Vertrauen
Wie ein Turm aus Glas
Foto: privat
Der Psychologe und Coach Bernd Fritz-Kolle über das kostbare, fragile Gut Vertrauen
1. Warum vertraue ich jemandem?
Ganz einfach: weil unser Leben ohne Vertrauen leicht zur Hölle wird. Eigentlich braucht und sucht jeder Mensch Halt und Sicherheit im Leben, gerade in Zeiten, in denen Vieles im Wandel ist und Ungewissheit wächst. Nur wenn ich mich auf Institutionen, Regeln, Absprachen und damit letztlich immer auf Menschen verlassen kann, kann ich mich sicher fühlen. Es gibt ein Grundbedürfnis nach Sicherheit durch und in Beziehungen. Und: nur wenn ich mir selbst vertraue, kann ich auch anderen Vertrauen schenken.
2. Was muss gegeben sein, dass ich jemandem vertraue, den ich (noch) gar nicht persönlich kenne?
Um jemandem zu vertrauen, den Sie noch gar nicht kennen, brauchen Sie v. a. Ihre eigene Bereitschaft, sich zu öffnen, sich anzuvertrauen.
Sie leisten in gewisser Weise einen Vorschuss auf ein Vertrauenskonto, gehen ein kalkuliertes Risiko ein. Sie machen sich verletzlich – in der Erwartung, dass Ihr Gegenüber gut damit umgeht und Ihnen nicht Schaden zufügt. Um einem Fremden Ihr Vertrauen zu schenken, denken Sie z.B. an den Pfarrer, der Ihnen als Klinikseelsorger in schwieriger Lage ein Gespräch anbietet – braucht es oft einen Rahmen von Erwartungen. So setzen Sie insgeheim voraus, dass dieser kompetent und erfahren ist, Verschwiegenheit wahrt und es gut mit Ihnen meint.
3. Wie wird Vertrauen erschüttert, gar verspielt und wie nachhaltig wirkt so ein Vertrauensverlust?
Vertrauen ist wie ein Turm aus Glas, kostbar, sorgsam aufgebaut, rasch zerstört.
Am einleuchtendsten ist es sicher, wenn ein Versprechen nicht eingehalten wird. Johannes Rau sagte einmal: „ Ein gebrochenes Versprechen ist ein gesprochenes Verbrechen.“ Das gilt im Privaten wie im Job. Je früher im Leben Menschen Vertrauensbruch erleben mussten, umso nachhaltiger ist deren Vertrauensfähigkeit beschädigt. Wer schon als Kind nicht sicher den Erwachsenen in seiner Umgebung vertrauen konnte, hat oft Probleme, sich auf sich selbst und andere verlassen zu können. Dass z.B. das furchtbare Thema Missbrauch aus der Tabuzone geholt wird, bringt hier Einiges hilfreich in Bewegung.
4. Was ist der Grund dafür, dass ein Mensch (z.B. ein Kind) sein Vertrauen in einen anderen Menschen (z. B. ein Elternteil) lange nicht aufgibt, obwohl sich letzterer ganz und gar nicht vertrauenswürdig verhält?
Menschen sind auf Menschen angewiesen; nicht wenige sind so abhängig voneinander, dass sie es nicht wahrhaben wollen, wenn sie von Partnern, Chefs oder Regierungen betrogen werden. Sie spielen die „Spiele“ mit, bis gar nichts mehr geht, oftmals bis sie selbst seelisch erkranken und sich erst dann z.B. TherapeutInnen anvertrauen. Vertrauensvolle Menschen geben Ihr Vertrauen nicht so leicht auf. Sie hoffen, dass doch noch alles gut wird.
5. Wie kann man sich Vertrauensangeboten gegenüber konstruktiv, aber kritisch bewegen? Geht das überhaupt?
Ja, das geht durchaus und es muss auch gehen, denn heute kann niemand mehr alle Produkte oder Dienstleistungen aus eigener Erfahrung kennen. Wenn Sie z.B. neue Experten wie Fachärzte, Finanzberater, Therapeuten, Seelsorger, Coaches etc. aufsuchen, werden Sie sich wahrscheinlich vorher über diese gut informiert haben, sich von Vertrauten Empfehlungen eingeholt haben. Haben Sie sich dann entschieden, werden Sie im ersten Gespräch nicht nur Fragen stellen, sondern auch „schnuppern“, wie jemand auf Sie persönlich wirkt. Welchen Eindruck macht er/sie auf mich? Ihre eigene Urteilskraft ist dann die Instanz, die letztlich entscheidet, wie weit Sie hier Vertrauen schenken. Ihr Gegenüber bekommt dann von Ihnen einen Vorschuss, den Rest muss er/sie sich im Verlauf verdienen.
