicht ist das Schiff dann kleiner geworden, aber es fährt mit vollem Wind im Segel.

Seit 2012 sind Sie Geschäftsführer des Reformprozesses, Herr Kallies. Dazu gehören auch unangenehme Beschlüsse. Ist das nicht manchmal frustrierend?
Kallies: Ich finde es erstaunlich, dass ich persönlich wirkliche Frustrationserlebnisse nicht vermelden kann. Es gibt immer mal Nachfragen: Muss das jetzt sein? Ich finde es auch bemerkenswert, wie konsequent und zeitnah z. B. die Kooperationsräume eingerichtet worden sind, wie die Pfarrstellen-Budgetierung und die Kategorisierung der Kirchengebäude zum Großteil akzeptiert wurden.
Viele nehmen den Reformprozess an, aber manche sind auch reserviert, bis hin zu grundsätzlichen Bedenken und einzelnen Widersprüchen. Das ist verständlich, manchmal sogar schmerzhaft, geht es doch auch um Aufgabe von Vertrautem und Abschied von gewohnten Strukturen.  Auch darum ist die Steuerungsgruppe wichtig. Wir müssen weiter dafür werben, dass wir als Kirche von Kurhessen-Waldeck gemeinsam unterwegs sind. Das ist es, was innerlich stark macht: Auch wenn die Finanzmittel zurückgehen, sind wir Kirche. Wir sind Salz der Erde und Licht der Welt. Als Kirche gehören wir zum Herrn, Jesus Christus , und das ist unser Reichtum. Daraus beziehe ich die Motivation für die Arbeit.

Die Gruppe will vorrangige und nachrangige Arbeitsfelder bestimmen. Das löst immer auch Angst aus, weil es um Geld und Stellen geht
Hofmann: Der Denkansatz der Steuerungsgruppe ist anders. Sie fragt zunächst, was unser Auftrag ist und wie er sich in wenigen Stichworten zusammenfassen lässt. Wie können wir von dort aus das, was wir tun, den kirchlichen Grundaufgaben zuordnen? Wenn wir auf Arbeitsbereiche verzichten müssen, weil wir es personell und finanziell nicht leisten können, wie können wir es so tun, dass die Grundaufgaben trotzdem weiter erfüllt werden?
Wir wollen eine Diskussion in der gesamten Landeskirche anstoßen über die Frage: Was ist unser Auftrag und wie formulieren wir ihn? Im zweiten Schritt werden wir überlegen, welche strategischen Ziele wir im Blick auf diesen Auftrag haben und von dort aus das Handeln der Kirche analysieren. Es wird Handlungsfelder geben, die dem Auftrag in besonderer Weise entsprechen und andere vielleicht weniger. Erst dann kann man darüber diskutieren, wo wir etwas einsparen können, ohne die Grundaufgaben zu vernachlässigen.

Der Auftrag der Kirche ist die Kommunikation des Evangeliums, stellen Sie heraus. Was folgt daraus für die Arbeit?
Hofmann: Der Clou ist, dass die Kommunikation des Evangeliums in unterschiedlichen Richtungen geschieht. Dazu gehört das Feiern von Gottesdiensten, die Begleitung von Menschen in ihren Lebenssituationen, die Hilfe in Not, das Eröffnen von Räumen für Religion, das Erheben der Stimme für Menschen in der Gesellschaft und das Ermöglichen von Gemeinschaft. Bei diesen sechs Grundaufgaben müssen wir fragen, auf welcher Ebene, für welche Menschen und in welchen Formaten wir das tun. Die Idee ist, dass nicht jede Arbeitsform an jedem Ort auf dieselbe Weise präsent sein muss. Es braucht zunächst die theologische Verständigung darüber, was es heißt, Kirche zu sein.

Das bedeutet, es ist noch zu früh für die Frage, worauf verzichtet werden muss?
Hofmann: Das ist aus meiner Sicht eine noch nicht zu beantwortende Frage. Klar ist nur: An unserem Grundauftrag lässt sich nicht rütteln. Und die Formen, wie wir diesem Auftrag nachkommen, haben sich in den 2000 Jahren Kirche immer verändert und werden sich weiter verändern.

Als Vertreter der jüngeren Generation, Herr Kiepe, auf welche Kontaktflächen zur Kirche setzen Sie?
Kiepe: Ich bin ein großer Fan des normalen Sonntagsgottesdienstes. Aber damit erreichen wir vielleicht fünf Prozent der Gemeinde, wenn es gut läuft. Wir haben Angebote, die attraktiver sind, um auch die anderen zu erreichen. Ich denke an die Evangelischen Studierendengemeinden, die in der Lebenswelt präsent ist. Aber wir müssen auch für die anderen, die zum Beispiel eine Ausbildung machen, Formate entwickeln. Es gibt nicht die eine Form der Verkündigung, mit der man alle Menschen erreicht. Wir müssen an verschiedenen Stellen schauen, was attraktiv ist und die Prioritäten dort setzen.

