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Waren Sie schon einmal in einem Gottesdienst zum Erntedankfest in unserer Christuskirche?
Nein? Das tut mir leid. Dann haben Sie viel verpaßt.
An diesem Sonntag, wie jedem dieser Sonntage, strömen die Menschen regelrecht in unsere Kirche. Aber mehr noch, da schiebt sich eine große Anzahl kleiner Kinder aus unserer Kindertagesstätte, begleitet von den Mitarbeiterinnen, auf den Eingang unserer Kirche zu und hält davor wartend an. In ihrer Mitte haben sie einen kleinen Holzwagen, geschmückt voller Früchte des Feldes: Kürbis, Sonnenblumen, Gurken, Getreide...

Zu Beginn des Gottesdienstes ziehen sie mit ihrem Wagen zum Altar und verteilen sich dann auf ihre Sitze. Kaum kann Ruhe eintreten. Schließlich beginnt Pfarrer Becker trotzdem den Gottesdienst. Er weist auf den festlich geschmückten Altar mit Brot und Trauben hin. Wir können Gott für so viel danken, für die Früchte des Ackers, aber nicht nur diese. Denn was wären die Früchte ohne die Tiere.
Dann wurde Psalm 119 vorgelesen. Im Hebräischen folgt der Aufbau dieses Psalms dem Alphabet, jeweils 8 Verse einer Strophe beginnen mit dem selben Buchstaben. Luther nannte den Psalm "Das güldene ABC". Hier war der Psalm so aufbereitet, daß die erste Zeile mit dem Buchstaben A begann und jede weitere mit dem nächsten folgenden. Dazu wurde zu jedem Buchstaben ein weiterer Teil der Karte, die wir am Eingang mit dem Programmzettel bekommen hatten, an die Wand geworfen, einer Karte voller Buchstaben. Diese Buchstaben hatte der Norweger Kjell Sandved in jahrzehntelanger Arbeit von Schmetterlingen in der ganzen Welt fotografiert.
Dann sang die Gemeinde das Lied:
Brich mit den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
sing mit den Traurigen ein Lied,
teil mit den Einsamen dein Haus.
Such mit den Fertigen ein Ziel,
brich mit den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
sing mit den Traurigen ein Lied.
Teil mit den Einsamen dein Haus,
such mit den Fertigen ein Ziel...
Pfarrer Becker unterbrach unser Singen: Wir singen doch immer das gleiche! Wollen wir wirklich mit den Einsamen unser Haus teilen? Wollen wir wirklich mit den Hungrigen unser Brot teilen? Dann stieg er auf die Kanzel und begann (?) oder besser setzte seine Predigt fort. Dabei lenkte er unsere Aufmerksamkeit zunächst auf den Predigttext in Jesaja 58, 7-12:
Brich den Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.
Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
sondern den Hungrigen den Herrn finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: "Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne."
Klingt das nicht wunderbar und verlockend? Das sind nicht nur Aufforderungen, sondern hier zeigt Jesaja, wie überirdisch wir uns fühlen können, wenn wir helfen.
Das Abendmahl wurde wieder auf die gleiche schöne Art gefeiert, wie in den Jahren zuvor. Die Mitarbeiter unserer Kindertagesstätte und einige Kinder teilten Körbe mit Brot und Weintrauben aus. So konnten wir unseren Nachbarn selbst die Worte zusprechen,
während wir das Brot weiterreichten:
Das ist Christi Leib, der für uns gegeben wurde
und während wird die Weintrauben weitergaben:
Das ist Christi Blut, für uns vergossen.
Na? Und was werden Sie am nächsten Erntedankfest tun?
Lothar F. Wiehler
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