6. Berufliche Zusammenarbeit zum Beispiel verlangt Vertrauen, und das, obwohl immer wieder Vertrauen gebrochen wird (von Kollegen, Vorgesetzten, Projektpartnern). Wie kann man damit umgehen? Erwartungen minimieren, Vertrauensbruch antizipieren, Verantwortung verschieben, zwischen Privatmensch und Berufsmensch trennen, wie sich selber schützen?
Dasselbe gilt in der beruflichen Zusammenarbeit. Verständlicherweise treten viele den Rückzug in die „innere Kündigung“ an, weil sie schon so viel „Mist“ erlebt haben. Nur: im Berufsleben verbringen wir nicht selten einen Großteil unserer Lebenszeit. Diejenigen, die sich resigniert in ihr Schneckenhaus zurückgezogen haben, führen sich darin nur selten wohl. Als Coach, aber auch als Psychotherapeut erlebe ich allzu oft, dass der Rückzug in die innere Emigration, voller Misstrauen, Missgunst, Isolation und Zynismus häufig Ängste und Depressionen oder psychosomatische Beschwerden zu Tage fördert, die nicht selten mit Alkohol bekämpft werden.
Vertrauen als Basis für Zusammenarbeit muss immer wieder auch dadurch hergestellt werden, dass Konflikte geklärt werden. Unternehmen und Institutionen tun gut daran, hierfür Kompetenzen und Gelegenheiten zu schaffen.
7. Vertrauenskrisen allerorten: Ist das mangelnde Vertrauen in Institutionen wie „die“ Politik, „die“ Wirtschaft, „die“ Banken, „die“ Kirche nicht gefühlte Ohnmacht?
In gewisser Weise ja. Letztlich sind es ja konkrete Menschen, die in den großen, mächtigen, aber so abstrakten Institutionen den Ton angeben. Aber diese sind so wenig greifbar, werden so wenig wirklich zur Verantwortung gezogen. Sie können in gewissem Sinne mit den Bürgern, Sparern, Rentnern tun, was sie wollen. Die immer noch aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt täglich, wie verantwortungslos – auch im Jahr 3 dieser Megakrise – gehandelt wird. Der Einzelne erlebt sich hilflos, ohnmächtig, ausgeliefert und zieht seinen Beitrag vom gesellschaftlichen Vertrauenskonto zurück.
8. Wertewandel hat individuelles Glücksstreben, das Bild der Spaßgesellschaft, Gefühle der grenzenlosen Freiheit und Rücksichtslosigkeit hervorgebracht. Gibt es nicht so etwas wie generalisierten Vertrauensverlust, weil Werte wie Gemeinschaft, Gemeinschaftsorientierung, Mitverantwortung, Sorge für/um andere Menschen, Achtung anderer Menschen, Vermeidung von (seelischer) Verletzung anderer in den Hintergrund getreten sind?
Ja, ich stimme Ihnen da zu – leider. Die nach autoritärer Nazi- und Nachkriegszeit historisch verständliche gesellschaftliche Entwicklung zur Befreiung und Individualisierung hat viele Eckpfeiler unseres Wertegebäudes weggespült. Werte wie langfristige Bindungen, d.h. Verlässlichkeit, Treue, aber auch Loyalität von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zeigen starke Erosionserscheinungen. Persönliches Karrierestreben, „koste es, was es wolle“, im Kleinen wie in Spitzenetagen macht Schule. Nicht nur Geiz, sondern v. a. Egoismus und Geld ist „geil“. Die Aushöhlung einer Vielzahl von Werten hat einen oft maßlosen Egoismus, aber auch Egozentrismus, das Nur-noch-um-sich-selbst-Kreisen, hervorgebracht. Wir müssen gut aufpassen, nicht in eine Wolfsgesellschaft abzudriften, in der nicht mehr gilt, „Ehrlich währt am längsten“, sondern „Der Ehrliche ist der Dumme“. Nicht nur die Kirche, sondern jeder, der Verantwortung trägt (Unternehmer, Vorgesetzte, Eltern) steht heute vor der Aufgabe, menschliche Grundwerte wieder viel stärker und glaubwürdiger zu vertreten und vor allem: diese zu leben.
Fragen: Cornelia Barth
Bernd Fritz-Kolle ist Diplompsychologe, tätig als Coach und auch als Psychotherapeut in Göttingen. So hat er auf unterschiedlichsten Ebenen mit Vertrauen und gestörtem Vertrauen zu tun. Im Rahmen der Teneo Organisationsberatung begleitet er Führungskräfte und Teams in Veränderungsprozessen.
