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Ratgeber

Weihnachtssehnsucht

Pfarrerin Ute Zöllner, Pastoralpsychologin und Gruppenpsychotherapeutin, leitet die Psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen des Diakonischen Werks in Kassel, T (05 61) 7 09 74-2 50
Das Weihnachtsfest und die Familie gehören wie selbstverständlich zusammen. Weihnachten wird als Familienfest gefeiert. Der Wunsch nach harmonischen Feiertagen dominiert. Die Familie versammelt sich, so die Hoffnung, friedlich um den Esstisch und bestätigt sich wechselseitig, wie wichtig man einander ist. An Weihnachten verdichten sich die Bedürfnisse nach Geborgenheit, nach liebevoller Nähe und dem Wunsch, bedingungslos angenommen zu sein. Die Familie ist der Ort, an dem wir erwarten, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden. Und es ist kaum möglich, sich den Erwartungen zu entziehen. Auch deswegen nicht, weil wir auf das „Fest der Liebe“ schon Wochen vorher stimmungsvoll durch die Welt der Werbung vorbereitet werden. Aber die Sehnsucht nach Harmonie und die Realität familiärer Konflikte sind zwei Seiten einer Medaille. Das zeigt die Diskussion bei Familie A.

Marion und Wolfgang haben drei erwachsene Kinder. Paul, ihr jüngster Sohn absolviert ein Freiwilliges Jahr in Südamerika und hat bereits bei seiner Abreise erklärt, Weihnachten nicht nach Hause kommen zu wollen. Andrea ist Mitte dreißig und fährt seit einigen Jahren über die Feiertage mit ihrem Partner am liebsten in den Urlaub.
So richten sich alle Erwartungen auf die mittlere Tochter Susanne, die anders reagiert als gedacht. Marion ist erschrocken und empört zugleich, als Susanne ihr in der Woche vor dem vierten Advent am Telefon eröffnet, in diesem Jahr mal ganz anders feiern zu wollen – mit ihrer Freundin. „Das kann doch nicht wahr sein, dass du Weihnachten nicht nach Hause kommst! Wir rechnen fest mit dir. Tu mir das nicht an!“ Susanne ist diese Absage ziemlich schwer gefallen; sie kennt ihre Mutter und weiß, wie empfindlich sie ist, wenn es um das Weihnachtsfest geht. Als Kind hat Susanne die Advents- und Weihnachtszeit geliebt, möchte die Erfahrungen nicht missen. Aber in diesem Jahr will sie Abstand zur Kinderzeit, allen Schuldgefühlen zum Trotz.
Auch Wolfgang ist enttäuscht, zeigt das seiner Frau aber nicht offen. Er schützt sich in der Hoffnung, die Diskussion auf diese Weise schnell beenden zu können. „Augen zu und durch“ scheint seine Devise zu sein. So schlimm wird es schon nicht werden. Aber der Haussegen hängt schief. „Das wird das schrecklichste Weihnachtsfest meines Lebens!“, mit diesem Satz beendet Marion das Gespräch mit ihrer Tochter. „Dass du immer so dramatisch sein musst“, knurrt ihr Mann.
Marion fühlt sich zurückgesetzt. Insgeheim nagt der Zweifel an ihr. Was hat sie bloß verkehrt gemacht? Aber sie schweigt, noch mehr möchte sie sich nicht verletzen lassen. Wortwechsel wie dieser sind gefährlich für eine Beziehung. Sie klären nichts, verdecken die unangenehmen Gefühle, führen alsbald zu Vorhaltungen und fordern Rechtfertigungen heraus.
Marion und Wolfgang sind in diesem Jahr als Ehepaar allein zuhaus. Das ist schmerzlich und fremd für beide. Nur ein Stück vom Weihnachtsglück vergangener Jahre sollte noch einmal lebendig werden, aber sie können in diesem Jahr nicht „Alle Jahre wieder“ feiern. Eine Familie sind und bleiben sie trotzdem, auch wenn die Erwartungen an ein harmonisches Fest nicht erfüllt werden und der Eigensinn der Kinder und deren Wille, sich weiterzuentwickeln die Eltern ganz schön fordert. Der nostalgische Versuch, die Kindertage wieder aufleben zu lassen ist nachvollziehbar, aber er bindet und sperrt sich gegen inneres Wachstum. An Weihnachten neigen wir dazu, die Vergangenheit festlich vergolden zu wollen. Aber Weihnachten ist auch das Fest des Aufbruchs. Gott schafft in dem Kind in der Krippe einen dauernden Neuanfang. Er ermutigt uns, neues Leben zu entdecken.
Gerade die Enttäuschung birgt in sich die Möglichkeit, herauszufinden, was sich hinter den unterschiedlichen Wünschen und Erwartungen der einzelnen Familienmitglieder verbergen könnte. Was für ein Geschenk, wenn Verständnis füreinander wachsen könnte und es gelingen würde, sich im Miteinander stärker emotional aufeinander beziehen zu können. Das gelingt eher, wenn die Familienmitglieder einander zuhören, versuchen, sich in die Gefühlslage des anderen hineinzuversetzen und nicht drängend mit Ansprüchen aufeinander zugehen. Wolfgang und Marion werden nicht wunschlos glücklich sein, selig über ein gelungenes, traumhaftes Weihnachtsfest. Aber ihre Kinder geben ihnen die Chance herauszufinden, wie es um ihre Beziehung steht.

 

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>> Die Psychologische Beratungsstelle des Diakonischen Werks in Kassel bietet Beratung für alle Lebenssituationen und Lebensalter für Ratsuchende aus Kassel und Umgebung an. 
>> Psychologische Beratungsstellen gibt es auch in anderen Städten in Kurhessen-Waldeck.
>> Info im Netz unter www.ekkw.de > Ratgeber oder T (05 61) 10 95-1 18

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Nach 34 Ratgeber-Beiträgen in zehn Jahrgängen des blick-magazins verabschiedete sich unser Autor Rüdiger Haar in den Ruhestand. In einer Broschüre haben wir seine Texte zusammengestellt.

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