Interview mit Christina Meibohm, ehrenamtliche Beraterin der LFB
Man muss die Menschen in Bewegung bringen I

Foto: C. Barth
Die Ländliche Familienberatung (LFB) begleitet und unterstützt Menschen in Krisen.
1. Als Berater/Beraterin muss man ja zunächst einmal eine gehörige Portion Selbstvertrauen – wie eignet man sich das an?
Das mit dem Selbstvertrauen ist so eine Sache. Ich selbst bin immer wieder auch aufgeregt, wenn ich neuen „Klienten“ erstmals begegne. Oft komme ich in das zu Hause der Personen oder ich versuche, einen Termin auf „neutralem „ Boden zu vereinbaren. Was gibt es für Erwartungen, gelingt es mir eine Beziehung herzustellen? Diese und andere Fragen gehen mir doch immer wieder vor einem Erstgespräch durch den Kopf.
Im Laufe der Jahre haben sich ein paar Grundhaltungen entwickelt. Diese versuche ich mir immer zu verinnerlichen:
– Interesse und Neugier an den Menschen im allgemeinen
– Humor
– Stärke für mich selbst
– Mitgefühl
– Das Wissen, dass ich nicht „allmächtig“ bin und nicht die Lösung weiß. Bei mir im Unterrichtsraum habe ich zwei für mich sehr wichtige Sätze an die Wand gepinnt: „Jede/r hat alle Fähigkeiten in sich, die er/sie braucht“ und „Jeder Mensch ist einzigartig, wichtig und schön“.
All dies führt für mich zu einen Art Entlastung. Ich bin als Beraterin offen, höre zu, versuche durch möglichst offene Fragen das Problem gemeinsam mit den Ratsuchenden einzugrenzen und zu konkretisieren. Meine Aufgabe ist es nicht Lösungen zu präsentieren, denn das wäre vermessen. Ich kann Angebote machen, helfen zu sortieren, nachfragen, Überblick verschaffen, nachfragen.
Diese Beratungsmethoden helfen den Ratsuchenden hoffentlich, ihren eigenen Weg zu finden.
2. Bringen Ihnen die Ratsuchenden von der ersten Begegnung an Vertrauen entgegen oder entwickelt es sich erst langsam?
Der oder die Beratende muss meiner Meinung nach einiges an Selbsterfahrung mitbringen. Dies haben wir auch in unserer Ausbildung erfahren. Ich selbst habe auch Therapieerfahrung und mache seit Jahren Supervision. Ja, ich brauche unbedingt Vertrauen als Ratsuchende. Die „Chemie“ muss stimmen.
Mit den oben beschriebenen Grundhaltungen, stellt sich meiner Erfahrung nach sehr schnell ein Vertrauensverhältnis ein, das natürlich im Laufe von mehreren Beratungen vertieft werden kann. Vertrauen muss man sich erwerben. Das ist nicht einfach nur da, bloß weil ich von der LFB komme. Es gibt das so genannte „Eisbergmodell“. Danach läuft Beratung zu einem Achtel über die Sprache ab und zu sieben achtel über die Beziehung. Wenn ich es nicht schaffe eine Beziehung zu den ratsuchenden Personen herzustellen, gelingt meiner Meinung nach auch keine konstruktive Beratung auf Augenhöhe, kann kein Vertrauen entstehen.
Sich einem wildfremden Menschen gegenüber zu öffnen, oftmals das erste Mal überhaupt und nach einer langen Leidenszeit, finde ich sehr mutig. Davor habe ich größten Respekt! Die Expertin bin im Grunde nicht ich, sondern die ratsuchende Person ist es. Sie weiß doch zuerst, was für ihr Leben das Beste ist. Die Ressourcen sind in uns angelegt. Wir brauchen halt immer wieder mal Hilfestellung von außen, um sie neu oder wiederzuentdecken. Dabei ist festzuhalten: Wir in der LFB machen keine Therapie. Dazu fehlt uns eindeutig die Ausbildung. Stellen wir in der Beratung einen solchen Bedarf fest, helfen wir bei der Suche nach geeigneten Therapeuten. Das gilt auch für fachliche Belange oder sonstige Institutionen die weiterhelfen können.
3. Sie haben ja quasi die Kirche im Rücken – ist das ein Faktor bei der Vertrauensbildung?
Ja, das glaube ich schon. Unsere Beratung ist kostenfrei. Diese Leistung finanziert die Landeskirche. Wir beraten im ländlichen Raum und da spielt oftmals die Kirche im Gemeinwesen noch eine größere Rolle als im städtischen Bereich.
Als Beraterin respektiere ich jedoch alle religiösen Einstellungen. Zu uns kann kommen wer will. Meine eigene Einstellung macht mich zu der Person die ich bin, mein Weltbild kann aber nicht dasselbe sein, wie das meines Gegenübers. Also auch hier ist viel Respekt und Wachheit meinerseits notwendig.
4. Die LFB-Ausbildung steht unter dem Motto: „Vertrau auf den Prozess”. Was hat man darunter zu verstehen?
Manchmal hat man als Beratende den Eindruck, dass aus so langer Zeit sich so viel an Groll, Verletzungen und Themen – vor allem wenn wir Paare beraten – angesammelt hat, dass es erst mal ziemlich unübersichtlich wird.
„Vertrau auf den Prozess“ bedeutet für mich auch das Wissen, dass allein dadurch, dass mal was in einem geschützten Raum ausgesprochen werden darf eine Veränderung eintritt. Welche weiß ich nicht. Das ist letztlich auch erst mal nicht wichtig. Der Status Quo verändert sich. Wir arbeiten ja auch systemisch. Das bedeutet: Wenn eine Person im System (zum Beispiel Familie, Beziehung, verschiedene Generationen im Betrieb) etwas anspricht und verändern will, können die anderen nicht im alten Zustand bleiben. Sie sind konfrontiert, und ein Prozess beginnt. Etwas hat sich verändert. Wie diese Veränderung ist, wissen wir nicht. Wir vertrauen eben auf diesen Prozess, und ich versuche dies den Ratsuchenden zu vermitteln..
Als Beratende brauche ich aber auch immer wieder Rat. Wir haben in regelmäßigem Abstand Supervision und Weiterbildungen. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik, die Fähigkeit, Kritik anzunehmen, trainieren wir Beraterinnen und Berater wie alle Menschen immer wieder und wohl ein Leben lang.
Fragen: Cornelia Barth
