a953

Die Entstehung der Bibel:
Kein Buch der Antike ist so genau überliefert wie die Heilige Schrift

Von Jens Bayer (epd)

Mainz (epd). Die Suche nach einer Ziege führte zur wissenschaftlichen Sensation. Ein Beduine kroch 1947 in eine Höhle am Toten Meer. Dort stieß er auf Tonkrüge, in denen leinenumwickelte Schriftrollen steckten. Entdeckt waren die ältesten bis heute bekannten Schriften von biblischen Texten. Aus elf Höhlen bei Qumran wurden 200 Abschriften mit Teilen von nahezu allen alttestamentlichen Büchern geborgen.

Die Bibel ist so oft abgeschrieben, gedruckt, übersetzt, in jeder Generation gelesen und gebetet worden wie kein anderes Buch der Weltliteratur. Mit dem «Jahr der Bibel» 2003 wollen die Kirchen in Deutschland für die Lektüre des Buchs der Bücher werben. Das Aktionsjahr wird am 1. Januar in Dresden eröffnet.

Zwischen den Handschriften aus dem 1. und 2. Jahrhundert vor Christus und der bis dahin ältesten bekannten, vollständigen hebräischen Bibelhandschrift aus dem 10. Jahrhundert nach Christus wurden nur unbedeutende Wortänderungen gefunden. Die biblischen Texte waren 1.000 Jahre lang mit hervorragender Genauigkeit abgeschrieben worden.

Verfasst wurden die Schriften der hebräischen Bibel zwischen dem 10. und 2. Jahrhundert vor Christus. Sie wurden mündlich erzählt, aufgeschrieben und wieder überarbeitet. Die Schriften enthalten Geschichtserzählungen, Sagen, Gesetzestexte, Prophetenworte, Lieder, Gebete, Gedichte, Sprichwörter. Jüdische Gelehrte schlossen die Sammlung gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus mit 36 Schriften ab.

Martin Luther übernahm für seine Übersetzung des Alten Testaments diesen Kanon und teilte ihn in 39 Bücher. Die katholische Bibel hält sich dagegen an die antike griechische Übersetzung des Alten Testaments mit ihrer umfangreicheren Sammlung von 52 Büchern.

Die Überlieferung des Neuen Testaments lässt sich genauer nachvollziehen. Die Berichte von Leben, Tod und Auferstehung Jesu, die Geschichte der ersten Christen, Briefe der frühesten christlichen Theologen und die Offenbarung sind zwischen 50 und 150 nach Christus verfasst worden. Die Zusammenstellung der auf griechisch verfassten Schriften zu einem Kanon ist rund 200 Jahre später nachgewiesen. 3.000 Handschriften mit Teilen des Neuen Testaments sind derzeit erfasst.

Die ersten vollständig erhaltenen biblischen Bücher stammen aus dem 4. Jahrhundert. Viel verdankt die Wissenschaft Constantin von Tischendorf, einem Sherlock Holmes in ihren Reihen. Der Forscher reiste im 19. Jahrhundert zum Katharinenkloster in der Wüste Sinai und entdeckte in einem Papierkorb Blätter einer alten Handschrift.

Bei seinem dritten Besuch fand er schließlich weitere Blätter, die sich als eine der beiden ältesten bekannten Bibelabschriften aus dem 4. Jahrhundert herausstellten. Einen weiteren Coup landete Tischendorf mit der Entdeckung eines Buches, das mit Texten eines Kirchenvaters aus dem 12. Jahrhundert beschrieben war. Der Forscher wusch die Pergamentseiten ab und behandelte sie chemisch. Darunter fand sich eine Bibelabschrift aus dem fünften Jahrhundert.

Der Papyrologe Colin H. Roberts sorgte 1935 für Aufregung unter Bibelforschern. Der Brite entzifferte einen in Ägypten gefundenen Papyrusfetzen als Teil des Johannesevangeliums. Das Schriftstück wurde 125 nach Christus oder etwas früher verfasst, also nur Jahre oder wenige Jahrzehnte nach Abfassung des Evangeliums.

Kein Buch der Antike ist annähernd so genau überliefert worden wie die Bibel. Im Vergleich dazu liegen zwischen der Abfassung von Homers Ilias und Odyssee und den ersten überlieferten Schriftfetzen 600 Jahre. Die erste erhaltene Handschrift dieser Texte wurde gar 1.700 Jahre später verfasst.

2005-10-27

Übersicht

Hier gelangen Sie wieder zurück zur vorherigen Übersicht:

zurück