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Predigt von Propst Reinhold Kalden zum Buß- und Bettag 2002

Herr, hilf, wir kommen um! Die Wellen schwappen über ins Boot, und Jesus tut nichts dagegen. Er schläft. Seine Freunde wecken ihn. Herr, hilf, wir kommen um! Ihr Kleingläubigen, sagt Jesus, warum seid ihr so furchtsam? und bedroht den Wind und das Meer. Stille. Ein Machtwort, und die Angst ist weg.

„Unsre Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“ – so beten wir oft zu Beginn des Gottesdienstes. So haben auch die Freunde Jesu zu beten gelernt. Ein altes Wallfahrtslied war es, gesungen und immer wieder gebetet auf dem Weg zum Tempel in Jerusalem, Jahr für Jahr:

Wäre der Herr nicht bei uns / so sage Israel,
wäre der Herr nicht bei uns / wenn Menschen wider uns aufstehen,
so verschlängen sie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns entbrennt;
so ersäufte uns Wasser, Ströme gingen über unsre Seele,
es gingen Wasser hoch über uns hinweg.
Gelobt sei der Herr, dass er uns nicht gibt zum Raub in ihre Zähne!
Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers;
das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.
Unsre Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
(Psalm 124)

Klingt das nicht wie ein schöner Traum: das netz ist zerrissen , und wir sind frei!? Wie viele bemerken das Netz nicht erst, wenn sie sich darin verfangen haben, wenn sie zappeln und straucheln? Und wie viele verheddern sich nicht heillos im Netz ihrer Beziehungen, im sozialen Netz unseres Staates, das so brüchig geworden ist? Wie viele fallen nicht durch die Maschen – und werden nicht fertig mit ihrer Freiheit?

Von erwachsenen Menschen spreche ich. Kinder sind noch in viel höherem Maße auf Hilfe angewiesen – manche werden nie selbständig.

Da ist auch noch die andere Erfahrung:

When I was younger, so much younger than today,
I never needed anybody’s help in any way.
But those days have gone….
Help! I need somebody,
Help! not just anybody,
Help me if you can, I’m feeling down…
Help me, get my feet back on the ground…
(Song der Beatles)

Was die Beatles in den 60ern noch ganz munter gesungen haben – viele kriegen es heute gar nicht mehr über die Lippen. Die einen sind zu stolz und wollen alles allein schaffen – und merken gar nicht, wie sie andere zurückweisen und verletzen und dabei die eigenen Kräfte überschätzen. Und die anderen finden den Mut nicht mehr und die Kraft, um Hilfe zu bitten – wer hört denn noch die lauten und die leisen Hilferufe? Viele, zu viele bleiben auf der Strecke.

Doch dann erinnern sich ein paar:

Wäre der HERR nicht bei uns, wenn Menschen wider uns aufstehen, so ersäufte uns Wasser . Ströme gingen über unsre Seele, es gingen Wasser hoch über uns hinweg.

Wer denkt bei diesen Psalmversen nicht an das Hochwasser dieses Sommers an Elbe und Mulde oder an die Stürme des letzten Wochenendes in den Alpenländern?

Wo ist denn Gott gewesen, als das passierte? Wir dürfen das ruhig fragen. Wir sollten dann aber auch fragen, ob nicht menschliche Eingriffe in Gottes Schöpfung dazu beigetragen haben, dass die Wassermassen noch schneller, noch gewaltiger laufen konnten als je zuvor. Wo ist Gott gewesen? Hat er nicht der Flutwelle eine andere Welle folgen lassen, eine Welle der Hilfsbereitschaft, wie wir es uns nie erträumt hätten? Wie viele Menschen haben durch Mithelfen und Zupacken nicht neu gelernt, wie viel sie anderen wert sind – und darin liegt unser Wert vor Gott! Könnten die Erfahrungen gelungener Hilfe nicht umgesetzt werden in eine Welle der Hilfsbereitschaft angesichts des Pflegenotstands? Wäre der HERR nicht bei uns – dann brauchten wir diese Frage gar nicht mehr zu stellen. Dann gäbe es keine Hoffnung mehr. Aber Gott will helfen. Er will retten. Er will uns nahe sein – wenn wir nach Hilfe schreien und wenn es uns richtig gut geht. Und wenn wir gelungene Hilfe spüren, auch dann ist die Frage erlaubt, wo denn Gott ist - aber dann müssen wir gar nicht mehr fragen, weil wir merken: Er ist da. Was uns Angst macht, verschwindet nicht einfach. Aber wir können es aushalten, können tragen, können ertragen: die Angst, das Leid, die Schuld. Und Gott sorgt dafür, dass es nicht beim Aushalten bleiben muss: Er lässt uns neu anfangen, mit uns selbst, miteinander und mit ihm. Wir nehmen seine Hilfe an , nicht mit zusammengebissenen Zähnen, sondern dankbar. Und wir geben Hilfe weiter, wo wir gebraucht werden. Diese Veränderung im Denken und Tun nennt die Bibel „Buße“. Dass wir uns ändern können, von der bitteren Klage hin zum Lob Gottes, dafür steht der Buß- und Bettag. Das Netz ist zerrissen, und wir sind frei. Wo ist euer Glaube, fragt Jesus. Er spricht ein Machtwort. Und damit ist der Angst der Boden entzogen. Hilfe wirkt. An uns und durch uns und für uns.

Das hat Jesus in seiner Todesangst am Kreuz erlebt. Bis zuletzt konnte er nach Gottes Hilfe schreien. Und dann kam Ostern. Hilfe, ganz unerhört neu. Und für uns heute schon – nicht erst, wenn wir tot sind. Leben ist dran – verlasst euch drauf!

Amen.

Reinhold Kalden,
Propst des Sprengels Kassel der EKKW

 




Propst Reinhold Kalden
(Foto: medio.tv/Böttcher)

 

 

 

 

Bilder vom Gottesdienst
auf dem Friedrichsplatz
in Kassel:





(Fotos: medio.tv/Böttcher)

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