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Buß- und Bettag 2001 ekkw.de busstag.de

Vorschlag zur Gestaltung der Buß- und Bettagsgottesdienste in der EKKW

(der Arbeitsgruppe der Liturgischen Kammer der EKKW, 26.10.2001)

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Liturgie

Zur Predigt zu Matthäus 5, 38 - 45

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A. Liturgie

Der Gottesdienst wird nach Form IV gehalten (EG Seite 41 - 45)

 

BITTE UM DEN HEILIGEN GEIST: EG 136,1 oder 134,1+2 oder 124

BEGRÜSSUNG, Verlesen der Kanzelabkündigung des Bischofs

Sie können hier die Kanzelabkündigung online lesen.

 

LIED EG 428 oder 299,1-4 oder 488

PSALM Agende I Nr. 661

Bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.
Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.
Herr, höre meine Stimme!
Laß deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens.
Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst -
Herr, wer wird bestehen?
Denn bei dir ist die Vergebung,
daß man dich fürchte.
Ich harre des Herrn, meine Seele harret,
und ich hoffe auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen;
mehr als die Wächter auf den Morgen
hoffe Israel auf den Herrn!

Bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.
Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Ps 130,7b-8; 1-7a
oder EG 727 (Psalm 51), 751 (Psalm 130)


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CHRISTE DU LAMM GOTTES

GEBET Agende I Nr. 664 oder Nr. 780

LESUNG: 2. Mose 32, 7-14

Spruch nach der Schriftlesung: Du aber, o Herr, erbarme dich unser.

LIED 366, 1-4 oder 587, 1-6 oder 634

PREDIGT zu Matthäus 5, 38-45 (46-48)

LIED 366, 5-7 oder 235 oder 584

LESUNG: Die 10 Gebote (Agende I Nr. 1144 oder 1145)

 

Der folgende Teil des Gottesdienstes kann gestaltet werden
entweder als Sündenbekenntnis mit dem Zuspruch der Vergebung (a)
oder als Klage, der ein ermutigender Zuspruch folgt (b).

 

a: Sündenbekenntnis und Zuspruch der Vergebung
Agende I Nr. 1105

SÜNDENBEKENNTNIS

Barmherziger Gott,
wir haben an deiner Güte gezweifelt.
Wir haben für uns und andere die Hoffnung sinken lassen.
Wir sind an der Not anderer vorbeigegangen und haben geschwiegen.
Wir hatten Angst abzugeben
und haben uns an dem festgehalten, was wir zu besitzen meinen.
Das hat uns die Kraft zu lieben genommen.
Herr, dein Sohn hat die Mauern zwischen den Menschen durchbrochen
und neue Hoffnung auf Leben geweckt.
Vergib uns unsere Schuld! Befreie uns!
Schenke uns Hoffnung auf ein neues Leben, schenke uns Liebe!

ZUSPRUCH DER VERGEBUNG

Gott hat die zu sich gerufen,
die Lasten tragen,
falsche Wege gehen,
die Hoffnung verloren haben.
Er vergibt euch eure Schuld.
Er lädt euch ein in seine Gemeinschaft.

oder Agende I Nr. 1099


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b: Klage und Ermutigung
Agende I Nr. 1159

KLAGE

Christus, erbarme dich.
Laß uns deinen Tod verstehen
und deinem Leben glauben.

Wir glauben, längst verstanden zu haben,
wissen schon immer, was gemeint war
und woran es liegt.
Unser Urteil ist fertig,
wir können Schuldige aufzählen.
Aber der Tod Jesu
macht unsere Sicherheit fragwürdig.
Wir rufen:

Christus, erbarme dich.
Laß uns deinen Tod verstehen
und deinem Leben glauben.

Wir meinen, uns auszukennen im Leben,
und machen uns doch etwas vor.
Wir halten uns an unsere Erfolge
und verschweigen den Preis,
den andere dafür zahlen müssen.
Wir rufen:

Christus, erbarme dich.
Laß uns deinen Tod verstehen
und deinem Leben glauben.

Wir haben uns daran gewöhnt,
daß um des Friedens willen Kriege geführt werden,
daß es den Begünstigten gut geht auf Kosten der Erfolglosen,
daß es hungernde Völker gibt.
Wir rufen:

Christus, erbarme dich.
Laß uns deinen Tod verstehen
und deinem Leben glauben.

