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Arbeitshilfe für den Gottesdienst am Buß- und Bettag 2002
"H I L F E."

I. Liturgie
Der Gottesdienst wird nach Form IV gehalten (EG Seite 41 - 45)
BITTE UM DEN HEILIGEN GEIST:
EG 134,1+2 oder 124 oder Komm, heiliger Geist, mit deiner Kraft
Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft,
die uns verbindet und Leben schafft.
1. Wie das Feuer sich verbreitet
und die Dunkelheit erhellt,
so soll uns dein Geist ergreifen,
umgestalten unsre Welt.
Kehrvers
2. Wie der Sturm so unaufhaltsam,
dring in unser Leben ein.
Nur wenn wir uns nicht verschließen,
können wir deine Kirche sein.
Kehrvers
3. Schenke uns von deiner Liebe,
die vertraut und die vergibt.
Alle sprechen eine Sprache,
wenn ein Mensch den andern liebt.
Kehrvers
(Mel. EG 573)
BEGRÜSSUNG, Verlesen der Kanzelabkündigung
des Bischofs
LIED EG 299 oder 584 oder 488
PSALM
Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Hilf, HERR! Die Heiligen haben abgenommen,
und gläubig sind wenige unter den Menschenkindern.
Einer redet mit dem andern Lug und Trug,
sie heucheln und reden aus zwiespältigem Herzen.
Der HERR wolle ausrotten alle Heuchelei
und die Zunge, die hoffärtig redet,
die da sagen: "Durch unsere Zunge sind wir mächtig,
uns gebührt zu reden! Wer ist unser Herr?"
"Weil die Elenden Gewalt leiden
und die Armen seufzen,
will ich jetzt aufstehen", spricht der HERR,
"ich will Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt."
Die Worte des HERRN sind lauter wie Silber,
im Tiegel geschmolzen, geläutert siebenmal.
Du, HERR, wollest sie bewahren
und uns behüten vor diesem Geschlecht ewiglich!
Denn Gottlose gehen allenthalben einher,
weil Gemeinheit herrscht unter den Menschenkindern.
Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
(Ps 124, 8; 12, 2-9)
oder Psalm 121 (EG 749)
CHRISTE DU LAMM GOTTES (EG 190.2)
GEBET
Herr, unser Gott,
wir sind gefährdete Menschen sind
und können uns aus eigener Kraft nicht helfen.
Heile uns an Leib und Seele,
damit wir das Elend unseres verkehrten Lebens
durch deine Hilfe überwinden.
Durch unseren Herrn Jesus Christus, deinen Sohn,
der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
oder Agende I Nr. 664 oder Nr. 982 oder Nr. 152
LESUNG: Matth. 8, 18. 23-27 oder Matth. 14, 22-36
Spruch nach der Schriftlesung: Du aber, o Herr, erbarme dich unser.
LIED 248, 1-3 oder 382
PREDIGT über Psalm 124
LIED 647 oder 383
LESUNG: Die 10 Gebote (Agende I Nr. 1144 oder 1145)
Der folgende Teil des Gottesdienstes kann gestaltet werden entweder als Sündenbekenntnis
mit dem Zuspruch der Vergebung (A) oder als Klage, der ein ermutigender Zuspruch
folgt (B).
A: Sündenbekenntnis und Zuspruch der Vergebung
SÜNDENBEKENNTNIS
Großer Gott, wir bekennen dir unseren kleinen Glauben.
Wir wissen um die richtigen Entscheidungen,
aber es fehlt uns der Mut.
Wir erkennen die Gefährdung des Lebens,
aber wir bleiben untätig.
Wir klagen über die Gottvergessenheit der Menschen,
aber wir selbst sind zu kraftlos, unseren Glauben zu leben.
Wir erschrecken über den Unfrieden der Welt,
sind aber unentschlossen, wenn unser Beitrag zum Frieden gefordert ist.
Wir bekennen dir unseren Kleinmut
und bitten dich im Namen Jesu Christi um Erbarmen.
Agende I, 1079:
[Beichtfragen: Agende I, Seite 40]
ZUSPRUCH DER VERGEBUNG
Gott hat sich unser erbarmt.
Er spricht: "Ich will vergeben
und deiner Sünde nicht mehr gedenken."
