blick magazin

Eine wundersame Bahnfahrt zwischen Düsseldorf-Kaiserwerth und Duisburg am Heiligen Abend
U79 – Die Weihnachtswunderlinie

WEIHNACHTSWUNDERNACHT Bd.6
Die Fortsetzung der beliebten Buchreihe – herausgegeben vonThomas Klappstein – mit neuen Geschichten ist jetzt erschienen.

Bodo liebte dieses Ritual. Am frühen Nachmittag des Heiligen Abend in Duisburg an der Station Grunewald in die U 79 zu steigen und bis zum Klemensplatz nach Düsseldorf-Kaiserswerth zu fahren. Dort auszusteigen, durch die Gassen des alten Kaiserswerth und schließlich über den Deich zum Restaurant „Alte Rheinfähre“ zu spazieren. Dort, kurz bevor das Lokal zum Weihnachtsabend schließt, noch einen Kaffee und ein Stück hausgemachter „Lübecker Marzipantorte“ zu genießen, die hier besonders gut war und ihn an seine Heimatregion erinnerte. Als einer der letzten Gäste durch das Panoramafenster im Wintergarten den Blick auf den vorbeifließenden „Vater Rhein“ zu genießen und am anderen Ufer die sich langsam senkende Wintersonne zu beobachten. Und wenn die echte Rheinfähre sich nicht schon vor zwei Tagen in die Winterpause verabschiedet hätte, wäre er mit ihr auch noch ans andere Ufer und wieder zurück gefahren.

Jetzt verabschiedete er sich von der „Weihnachtskellnerin“, wie er sie nannte, die in den vergangenen Jahren immer die Heiligabendschicht im Restaurant übernommen hatte. Gab ein großzügiges Feiertagstrinkgeld und machte sich auf den Rückweg zur U 79-Station Klemensplatz.
Diese U 79, die einzige direkte Linie zwischen Duisburg und Düsseldorf, glich eher einer Straßenbahn-Linie als einer U-Bahn. Nur die letzten Stationen in Duisburg und einige Zwischenstationen in Düsseldorf verliefen unterirdisch. Zwischen der wenig besiedelten Grenze der beiden Großstädte verlief die Strecke kilometerweit über freies Feld.
Sein Rückweg führte Bodo direkt am Rhein entlang. Vorbei an der Galerie Burghof, dem Kultbiergarten und der Ruine der alten Kaiserpfalz. Die Wintersonne senkte sich immer mehr, und so langsam bekamen der Himmel und die wenigen Wolken einen leichten Rotstich. Durch das Fluttor in der Stadtmauer betrat er schließlich die Altstadt von Kaiserswerth. Er mochte diese früher eigenständige Stadt mit ihrer Historie. Besonders zu dieser Zeit des Jahres. Viel los war jetzt nicht mehr. Die Geschäfte und Lokale hatten bereits geschlossen.
Die Weihnachtsbeleuchtung in den Bäumen auf dem alten Marktplatz, der die Straße der Altstadt in den links und rechts fließenden Verkehr teilte, ließ ihn an Joseph von Eichendorffs Weihnachtsgedichtsklassiker denken.
 Auch die Schaufensterdekorationen, insbesondere die der Traditionsbuchhandlung Max Apel sowie die des vor ein paar Jahren neu eröffneten Buchladens „Lesezeit“. Eine alte Dame im Pelz und mit Geschenktaschen in beiden Händen ging an ihm vorbei. Sicherlich auf dem Weg zu ihren Kindern und Enkelkindern.
Ein junger Familienvater und eine junge Familienmutter mit ihren kaum zu bändigenden Kleinkindertruppen zogen ihre Runde. Wahrscheinlich von den Partnern aus dem Haus geschickt, um letzte liebevolle Vorbereitungen für die Bescherung zu treffen. Auch eine kleine Gruppe Teenager, offensichtlich in der Pubertät und mit wenig Bock auf ein klassisches Familienweihnachtsfest, kam ihm entgegen. Sie verließen die Altstadt durchs Fluttor und bogen Richtung Kaiserpfalz-Ruine ab. Wahrscheinlich unterwegs zu ihrer alternativen Weihnachtsfeier, dachte Bodo bei sich.
