Beitrag der Evangelischen Kirchengemeinde Kassel-Bad Wilhelmshöhe zur Kulturhauptstadtbewerbung der Stadt Kassel

Unsere Christuskirche

I: EINFÜHRUNG

Wie wohl die meisten Kirchengemeinden trägt die Evangelische Kirchengemeinde Kassel-Bad Wilhelmshöhe mit einem vielfältigen Angebot zum kulturellen Leben des eigenen Stadtteils bei. Dazu gehören Gottesdienste, Feste, Musik und zahlreiche weitere Angebote für Menschen aller Altersgruppen. In Bad Wilhelmshöhe hervorzugeben sind die gemeinsame Kantorei mit der Evangelischen Kirchengemeinde Brasselsberg, sowie die Gottesdienste im Schlosspark (Sommer) beziehungsweise der Schlosskapelle. Auch die Gottesdienste, in denen die Erinnerung an Personen der Kulturgeschichte wachgehalten wird (z. B. Rembrandt, Immanuel Kant), gehören zu den Besonderheiten der Wilhelmshöher Kirchengemeinde.

Die 1902/03 erbaute Christuskirche in Bad Wilhelmshöhe gehört zu den wenigen Kirchen in Kassel, die den zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstört überstanden haben. Baulich wurde auch in den Innenraum nur mäßig eingegriffen, so dass die Christuskirche hier als für Kassel einmaliges Zeugnis wilhelminischer Architektur gilt. Dennoch wurde die Kirche innen mehrfach farblich umgestaltet. Die Veränderungen spiegeln den theologisch-künstlerischen Geist der jeweiligen Zeit. Für dieses Jahr ist eine erneute Umgestaltung der Apsis der Christuskirche geplant. Diese und die damit verbundene Diskussion schlagen wir schwerpunktmäßig als Beitrag unserer Kirchengemeinde zur Kulturhauptstadtbewerbung der Stadt Kassel vor.

II: INNENRAUMGESTALTUNG DER CHRISTUSKIRCHE

1. Die Innenraumgestaltung der Christuskirche als Antwort auf die Fragen der Zeit:

Die Christuskirche ist ein Bauwerk des beginnenden 20. Jahrhunderts, deren Grundsteinlegung am 10. November 1902 und deren feierliche Einweihung am 20. Dezember 1903 stattfanden. Als typischer Kirchenbau der wilhelminischen Zeit zitiert ihre Architektur Stilelemente der Romanik, Gotik und Renaissance. Die zeitliche Einbindung in die wilhelminische Zeit wird in besonderer Weise auch an der Kaiserloge mit ihrem separaten Eingang deutlich, die es dem Kaiserpaar erlauben sollte, während ihres Aufenthaltes in der nahegelegenen Sommerresidenz zur Kirche zu gehen. Zwar machte der Kaiser von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch, doch seine Gattin Auguste Viktoria nahm mehrfach am Gottesdienst in der Christuskirche teil.

Bei der Innenraumgestaltung versuchte man durch die Quaderung zahlreicher Seitenwände an die durch den Späthistorismus geprägte Außengestaltung der Kirche anzuknüpfen. Doch zugleich gelang es durch eine Ausmalung mit Ornamenten, dem Kirchenraum einen geheimnisvollen sakralen Charakter zu verleihen. Zwei Türen führten im besonders aufwendig ausgemalten Chor in einen dahintergelegenen Raum. Auch wenn dieser für den Konfirmandenunterricht benutzt wurde, wirkten diese für den Gottesdienstteilnehmer wie der Zugang in einen besonders sakralen Teil der Kirche.

Ihrem Namen wurde die Christuskirche dadurch gerecht, dass eine Kopie der zur damaligen Zeit besonders beliebten Christusfigur des dänischen Bildhauers Bertel Thorwaldsen an der rechten Seite des Triumphbogens oberhalb des Taufbeckens angebracht war.

Als die Christuskirche 1952 renoviert werden musste, erfuhr der Innenraum eine grundlegende Veränderung, die man geradezu als Bildersturm bezeichnen muss. Die reiche Verzierung durch die Ornamente wurde übertüncht, die Christusfigur wurde abgenommen und in den Vorraum der Kirche verbannt. Zudem wurde der Raum hinter dem Altar mit seinen beiden geheimnisvollen Türen entfernt. Der Standort des Altars wurde weiter nach hinten in den nun vergrößerten Altarraum verschoben; nunmehr nur noch als Symbol für den Namensgeber Christus und als besondere Mahnung nach den NS-Verbrechen und dem Zweiten Weltkrieg wurde ein großes Holzkreuz vor der Ostseite installiert. Insgesamt bekam der Innenraum der Christuskirche einen sehr nüchternen Charakter, was auch durch die Ausgestaltung mit weißer und hellgrauer Farbe unterstrichen wurde. Der geheimnisvoll-sakrale Charakter war gewichen, die Gemeinde sollte unabgelenkt der Verkündigung lauschen und sich unter dem Kreuz versammeln.

