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Kanzelabkündigung zum Buß- und Bettag 2002
Liebe Schwestern und Brüder,
"Hilfe." So lautet das Motto der diesjährigen Aktion der Evangelischen
Kirche von Kurhessen-Waldeck zum Buß- und Bettag. Wichtige Aspekte unseres
Lebens kommen in den Blick: "Hilfe" - dies ist der Ruf, den Menschen
seit jeher an Gott und Mitmenschen richten: "Neige deine Ohren zu mir, hilf
mir eilends!", heißt es im 22. Psalm; in einer nächtlichen Vision
spricht ein Mann den Apostel Paulus an: "Komm herüber nach Mazedonien
und hilf uns!" (Apostelgeschichte 16,9). Damit beginnt der Weg des Christentums
in Europa.
Der Hilferuf der Leidenden ist auch in unseren Tagen zu hören: Er kann
uns aus unserer Umgebung erreichen, teils wird er uns durch die Medienberichte
über die Katastrophen und Krisenorte dieser Welt unmittelbar nach Hause geliefert.
Andere Bitten um Hilfe sind stumm, weil Menschen sich schämen, um Hilfe zu
bitten, aber auch weil sie ihre Stimme nicht mehr erheben können. Ich denke
dabei an Kranke und Sterbende, aber auch an die Situation der Pflegebedürftigen
und Pflegenden. Die Kampagne der Evangelischen Kirchen und Diakonischen Werke
in Hessen "Pflege in Not" hat die Missstände auf diesem Gebiet
im Sommer diesen Jahres ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.
Menschen aller Zeiten haben zugleich die Erfahrung gemacht, dass Gott ihnen
in der Not hilft: "Ich danke dir, dass du mich erhört hast und hast
mir geholfen" (Psalm 118,21). Diese Begegnung und Erfahrung mit Gott ermutigt
uns zur helfenden Tat. "So geh hin und tue desgleichen" (Lukas 10,37).
Das gibt Jesus als Quintessenz der Geschichte vom Barmherzigen Samariter auch
uns mit auf den Weg.
Doch verhalten wir uns so? Die Bilanz dürfte zwiespältig ausfallen.
Dass unsere Gesellschaft nur ich-bezogen ist, glaube ich nicht; die große
Hilfsbereitschaft für die Opfer der Flutkatastrophe an Elbe und Mulde spricht
hier eine andere Sprache. Andererseits ist die Solidarität in unserer Gesellschaft
durchaus in Gefahr. An ihre Stelle droht der Maßstab bloßer Wirtschaftlichkeit
zu treten. Das kann uns nicht gleichgültig lassen.
Der Buß- und Bettag ist eine gute Gelegenheit innezuhalten, um auf die
Hilferufe in unserer nahen und fernen Umgebung zu hören, und uns bewusst
zu machen, wo wir Hilfe leisten können. Vor allem lädt er uns dazu ein,
uns Gott zuzuwenden, der unser Helfer ist.
Dr. Martin Hein,
Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
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