Nun vorbei am Klemensplatz, wo die Buden des kleinen, aber feinen Weihnachtsmarktes noch aufgebaut waren, zur unmittelbar anschließenden Haltestelle. In fünf Minuten würde die nächste Bahn der U 79 Richtung Duisburg-Meiderich kommen. Der Kult-Imbiss mit der legendären „Berliner Currywurst“, direkt an der Haltestelle, schloss gerade seine Luke. Drei Kunden verspeisten am Tresen die Reste ihrer Currywurst-Pommes mit Schranke. Macht ja schon Appetit, dachte Bodo, aber am Abend erwarteten ihn ja noch zahlreiche kulinarische Genüsse im Familienkreis.
Die „blaue Stunde“ machte sich nun bemerkbar. Der Zeitraum an den Wintertagen, wo es nicht mehr richtig hell, aber auch noch nicht richtig dunkel ist.
Jetzt freute sich Bodo auf die Rückfahrt. War gespannt, welche Fahrgäste ihn in diesem Jahr am Heiligen Abend auf seiner „Traditionsfahrt“ begleiten würden.
Wie gesagt, Bodo liebte dieses Ritual. Er zelebrierte es, seitdem es ihn aus seiner norddeutschen Heimatregion, dem Großraum Hamburg, aus beruflichen – oder besser: aus Berufungsgründen – ins Ruhrgebiet verschlagen hatte.
Zunächst nach Marl, am nördlichen Ruhrgebietsrand, und dann nach Duisburg, an der Grenze zum Niederrhein. Seine Kinder waren hier geboren und aufgewachsen. Die Tochter in Marl, der Sohn in Duisburg.
Bodo war Pastor einer freikirchlich-evangelischen Gemeinde. In Absprache mit der Gemeindeleitung und den Gemeindemitgliedern hatten sie gleich nach seinem Dienstantritt entschieden, an den Weihnachtstagen nur einen zentralen Gottesdienst anzubieten. Am Heiligen Abend. Und diesen zeitlich auch deutlich später gelegt, als es ansonsten üblich war. Dafür mit besonders viel Liebe geplant und vorbereitet. Schließlich wurde ja der Geburtstag von Jesus gefeiert, Gottes Sohn – die Ankunft des Schöpfergottes in menschlicher Gestalt in seiner eigenen Schöpfung. Manchmal war das für Bodo immer noch unbegreiflich.


Dass der Gottesdienst wirklich etwas Besonderes war, hatte sich herumgesprochen im Duisburger Süden. Jedes Jahr wurde er daher von mehr Menschen besucht. Viele mussten inzwischen stehen.
Bodo wollte entspannt in diesen Gottesdienst gehen. Außerdem das Ritual seiner Tour mit einer jedes Jahr sich anders entwickelnden Atmosphäre genießen. Deshalb mussten die Vorbereitungen für den Gottesdienst auch spätestens zur Generalprobe am 22. Dezember abgeschlossen sein. Das hatte auch diesmal geklappt.
Die Bahn lief ein. Bodo hatte das Manuskript seiner Predigt dabei – die natürlich auch schon bis zur Generalprobe hatte fertig sein müssen – und würde auf der Rückfahrt noch mal drüber schauen. Manchmal bekam er dann noch eine letzte Inspiration, die er spontan einfügen konnte. Kam immer ganz auf die Konstellation der Fahrgäste an. Bodo beobachtete gerne die Leute, die am 24.Dezember, so kurz vor dem „Heiligen Abend“, noch unterwegs waren. Sinnierte darüber, was ihr Ziel an und für diesen Abend war. Oder ob sie nicht sogar auf der Flucht waren vor diesem „Fest der Feste“ und seinen emotionalen Besonderheiten.