Nun glaubt von ganzem Herzen:
Euch ist vergeben.
Nehmt einander an,
jede und jeder auch sich selbst,
denn Christus hat euch alle angenommen.
Agende I Nr. 1112
oder
Wir haben gehört,
wie Leben gelingen kann.
Wir haben gehört,
welche Freiheit uns zugetraut ist
und dass sie ihre Grenzen hat
an der Freiheit unseres Nächsten.
Wir haben gehört,
wie Gott
Menschen davor bewahren will,
sich zu verlieren
an andere Menschen,
an Dinge,
die ihrer Seele schaden.
Wir gestehen es uns ein - vor Gott - dass wir uns oft mehr herausnehmen, als uns
guttut.
Wir gestehen es uns ein - vor Gott - dass wir von anderen mehr erwartet haben,
als sie uns geben konnten und dass wir weniger geben konnten als andere von uns
erwartet haben.
Wir gestehen und ein - vor Gott - dass wir uns zu zaghaft der Kraft, der Liebe,
der Zuversicht geöffnet haben, durch die Angst besiegt und Frieden wirklich
werden kann.
Traut ihr Gottes Liebe zu, dass sie jedem und jeder von uns zum Leben helfen will
-
Traut ihr Gottes Liebe zu, dass sie jeden und jede von uns neu anfangen lässt,
wenn wir am Ende sind?
Dann antwortet mit Ja.
Antwort: Ja.
Vergebt einer dem andern, wie euch vergeben ist - nehmt einander an - wie Christus
euch angenommen hat. Lebt aus der Gottesliebe. So wird Angst überwunden und
Leben neu.
B: Klage und Ermutigung
KLAGE
Herr Jesus, durch den Schrei deiner Jünger auf stürmischem Wasser hast
du dich wecken lassen; höre auch unseren Schrei! In vielen Ländern gibt
es keine Gerechtigkeit für die Schwachen und Ohnmächtigen, weil die
Mächtigen und Starken entschieden haben, was recht ist und unrecht. Die Geringen
und Schwachen sind es müde, nach Gerechtigkeit und Frieden zu schreien.
Wie lange noch müssen die Starken herrschen und die Schwachen leiden? Führe
deine Gerechtigkeit herbei, schenke uns deinen Frieden und laß dein Reich
auf dieser Erde Wirklichkeit werden.
Agende I Nr. 1153
ERMUTIGUNG
Die Seligpreisungen
(Ag. I, 1421 - EG 759 oder EG 307 oder Ag. I,. 1171 oder Ag. I, 1155)
Gemeinsame Fortsetzung von A und B
(Handauflegung / Zeichen des Friedens)
(Glaubensbekenntnis)
Lied: EG 346, 2+3 oder 638 oder 184 (gesungenes Glaubensbekenntnis)
GEBET VOR DEN FÜRBITTEN
Agende I, Nr. 62
Gott, lass es uns spüren,
wie du uns hilfst:
Einer tritt für uns ein.
Den Verlassenen wendet er sich zu.
Den Schwachen steht er zur Seite.
Mit den Mutlosen
teilt er die Angst.
Unbeachtete macht er
zu seinen Freunden;
ihr Leben ist ihm kostbar.
Dafür gibt er sich her.
Gott, lass es uns spüren,
wie du uns hilfst:
Einer gibt die Welt nicht verloren.
Der geschundene Frieden
entfaltet Kraft und wächst.
Gerechtigkeit blüht auf.
Die Stille fängt an zu tönen.
Am finsteren Ort
wird Menschlichkeit geboren.
Das Lied der Befreiung erklingt.
Gott, lass es uns spüren,
wie du uns hilfst:
Einer tritt für uns ein
und gibt die Welt nicht verloren.
oder Nr. 1197
FÜRBITTEN:
Wir suchen dich, Gott.
Wir brauchen deine Hilfe.
Für uns und andere bitten wir:
Immer wieder Krieg!
Und die vielen Menschen, die unter ihm leiden!
Gib uns Mut, auf Frieden unter den Völkern zu hoffen
und uns dafür einzusetzen.
Wir bitten:
Die Güter der Erde sind ungleich verteilt.
Wir fürchten die Folgen.
Gib uns Mut zum Verzicht
und Geduld im Bemühen um einen gerechten Ausgleich.
