Ankommen.

Titel Buß- und Bettag 2016

CHAT

Die Flüchtlingsfrage und die eigene Sehnsucht nach dem Ankommen

Bischof Hein im Online-Chat:
«Ich bin noch nicht angekommen... und das ist gut so»

Kassel (medio). Die Kontroverse um das «Einwanderungsland Deutschland» sowie die Sehnsucht nach dem Ankommen «bei sich selbst und bei Gott» dominierten den «Bischofschat» am Abend des Buß- und Bettages 2016 auf www.busstag.de. Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) chattete mit über 60 Menschen zum Thema «Ankommen» als Teil einer Themenkampagne zum Buß- und Bettag. Diskutiert wurde unter anderem die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei. Während «Fritz» betonte, dass Asyl und Einwanderung voneinander zu trennen seien, entgegnete «Noel»: «Natürlich sind wir ein Einwanderungsland, und das ist schön. Einwanderer sind eine Bereicherung. Wir brauchen die Menschen. Allein im Handwerk, in der Dienstleistung!»

Bischof Hein unterstrich: «Zunächst mal wollen alle, die angekommen sind, der Not entrinnen». Ob sie bleiben, das werde sich noch entscheiden, so Hein. «Wir haben die Tore weit aufgemacht», betonte der Bischof. «Bernhard» ergänzte, dass schon immer die Menschen nach Deutschland eingewandert seien. «Die andere Sache ist, dass so viele Menschen wie nie zuvor auf der Flucht sind. Und die auf dem Mittelmeer sterben zu lassen, ist keine Lösung», so der Chatter weiter. Der Bischof entgegnete: «Wir müssen die Fluchtursachen beseitigen, das wird jedoch ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen.» Er sprach von dem Dreischritt «Entkommen – Ankommen – Willkommen», den die Flüchtlinge und auch die Gesellschaft zu bewältigen hätte.

Die große Sehnsucht: Bei sich selbst ankommen

Eine ganz andere Blickrichtung im zweiten Teil des Chats: «Regina» schrieb, bei sich selbst anzukommen hätte auch etwas mit dem eigenen Willen zu tun. «Sage ich zu meinem Weg 'Ja'?!» «FritzLars1» entgegnete wiederum: «Manche sagen: Der Weg ist das Ziel. Dann wäre Ankommen gar nicht wichtig.» Bischof Hein stellte fest, dass die Reise zu sich selbst die längste Reise des Lebens sei. Er bekannte für sich: «Ich bin noch nicht angekommen... und das ist gut so». Auf die Frage von «Moni», wo er ankommen wolle, antwortete Hein: «In Gottes Reich, da sehe ich die Bestimmung meines Weges.» Der Chatter «Wellensittich» erzählte im Chat, wie er sich Gottes Reich vorstelle: «Da werde ich Inlinescater fahren und Skilaufen! Denn das geht hier halt nicht, weil ich eben behindert bin. Inlinerfahren ist mein eigenes Ankommensziel im Himmel.»

Mal offener Ort für Begegnung, mal geschlossene Gesellschaft: Kirchen als Ort des Ankommens

«Lotti73» klagte, dass sie gerne mehr in ihren neuen Ort und der Kirchengemeinde ankommen würde. «Jenny» ergänzte, dass Kirchengemeinden oft geschlossene Gesellschaften seien. Die Chatterin «Bine» riet den beiden: «Manchmal muss man sich eine neue Gemeinde erst 'erarbeiten'. Und es passt auch nicht jede Gemeinde zu jedem Christen. Ich habe auch lange gesucht.» Bischof Hein ergänzte: «So wünsche ich mir eine Kirchengemeinde: offen, zugewandt, neugierig auf andere, tief verwurzelt im Evangelium, herzhaft evangelisch, ansteckend fröhlich.»

Bei dem Thema «Ankommen bei Gott» gaben die Chatter zu bedenken, dass dies nicht in ihrer Macht stehe, sondern allein in Gottes Hand ist. Bischof Hein ergänzte: «Deshalb singen wir ja auch: Komm, o mein Heiland Jesus Christ.» Die Nähe Gottes spüren die Chatter dennoch in unterschiedlichen Situationen, erklärten sie am Ende des einstündigen Chats. Während «Regina» seine Nähe spürt, wenn sich Wege zeigen, die sie für nicht möglich gehalten habe, schrieb «Jan»: «Ich spüre Gottes Nähe, wenn ich meinem Kind tief in die Augen sehe.» Bischof Hein sagte: «Ich erfahre Gott im Gebet oder wenn ich eine Predigt schreibe und die mich selbst überzeugt oder wenn ich höre, was Menschen ertragen können, weil Gott sie trägt.» Mit einem spontan formulierten «Reisesegen» verabschiedete sich der Bischof um 21 Uhr von den Chattern: «Gott segne euch auf der Reise eures Lebens. Er segne alle, die dem Tod entkommen wollen, um bei uns anzukommen. Er selbst sei unsere Hoffnung! und unser Ziel!»

Erfolg der Internetseite busstag.de und der Interaktion in Social Media

Unter www.busstag.de und in den Social Media-Kanälen der Kampagne hatten sich zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer über ihre Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit und die Frage, wie anderen Menschen das Ankommen erleichtert werden kann, ausgetaucht. «Mit der Kampagne haben wir uns bewusst dem Thema 'Ankommen, bei uns selbst, bei Gott und in unserer Gesellschaft' gestellt. Dabei gehe es keinesfalls nur um Flüchtlinge sondern um jeden Menschen, der sich nach einem Ankommen sehne», sagte der Internetbeauftragte der EKKW, Pfarrer Christian Fischer, gegenüber der landeskirchlichen Medienagentur «medio». Der Gesprächsverlauf und die rege Teilnahme im Chat hätten gezeigt, dass die Landeskirche ein wichtiges Thema aufgegriffen habe, das die Menschen bewegt. Das zeigten auch die Nutzerzahlen, freute sich Fischer. «Rund 50.000 Menschen haben wir allein über die Facebook-Seite zur Kampagne erreicht, fast 1.000 neue Fans hinzugewonnen. Allein in der letzten Woche wurde die Internetseite rund 12.000 mal abgefragt!»

Themenkampagnen zum Buß- und Bettag seit 1996

Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck bewirbt mit ungewöhnlichen Ideen bereits seit 1996 den Buß- und Bettag und nimmt damit eine Vorreiterrolle in Deutschland ein. Sie will mit den Kampagnen auch Menschen ansprechen, die sich sonst keine Gedanken zum Buß- und Bettag machen. Seit einigen Jahren beteiligt sich auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern an den Aktionen, in diesem Jahr kamen die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau sowie die badische Landeskirche hinzu. Entwickelt und durchgeführt werden die Kampagne zusammen mit der Agentur orange-cube und der landeskirchlichen Medienagentur medio GmbH, so Fischer. (16.11.2016)