Wir finden uns damit ab,
daß Alte einsam sind und Kinder ohne Vorbild bleiben,
daß unser Leben ärmer wird,
weil wir keine Zeit füreinander haben.
Wir rufen:

Christus, erbarme dich.
Laß uns deinen Tod verstehen
und deinem Leben glauben.

Wir trauen der Verständigung wenig zu,
wenn Interessen und Systeme sich bekämpfen,
wenn Völker und Gruppen gegeneinander stehen.
Wir bezweifeln, daß Einsicht etwas ausrichtet
gegen Böswilligkeit und Gewalt.
Wir rufen:

Christus, erbarme dich.
Laß uns deinen Tod verstehen
und deinem Leben glauben.

Wir fürchten uns in einer Welt,
die Terror hervorbringt, Hunger und Folter duldet,
Gewalt zur Unterhaltung macht, Kinder tötet
und Fürsprecher der Freiheit und des Friedens
zum Schweigen bringt,
auch dich, unseren Gott.
Wir rufen:

Christus, erbarme dich.
Laß uns deinen Tod verstehen
und deinem Leben glauben.


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ERMUTIGUNG

Jesus hat sich dafür hergegeben, daß es anders wird,
daß Schuldige Vergebung finden, Liebe den Feind erreicht
und Recht den Vergessenen.
Wenn wir seinen Tod verstehen und seinem Leben glauben,
dann weicht die Angst,
und wir können getrost mit ihm auf dem Weg des Friedens bleiben,
in seiner Liebe, die stärker ist als der Tod.

oder Agende I Nr. 1177

 

Gemeinsame Fortsetzung von a und b

(Handauflegung / Zeichen des Friedens)

(Glaubensbekenntnis)

Lied: EG 299,5 oder 638 oder 436

Fürbitten:

Gott, du bist Quelle und Ziel unseres Lebens
Wir bitten dich, für die Opfer der Gewalt in Afghanistan,
Nord-Irland, Tschetschenien, Kosovo, Makedonien (...)

Stille

Gebetsruf, z.B. EG 178.9: "Kyrie Eleison"

Wir bitten dich für die Menschen in Israel,
deren Existenz wieder einmal in erschreckender Weise bedroht ist.

Stille

Gebetsruf

Wir bitten dich für die Menschen in den palästinensischen Gebieten,
die seit über 50 Jahren sehnsüchtig darauf warten, ein selbstbestimmtes
Leben in einem eigenen Staat führen zu können.

Stille

Gebetsruf

Wir bitten dich für die Menschen, die der Gewalt und
dem Terror ausgesetzt sind, deren Leben verletzt und bedroht wird.

Stille

Gebetsruf

Wir bitten dich für die Menschen, deren Leben nie mehr so sein wird wie früher,
weil sie durch Terror und Krieg Angehörige und Freunde verloren haben.

Stille

Gebetsruf

Wir bitten dich für die Rettungskräfte und die Helfenden in Krankenhäusern.
Gib ihnen die Kraft, die sie brauchen, um die Bilder des Schreckens
zu ertragen und ihre Arbeit zu tun.

Stille

Gebetsruf

Wir bitten dich für die Menschen muslimischen oder anderen Glaubens,
die friedlich bei uns und unter uns leben, dass wir sie nicht verantwortlich
machen, für die Taten extremistischer Gewalttäter, die sich zu unrecht
auf den Islam berufen.

Stille

Gebetsruf

Wir bitten dich für die politisch besonders Verantwortlichen.
Schenk ihnen Klugheit und Besonnenheit um in dieser schwierigen
Zeit trotz allem nach möglichst gewaltfreien Lösungen zu suchen.

Stille

Gebetsruf

 

oder Agende I Nr. 795


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Stilles Gebet

DAS GEBET DES HERRN

LIED: EG 421 oder 473 oder 613 oder 614

BEKANNTMACHUNGEN

SEGEN

Orgelnachspiel

 

B. Zur Predigt zu Matthäus 5, 38 - 45

  1. "In der Bergpredigt hat der Evangelist Matthäus aus verschiedenen ihm vorliegenden Quellen Material zu einer großen Redekomposition zusammengefügt. Dabei ist ein klarer Aufbau erkennbar: Auf Rahmenhandlung (Matthäus 5, 1+2) und Einleitung mit den Seligpreisungen (5, 3 - 16) folgt der Hauptteil, der das Thema "Gerechtigkeit vor Gott" entfaltet. Als Einleitung in den Hauptteil dient der Vorspruch zu den Antithesen (5, 17 - 20). Die Antithesen (5, 21 - 48) selbst bilden dann den ersten großen Abschnitt des Hauptteils, dessen Mittelpunkt das UnserVater (6, 7 - 15) ist..." (Ökumenische Bibelwoche, didaktisches Begleitheft 36, Stuttgart 2000, Seite 20).