Wir bitten:
Es gibt so viele,
die nichts oder nicht genug von dir wissen.
Gib uns Mut, ihnen durch Wort und Tat
die Wahrheit nahezubringen.
Wir bitten:
Die Christenheit ist uneins und zerstritten.
Gib uns Mut zur Verständigung und zur Zusammenarbeit
auch bei verschiedener Meinung.
Wir bitten:
Wir sind oft unsicher
im Urteil über richtig und falsch,
über gut und böse.
Gib uns Mut, nach deinem Willen zu fragen
und unserem Gewissen zu folgen.
Wir bitten:
Sorgen und Ängste lähmen unsere Kraft.
Gib uns Mut, dass wir uns auf dein Wort verlassen
und tun, was jetzt nötig, was jetzt möglich ist.
Wir bitten:
Du wirst uns helfen, Herr, unser Gott,
wir vertrauen dir durch Jesus,
deinen Sohn, unseren Bruder.
Agende I Nr. 1348 oder Agende I Nr. 155
Stilles Gebet
DAS GEBET DES HERRN
LIED: EG 145, 7 oder 644, 3 oder 486, 1 + 6 - 9.
BEKANNTMACHUNGEN
SEGEN
ORGELNACHSPIEL

II. Zur Lesung
Zu Matthäus 8, 18. 23-27
Die Lesung könnte unter dem Motto stehen "Widerstand und Ergebung".
Hilfe kommt aus dem Vertrauen auf Gott, der auch unter widrigen Umständen
Gutes und Heil bewirken kann. Entgegen allen Befürchtungen kann Jesus auch
den Elementen gebieten.
Zu Matthäus 14, 22-36
Jesu Seewandel und der sinkende Petrus
Motiv - wie in Psalm 124: Wasser als Bild für Lebensbedrohung - der Schrei
um Rettung bringt Rettung. Was bedeutet in diesem Zusammenhang der "Blick
auf Jesus"?
In dieser Geschichte ist er das Wegsehen von dem, was Leben herunterzieht, was
Leben bedroht, was Angst macht und das Hinsehen auf den, der den "Tod"
(Wasser als Symbol des Todes) unter seinen Füßen, hinter sich hat.
Was auch immer das Leben bedroht, tödlich bedroht, wird niemals das letzte
Wort haben. Der auf dem Wassere schreitende Christus ist ein Bild für die
Vorläufigkeit des Todes, damit ein Bild für den Sieg des Lebens über
den Tod.
Übersetzt in unsere Lebenssituation:
Jede Zeit, jedes Leben hat besondere Bedrohungen und besondere Herausforderungen.
Die Angst vor dem Untergehen ist bereits der Anfang des Unterganges. Sie zeigt
sich in der Mutlosigkeit, dem Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Dieses
Gefangensein in der eigenen vermeintlichen Hilflosigkeit kann Menschen daran hindern,
die Dimension Gottes in das Leben einzubeziehen und an der Überwindung der
Gefahren zu arbeiten.
Der "Blick auf Jesus" könnte insofern befreiend sein und der Gebetsruf:
"Herr, hilf mir" könnte als der Ausdruck dafür stehen, dass
das Sichtbare nur ein Teil der Wirklichkeit ist und man bereit ist, sich dem unsichtbaren,
dem geistigen Teil zu öffnen und dessen Kräfte im eigenen Leben wirksam
werden zu lassen.
Jesu Antwort auf die Angst des Petrus ist nicht als Tadel oder gar als Schelte
zu verstehen, sondern als der eindringlich Ruf zum Aufwachen und zum Sehen, dass
der Lebensangst längst der Boden entzogen ist, dass das Leben vom Himmel
her gehalten ist. Dieses neue Sehen führt uns in die Gewissheit, dass der
Herr bei uns ist und Menschen und Wasser und Ströme unsere Seele nicht verschlingen
können.

III. Zur Predigt
1."H I L F E."
HILFE? HILFE! - grundsätzliche Vorüberlegungen
"Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat."
(Ps. 124, 8). Diese Hilfe rufen wir uns bei der Eröffnung jedes Gottesdienstes
wieder neu in Erinnerung. Uns wird geholfen. Sonst könnten wir nicht leben.