Das junge Liebespaar, das schon auf dem Bahnsteig eng aneinandergekuschelt stand und sich wohl auf das erste gemeinsame Fest freute, stieg mit ihm in den Waggon. Suchte sich eine freie Sitzbank und kuschelte auch im Sitzen weiter.
Voll war es nicht. Die meisten Menschen in diesen Breitengraden waren zu dieser Uhrzeit bereits zu Hause versammelt oder saßen schon in einer der Christmetten, die z. T. schon am frühen Nachmittag gefeiert wurden.
Aber der Typ da drei Reihen vor ihm, mit brauner, leicht abgewetzter Cordhose, grünem, ausgeblichenem Parka und grauer Strickpudelmütze auf dem Kopf mit dem wenigen Haar war ihm schon auf der Hinfahrt aufgefallen. Auch wegen seines kleinen Pudels, den er meist auf seinem Schoß hatte und interessanterweise „Erdmute“ nannte, ein uralter Name, der heute nicht mehr geläufig war. Wohl tatsächlich ein „Weihnachtsflüchtling“, der den Heiligen Abend damit verbringen wollte, von einer Endstation zur anderen zu fahren, dachte Bodo bei sich. Anders als die drei Männer, die offensichtlich keine deutschen Wurzeln hatten und sich in einer Reihe mit gegenüberliegenden Zweierbänken angeregt und entspannt unterhielten. Vielleicht wirkliche Flüchtlinge, überlegte Bodo. Die Klamotten, durchaus sauber und passend zusammen gestellt, aber modisch nicht up to date, könnten aus der Kleiderkammer einer Flüchtlingsunterkunft stammen. Dass sie sich untereinander in Englisch unterhielten, mit ein paar deutschen Sprachkursbrocken, wies darauf hin, dass sie nicht aus derselben Region stammten. Zwei ließen eine Herkunft aus dem arabischen Raum vermuten – Syrien oder Irak? –, bei dem anderen deutete äußerlich vieles auf Afrika hin.
Die „Heiligen Drei Könige“, schoss es Bodo in den Kopf, und er schämte sich ein wenig, dass ihm gleich dieses Klischeebild der Weisen aus dem Morgenland, wie sie ja eigentlich in der biblischen Weihnachtsgeschichte bezeichnet werden, in den Kopf kam.
Auf dem Einzelplatz nahe der hinteren Ausgangstür saß ein älterer Herr im feinen Lodenmantel, Bügelfaltenhose und schicken Lederhandschuhen. Vor sich einen großen Leinenbeutel, gefüllt mit stilvoll verpackten Geschenken. Wohl auf dem Weg zur Familie eines seiner Kinder. Oder von Freunden?
Auf den geräumigen Einzelplatz für Schwerbehinderte hatte sich eine Teenagerin gefläzt und es sich gemütlich gemacht. Vielleicht 15, 16, 17 Jahre alt. Schwarz gefärbte Haare, anscheinend zur Feier des Festes mit grünen und roten Strähnen dekoriert, Lippen und Nasenpiercing. Unter den Augen mit schwarzem Kajalstift geschminkt. Was ihr wohl ein Respekt einflößendes Aussehen vermitteln sollte.
Schwarze, nietenbesetzte Lederjacke über schwarzen Klamotten und Schottenkarorock. War ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt. Manchmal meinte Bodo, ein gemurmeltes „Scheiße, Scheiße, Scheiße“ zu hören.