    Der Predigttext besteht aus der 5. Antithese "Vom Vergelten" (5, 38 - 42) und aus der 6. Antithese "von der Feindesliebe" einschließlich des Schlußwortes von der "Vollkommenheit" (5, 43 - 48). In Reihe I der OP-Predigttexte ist er dem 21. Sonntag nach Trinitatis zugeordnet. Die Verse 44 - 48 werden auch als Predigttext für einen Gemeindegottesdienst zur Eröffnung der "Dekade zur Überwindung von Gewalt" in der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck vorgeschlagen (dieser Gottesdienstentwurf - grünes Heft - wurde kürzlich durch das Landeskirchenamt allen Pfarrämtern zugesandt).

    "Niemand vermag von sich aus den Gipfel der Bergpredigt zu erklimmen, wenn ihn nicht der Bergprediger selbst eng in sein Seil einbindet." (GPM 86, 1997/98, 456).

    Es kann davon ausgegangen werden, daß sich hier "die Situation der matthäischen Gemeinde widerspiegelt: die des Judentums nach der Katastrophe des Jahres 70, die Lage eines unterworfenen und gedemütigten Volkes. In dieser bedrückten Lage auf Gewalt zu verzichten und den Feind zu lieben ist ein souveränes Verhalten...
    Mag damit erklärt sein, warum sich das Gebot der Feindesliebe in der matthäischen Bergpredigt findet, so läßt uns unser ständiges Scheitern dieser Forderung gegenüber erkennen, daß nur erfahrene Gnade und Zuwendung Gottes uns zu solcher Liebe befreien können." (GPM 80, 1991/92, 410).

  2. Exegetische Hinweise:

    Vers 39: Mit dem Beispiel der Ohrfeige auf die rechte Backe ist an jede mögliche tätliche Auseinandersetzung, die im Alltag vorkommen kann, gedacht. Vers 40 fordert den Verzicht auf jegliche rechtliche Auseinandersetzung. Vers 41 bezieht sich auf Leistungen, die zwangsweise eingefordert werden. Vers 42 hat mit seiner allgemeinen Mahnung zum Teilen Anteil an der Tradition jüdischer Mahnungen im Bereich der Wohltätigkeit.

    Vers 43 / 44: In diesem Zusammenhang ist zu beachten, daß der Verweis "Ihr habt gehört... du sollst deinen Feind hassen" so im Alten Testament überhaupt nicht vorkommt. Vermutlich wollte Matthäus mit dieser "antijüdischen Frontstellung" (Luz, S. 310) eine Einschränkung der Interpretation des Liebesgebotes verhindern. Das Gebot der Feindesliebe gehört zu den wichtigsten christlichen Texten, findet sich aber auch in anderen Religionen und Kulturen, allerdings nicht in dieser absoluten Form, wie wir sie innerhalb der Bergpredigt finden. Vers 45: Hier findet sich weisheitliches Gedankengut. Die Verheißung der Gotteskindschaft ist zwar eschatologisch zu verstehen, sie hat aber als Zusage Auswirkungen und Folgen im Hier und Jetzt. Literatur: U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I / 1, Neukirchen 1985, S. 290 ff.

  3. Theologische Überlegungen

    Ohne Frage sind diese Jesusworte scharf und provokativ. So sind sie von Jesus wohl auch gemeint und vor dem Hintergrund seines Glaubens an das baldige Anbrechen des Gottesreiches zu verstehen. Wir leben heute unter anderen Voraussetzungen, so daß ein wortwörtliches Verstehen des Textes kaum möglich ist. Bei der Aufnahme und Interpretation des Textes ist die eigene Situation immer zu berücksichtigen. Angesichts der momentanen kriegerischen Auseinandersetzungen und terroristischen Bedrohungen provoziert die Bergpredigt in besonderer Weise und fordert uns heraus.