Gottes Hilfe nötig zu haben ist eine Grundbefindlichkeit, derer wir uns nicht
schämen müssen.
Als total hilfsbedürftige Wesen kommen wir auf die Welt. Länger als
andere Kreaturen brauchen wir die Hilfe der Eltern. Und auch am Ende des Lebens
steht oft eine längere Phase der Hilfsbedürftigkeit. Dass Menschen auf
die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind, ist unbestreitbar.
"Help! I need somebody. Help! Just not anybody
" Der Song der
Beatles - ein Hilfeschrei, übertragbar auf viele Situationen. Wer alleine
nicht zurechtkommt, wird Hilfe anfordern - es sei denn, dass keine Kraft und kein
Mut mehr vorhanden sind, um sich bemerkbar zu machen. Selbst dort, wo kein Helfer
zu sehen ist, können Menschen "Hilfe!" rufen.
Es gibt Notrufnummern, Alarmanlagen, Adressen für den Fall des Falles. Es
gibt Menschen, deren Beruf es ist zu helfen: Pflegekräfte, Sozialarbeiterinnen,
Pfarrer, Ärzte, Polizisten und andere. Im Notfall ist jeder, egal welchen
Beruf er hat, zur Hilfeleistung verpflichtet, z. B. wenn es um die Erste Hilfe
bei einem Verkehrsunfall geht.
Aber: Welche Hilfe passt zu welchem Menschen? Wer kann wirklich so helfen, dass
dem anderen geholfen ist? Welche Hilfe ist gut gemeint, aber wirkungslos, vielleicht
sogar schädlich? Warum scheuen sich manche, um Hilfe zu bitten? Warum gelten
die "helfenden Berufe" oft als unattraktiv?
Viele Fragen! Wer hilft, sie zu beantworten?
HILFE - und Buße
Wir werden schuldig, wenn wir Hilfe verweigern, nicht genug helfen oder mit übertriebener
Hilfe dem anderen Menschen die Selbstständigkeit nehmen. Wir werden schuldig,
wenn wir nicht erkennen, was der andere zu Recht von uns erwartet und erbitten
darf. Wir werden schuldig, wenn wir immer nur an uns selber denken. Wir werden
schuldig, wenn wir alles immer alleine schaffen wollen und unsere Kraft überschätzen
und Hilfe nicht annehmen.
Am Buß- und Bettag bringen wir unsere Schuld vor Gott und bitten um Vergebung.
Wir kehren um zu Gott, der unsere "Rettung" bzw. unser "Heil"
ist (vgl. die Jahreslosung 2002 aus Jesaja 12, 2), und lassen uns von ihm aufhelfen.
Den Zuspruch seiner Gnade verstehen wir dann richtig, wenn wir daraus Konsequenzen
für unseren Alltag ziehen, d. h. einen Alltag, in dem einer dem anderen hilft
und so die empfangene Gnade mit dem anderen teilt.
Neben der individuellen Schuld geht es am Buß- und Bettag auch um ungerechte
Verhältnisse in der Gesellschaft. Der Pflegenotstand zeigt, wir unterentwickelt
die "Kultur des Helfens" in unserer Gesellschaft ist. Das soziale Netz
wird brüchiger. Arbeitsplätze werden wegrationalisiert. Kinder werden
zum Armutsrisiko. Gewaltstrotzende Computerspiele fördern Vereinsamung und
Verrohung. Wer hört die lauten oder leisen Hilferufe der Menschen, die dabei
auf der Strecke bleiben?
Buße ist nötig - auch im Sinne einer erneuten Hinwendung zum Menschen,
der Hilfe braucht.
HILFE - Gedanken zu einer Predigt über Psalm 124
"Der Helfer in der Not" - so lautet in vielen Bibelausgaben die Überschrift
zu diesem Psalm. Er blickt zurück auf eine wunderbare Rettung Israels aus
schwerer Gefahr. Um welche Situation es sich dabei gehandelt hat oder ob zusammenfassend
mehrere vergleichbare Gefährdungen und Errettungen gemeint sind, bleibt offen.
Dadurch ist der Prediger / die Predigerin frei, konkrete Situationen mit aktuellem
Bezug zu benennen.
