blick magazin

Interview mit Karin Deichert, ehrenamtliche Beraterin der LFB
Man muss die Menschen in Bewegung bringen II

Karin Deichert
Foto: J. Kassühlke

Die Ländliche Familienberatung begleitet und unterstützt Menschen in Krisen

1. Als Beraterin muss man ja zunächst einmal eine gehörige Portion Selbstvertrauen – wie eignet man sich das an?

Ich glaube, wer sich entscheidet diese Ausbildung zu machen, bringt bereits eine Portion Selbstvertrauen mit! Wir werden natürlich auch unterstützt, um weiterzukommen: beispielsweise durch Supervision, die ich absolut notwendig finde. Es gibt auch Tage, da habe ich kein Selbstvertrauen und denke: Das schaffst du nicht! Besonders in Fällen, die mir nahe gehen. Da muss ich dann wieder Abstand finden.

2. Bringen Ihnen die Ratsuchenden von der ersten Begegnung an Vertrauen entgegen oder entwickelt es sich erst langsam?

Wenn jemand bereit ist, diese Telefonnummer zu wählen, dann hat er schon ein gewisses Vertrauen, dass ihm jemand hilft. Vertrauen entwickelt sich natürlich dann in den Gesprächen. Es kann aber durchaus auch sein, dass man keinen Draht findet. Wichtig ist, eine gewisse Distanz zu halten. Es gibt Menschen von denen ich sagen kann: „Ja, das sind ganz auf meiner Welle!“ Da muss man allerdings aufpassen, dass man sich emotional nicht zu sehr engagiert. Andere Menschen möchte man, sinnbildlich gesprochen, mal schütteln, damit sie in die Pötte kommen. In jedem Fall brauche ich unbedingt die Supervision, Gespräche mit Kollegen.

3. Sie haben ja quasi die Kirche im Rücken – ist das ein Faktor bei der Vertrauensbildung?

Vielen Ratsuchenden ist erst einmal nicht bewusst, dass die LFB eine kirchliche Einrichtung ist. Im „Hessenbauer“ (das offizielle Organ des Hessischen Bauernverbandes, der Hessischen Landjugend und Mitteilungsblatt landwirtschaftlicher und ländlicher Organisationen, Anm. der Red.) veröffentlichen wir unsere Telefonnummer, so kommen die Ratsuchenden auf eine erste Idee. Dass die LFB eine evangelische Institution ist, erläutere ich im ersten Gespräch, und die Klienten empfinden dies als etwas Seriöses. Aber es spielt nicht die entscheidende Rolle, denn die Menschen sehen in erster Linie ihre aktuellen Probleme. Viele Kontakte zu uns ergeben sich auch über Mund-zu-Mund-Propaganda. Ich hatte einige Gespräche mit Menschen, die der katholischen Kirche angehören oder die ausgetreten waren. Sie reagierten positiv auf „evangelische Kirche“.
Ein Grund-Vertrauen schafft auch, dass wir Beraterinnen und Berater mit dem Leben auf dem Land vertraut sind. Es wird schon mal gefragt: „Was haben Sie denn mit Landwirtschaft zu tun?“ Meine Eltern hatten noch einen landwirtschaftlichen Betrieb, und ich habe hautnah miterlebt, wie schmerzhaft es sein kann, wenn man den Hof aufgeben muss. Mein Thema als Beraterin sind aber eher die zwischenmenschlichen Beziehungen, Eheprobleme, Kommunikationsprobleme.

4. Welche Faktoren fallen für die Vertrauensbildung zwischen Ratsuchenden und Beratern am stärksten ins Gewicht?

In der Ausbildung lernen wir: Man muss die Menschen annehmen, wie sie sind. Aber ich bin ja auch nur ein Mensch. Kann sein, dass man beim ersten Treffen schon das Gefühl hat: Ja, wir können miteinander. Es gibt auch Momente, da denke ich: Ach nee!! Aber das gibt’s selten. Der erste Kontakt: Man sieht sich an, man reicht sich die Hand. Smalltalk, ein Lächeln signalisieren: Du bist mir willkommen, ich bin offen, ich hör dir zu, das ist wichtig
Zu Beginn gingen wir immer auf die Höfe, dort erhält man natürlich einen Einblick in die Lebenssituation, wir gucken also auch heute noch in die Betriebe. Doch in der Zwischenzeit haben wir die Erfahrung gemacht: Das Setting ist wichtig. Wo haben wir Ruhe, wo unterbricht uns nicht das Telefonklingeln. Ungute Gefühle entstehen, wenn ich mich in der Umgebung nicht wohlfühle; die Menschen reden und agieren zu Hause ganz anders. Wichtig ist: unvoreingenommen zu bleiben. Da ist es gut, wenn man den Menschen auf „neutralem Boden“ vor sich hat.
Und ganz wichtig: Absolute Vertraulichkeit ist eine Grundvoraussetzung für Vertrauen, das möchte ich noch einmal herausstellen.

5. Wie lange sind Sie jetzt dabei?

Über zehn Jahre. Ich war in der zweiten Ausbildungsgruppe, also 1998 fertig. Ich habe immer die Möglichkeit zu sagen: Nein, ich möchte zu diesem Zeitpunkt nicht in eine Beratung einsteigen. Viele Fälle sind Paarberatung, das machen wir zu zweit, ein Mann, eine Frau. Ich bin zeitlich flexibel, habe die Möglichkeit, mehr zu tun. Aber berücksichtigt wird auch: Wer ist in erreichbarer Nähe, zu wem passt das Thema. Ich  bekomme einen Anruf vom Büro, dann entscheide ich. Wichtig ist, dass man die Klienten nicht kennt.

6. Haben die Menschen überhaupt noch Vertrauen in die Zukunft auf dem Land?

In meiner Beratung ist es kein Thema. Da geht es um Ehe-, um Kommunikationsprobleme.
Wir spüren die Auswirkungen des Wandels in den Dörfern, ja! Aber wenn wir uns hängenlassen, dann ändert sich nichts. Wir müssen mit unseren Pfunden wuchern! Zu sagen: „Es wird ganz schlimm kommen“, das heißt, die Hoffnung zu verlieren. Ein Land kann sich doch gar nicht leisten, das Land aufzugeben.
Ich hab Vertrauen in die Zukunft. Die Infrastruktur muss stimmen, um junge Menschen hier zu halten. Wir Menschen müssen etwas tun. Acht Stunden arbeiten gehen und dann abends vor dem Fernseher hocken, das bringt nichts. Wir müssen uns einbringen in Kirche, Vereinen, in der Kommunalpolitik.

Fragen: Cornelia Barth