Melanchthonschule
Schule als Lebensort
Foto: Rolf K. Wegst
In der Melanchthonschule Steinatal, dem Gymnasium der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, setzt man Vertrauen in die Schulgemeinschaft – und fördert es
In der sanften Hügellandschaft zwischen den Orten Ziegenhain und Trutzhain liegt die Melanchthon-Schule Steinatal. „Hinter den Bergen – bei den sieben Zwergen ...“, sagt Schulleiterin Christel Ruth Kaiser beim Rundgang über das weitläufige Gelände zwischen Wiesen und Wäldern. Seit fast 15 Jahren leitet sie das einzige Gymnasium in der Trägerschaft der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW).
Auf dem Areal der evangelischen Schule, die dem humanistischen Namenspatron geschuldet Latein und Griechisch anbietet, stehen neben dem Hauptgebäude – mit Verwaltung und Sekretariat – weitere modern ausgestattete Unterrichtsgebäude, eine neue Mensa, zwei Turnhallen, eine Schwimmhalle und ein Tennisplatz. Verstecken muss sich die Melanchthon-Schule gewiss nicht. Die Schulglocke ruft zur letzten Stunde am Vormittag. Für viele Schüler und Lehrer beginnt die Mittagspause. Sie strömen Richtung Hauptgebäude und Mensa.
Schule im Wandel: Nicht mehr nur Unterrichtsort
„In den vergangenen Jahren hat sich hier einiges getan“, sagt Schulleiterin Kaiser. Die Schulgebäude wurden saniert und modernisiert, die Mensa gebaut und den Erfordernissen einer ganztägigen Beschulung und der Verkös-tigung von bis zu 450 Schülern angepasst – mehr als die Hälfte der insgesamt rund 700 Schüler. Denn mit dem achtjährigen Abitur (G8) hat sich klammheimlich die Ganztagsschule in den Schulalltag geschlichen. „Kinder und Jugendliche halten sich heute viel länger in der Schule auf als früher“, erklärt die Schulleiterin. Auch die Melanchthon-Schule ist längst kein reiner Unterrichtsort mehr, sie hat sich zum Lebensort gewandelt, an dem Jugendliche mitunter ganze Tage verbringen. Sie sollen dabei spüren, dass sie nicht nur als Leistungsträger willkommen sind, sondern als Menschen mit all ihren Bedürfnissen.
„Wir treten für eine Kultur gegenseitiger Achtung und Anerkennung ein“, betont Kaiser, „wir bauen auf gegenseitige Hilfe und Vertrauen.“ Das entspricht dem christlichen Selbstverständnis der Schule. „Im Horizont des Evangeliums lernen die Schüler nach ethischer Verantwortung zu fragen, die Bereitschaft zur Mitgestaltung einer humanen und lebenswerten Gesellschaft zu entwickeln und diakonisches Handeln einzuüben“: So steht es in der Schulverfassung.
Diakonische Aufgaben:
Vertrauensgrundlage
Damit all dies nicht Lippenbekenntnis bleibt, haben Schulleitung und Kollegium beschlossen, diakonische Praktika, „praktizierte Nächstenliebe“, in die Schule zu holen. In der Mensa helfen Schüler und auch Eltern während der Essenszeit mit. „Und mittlerweile macht fast die Hälfte unserer Schüler und Schülerinnen in der Oberstufe halbjährige diakonische Praktika, die wir als Schule begleiten“, berichtet Lotte Kraushaar, die in Steinatal Evangelische Religion unterrichtet und Bereichsleiterin für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld ist.
„Diese außerschulischen Erfahrungen in der Arbeit mit behinderten Menschen, im Altenpflegeheim, beim psychosozialen Dienst, im Schulsozialdienst oder der Mittagsbetreuung wirken zurück auf den Umgang miteinander“, sagt Kraushaar. Sie wandeln das Schulklima, sie verpflichten zu gegenseitiger Rücksichtnahme und sie stiften Vertrauen. So empfindet das auch die 17-jährige Sabrina Bräutigam, die als Praktikantin in Hephata war. „Diese Erfahrung hat das Vertrauen zu meinen Lehrern und Betreuern gestärkt“, sagt die Oberstufensprecherin. Entscheidend war, dass die anderen ihr die Arbeit in Hephata zutrauten. Daraus erwächst Selbstvertrauen.