Die erste Gefahr, an die der Psalm erinnert: "...wenn Menschen wider uns
aufstehen" (V. 2). Erst an zweiter Stelle kommen Naturkatastrophen vor: "...so
ersäufte uns Wasser ..." (V. 4 f.) Beides hängt z. B. beim Schilfmeerwunder
eng miteinander zusammen: die Gefährdung der Israeliten durch die sie verfolgenden
Ägypter ist primär gegenüber der Gefahr durch das Wasser; beim
Durchzug durchs Schilfmeer bleibt das Volk dank Gottes Hilfe sowohl vor der Gewalt
des Wassers als auch vor der Gewalt der Feinde bewahrt (2. Mose 14).
Ähnlich wie das Ertrinken sind auch die Zähne gefräßiger
Raubtiere (V. 3 und V. 6) und das Netz des Vogelfängers (V. 7) Bilder einer
großen (wohl eher von Menschen als von der Natur ausgehenden) Gefahr.
Insgesamt dienen die Schilderungen der Gefahren dazu, dass Israel bzw. der heutige
Predigthörer sich bekennend darauf besinnen soll, was ohne Gottes Hilfe aus
ihm geworden wäre. Den Dank gegenüber Gott, dem "Helfer in der
Not", und die Freude der Geretteten bringen - Höhepunkt des Psalms -
die Verse 6 und 7 zum Ausdruck. Zusammengefasst und unterstrichen wird das zuvor
Gesagte im Vers 8, dem Bekenntnis zum Schöpfer des Himmels und der Erde,
dem Inbegriff aller Hilfe. -
"Wassersnot" assoziieren wir in diesem Jahr - wie könnte es anders
sein - besonders mit den Erfahrungen des Sommerhochwassers im Osten und Südosten
Deutschlands und in den angrenzenden Ländern. Unzählige Menschen haben
erlebt, was es heißt, wenn "Ströme über die Seele" gehen
(V. 4) und man in den Fluten untergehen sieht, woran das Herz gehangen hat.
War es bloß eine Naturkatastrophe? Inwieweit ist auch menschliches Handeln
daran schuld, dass die Natur aus dem Ruder gelaufen ist? War es ein Gericht, eine
zweite Sintflut? Aber Gott hat doch versprochen, ungeachtet der menschlichen Bosheit
keine zweite Sintflut kommen zu lassen! (vgl. 1. Mose 8, 21 f.).
Wo war inmitten der Wassermassen und der verstörten Menschen der "Name
des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat"?
Warum Gott das Hochwasser in diesem Sommer nicht verhindert hat, wissen wir nicht.
Aber er hat geholfen, indem er der Flutwelle eine Welle der Hilfsbereitschaft
folgen ließ. Mehr Menschen, als die Skeptiker zu glauben gewagt hatten,
sind bereit gewesen, ihren geschädigten Mitmenschen unter die Arme zu greifen.
Kolonnen von Helfern, die Tag und Nacht Sandsäcke auf die Deiche trugen,
und eine noch nie dagewesene Spendenbereitschaft haben gezeigt: die Hinwendung
zum Menschen, der Hilfe braucht, kann den "Starken" zum Bedürfnis
werden. Solidarität muss kein Fremdwort bleiben. Sollten vielleicht doch
mehr Menschen, als es manchmal den Anschein hat, helfen wollen und helfen können?
Jetzt kommt alles darauf an, dass die Welle der Hilfsbereitschaft nicht zu früh
ihre Kraft verliert und wir wieder in den alten Trott der Gleichgültigkeit
zurückfallen. "Wir dürfen uns nicht lumpen lassen. Das ist eine
Herausforderung an unser ganzes Gemeinwesen - nicht zuletzt an das neu gewählte
Parlament und die Regierung. Ob die entstandene Verbundenheit sich als tragfähig
erweist, wird auch davon abhängen, dass die gemeinsame Erinnerung an die
Abhängigkeit von Naturgewalten, die wir nicht beherrschen können, akzeptiert
wird und nicht wieder verloren geht." (Wilfried Härle, "Wassersnot
verbindet", in: Zeitzeichen 10 / 2002, S. 23).
Was angesichts von Naturkatastrophen möglich ist - warum sollte es z. B.
angesichts des Pflegenotstands unmöglich sein?