Im vorderen Teil erblickte Bodo eine Gruppe Berufsjugendlicher. Gestandene Männer – alle in ihren 40er und 50er Jahren – in betont lässiger Kleidung und mit viel Pomade gestylten Frisuren. Sie hatten Musikinstrumente dabei: Gitarre, Cajon und etwas, das wie ein „Besenstilbass“ aussah. Vielleicht ja die „Toten Hosen“ auf dem Weg zu einem ihrer berühmt-berüchtigten Wohnzimmerkonzerte für eine Palette Dosenbier? Trotz ihrer Bekanntheit gaben sie ja immer wieder mal solche Konzerte. Vielleicht sollte ich sie auch mal einladen, dachte Bodo amüsiert bei sich. Aber Weihnachten wären sie dann ja als „Rote Rosen“ unterwegs, überlegte er weiter, und unplugged spielten die bestimmt nicht.
Hier und da saßen vereinzelt noch ein paar weitere Personen. Aber alle schön weit auseinander, mit ihren Gedanken beschäftigt.
Und während er die illustre Weihnachtsgesellschaft betrachtete, die sich hier ungeplant zusammen gefunden hatte, war die „blaue Stunde“ von der Dunkelheit abgelöst worden. Beim Blick aus dem Fenster der fahrenden U 79 stellte er fest, dass es tatsächlich anfing leicht zu schneien. Wie es der Wetterbericht für diesen Tag angekündigt hatte. Sie befanden sich jetzt auf dem Stückchen „Niemandsland“, wie er es gerne nannte, dem freien Feld zwischen den Stadtgrenzen. Der Schnee hatte schon für eine leichte weiße Zuckerung des Bodens gesorgt.
Bodo begann jetzt, sich mehr und mehr auf den bevorstehenden Gottesdienst zu fokussieren und ging im Kopf noch mal die Predigt durch, die er nachher halten würde. Er freute sich auf den Gottesdienst ebenso wie auf den Heiligen Abend zu Hause mit seiner Familie.
An der „Bedarfhaltestelle Froschenteich“, mitten im Niemandsland, hielt die Bahn tatsächlich, und noch jemand stieg ein. Wo kommt der denn her?, dachte Bodo noch bei sich, sieht ja aus wie ’n Hirte – und riecht irgendwie auch so.
Nur noch wenige Stationen, dann hätte er sein Ziel erreicht. Er zog das Manuskript seiner Predigt aus der Innentasche, um noch einen letzten Blick hineinzuwerfen und sich die Schlüsselaussagen zu vergegenwärtigen.
Auf einmal blieb die Bahn abrupt stehen. Die Fahrgäste wurden ordentlich durchgeschüttelt, einige hatten Mühe, sich auf ihrem Platz zu halten, aber keiner wurde verletzt. Mitten zwischen den Haltestellen „Froschenteich“ und „Kesselsberg“.
Da standen sie nun auf freiem Feld. Geht bestimmt gleich weiter, dachte Bodo bei sich. Sagte das auch zu der Person, die ihm am nächsten saß. Aber es ging nicht gleich weiter. Minute um Minute verstrich, und Bodo wurde so langsam nervös. Immerhin hatte er einen entscheidenden Part zu übernehmen im Gottesdienst. Die DVG, eine der beiden U 79-Betreibergesellschaften, hatte schon lange nicht mehr die neuste Flotte an Bahnfahrzeugen. Das war bekannt.
Aber sie werden ja wohl nicht ausgerechnet an den Weihnachtstagen ihre ältesten Fahrzeuge einsetzen, hoffte Bodo.