    Der Text will provozieren, schockieren und verfremden. Er fordert, gerade angesichts der Gewaltspirale nicht ohnmächtig zu resignieren, nicht geduldig zu verharren oder Augen und Ohren zu verschließen, sondern sich aktiv und erfinderisch den alltäglichen und politischen Situationen zu stellen und nach möglichst gewaltfreien Konfliktlösungsmechanismen zu suchen. Christlicher Glaube versteht die Feindesliebe als Ausdruck der Liebe, die durch Gottes grenzenlose Liebe zu uns überhaupt erst möglich wird. In ihr wird ein Stück des zukünftigen Gottesreiches erkennbar, daß heute schon unseren Alltag bestimmen soll.

    Das unbedingte JA Gottes zu uns Menschen (Ja zum Sünder, Nein zur Sünde) fordert uns zu Taten der Feindesliebe um der Menschenwille.


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Mögliche Wege zur Predigt

  1. Die Predigt muß, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse, Bedenken, die gegen den Inhalt dieses Textes sprechen, argumentativ aufnehmen. Es kann nicht um eine naive wortwörtliche Auslegung dieser Gebote gehen. Wir haben als Christinnen und Christen gesellschaftlich und politisch Verantwortung für diese Welt und befinden uns nicht auf einer "Insel der Seligen".

    Der Text fordert ja gerade kein "sich zurückziehen" sondern ein aktives Verhalten in jeder Situation, die uns begegnet. Der Text selbst ist Protest und provokativer Kontrast gegen die Gewalt, von der wir Menschen beherrscht werden - so will er gelesen und umgesetzt werden.

    Die Einladung zur Feindesliebe macht nicht blind für Bedrohung, Gefahr und Unrecht. Im Gegenteil, sie hat den Feind ja vor Augen. Aber sie bleibt nicht bei der Feindschaft stehen, sondern versucht den Teufelskreis von Vergeltung und Rache zu durchbrechen. Konkret könnte das etwa bedeuten, sich z. B. die Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung zu eigen zu machen. Beispielhaft sind auch die Versuche der Mediation im Raum der Schule, Anti-Gewalt-Trainingseinheiten der Polizei, gewaltfrei Selbstverteidigung, usw.

    Die Feindesliebe steht im Widerspruch zu der Einteilung der Welt in Gute und Böse, in eine zivilisierte und unzivilisierte Welt. Diese vereinfachende und gefährliche Einteilung fängt in uns selbst an und setzt sich in der Welt fort.
    Das Gebot der Feindesliebe will uns zu schöpferischen, kreativen lebensfreundlichen und lebensförderlichen Ideen und alternativen Verhaltensweisen provozieren. "Wenn in uns selber die Feindseligkeit wächst, dann ist die Bedrohung von außen zu einer Bedrohung von innen geworden. Dann haben wir den Feind in uns selbst." "In die Zukunft führt kein anderer Weg, als daß in den Spannungen und Auseinandersetzungen unserer Tage Menschen da sind, die sich selber jedenfalls nicht zum Feind machen lassen." (R. Roessler, Predigtstudien I / 2, 1979, 251 und 255-256, aus einer Predigt vom Herbst 1977, nach der Entführung H.-M. Schleyers).

  2. Die Begründung, am Buß- und Bettag 2001 nicht über den OP-Text Lukas 13, 22 - 27 zu predigen, ist vor allem in dem Satz: "Bittet für die, die euch verfolgen" (Vers 44 b) zu sehen. Das Gebet für die Feinde ist eine Konkretion der Aufforderung: "Liebet eure Feinde" (Vers 44 a).

    Nach den Anschlägen in den USA am 11.09.2001 ist viel gebetet worden, stammelnd, schreiend, am Rande sprachlosen Entsetzens, aber auch in besonderen Bittgottesdiensten. Inzwischen sind militärische Vergeltungsmaßnahmen, über die wir nur unzureichend informiert werden, und weitere terroristische Anschläge mit Krankheitserregern hinzugekommen. Terror ist laut Definition des Duden "jedes Angst und Schrecken bereitende Geschehen". Erschreckend die Bilder vom 11.09.; erschreckend die Vorstellung, Derartiges könne sich wiederholen; erschreckend die tiefgreifende Verunsicherung. Im Gebet halten wir uns fest an Gott, der den "Geist der Furcht" zurückdrängt und uns stattdessen den "Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit" schenkt (2. Timotheus 1, 7). Nur: wofür sollen und können wir beten? Es ist viel gebetet worden für die Opfer und ihre Angehörigen, für Verletzte und mit dem Tode ringende, für die bis zur Erschöpfung und Selbstgefährdung sich verausgabende Katastrophenhelfer, für die Politiker und andere Entscheidungsträger, auch für uns selbst. Solche Gebete bleiben weiterhin notwendig.