"Wäre der Herr nicht bei uns" (V. 1), so brauchten wir uns diese
Frage nicht zu stellen. Dann gäbe es nur noch Notstände und nirgendwo
Hoffnung. Aber am Buß- und Bettag rechnen wir mit der Gegenwart Gottes,
der nach uns fragt, der retten und nicht vernichten will (vgl. die Lesung!). Er
ist der Vater der Glücklichen und der Unglücklichen. Und weil ihm der
eine so wichtig ist wie der andere, heißt Freude über die geschenkte
Freiheit (V. 7): mithelfen, damit auch andere nicht im Netz der Unfreiheit bleiben
müssen; mithelfen, damit die Traurigen getröstet, die Schwachen aufgerichtet
werden.
2. Zur Exegese:
Psalm 124:
Klage und Lob sind die beherrschenden Themen der Psalmen. Bei Psalm 124, der als
Wallfahrtslied überschrieben ist, handelt es sich um einen Dankpsalm der
versammelten Gemeinde.
"Auch wenn die Psalmen ihren "Sitz im Leben" im Gottesdienst haben
und aus dem Gottesdienst entstanden sind, so sind die Klagen der Psalmen doch
wirkliche, menschliche Klagen, und das Loben der Psalmen ist zu Wort kommende
Freude wirklicher Menschen, jubelndes Echo auf des großen Gottes großes
Tun in seiner ganzen Weite und Fülle." (Claus Westermann, Der Psalter,
Stuttgart 4. Aufl. 1980, S. 24)
"In dem nämlich, was das Volk Israel in seiner eigenen Geschichte erfuhr
an Gottestaten, die sein jubelndes Lob, an Gottestaten, die seine flehende Klage
hervorriefen, liegt der Grund seines Rufens zu Gott in Lob und Klage überhaupt.
Wir werden die Psalmen, die der christlichen Gemeinde lieb und wert sind, nicht
wirklich verstehen können, wenn wir sie losgetrennt von dieser Grundlage,
losgetrennt von der Klage des Volkes und dem Gotteslob des Volkes, wie es aus
seiner Geschichte erwuchs, zu verstehen und mitzubeten suchen. (Claus Westermann,
ebd., S. 46)
Die Gliederung des kurzen Psalms ist einfach: "V. 1-5 geben die Betrachtung
der Gefahr, V. 6-7 fassen die Rettung durch Gott ins Auge, V. 8 schließt
den Psalm mit einem Bekenntnis zu Gottes Hilfe." (Artur Weiser, Die Psalmen
II, ATD 15, Göttingen 8. Aufl. 1973, S. 520)
Psalm 124 ist ein Dankgebet der versammelten Gottesdienstgemeinde für die
Befreiung aus höchster Not. Diese Errettung wird in ein aufatmendes Gotteslob
gefasst. Um welche Not es sich konkret handelt, wird nicht beschrieben. Menschen
(adam; kollektiv gemeint) haben sich gegen die Gemeinde erhoben. Die Bedrohung,
die von ihnen ausgeht, wird mit Bildern beschrieben. Sie sind wie Ungeheuer, die
die Gemeinde zu verschlingen drohen (V.3), wie die verwüstenden Wasser eines
Wildbaches, dass sie überschwemmt (V. 4-5) oder wie die Falle eines Vogelfängers
(V.7). Aber gegen Gott, der seine Gemeinde schützt, können sie nichts
ausrichten.
Dies Psalmgebet verdeutlicht seiner Gemeinde mit diesen Vergleichen, was ihr ohne
den Beistand Gottes passiert wäre. Die entfesselten Wasser sind ein Symbol
für die Israel feindlich gesinnten Weltreiche. Sie wecken aber auch Assoziationen
zu den Ur-/Chaoswassern, die die Erde bedeckten.
Das Bild von den Netzen der Vogelfänger muss in Israel ein geläufiges
gewesen sein. Die im Klappnetz gefangenen Vögel konnten gelegentlich in ihrer
Todesangst die Netze mit ihren Flügeln zerreißen. Mit der Freude der
dem Tode entronnenen Vögel vergleicht der Psalmist das befreite Israel.