Kallies: Die Kommunikation des Evangeliums ist mehr als Verkündigung, sie muss immer neu in die Zeit gesagt und gebracht werden. Wir reduzieren es häufig auf den Sonntagsgottesdienst, aber die Formen differenzieren sich aus. Größere Gottesdienste auch in einer relativ strengen Form haben ihre Berechtigung, aber daneben sind kleinere Formen wie Andachten und spontane Situationen genauso wichtig. Segensworte am Gartenzaun zum Beispiel. Wichtig ist, unter Gottes Wort zusammenzukommen, seinen Segen zu spüren.

Weihnachten wird in vielen ungewöhnlichen Formen gefeiert werden. Ist das sogar eine Chance?
Hofmann: Wir werden genau überlegen, was entscheidend an Weihnachten ist. Es braucht die Weihnachtsbotschaft, die Erfahrung von Licht, bestimmte Lieder und Gebete. Wir werden Möglichkeiten für diese wesentlichen Elemente von Weihnachten finden. Es ist 2000 Jahre lang in den unmöglichsten Situationen Weihnachten geworden.

Dann ist die Pandemie auf manchen Gebieten auch ein Katalysator?
Kiepe: Ja. Veränderungen, die uns prognostiziert wurden, kommen jetzt schneller auf uns zu. Und auch wir verändern uns schneller. Wer hätte im Januar geglaubt, dass gefühlt die Hälfte unserer Gemeinden Gottesdienste streamt und damit mehr Menschen als im normalen Sonntagsgottesdienst erreichen?
Hofman: Corona mit dem Lockdown war eine Disruption alles Bisherigen. Das löst genau diese Frage aus: Was ist uns besonders wichtig? Wie können wir das, was uns besonders wichtig ist, weiterführen? Das ist die Denkbewegung, um die es im Reformprozess insgesamt geht.
Kallies: Eine Ergänzung: Wir können an allen möglichen Orten Gottesdienst feiern, aber wir dürfen die Kirchengebäude auch nicht außen vor lassen und sie nicht verschließen. Sie offen zu halten auch für das Einzelgebet und das Entzünden von Kerzen, nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit, ist gut und wichtig. Die Kirchengebäude, die in nahezu allen Orten stehen, sind Symbole des Glaubens.

Es gab auch Kritik, die Kirchen hätten in der Coronakrise versagt, etwa bei der Seelsorge in Altersheimen. Zeigt das nicht auch eine Erwartungshaltung der Gesellschaft an die Kirche?
Hofmann: Dazu muss man Verschiedenes sagen. Zunächst ist es erstaunlich, dass der Eindruck entsteht, bis zum 13. März sei jeder Mensch, der in Deutschland gestorben ist, von der Kirche begleitet worden. Das war natürlich nicht so, weil viele Menschen das gar nicht wollen.
Aber es ist tatsächlich eine Frage, was an Seelsorge unter Pandemie-Bedingungen möglich ist. Das pauschale Urteil „Die Kirche war nicht da“ trifft nicht zu, aber es hat Einzelfälle gegeben, wo der Zugang zu Menschen nicht möglich war und verweigert wurde. In vielen Fällen war er möglich.
Für mich steckt hinter diesem Aufschrei die Frage, wie wir den Schutz der Gesundheit und das Bedürfnis nach Gemeinschaft sinnvoll gegeneinander abwägen können. Müssen Menschen in solchen Einrichtungen nicht auch ein Stück weit selber bestimmen können, welchen Zugang sie bekommen? Wir suchen derzeit Wege, um über dieses Dilemma mit den Einrichtungen zu beraten.

Es zeigt aber eine Erwartungshaltung an unsere Kirche?
Hofmann: Ja, Gott sei Dank.
Kallies: Es gibt eine diffuse Erwartungshaltung und da wäre es natürlich schön, wenn Menschen ihre Erwartungen formulieren könnten und sagen würden: Können Sie nicht mal eine Karte schreiben in diesen Zeiten oder anrufen? Pfarrerinnen und Pfarrer sind da auch auf Signale angewiesen.
Hofmann: Man muss auch deutlich sagen, dass es ganz viele Hilfsnetze von Kirchengemeinden und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft gegeben hat, die teilweise gar nicht nachgefragt wurden. Bei den Alten- und Pflegeeinrichtungen gibt es eine interessante Differenz. In den diakonischen Einrichtungen gehört die Seelsorge dazu und ist selbstverständlich weitergelaufen. Viel schwieriger ist es da, wo Seelsorger in andere Einrichtungen hinein wollen. Eine Umfrage unter den Klinik- und Altenheimseelsorgern und -seelsorgerinnen hat gezeigt, dass wir in ein Drittel der Einrichtungen nicht hinein kamen.
Kiepe: Wenn man sich die Situation im März in Kassel anschaut, dann waren wir die einzige Organisation, die in allen Stadtteilen Hilfsangebote gemacht hat.