    Wie aber steht es um das Gebet für die Feinde?
    "Bittet für die, die euch verfolgen." - "Vater vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun", betete der gekreuzigte Jesus (Lukas 23, 34). Er sah denen, die ihm Schreckliches antaten, ins Gesicht. Für uns ist der Feind in der Regel unsichtbar. Die Selbstmordattentäter im Flugzeug und die Drahtzieher im Hintergrund sehen wir nicht. Von den Verbreitern heimtückischer Krankheitserreger fehlt (noch) jede Spur. Terroristen pflegen sich zu verstecken und sind, bevor sie enttarnt wurden, oft sehr unauffällige und freundliche Menschen gewesen. Es ist schwer, für Menschen zu beten, die sich entziehen und hinter Masken verstecken - mindestens so schwer wie das Gebet für Menschen, die ihren Hass und ihre Gewaltbereitschaft offen zur Schau stellen. Aber es ist möglich in der Nachfolge Jesu, der für seine Feinde gebetet hat. Und es ist vielleicht der einzige Weg (oder mindestens der erste Schritt), die Feinde - gerade wenn sie anonym sind - zu erreichen.

    Ein solches Gebet besinnt sich darauf, daß kein Mensch das Böse schlechthin ist. Auch dem Ungerechten gönnt Gott Sonne und Regen (Vers 45), d. h. er gibt ihm die Chance zu leben und die Grundlagen des Lebens dankbar anzuerkennen. Von daher ist auch der Feind - was immer er gegen uns haben mag oder wir gegen ihn haben mögen - ein Mensch, der leben und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen soll. "Nicht der rächende - der die Menschen liebende Gott ist Abrahams und Moses Gott. Er klammert wohl das Recht und die Gerechtigkeit nicht aus, weil die Welt ohne sie nicht zu bestehen vermöchte. Allein, immer schließt Er die Barmherzigkeit ein und beurteilt den Sünder (und d. h. uns alle!) nicht nur nach seinen Fehlern, sondern auch nach seinem Bemühen um das Gute." (Roland Gradwohl, Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, Band 4, Stuttgart 1989, Seite 103 zu 2. Mose 32, 7 - 14)
    Diese Erkenntnis hält das Gebet für möglich. "Bittet für die, die euch verfolgen" - die sich von Haß und Vorurteilen leiten lassen und deren Einsicht getrübt ist. Bitten wir Gott, daß beide Seiten auf Gespräche und nicht auf Waffengewalt vertrauen. Noch nie sind verfeindete Menschen zum Frieden gekommen ohne Gespräche. Man muß miteinander reden über Ängste und Vorurteile, über Werte und Ziele, über das was man verstanden, und über das, was man noch nicht verstanden hat. Insofern wäre es gar nicht so übel, wenn man uns nötigte, "eine Meile mitzugehen" (Vers 41) - dann könnten wir aus der einen Meile zwei machen und hätten um so mehr Zeit, mit dem gefürchteten Zeitgenossen ins Gespräch zu kommen.

    Am Buß- und Bettag geht es zuerst um die eigene Buße. Es ist allemal einfacher von anderen Menschen eine Änderung des Verhaltens zu verlangen, als selber dazu bereit zu sein. Ist vielleicht mancher auch deshalb unser Feind geworden, weil wir ihm in der Vergangenheit so begegnet sind, wie wir ihm nicht hätten begegnen sollen? "Gib dem, der dich bittet", sagt Jesus (Vers 42). Haben wir immer erkannt, wem wir etwas geben sollten? Auch darüber lohnte es sich in der Predigt nachzudenken.

    Eines sollten wir auch dem geben, der uns nicht gebeten hat: unserer Fürbitte. Dies könnte bei der diesjährigen Buß- und Bettagspredigt ein Schwerpunkt sein.

 

Arbeitsgruppe der Liturgischen Kammer der EKKW, 26.10.2001


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