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Klinikseelsorge
Gott guckt nach mir ...

Gebete von Menschen, die Schweres vor oder hinter sich haben, sind in diesen Büchern versammelt. Klinikseelsorgerin Ursula Josuttis schaut immer mal wieder hinein.
Foto: medio.tv/Simmen

Klinikseelsorgerin Ursula Josuttis erlebt am Krankenbett einen großen Vertrauensvorschuss

„Bitte, lieber Gott, nimm uns unseren Daniel nicht weg. Wir bitten dich um deine Hilfe.“ – „Gib mir Kraft für die große OP morgen.“ – „Nimm die Schmerzen!“

Einträge im rotgebundenen Fürbittenbuch nah am Eingang der Klinikkapelle. Daneben eine Marienstatue mit Kerzen. Draußen drängen sich Notarztwagen und Baufahrzeuge – gegenüber liegt die neue Zentrale Notaufnahme des Klinikums Kassel. Und hier drinnen, in der hellen Stille des kleinen Gotteshauses, sind auf Papier die innigsten Gebete der Menschen versammelt, die Schweres vor oder hinter sich haben, für ihre Angehörigen beten und um Hilfe flehen.

Ursula Josuttis ist seit sieben Jahren Seelsorgerin am Kasseler Klinikum, seit 20 Jahren betreut sie Kranke und Schwerstkranke sowie deren Familien. Einen Stapel bunter Bücher im Arm demonstriert sie, wie viele Einträge die Fürbitten-Schreiber hier schon hinterlassen haben. „Ab und zu gucke ich nach, was hier geschrieben wurde“, sagt sie, und wenn Vor- und Nachnamen dort stünden, dann versuche sie, diese Menschen auf den Stationen zu besuchen.
Vertrauen haben oder gewinnen – trotz schwerer Krankheit, trotz großer Schmerzen, trotz ungewissen Ausgangs … Wie geht das? Wie schafft sie das, wie schaffen das die Patienten? Bei ihrer täglichen Arbeit am Krankenbett  erlebt sie jedenfalls ein großes Vorschussvertrauen, sagt Ursula Josuttis. Und das liegt an ihrem Beruf. Wenn sie sich als Pfarrerin vorstellt, und das tut sie als Allererstes beim Besuch, dann hängt das ihr entgegengebrachte Vertrauen „mit Gott und anderen vor mir“ zusammen. Aha, Gott guckt nach mir und schickt seine Bodentruppen – so in etwa könne man diesen Effekt beim Patienten beschreiben. Und dann geht es oft einfach ums Zuhören.

Dass die Kranken ihr vertrauen, sich ihr anvertrauen geschieht, so weiß Ursula Josuttis, wenn „sie etwas spüren von einer gelebten Gottesbeziehung“, also dann, wenn die Pfarrerin gut in Kontakt mit sich selbst und mit Gott ist, dann gehen die Herzen auf. Dann kann, wenn auch nur für kurze Zeit, eine Beziehung entstehen: ein offener Rahmen für Sorgen und Nöte, für Zweifel und Ängste. Manche Familie ist froh, dass jemand da ist, der belastbar ist; die Angehörigen sind es in ihrem Kummer oft nicht.

Erfahrung mit „diesem Bereich, wenn das Leben in Gefahr ist“, hat Ursula Josuttis damals selbst gemacht, als ihre Mutter schwer erkrankte und starb. Sie kennt die Verzweiflung aus eigenem Erleben und weiß, dass es wichtig ist für die Patienten, wenn sie ihnen Vertrauen in den eingeschlagenen Weg vermittelt – beispielsweise für eine Therapie, eine Operation. „Sie haben sich ja entschieden“, erklärt sie. Dennoch sei es hilfreich, als Gesprächspartner die Argumente noch einmal sortieren zu helfen und eine „Bauchentscheidung“ zu überdenken. 

Ursula Josuttis unterstützt das Vertrauen der Patienten in ihre Ärzte. „Ich habe selbst ein Grundvertrauen in Ärzte, sonst wäre ich nicht so lange Klinikseelsorgerin geblieben.“ Aber sie sieht sich nicht als Mittlerin zwischen Arzt und Patient, sondern möchte, dass die Patienten, wie geschwächt auch immer, mündig bleiben und für sich selbst sprechen; das zu üben – auch dafür ist sie da.

Was aber, wenn es wenig zu hoffen gibt, der Patient die Zuversicht verloren hat? Dann, sagt Ursula Josuttis, hilft die Zeit. Zuversicht hat man oder man verliert sie –  und sie kann erst langsam wieder wachsen. Sie keimt auf aus Altem, längst Vergessenem. „Meine Mutter hat das Sterben auch geschafft“, so kann sich das anhören, „also werde ich es schaffen.“ Oder: „Gott hat mich besucht, er ist bei mir. Ich bin nicht allein.“ Schwere Krankheit und Krise führe dazu, „dass die Menschen auf der Suche sind“. Auf der Suche nach Vertrauen und Zuversicht. Ursula Josuttis betrachtet dies wie das Sich-Entwickeln eines zarten Pflänzchens. Sie sagt lächelnd: „Und ich passe auf, dass da niemand reintrampelt und gieße auch manchmal.“

Anne-Kathrin Stöber