„Liebe Mitfahrgäste, Sie brauchen keine Angst zu haben, aber die Fahrt geht vorerst nicht weiter.“ Der Typ, der gerade eben an der Bedarfshaltestelle zugestiegen war, war aufgestanden und sprach nun laut und vernehmbar zu den Fahrgästen. Wie sich herausstellte, war er tatsächlich ein Hirte. Schafhirte. „Seit Jahren versuchen wir Hirten, auf unsere Arbeitsbedingungen und sehr begrenzten Verdienstmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Aber da wir bisher weder in der Öffentlichkeit noch in den politischen Gremien Gehör fanden, haben drei meiner Kollegen und ich beschlossen, unsere Schafherden zusammen zu treiben und diese Strecke am heutigen Abend zu blockieren. Mit einer durch eine Schafherde blockierten U-Bahn-Strecke am Heiligen Abend haben wir zumindest die Möglichkeit, in die Berichterstattung der Medien zu kommen und für unser Anliegen eine Öffentlichkeit zu schaffen. Es tut mir leid, dass Ihr Heiligabend dieses Jahr ein wenig anders verlaufen wird, aber wir sahen keine andere Möglichkeit. Sie sind auch nicht die einzigen, die es betrifft. Zeitgleich laufen solche Aktionen in mehreren Städten in Deutschland. Die Redaktionen von Zeitung, Rundfunk und Fernsehen wurden vor wenigen Minuten informiert. Und jetzt warten wir mal, was passiert. Frohe Weihnachten trotzdem.“
Und richtig, als er aus dem Fenster sah, entdeckte Bodo jede Menge Schafe, die den Waggon regelrecht umzingelt hatten. An eine Weiterfahrt war absolut nicht zu denken. Na super, dachte Bodo, das war’s dann wohl. Den Gottesdienst kann ich mir von der Backe putzen. Hier draußen, auf dem Felde bei den Hürden, wo des Nachts die Hirten ihre Schafe hüten.
Vielleicht kommt ja gleich auch noch ein Engel vorbei ..., ließ er seinem aufkommenden Sarkasmus freien Lauf. Der hatte ihm schon oft geholfen, schräge Situationen unbeschadet zu überstehen.
Leichte Unruhe machte sich im Waggon breit, aber Panik kam nicht auf. Ändern können wir es eh nicht, dachten wohl die meisten. Die Atmosphäre blieb auffallend gelassen. Ist das etwa der Weihnachtsfriede?, überlegte Bodo.
Die „Berufsjugendlichen“ erhoben sich auf einmal von ihren Plätzen, schnappten ihre Instrumente und intonierten mit verschmitzten Gesichtern „O Du Fröhliche“. Etwas anders, als die meisten es kannten, deutlich schneller und mit unüberhörbaren Punkrock-Anklängen. Hören sich ja tatsächlich an wie die Toten Hosen, dacht Bodo, wippte seinen Fuß im Takt und summte erst leise, dann deutlich vernehmbar mit.
„Einen schönen guten Abend!“ Nachdem der erste Song verklungen war, meldete sich der Sänger zu Wort: „Mein Name ist Campino, das hier ist Breiti, und von den anderen habt ihr vielleicht auch schon mal gehört.
Heute wollten wir als ‚Rote Rosen’ zum ersten Mal ein Wir warten auf’s Christkind-Unplugged-Wohnzimmer-Konzert spielen. Im HÜBI in Ruhrort, dieser Kult-Kneipe an der Hafenmündung. Die „HAFEN-JAM-Session-Gang“ von da liegt uns damit schon seit Jahren in den Ohren. Haben extra die U-Bahn genommen, damit wir auch was trinken können. Wird wohl heute nix. Oder zumindest später. Aber hier Trübsal blasen, ist ja auch doof. Da können wir hier auch gemeinsam singenderweise auf’s Christkind warten – so wie früher, bei der Fernsehsendung im Ersten. Ist ja alles versammelt: Die Hirten auf dem Felde bei den Hürden, die des Nachts ihre Schafe hüten. Und die Heiligen Drei Könige sind auch da“, bemerkte Campino breit grinsend mit einem Kopfnicken in Richtung der drei vermeintlichen Flüchtlinge. „Fehlt tatsächlich nur noch das Christkind“, fuhr er lachend fort, „wie heißt es noch? Jesus, oder?!? Wundert mich ein bisschen, dass es hier noch keinen Krawall gab. Scheint Weihnachten ja doch so’n kleines Wunderfest zu sein.“
Das ist ja irre, dachte Bodo bei sich, die hören sich nicht nur so an, das sind die Toten Hosen! Und dann erwiderte er dem Sänger, und wunderte sich dabei selbst über die Worte aus seinem Mund:


„Jesus bin ich zwar nicht, beschäftige mich aber von Berufswegen mit ihm. Als Pastor wollte ich eigentlich gleich im Weihnachtsgottesdienst meiner Gemeinde darüber predigen, was für Auswirkungen die Menschwerdung Gottes so haben kann. Den Gottesdienst werde ich wohl genauso wenig rechtzeitig erreichen wie Ihr euren Gig im HÜBI. Aber warum machen wir nicht beides zusammen? Feiern hier so ’ne Arte Retro-Weihnachten. Ihr sorgt für die Musik, seid quasi der Engelschor, und ich erzähl ein bisschen was aus meiner Predigt.“
„Hatten wir noch nie“, meinte Campino, „machen wir.“
Auch den anderen Fahrgästen schien die Idee zu gefallen, und sie rückten schon mal näher zusammen.
