Die eigene Spur finden
Playing arts: Selbstbildung zwischen Alltagsleben, Kunst und Spiel

Die Marburger Künstlerin Gabi Erne erzählt im blick Magazin, wie sie am liebsten Weihnachten feiert: Es muss brodeln. Erne ist „playing artist“ – was das bedeutet erläutert unsere Autorin Yasmin Bohrmann.
Unter dem Begriff „Playing arts“ entstand in den 1980er-Jahren am Burckhardthaus in Gelnhausen, dem ehemaligen evangelischen Institut für Jugend-, Kultur- und Sozialarbeit, ein Projekt-Netzwerk von Pädagogen, Theologen und Menschen aus allen möglichen anderen Berufen. Ins Leben gerufen wurde das Playing arts-Netzwerk von Christoph Riemer, dem ehemaligen künstlerischen Leiter am Burckhardthaus.
Riemer suchte nach einer Verbindung von Kreativität und Alltagsleben und kam dabei aufs Spiel. Ziel des künstlerischen Spielens ist die Selbstbildung, die Entwicklung einer spezifischen Lebenskunst. „Es geht nicht darum, bleibende Werke fürs Museum zu schaffen“, erklärt Playing artist Gabi Erne. Im Vordergrund steht vielmehr die Ausbildung einer gestalterischen Haltung zum individuellen und sozialen Lebensprozess.
„Als Playing artists suchen wir in der Konfrontation mit künstlerischen Impulsen unsere eigene Spur“, erklärt Erne. Die eigene „heiße“ oder auch „erotische“ Spur weist den Weg zur stimmigen Selbstentfaltung. Sie zeigt an, wo das Herz des Playing artist schlägt, wo persönliche Entwicklungspotenziale brach liegen. „Das ist aber kein therapeutischer Ansatz“, betont die Künstlerin. Es gehe vielmehr um den Zugewinn an innerer Freiheit.
Themen, Medien und Techniken zeitgenössischer Kunst wirken als Impulsgeber, denn hier öffnen sich Handlungsspielräume. Gestaltungsvorgaben gibt es nicht. Ein „playing artist“ kann zu jedem selbst gewählten Thema Filme drehen, Skulpturen oder Textilkunst schaffen, Bilder malen, Gedichte schreiben, Collagen schneiden oder auch Performances veranstalten. „Die Projekte sollen aber auf jeden Fall an unsere persönlichen Grenzen gehen, sie sollen in diesem Sinn riskant sein“, sagt Erne.
Mit der Offenheit und Zweckfreiheit des gewählten Kunst-Projekts soll schließlich auch der Spielcharakter gewahrt werden. „Wie beim Kochen, probiert man/frau eine Idee, Zutaten, eine Geschmacksrichtung, ein ‚Rezept’ aus, die sich nach den eigenen Möglichkeiten wandeln“, schreiben Christoph Riemer und Benedikt Sturzenhecker auf der Homepage des „Netzwerks der Zukunft“. Selbst gewählte Spielregeln machen die Kunst-Projekte besonders reizvoll.
„Sie grenzen das Material ein, schärfen den Blick dafür und spitzen es ästhetisch zu“, sagt Gabi Erne. Die Vorgaben für die soziale Skulptur „Um zwölf Uhr bin ich da“ etwa, bei der sie die Bewohner einer mehrere hundert Meter langen Marburger Traditionsstraße für eine Stunde lang an einer Tafel auf der Straße versammelte, lauteten folgendermaßen: Jeder Haushalt sollte einen Tisch und Stühle rausstellen, eine weiße Decke auflegen, weißes Geschirr aufdecken und gemeinsam eine Suppe löffeln. So entstand der ästhetische Eindruck eines einheitlichen Bandes, das auch die soziale Verbindung in der Straße reflektiert.
Damit die Playing artists die Außenwirkung ihrer Projekte überprüfen können, stellt das Netzwerk den Mitgliedern auf regelmäßigen Symposien und Workshops Gesprächs-Foren und künstlerische Impulsfelder zur Verfügung. So können die Spielkünstler ihre Spielvorhaben anderen Playing artists vorstellen, mit ihnen diskutieren und sie weiterentwickeln. Außerdem wird jährlich der Playing Art Award vergeben – eine Auszeichnung, bei der die Nominierten selbst die Jury bilden, die Qualitätsmerkmale erarbeiten und die Gewinnerprojekte untereinander bestimmen.
Yasmin Bohrmann
Siehe auch: www.adz-netzwerk.de/Playing-Arts-Prozesse-der-Gestaltung.php; http://www.playing-arts.de/; http://www.christophriemer.de/