Fast dreißig Jahre später wurde bei der zweiten Renovierung versucht, wieder stärker an den ursprünglichen Charakter der Kirche anzuknüpfen: Historisierende Elemente wurden eingefügt und vor allem farbliche Akzente gesetzt. Indem außerdem die Bänke mit einer rötlichen Lasur anstelle der hellgrauen Farbe gestrichen wurden, strahlte der Innenraum nun deutlich mehr Wärme aus als zuvor. Eine vollständige Rückkehr zur ursprünglichen mystischen Schönheit bedeutete dies jedoch nicht.

2. Die Christuskirche und ihr Namenspatron:

In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens war für jeden Kirchenbesucher sichtbar, warum das Gotteshaus für Wahlershausen und Wilhelmshöhe den Namen Christuskirche trug. Die Christusfigur von Thorwaldsen stand an einer herausragenden Stelle auf der rechten Seite des Triumphbogens, der Kanzel gegenüber. Nach der Renovierung von 1952, bei der unter anderem die Christusfigur ihren Platz räumte, änderte sich dies. Offenbar sollte das schlichte große Holzkreuz den Namenspatron der Kirche symbolisieren, was allerdings viel weniger deutlich war als zuvor.

Im Gegensatz zur lieblichen Christusfigur, die der Theologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts entsprach, stellte das Kreuz die Theologie einer Zeit dar, der das Bild des historischen Jesus unter den Händen zerronnen war und die sich auf die schlichte Tatsache seines "Gekommen-Seins" in die Welt beschränken wollte. War dies zu Beginn der 50er Jahre legitim und zeitgemäß, so stellte sich schon bei der Renovierung in den Jahren 1980 und 1981 die Frage, ob das schlichte Kreuz weiterhin als Christusdarstellung ausreichte; denn in der Theologie wurde damals wieder der Versuch gemacht, das Leben Jesu deutlich lebendiger zu beschreiben.

3. Die Neugestaltung der Apsis als Rückbesinnung:

Inzwischen wurde eine Renovierung der Apsis überfällig. Dadurch angestoßen entwickelte sich im Kirchenvorstand und in der Gemeinde eine Diskussion um eine Neugestaltung des Altarraums und dabei auch erneut um die Frage nach einer zeitgemäßen Christusdarstellung. Eine direkte Anknüpfung an die ursprüngliche Ausgestaltung mit der Thorwaldschen Christusfigur verbot sich angesichts deren starker Zeitgebundenheit. Eine andere bildhafte Darstellung würde ebenfalls nicht den heutigen Ausdrucksmitteln der bildenden Kunst entsprechen und würde in wenigen Jahren ebenfalls als zeitgebunden und überholt empfunden.

Daher bot es sich an, Christus von seiner theologischen Bedeutung als Erfüllung des Gesetzes darzustellen. Im vergangenen Jubiläumsjahr der Christuskirche entschied der Kirchenvorstand der Evangelischen Kirchengemeinde Kassel-Bad Wilhelmshöhe nach einem Künstlerwettbewerb zugunsten einer Kunstinstallation der Berliner Künstlerin Barbara Weissinger mit dem Titel "Dekalogos". So sollen an die Ostseite der Apsis hinter dem weiterhin sichtbaren großen Holzkreuz zehn Schiefertafeln in der Größe von 50 cm x 100 cm angebracht werden, die die zehn Gebote thematisieren. Die einzelnen Tafeln sind mit einer speziellen Wasserstrahltechnik durchbohrt, was dem Betrachter durch eine spezielle Beleuchtung sichtbar gemacht wird. Eine weitere Tafel wird gegenüber der Kanzel angebracht, auf der die Zehn Gebote zusammenhängend dargestellt sind.

Durch das Nebeneinander von Gebot und Kreuz wird für den Betrachter versinnbildlicht, dass Jesus Christus nur auf dem Hintergrund des Judentums und insbesondere des jüdischen Gesetzes verständlich ist. Und zugleich wird die theologische Aussage verdeutlicht, dass der Namensgeber der Christuskirche die Erfüllung des Gesetzes ist.

III: EINWEIHUNG DER INSTALLATION "DEKALOGOS" VON BARBARA WEISSINGER

Die Installation der elf Schiefertafeln der Berliner Künstlerin Barbara Weissinger soll im Herbst 2004 erfolgen und feierlich eingeweiht werden. Gerade vor dem Hintergrund der Kulturhauptstadtbewerbung erscheint es sinnvoll, die Einweihung auszuweiten und in einer Veranstaltungsreihe auf die Rezeption der Zehn Gebote in der Theologie, Kunst, Literatur, Film und Musik einzugehen. Zugleich sollte in Vorträgen und einer Predigtreihe die Entstehung des Dekalogs und seine gegenwärtige Bedeutung in der christologischen Perspektive dargestellt werden.

Ein Beitrag von Pfarrer Dr. Goldschmidt


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