„Da fehlt aber noch der Stall“, meldete sich die Teenagerin vom Behindertensitzplatz.
„Ohne Stall kein Weihnachten.“ Das sahen die anderen Fahrgäste zwar anders, aber Bodo ging auf ihren Einwand ein: „Mit einem klassischen Stall kann ich zwar nicht dienen, aber nur ein paar Minuten entfernt von hier befindet sich die Hubertuskapelle, gleich neben einem Reitverein. Da können wir alle hingehen, wenn ihr mögt. Die ist meistens geöffnet. Zumindest weiß ich, wo der Schlüssel liegt. Die vielen Schafe hier sind eh sehr laut. Dort hätten wir ein bisschen mehr Ruhe.“

Die Idee gefiel. Da die Schneewolken draußen weiter gezogen waren und nun wieder sternklare Nacht herrschte, konnte man auch trocken dorthin gelangen. Bodo rief mit seinem Handy noch Uli an, einen der Gemeindeältesten, schilderte die Lage und informierte ihn, dass er es heute wohl nicht zum Gottesdienst schaffen würde. Uli erklärte sich spontan bereit, anstatt der Predigt einige Impulsgedanken weiterzugeben. Würde es halt eine kurze Predigt werden. Bodo freute sich einmal mehr über seine fähigen Mitarbeiter und dass sie ihn in dieser Situation nicht hängen ließen. Die Roten Rosen informierten noch das HÜBI, dass es wohl deutlich später werden würde. Der Schaffner der U 79 öffnete die Türen, und tatsächlich traten alle Fahrgäste ins Freie und ließen sich von Bodo zur Kapelle führen. Selbst die Hirten gingen mit. Sollten die Journalisten doch zur Kapelle kommen.
In der Kapelle fanden sich noch genug Kerzen, die angezündet ein schönes, stimmungsvolles Licht warfen. Die Roten Rosen intonierten einige Weihnachtsklassiker auf ihre spezielle Art, und irgendwie schafften es alle mit einzustimmen. Dann begann Bodo seine Predigt:
„Ich möchte Ihnen und Euch meinen Lieblings-Weihnachts-Comic vorstellen. Ein Comic-Strip von HÄGÄR dem Schrecklichen, diesem unerschrockenen Wikinger, der oft gar nicht so schrecklich ist.“
Und dann fasste er einen Comic-Strip zusammen, in dem sich Hägars kleiner Sohn in einer sternenklaren Nacht zur Weihnachtszeit mit einem Mönch unterhält. „Ich liebe diese Jahreszeit“, sagt er zu dem Geistlichen. „Alle sind so glücklich, freundlich und hilfsbereit. Alles ist so friedlich und harmonisch.“ Sogar Menschen, die sich sonst „mit dem Hintern nicht angucken“, gehen auf einmal sehr freundlich miteinander um. Selbst die Wikinger seines Vaters und die englischen Soldaten – eigentlich ja Erzfeinde. Seine Beobachtungen schließt der kleine Wikinger ab mit einer besonderen Entdeckung, die er dem Mönch aufgeregt mitteilte „Und sieh doch! Dieser Stern war vorher noch nie da!“ Dabei zeigt er auf einen Stern, der besonders hell leuchtet und größer als die anderen zu sein scheint. Der Mönch antwortet nur: „Oh nein, der ist die ganze Zeit da! Aber die meisten Menschen können ihn nur zu Weihnachten sehen!“