Spieliothek stiftet Vertrauen in Schulgemeinschaft
„Wichtig ist auch die Spielio-thek, die wir den Schülern seit einem Jahr zur Verfügung stellen“, sagt Schulleiterin Kaiser. Die Spieliothek ist ein Aufenthaltsraum, aber eben kein gewöhnlicher. Sie ist ausgestattet mit Sofa, Tischen und Stühlen, Gesellschaftsspielen, Tischkicker und Spielgeräten für draußen. In den großen Pausen und während der Mittagszeit wird der Raum von zwei Schulsozialarbeiterinnen betreut. Die Jugendlichen können so Freistunden, etwa bis zum Nachmittagsunterricht, unter Anleitung aktiv gestalten.
„Diesem Raum stand ich anfangs skeptisch gegenüber, das klang für mich nach Kindergarten“, sagt der 17-jährige Jonas Heck. Inzwischen hält er die Spieliothek für eine wichtige Errungenschaft. „Hier komme ich mit anderen ins Gespräch, die nicht unbedingt meine besten Freunde sind, zum Beispiel beim Kickern“, sagt der Zwölftklässler. Auch so entsteht Schulgemeinschaft. Und Vertrauen. Einen Amoklauf wie in Winnenden hält Jonas in Steinatal nicht für denkbar. Dafür kenne man sich zu gut, dafür sei die kleine Schule zu überschaubar.
Ähnlich drückte sich Veronika Zippert aus, eine der beiden Schulpfarrerinnen, als nach der Katastrophe in Süddeutschland auch in Steinatal Schülerängste hochkochten. Viele Schultage lang stand die Pfarrerin im Andachtsraum zum Gespräch bereit. „Die Melanchthon-Schule ist eine sehr offene Schule“, sagt Veronika Zippert, „auch hier gibt es Konflikte, aber die Schulleitung hat ein offenes Ohr.“ Mit den diakonischen Praktika, der Spieliothek und der Schulsozialarbeit seien vertrauensbildende Elemente im Schulalltag verankert, findet die Pastoralpsychologin. Vertrauen stiften da-rüber hinaus die Schulseelsorge und das Beratungsnetzwerk der Schule, das vor rund vier Jahren gegründet wurde.
Auffangen und beraten: Ein Netzwerk für schwierige Fälle
„Wir werden aktiv, wenn etwa Probleme mit schwierigen Schülern an uns herangetragen werden“, erklärt Netzwerk-Koordinator Axel Damtsheuser, der Englisch und Politik unterrichtet. Bei wöchentlichen Treffen der innerschulischen Netzwerk-Teilnehmer – zwei Lehrer-Koordinatoren, Vertrauenslehrer, Schulsozialarbeiterin und Schulseelsorgerin – können die Probleme zur Sprache gebracht werden. Ergibt sich dort keine Lösung, werden sie in ein erweitertes Expertengremium (Sucht-, Familien-, Berufsberater und Schulpsychologe) eingebracht, das alle vier bis sechs Wochen zusammenkommt. Außerdem bilden Axel Damtsheuser und Schulsozialarbeiterin Cornelia Kaufmann Schülermediatoren aus, die in Konfliktsituationen zum Beispiel im Klassenzimmer oder auf dem Schulhof aktiv werden. Und alle vier Wochen bietet man Berufsberatung an, die Unentschlossene wie der 18-jährige Lukas Brandner bereits mehrfach genutzt haben. „Keiner darf verlorengehen“, sagt Christel Ruth Kaiser, „diesem Anspruch möchten wir nach Kräften folgen.“
Yasmin Bohrmann
Lesen Sie zur religiös-spirituellen Dimension der Vertrauensbildung das Interview mit den Schulseelsorgerinnen Britta Holk-Gerstung und Veronika Zippert in der Rubrik "Was nicht im Heft steht".