Mitgliederbindung ist auch ein Thema der Steuerungsgruppe. Wie beantworten Sie die Frage: Was bringt mir die Kirche?
Kiepe: Als Politikwissenschaftler weiß ich: Verbände wachsen, die selektive Anreize haben. Meistens sind das materielle Vorteile, die wir nicht haben. Mitgliederbindung erreichen wir, wenn wir Kontaktflächen finden, die breiter sind als der klassische Sonntagsgottesdienst. Wir dürfen nicht warten, dass die Menschen kommen, sondern wir müssen rausgehen.  
Kallies: Die Sehnsucht nach dem Heil, nach dem Ewigen, ist ja da, aber sie ist verschüttet. Gerade Menschen in der mittleren Generation sind so beruflich und familiär eingebunden, dass sie kaum Freiheiten haben, das in den Blick zu nehmen, was nicht unmittelbar vor Augen und greifbar ist. Diese Sehnsucht gilt es wachzuhalten - oder zu wecken.
Hofmann: Als Gemeindepfarrerin und als Forscherin habe ich gelernt, dass Beziehungen eine entscheidende Rolle für das Bindungsverhalten spielen. Wir wissen, dass Kasualien eine wichtige Rolle spielen. Corona hat uns da wichtige, neue Erfahrungen ermöglicht. Mir werden zurzeit ganz berührende Erfahrungen von Taufen und kleine Konfirmationen in ungewöhnlichen Settings berichtet, zum Beispiel im Garten. Es ermöglicht neue Formen der Begegnung und eine intensive Auseinandersetzung mit dem, was da geschieht. Das ist eine Chance, macht aber auch viel Arbeit.
Wir müssen fragen: Wo haben wir die Chance, neue Beziehungen zu knüpfen? Und: Wo waren wir bisher überhaupt nicht?

Haben Sie darauf schon eine Antwort?
Hofmann: Bisher waren wir im Digitalen noch zu wenig vertreten. Das versuchen wir gerade, uns zugänglich zu machen.
Kiepe: Wenn man es vergleicht: Wir sind in jedem Dorf mit einem Gebäude präsent, aber im weltweiten Dorf noch nicht genug.
Hofmann: Wir müssen aber auch schauen, wo es im Moment brennt, wo wir Kontakt zu Menschen in schwierigen Situationen knüpfen können.

Solche Beziehungen funktionieren dann aber eher nicht digital, oder?
Hofmann:  Das Digitale kann ein Ort des Neugierig-Werdens und des ersten Kontakts sein. Viel Beziehungsgeschehen geht aber über persönliche Begegnungen. Zugleich lernen wir aber auch, dass bestimmte Selbsthilfeformate gut digital funktionieren. Ich habe auch mit weltweiten, digitalen Konferenzen beglückende Erfahrungen gemacht.
Kallies: Beziehungspflege und -aufbau sind sehr personalintensiv. Unsere große Stärke ist, dass wir immer noch viel Personal haben, das sich den Menschen zuwendet. Wir müssen dabei aber erkennen, dass nicht jeder jede Aufgabe wahrnehmen muss, sondern dass wir als Team kooperieren. Die Haltung sollte sein: Wir sitzen in einem Boot und fahren gemeinsam durch das Meer der Zeit.
Hofmann: Ich möchte gerne ergänzen, dass Beziehungspflege nicht nur zwischen Pfarrerin bzw. Pfarrer und der Gemeinde geschieht, sondern dass Beziehungs-Netzwerke ganz stark über Ehrenamtliche laufen. Eine relativ starke Fokussierung auf die Pfarrerin und den Pfarrer, die ich oft erlebe, ist gefährlich. Wir müssen diese Netzwerke ganz anders wahrnehmen und sie stärken.

Studien sagen, dass die Kirche weiter schrumpfen wird. Aber sehen Sie eine Chance, doch neue Mitglieder zu gewinnen? Vielleicht sogar zu wachsen?
Hofmann: Wir werden weniger, das sagt uns die demografische Entwicklung. Die Frage ist aber, um wie viel wir weniger werden und wie wir auch Menschen neu neugierig machen können. Für mich gibt es drei Gruppen: Es gibt die Neumitglieder, deren Eltern oder sie selbst sich für die Taufe entscheiden. Es gibt die Gruppe der Ausgetretenen, die durch gute Erfahrungen merken, dass das ein falscher Schritt war. Und es gibt Menschen, die mit wenig Kontakt zu Religion aufgewachsen sind, aber eine ganz unverbrauchte Neugier haben. Denen zu zeigen, was uns das Evangelium und Kirche bedeuten, ist eine tolle Aufgabe. Das werden keine großen Mengen sein, aber jeder Mensch, der sagt, ich will da mehr wissen oder dazugehören, ist wunderbar.
Kiepe: Der mitteldeutsche Bischof Friedrich Kramer hat in einem nicht unstrittigen Zitat gesagt: Wir sind die einzige Ex, die sich freut, wenn man wiederkommt. Unser Problem ist: Wir bieten Jüngeren zweimal die Gelegenheit an, mit uns in Kontakt zu kommen – bei der Taufe und bei der Konfirmation. Wir brauchen Kontaktflächen, die das ganze Leben begleiten. Ich glaube, wenn ich selbst mal 80 Jahre alt bin, sind wir immer noch mehr Leute als damals in Jerusalem. 

Fragen: Olaf Dellit