„Der Stern ist die ganze Zeit da! Aber die meisten Menschen können ihn nur zu Weihnachten sehen!“, griff Bodo die letzte Aussage auf. „Wann fangen wir an, das ganze Jahr auf ihn zu achten? Da könnte sich einiges zum Positiven verändern und wir würden so einen schrägen Abend, wie wir ihn heute haben, öfter erleben. An dem Menschen miteinander harmonieren, die sich sonst aus dem Wege gehen, kaum beachten oder sogar das Leben schwer machen. Jesus, das Friedenskind, macht’s möglich. Vielleicht einfach mal auf seine Vorschläge zum Leben achten. Öfter mal mit ihm kommunizieren. Soll Wunder wirken. Weihnachtswunder!“ Und damit beendete Bodo auch schon die Predigt.
Nicht nur die Toten Hosen schienen ergriffen, als sie anschließend den Weihnachtshit schlechthin anstimmten: Stille Nacht. Ganz klassisch, ohne eigene Interpretation. Campino begann a capella, und die U-79-Gemeinde stimmte ein. Ganz sachte schlich sich die Band dazu.


Und als sie wieder ins Freie traten, war da auf einmal eine relativ große Menschenmenge. Ein Teil von Bodos Gemeindemitgliedern hatte spontan beschlossen, nach dem Heiligabend-Gottesdienst nur kurz zu Hause aufzuschlagen, das Weihnachtsmenü einzupacken, das bei den meisten ohnehin nur aus Kartoffelsalat und Würstchen bestand, und dann zu den Gestrandeten draußen vor die Tore der Stadt zu fahren. Nach draußen auf’s Feld bei den Hürden und den Schienensträngen, wo es in dieser Nacht einigen Hirten einfiel, ihre Schafe zu hüten. Medienvertreter waren auch inzwischen eingetroffen, und die Schafhirten gaben eine Pressekonferenz. Und da bereits einige lokale Rundfunksender von dem Ereignis berichtet hatten, kamen auch andere Bürger aus der näheren Umgebung vorbei und hatten ein bisschen Proviant dabei.
Hungrig und durstig musste hier keiner bleiben. Polizei und Rettungskräfte waren ebenfalls in ausreichender Anzahl vorhanden. Und auch als sie merkten, dass es für sie nichts zu tun gab, blieben sie noch ein wenig länger.
Und so gab es eine sehr spontane und ursprüngliche und einmalige Open Air-Weihnachtsparty. Zusammengesetzt aus Menschen aller sozialer Schichten und verschiedenster Generationen und Nationalitäten.
Dass die Strecke inzwischen geräumt und wieder befahrbar war, interessierte niemanden. Auch die Roten Rosen ließen noch einige Bahnen der Linie U 79 passieren, bevor sie weiterzogen zum HÜBI und seiner „HFN-Jam-Gang“ nach Ruhrort. Und als Bodo zu seiner Familie, die natürlich auch zum Ort des Geschehens geeilt war, ins Auto steigen wollte, schaute er noch einmal zum Sternenhimmel. Und ein Stern, genau über diesem Stück Erde, schien irgendwie besonders hell zu leuchten. Ob der wohl schon immer da gewesen war?

Autor: Thomas Klappstein, 2017 (alle Rechte)
Veröffentlicht in:
„Weihnachtswundernacht Bd. 6“
Herausgeber: Thomas Klappstein
Brendow Verlag, Moers, 2017