Die Erkenntnis, dass Gott hilft, soll die Gemeinde in ihrem Glauben an Gottes
Schöpfermacht und Hilfe bestärken. Gott hilft Israel aus aller Not,
wenn es sich an ihn wendet. "Wenn Israel bedrängt wird, ruft es diesen
Namen aus; dann hört Jahve und kommt zur Hilfe herbei. Oder anders gewandt:
in diesem Namen ist wunderbare Kraft; wenn dies Wort ausgerufen wird, so erschrecken
alle feindlichen Mächte. So wird Jahves Name Israels Rettung. - Das Prädikat,
das Jahve hier bekommt, als des Weltenschöpfers, soll seine Macht veranschaulichen:
weil er der Schöpfer, der Allmächtige ist, darum hat sein Name so gewaltige
Macht; darum ist er der Helfer in aller Not!" (Hermann Gunkel: Ausgewählte
Psalmen, Göttingen 1904, S. 200f)
Ideensplitter zur Predigt:
Wenn Gott bei den Menschen ist, dann können sie neu anfangen. Der Glaube
an Jesus Christus rettet uns. Mit Luther zu sprechen; Gott befreit uns "von
Sünde, Tod und Teufel" (vgl. die Lesung).
Wo hat Gott schon einmal in unserem Leben eingegriffen? Bei einem Unglück
oder
einer Krankheit, wo das Leben an einem seidenen Faden hing, beim Trost in der
Trauer um einen geliebten Menschen... Wäre Gott nicht bei uns, müssten
wir verzweifeln.
Die Überschrift des Psalms legt die Worte David in den Mund. Zwar ist ein
zeitliches oder irgendwie geschichtlich zu fassendes Ereignis nicht mit diesem
Psalm zu verbinden, aber man kann trotzdem eine Parallele zu einem Ereignis aus
Davids Geschichte ziehen.
David war gerade zum König des Volkes Israel ausgerufen worden, da zogen
die Philister ihre Heere zusammen und bedrohten das neu entstandene Königreich.
David hatte noch nicht genug Zeit gehabt ein nationales Heer einzuberufen. Israel
war zahlenmäßig stark in der Minderheit.
Wäre Gott nicht auf seiner Seite gewesen, so wären er und sein Volk
"lebendig verschlungen" worden. Was soll David tun? Er betet zu Gott
und nachdem er von Gott Anweisungen erhalten hat, vernichtet er die Philister
in einem Überraschungsangriff.
Die Reaktion Davids ist interessant (2.Sam 5,20): "Der Herr hat meine Feinde
vor mir durchbrochen, wie Wasserfluten durchbrechen!" rief David. War David
nicht der General? Hatte seien Truppe nicht das Heer geschlagen? Ja, aber David
kannte die Grenzen seiner Macht. Wenn Gott nicht geholfen hätte, wäre
das Ergebnis ein anderes gewesen. So gab er dem die Ehre, dem sie gebührte.
"Wär Gott nicht mit uns..." meint "mit uns" jedermann?
Ist Gott immer und überall dabei? Klingt da auch das teuflische "Gott
mit uns" auf den Koppelschlössern an? Oder verzerrt diese Annahme das
Gottesbild, unser Gottesbild? Gott, der Allmächtige, die Allmacht Gottes.
Da ist dann Gott einer, der alles kann, alles weiß, überall dabei ist.
Wenn das so wäre, dann stellt sich sofort die Frage: "Wieso kann Gott
dann das ganze Unrecht und Leid auf der Welt zulassen?" Mit dieser Frage,
diesem Gottesbild kommen wir nicht weiter.
Betrachten wir einmal Gott nicht als den Allmächtigen, dann kehrt sich die
Frage um. Wenn er nicht ständig und überall bei uns ist, müssten
dann wir es nicht sein, die sich auf die Seite Gottes stellen? Tun wir das? Wenn
Gott aus der Allmacht entlassen wird, dann wird er zum trauernden, mitleidenden,
ausgelieferten Gott.
Die Jüdin Etty Hillesum schrieb im Angesicht des Todes im Vernichtungslager:
"Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit. Ich will meine Sorge
um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen,
aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst
genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann
mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer
deutlicher, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen,
und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es
ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott und vielleicht können
wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen
zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern
zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. Ich fordere keine Rechenschaft
von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und fast mit jedem
Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir
dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten
verteidigen müssen."
Etty Hillesum, Das denkende Herz der Baracke (1983), S 160
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